AUSGESTORBEN

Foto© by Rudi Heinecker

Rattenjagd mit Rachut

Alle Jahre wieder kommt Jens Rachut mit einer neuen Band um die Ecke, er schleicht sich an: Im Herbst gab es ein paar wenige erste Konzerte, unterdessen entstand ein neues Album, und wie es so ist bei dem Herren, der unter anderem mit ANGESCHISSEN, BLUMEN AM ARSCH DER HÖLLE, DACKELBLUT, OMA HANS und ALTE SAU die hiesige Punkrock-Geschichte prägte, sind auch bei AUSGESTORBEN wieder alte Bekannte dabei: Atli Grund (gt; BIG BALLS AND THE GREAT WHITE IDIOT, KLEIBER), Uwe Roth (bs; ARM, DAS MOOR), Elmar Günther (dr; PAROLE TRIXI) und Thomas Wenzel (gt; DIE GOLDENEN ZITRONEN, DIE STERNE, KOMMANDO SONNE-NMILCH). Ende Februar erscheint das Album „Planetenübergabe“ via Hanseplatte und Major Label und kurz vor Weihnachten führte ich dazu mit Jens dieses Gespräch.

Gerade lief eure neue Platte. Im Büro wurde kommentiert: „Das klingt mal wieder wie eine dieser Bands, wo der Sänger nach Rachut klingen will.“ Ich antwortete: „Das ist das Original.“ Nimmst du eigentlich wahr, wie viele Bands es da draußen gibt, die du beeinflusst hast?

Nö. Mach ich nicht. Es hieß ja immer, dass TURBOSTAAT so klingen, aber ich habe da nicht so viel Ähnlichkeit gesehen. Wir haben dieselbe Stimmlage und er phrasiert die Worte ähnlich, aber das ist für mich keine Kopie ist. Findest du das?

Nein. Irgendwer hat halt immer mit irgendwas angefangen. Am Anfang von Punk gab es eben SEX PISTOLS, NEW YORK DOLLS oder THE CLASH.
Das bleibt eben nicht aus, dass man beeinflusst wird. Wir waren früher von WIPERS beeinflusst. Selbst wenn man es nicht will, tut man da im Unterbewusstsein was rein. Es gibt kaum Bands, die so total nagelneu sind, dass alle sagen: Wow, geil, das habe ich noch nie gehört. Oder so habe ich noch nie jemanden singen gehört.

Fällt dir da jemand ein?
Nicht so wirklich ... oder doch, unsere! Und ich hatte dir ja neulich einen Link geschickt zu was, was ich gut fand. Und das war dann von einer KI. Alter, ist das krass, oder? Sonst fällt mir nichts ein. Ich höre auch nicht so viel aktuelle Musik. Ich höre eher so Nischenmusik. Aber aktuelle Punkmusik ... ich weiß nicht.

Hast du eine Idee, wo du deine Art des Singens und Textens hergeholt hast, als du dich das erste Mal mit einer Band auf eine Bühne gestellt hast?
Das war 1984, das ist mehr als 45 Jahre her. Da war man jung, da hat man nur geile Musik gehört. Und das stellt sich dann so im Unterbewusstsein zusammen. Ein Hauch CLASH, ein Hauch PINK FLOYD, ein Hauch SEX PISTOLS. Wir haben angefangen als WIPERS-Coverband, für drei Konzerte. Eins in der Küche, eins im Treibeis und eins sonst wo. Weil wir einfach Bock hatten.

Aber diese Art zu singen, wo kam das her?
Das habe ich einfach gemacht. Das war bei FICKFEHLER, da habe ich mal drei, vier Lieder gesungen. Und da habe ich einfach angefangen zu singen, wie ich singe. Da war nichts, was ich als Vorbild hatte. Das ist einfach gekommen.

Es gibt ja so Typen, die schon am Gymnasium in der Oberstufe Gedichte in ihre Schulhefte geschrieben haben. Warst du so einer oder wo kam dieses Schreiben bei dir her?
Ich bin von der Schule runtergeschmissen worden. Das Schreiben, das kam einfach so. Ich kann es nicht genau erklären. Warum können Leute plötzlich Bilder malen? Warum können Leute besser Bilder malen und andere gar nicht? Manche Sachen hat man so drin. Also ich kann zum Beispiel tierisch gut Saucen kochen. Und ich weiß nicht, woher das kommt. Ich mache zu jedem Gericht eine geile Sauce. Alles, was du willst. Der Gegensatz süß-sauer und so weiter und so fort. Zu Broccoli koche ich eine braune Sauce. Du denkst, das ist eine fettige Fleischsauce, aber das ist richtig sensibles, gutes Zeugs.

