
An die LEMONHEADS erinnern sich vor allem Aficionados der 1990er. Die Indie-Band aus Boston feierte ihren größten kommerziellen Erfolg mit der Coverversion des Songs „Mrs. Robinson“. Das Album „It’s A Shame About Ray“ (1992) ging durch die Decke, die beiden Nachfolger „Come On Feel The Lemonheads“ (1993) und „Car Button Cloth“ (1996) waren eher Achtungserfolge. Alle Augen richteten sich auf Sänger und Gitarrist Evan Dando, der zum Posterboy der Alternative-Gemeinde wurde. Lange Haare, Slacker-Klamotten und ein unschuldiges Lächeln. Da brachen reihenweise Mädchenherzen. Dando sorgte mit Drogenexzessen für Schlagzeilen, hatte Affären mit Schauspielerinnen und Models und wurde zum Stammgast in den Klatschspalten. Ende der 1990er verblasste sein Ruhm, das Interesse ließ nach, die Band löste sich auf. Zehn Jahre später nahm er mit Bill Stevenson und Karl Alvarez von den DESCENDENTS ein neues LEMONHEADS-Album auf, das den Namen der Band trug und den lässigen Schick der frühen Jahre zurückbrachte. Bei allem Rauschen im Blätterwald vergisst man aber schnell, wie gut die Songs von Evan Dando sind, vorgetragen mit seiner sonoren Stimme und einem lässigen Hüftschwung. Nach der Reunion erschienen vor allem Coversongs auf den Alben „Varshons“ (2009) und „Varshons 2“ (2019). Nach Jahren des Schreibens und Neuanfangens kehrt Dando jetzt mit den LEMONHEADS in neuer Besetzung und mit eigenen Songs zurück. John Kent spielt Schlagzeug und Farley Glavin spielt Bass. Dando selbst hat die brasilianische Filmemacherin Antonia Teixeira geheiratet, wurde Stiefvater ihrer drei Kinder und ist nach São Paulo gezogen. Die elf Songs auf „Love Chant“ sind im Laufe der letzten 15 Jahre entstanden und bringen alte Freunde und neue Verbündete zusammen. J. Mascis (DINOSAUR JR.), John Strom (BLAKE BABIES), Adam Green (THE MOLDY PEACHES), Nick Saloman (THE BEVIS FROND) und seine Ex-Freundin Juliana Hatfield waren im Studio und haben mitgearbeitet. Produziert hat der brasilianische Multi-Instrumentalist Apollo Nove. Das Ergebnis klingt seltsam vertraut und warm. Wie ein alter Freund, den man schon lange nicht mehr gesehen oder gehört hat. Kleine, kaputte Indie-Perlen wie aus den 1990ern, als handgemachte Musik noch auf Händen getragen wurde. Elf Songs mit gespenstischen Harmonien und jeder Menge Lebenserfahrung. Mit Einflüssen aus Country, Folk und Suff. Mein persönlicher Höhepunkt ist „In the margin“, ein Rache-Song für ein Mädchen aus der achten Klasse. Gleichzeitig mit „Love Chant“ bringt Evan Dando seine Memoiren als Buch heraus. Unter dem Titel „Rumours of My Demise“, frei übersetzt „Gerüchte über meinen Tod“, erzählt der 58-jährige Lebemann, wie alles wirklich war. Mit den Frauen, der Musik und den Drogen. Für alle, die es genau wissen wollen.
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