
Dieser üppige Hardcoverband enthält neben de Sades „Justine“ und „Casanova“ auch noch „Venus im Pelz“ von Leopold von Sacher-Masoch, die von Crepax mit seinem unverwechselbaren Stil in Comicform interpretiert wurde. Wer bei de Sade nur Pornografie sieht, versteht auch die meisten prägenden Horrorfilme nicht, die in der Regel stets über eine zweite Ebene verfügen, die eine tiefere Botschaft in sich trägt. Und gäbe es bei de Sade nichts als eine Aufzählung aller erdenklichen Ausschweifungen, wäre er heute definitiv vergessen. Die Geschichte von Justine und ihrer Schwester Juliette, die unterschiedliche Wege einschlagen, hat einen philosophischen Unterbau, wobei de Sade seine Vorstellungen von Gut und Böse beziehungsweise Moral und Unmoral verarbeitet. Während Juliette sich, mehr oder minder vornehm ausgedrückt, gesellschaftlich nach oben vögelt, wird Justine von ebenjener Gesellschaft bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgebeutet und erniedrigt. „Casanova“ stammt von Casanova himself – und es geht natürlich um ihn selbst. Hier läuft Crepax zu Höchstform auf, tobt sich in den Bildern aus und arbeitet selbst dort penibelst, wo er sonst eher eckig und kantig wirkt. „Venus im Pelz“ zeigt die dritte Seite von Crepax, mit feinem Strich und sogar schwarzen Flächen. Als Bonus gibt es noch die textlose Kurzgeschichte „Schwarzer Helm“. Mit dem hervorragend recherchierten redaktionellen Teil und den Bonus-Ilustrationen hat man in diesem Band die komplette künstlerische Bandbreite von Guido Crepax vorliegen. Ein Klassiker der abseitigen erotischen Literatur, tabubrechend, keine leichte Kost für zarte Gemüter, aber eben auch kein platter Porno-Comic ohne Botschaft.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Kalle Stille