Hast du, wie viele Musiker, auch mal in der Gastro gearbeitet?
Ja klar. Haben wir doch alle. Ich kenne keinen, der das nicht gemacht hat. Ich habe im Totenschiff gearbeitet, ganz früher, in dieser Kneipe in Hamburg, Krawall 2000 hieß die auch. Da habe ich Tresen gemacht. Und da haben wir den Landeiern, wenn die nachts vom Kiez kamen, immer in den Wodka-O gepinkelt. Da hieß es „Einmal verlängern!“ und dann ging es ab nach hinten. O-Saft drauf, fertig. Das war irgendwann totale Routine, da hat keiner von uns mehr gelacht.

Und wo hast du gelernt, Saucen zu kochen?
Ich habe mal in einem alternativen Café gebacken, ich habe ja Konditor gelernt. Und ich habe für Bands gekocht, in der Fabrik, und auch bei Messen und so.

Darf ich mich einmal beschweren, bitte? Wir waren bei dir zu Gast in deiner Waldhütte und du bist gelernter Konditor und hast uns einen aufgetauten Tiefkühlkuchen serviert ...
Ja, weißt du wieso? Also es war so, in Kurzform: Ich bin von der Schule geflogen nach acht Jahren, weil ich genervt hab. Und dann habe ich zu Hause weiter genervt. Da hat meine Mutter gesagt: So, jetzt lernst du was. Wir haben in Bramfeld gewohnt, sind die Bramfelder Chaussee lang gelaufen, da war ein Schaufenster, da stand „Lehrling gesucht“. Mir war’s eigentlich scheißegal. Das war die Konditorei Keim. Die war 350 Meter von unserer Wohnung, und da habe ich eine Lehre angefangen. Ich habe aber schnell gemerkt, das ist totaler Quatsch. Ich hatte eine Mehlallergie und das frühe Aufstehen und nur Süßes, das war einfach nichts für mich. Aber ich habe knapp da bestanden. Am Samstag war mein letzter Tag und Montag habe ich im Tiefbau angefangen. Ich brauchte dringend einen Gegensatz zu dieser süßen, stickigen Backstube voll mit Wespen. Und das war da auch noch sehr autoritär. Ich musste ein Haarnetz tragen, wegen der langen Haare. Und wenn ich mal fünf Minuten zu spät gekommen bin, dann hat der Alte mir die Hölle heiß gemacht. Der hat mir immer was über Sauberkeit erzählt und hatte selber eine Zigarre im Mund, und während er in der Zitronencreme rumgerührt hat, ist die Asche reingefallen. Und der erzählt mir, ich muss ein Haarnetz tragen.

Das war vor Punk, oder? Warst du da eher so ein Hippie-Typ?
Ja, das war lange vorher, das war von 1972 bis 1975. Und dann fing ja Punk an. Und ich sag dir, Tiefbau ... Damals gab’s noch Rattengeld. Wenn du eine Ratte tot abgeliefert hast beim Amt, hast du fünf Mark gekriegt. Wir haben so Schmutzsiele ausgewechselt. Kackesiele, große Rohre. In acht Meter Tiefe. Und da sind halt Ratten. Die beiden Enden haben wir abgedeckt, das neue Rohr dazwischen, dann diese Abdeckung weggemacht und dann lief die Scheiße weiter. Aber zwischendurch waren da Ratten in dieser Kuhle drin. Und dann hast du die mit dem Spaten erschlagen und abgegeben am Ende der Woche und hast du für jede fünf Mark gekriegt.

Das war damals ein ganz ordentlicher Zuverdienst, oder?
Ja. Als Lehrling habe ich im letzten Lehrjahr 360 Tacken gekriegt. 360 Tacken für Samstag und Sonntag arbeiten. Und im Tiefbau gab es im Monat 1.200 Mark. Was ich mir da alles gekauft habe ... Platten und so. Und ein Tonbandgerät. All so ’nen Schwachsinn. Was man sich so kauft. Den Dual-Plattenspieler HS 38. Mit zwei Boxen. Schön die erste SANTANA-LP drauf. Und am nächsten Tag wieder ab ins Loch und Rattenjagd.

