
DIE TOTEN HOSEN-Sänger Campino ist ja bekanntlich jemand, der sich gerne öffentlich äußert. Die einen nehmen ihm das übel, weil er – der „Kommerzpunk“ und „Gutmensch“ – einem ja immer sagen will, dass man heutzutage eben nicht mehr alles sagen sollte, was man sagen möchte und was früher, in „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Zeiten, vollkommen normal war zu sagen. Die anderen sehen in ihm nach wie vor den sagenhaften Verfechter eines wüst-authentischen Punk-Spirits. Doch wie immer man Campino nun auch bewerten mag: In diesem neuen Buch geht es ihm nicht in erster Linie um Politik und den erhobenen Zeigefinger. Es geht ihm um Wissenschaft und Forschung, schließlich fußt das 155 Seiten dünne Bändchen auf zwei Vorlesungen, die der Musiker Anfang 2024 in der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität im Rahmen einer Gastprofessur hielt. Die waren nicht bahnbrechend und lautsprecherisch. Die waren dafür aber musik- und kulturhistorisch maximal interessant und ein Fest für alle, die es mit Lyrik und Musik fernab kleiner und großer Leselisten fürs Studium halten. Campino nämlich zieht in seinen Beiträgen Parallelen zwischen klassischer Lyrik von Brecht, Heine und Co. auf der einen sowie Songtexten von ihm selber und sein Leben prägenden Bands wie COCK SPARRER, KRAFTWERK, FEHLFARBEN, TON STEINE SCHERBEN auf der anderen Seite. Und er verwebt all das mit einem Rückblick auf seine eigene Vita, einem kulturhistorischen Abriss Deutschlands von den Spätsiebzigern bis heute und einem Parforceritt durch popmusikalische (Sub-)Genres zu einem herrlich bunten literarischen Teppich. Starke Lektüre, die auch abseits des Hörsaals Spaß macht.