
Anfang Juni 2025 kam eine seltsame Mail aus Hamburg: Betreff: Dezember; Text: „Hab mir doch wieder n Volvo gekauft.“ Dazu ein Ölgemälde mit dem Wort „Ausgestorben“ darauf. Irgendwann im Herbst dann weitere Gerüchte, Konzerte wurden angekündigt: Jens Rachut hat eine neue Band! „Schon wieder ...“, wollte man halb resigniert reagieren, denn: Wer soll bei der Hamburger Knötterpunk-Ikone noch den Überblick bewahren? Zuletzt hatte er mit MAULGRUPPE auf der Bühne gestanden (und natürlich als Schauspieler), aber irgendwie wird es ihm immer irgendwann „fad“ mit einer Band und dann wird diese „ausgeschlichen“. Denn so richtig beendet er ja nie irgendwas. Wo andere Musiker/Bands sich aufwändig und auch durchaus belastend per Social Media inszenieren und sich im Punkfroschteich zu behaupten versuchen – doch, insgeheim ist Konkurrenz bei Bands ein Thema –, machen die Rachut-Gruppen all das nicht. Sie kommen und sie gehen, sind einfach da, wie die Sonne, der Mond, das Wetter. Das ist vielleicht der Benefit des (von ihm abgelehnten) „Legendenstatus“, den neben ihm so auch EA80 genießen: Antithesen zum scheinbar unvermeidlichen Kampf um den Fetisch Wahrnehmung. Im Dezember wurde es dann konkret, es gab Lieder zu hören, Details zur Band waren aus den Ankündigungen der Konzerte in Hamburg, Berlin und Potsdam bekannt. Neben Jens sind Atli Grund (gt; BIG BALLS AND THE GREAT WHITE IDIOT, KLEIBER), Uwe Roth (bs; ARM, DAS MOOR), Elmar Günther (dr; PAROLE TRIXI) und Thomas Wenzel (gt; DIE GOLDENEN ZITRONEN, DIE STERNE, KOMMANDO SONNE-NMILCH) dabei, also wieder so eine Wohlfühlsache: Leute, die sich kennen, mögen und verstehen, machen zusammen Musik. Und man knüpft an uralte Freundschaften aus Hamburger Punk-Gründerzeiten an: damals schon, in den 1970ern, lernte Rachut Atli Grund kennen, der dann zehn Jahre später auch bei ANGESCHISSEN dabei war. Und so schließen sich dann Kreise, auch was Thomas Wenzel betrifft. Wie das klingt? Klar ist das eine neue Band, aber wenn man, sagen wir, von „italienischer Küche“ spricht, sind die Parameter ja auch bekannt. Irgendwo „wipert“ es hier immer, und wenn Jens anfängt zu singen – und das tut er hier wirklich sehr gut und zwischen leise und melodiös bis zu rezitierend und wütend –, ist sowieso alles klar. Die Texte? Da möchte man das Buch „Der mit der Luft schimpft“ rausholen mit allen Rachut-Texten bis 2020 und gleich noch ein paar Seiten dazuheften. Das Cover und die Illus des Buchs sind übrigens auch von Raoul Doré, wie das Artwork von „Planetenübergabe“. „Müde“ ist der Opener des Albums und wirkt quicklebendig, „Protestsong“ überrascht mit einer ungewohnten Rhythmik, Fiedel und countryesker Gitarre, und in „Beschwerde“ gibt es mal wieder Jens’ Haus- und Hofthema: tierische Besucher an der Waldhütte. 13 Lieder, alle super.
© by - Ausgabe # und 8. Juni 2026
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