Der Rattenfänger von Hamburg. Was ist dann schiefgelaufen? Man kann sich ja sehr schnell gewöhnen an ein gutes Einkommen auf dem Bau und ruckzuck hat man vier Kinder, Reihenhaus und einen Kombi und ist Ende 40 und todunglücklich und fragt sich, was mit einem passiert ist.
Ich bin zur Bundeswehr gegangen. Ich habe versucht zu verweigern, indem ich einen ganzen Traubenzucker in meinen Urin getan habe, um auf Zuckerkranker zu machen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, irgend so ein Idiot hatte mir den Tipp gegeben. Und dann hat der Arzt gesagt, ich soll mal meinen richtigen Urin abgeben, bei der Zuckermenge wäre ich schon lange tot. Und dann war ich halt 15 Monate beim Bund, habe da den Führerschein gemacht. Ich habe Glück gehabt, aber es war stumpf. Okay, ich habe beim Bund mal im Knast gesessen wegen Quatsch, irgendwas besoffen angepöbelt. Alles harmlos.

Und danach?
Danach habe ich mich mit Leuten rumgetrieben, von BIG BALLS AND THE GREAT WHITE IDIOT. Da kannte ich den Gitarristen, der hat mich mit in den Übungsraum genommen. Und das war eine Lebenswende, also so was hatte ich noch nie erlebt und gehört. Und dann hat der Gitarrist mir zum Geburtstag 1977 die erste STRANGLERS-Platte geschenkt. Und dann war ich weg, da war ich in einem Sog. Ich bin nach London und habe Platten gekauft, auch US-Punk. Die erste Punk-Welle war geil und dann die zweite auch noch, mit LEATHERFACE und NOMEANSNO. Ein Traum.

Der Gitarrist von BIG BALLS AND THE GREAT WHITE IDIOT – das ist Atli Grund, der jetzt mit dir in der Band ist?
Genau, der wird 70. Der hat ja schon bei ANGESCHISSEN mitgespielt. Er war der zweite Gitarrist von ANGESCHISSEN, der ist nach der Platte raus, hat mit BIG BALLS weitergemacht, und den habe ich vor ein paar Jahren wieder getroffen und nun quasi überredet, noch mal Musik zu machen. Das ist geil mit dem, das ist echt, als wenn du so einen kleinen Dinosaurier wiederentdeckst, wie der so Gitarre spielt. Man kann es nicht beschreiben, das ist einmalig. Untypisch, aber geil. Deswegen gibt es auch dieses eine Stück, „Oh nein, Atli“. Das ist eine wahre Geschichte.

Mit Thomas Wenzel hast du ja auch schon mal was gemacht. Wie bist du zu dem jetzt wieder gekommen für diese Band?
Thomas hat bei KOMMANDO SONNE-NMILCH bei „Der Specht baut keine Häuser mehr“ mitgemacht, auch die Tour und so. Und dann hat er ja bei NUCLEAR RAPED FUCK BOMB mitgemacht und bei ALTE SAU und bei KLEIBER. Irgendwie ist das so ein Buddy geworden. Wir machen Theatermusik zusammen. Der kann außer Harfe alles spielen. Der guckt sich was an und dann kriegt er da Töne raus.

Was muss man tun, um solche Menschen in seine Band zu kriegen?
AUSGESTORBEN haben in Basel angefangen. Wir haben 2023/24 zusammen in einem Theaterstück gespielt von Rocko Schamoni. Thomas und ich hatten da eine Wohnung zusammen, wir hatten in zehn Tagen drei Vorstellungen. Das Lied „Müde“ ist da entstanden. Ich sagte: „Ey, ich habe eine geile Idee, das nervt die ganze Welt. Alle sind immer müde.“ Zack, haben wir „Müde“ gemacht. Dann das nächste, dann das nächste. Dann haben wir gesagt: Komm, wir machen jetzt eine Band. Wir fragen den, wir fragen den, und dann ist das so entstanden, wie das eben so entsteht. Uwe war früher bei ARM, der hat dann auch bei DAS MOOR gespielt teilweise. Hubi hatte angefangen, Schlagzeug zu spielen, aber der hatte schon zwei andere Bands und hat dann seine Kraft und seine Fantasie auf die verteilt. Elmar kenne ich noch von früher, der hat bei PAROLE TRIXI mitgespielt und bei TOLERANTES BRANDENBURG. Die Band, in der Riebe gesungen hat. Geile Band, leider zu kurz. Und dann haben wir das bei Tobias Levin aufgenommen und bis Ende 2025 schon viermal gespielt. Das ist genauso bescheuert wie vor 45 Jahren oder so. Leichte Verspieler, es rumpelt alles, aber schockt irgendwie. Wie ein altes Auto, das aber fährt.

Du hast mir von deinem alte Volvo Kombi erzählt, der fährt, aber ständig Macken hat.
Genau so ist das. Ständig ist was. Ich habe den verliehen, dem Nachbarn ist der Keilriemen abgegangen, der musste vier Stunden auf den ADAC warten. .Und dann wird man misstrauisch bei so einem alten Auto, weißt du? Und das ist nicht gut bei einem Auto, das du brauchst.

Man könnte hier philosophisch werden und den Vergleich ziehen zu alten Menschen: Es ist ständig irgendwas. Du weißt nie, was kommt. Gehört halt dazu zum Alter.
Absolut richtig. Wobei, bei Autos kannst du mehr machen als bei Menschen. Wenn du das Auto richtig pflegst, Teile austauschen und so, dann geht das besser. Weil Menschen, irgendwann sind die tot. Aber so ein Volvo kann auch eine Million Kilometer fahren, ohne was zu haben. Immer Ölwechsel, nicht über 120, wenn du Gas hast, auch mal mit Benzin fahren und so weiter und so fort. Diesen ganzen Quatsch.

In eurem Bandinfo steht: „Jens Rachut, der Sensible. 71, Gefäßstörung im linken Fuß und leicht zu hoher Blutdruck, 95/155 eingestellt“. Gut, dass wir das alle wissen.
Ja, ist doch gut, ne? Dann spart man sich die Frage, wie’s geht. Ich hoffe, da kommt nix Neues dazu.

Was tust du dafür, dass du eine Dreiviertelstunde, Stunde auf der Bühne stehen kannst, ohne dass Leute anfangen, Mitleid zu haben und zu sagen, früher waren die aber besser?
Na ja. Ich weiß auch nicht. Das wird man ja noch sehen, ob das so ist. Charlie Harper ist das beste Beispiel. Dem nehme ich das immer noch ab. Der ist jetzt 82. Was der alles hatte, an Corona ist er fast verreckt. Der ist immer noch fit. Der wohnt an der Südküste von England, bei Brighton. Da wohnen auch Robert Smith von THE CURE und Captain Sensible. Charlie erzählte, die treffen sich sonntags vormittags in einem Pub, und Robert Smith kommt wohl manchmal im Bademantel, weil der Pub gegenüber von ihm ist. Unfrisiert sieht der wohl aus wie ’ne Vogelscheuche. Bei so einem Treffen wäre man gerne dabei.

Britischer Humor ist speziell, diese Witze, diese Sticheleien und so weiter. Ist der Hamburger Humor so ähnlich?
Dass es den Hamburger Humor gibt, das glaube ich nicht. Da müsste man drüber nachdenken.

Kannst du Witze erzählen?
Überhaupt nicht. Ich bin auf der Suche nach einem guten Witz. Kann das sein, dass es ein bisschen mit dem Alter zu tun hat? Ich hatte früher eine Platte, die hieß „Knut’s kaputte Witzkiste“ von Knut Kiesewetter. Die konnte ich mir bestimmt 100 Mal anhören – mit 11. Irgendwann habe ich die wiedergefunden mit 20 und dann habe ich die zerbrochen, wutentbrannt, weil das so eine Scheiße war. Man kann da nicht drüber lachen. Oder man muss zum Witzearzt gehen und sich mal untersuchen lassen. Ist aber auch wirklich schwer, lustige Filme und lustige Theaterstücke zu machen.

Würdest du sagen, dass etwas von den Hörspielen, von den Theaterstücken, an denen du beteiligt bist, im klassischen Sinne witzig ist, also darauf angelegt, dass Leute prustend loslachen?
Ein paar Sachen bestimmt, klar. Man versucht das ja. Und die Hörspiele, die fangen immer gnadenlos gut an und irgendwann hängen die durch. Aber das Ende ist dann schon wieder gut.

Was ich von deinen Hörspielen kenne, das ist wie Kunst im Museum. Es hinterlässt mich oftmals mit einem Fragezeichen. Und vielleicht ist ja genau das die Intention. Und so sind auch deine Texte.
Das ist das größte Kompliment.

Aber Menschen wollen auch immer verstehen. Sie wollen irgendwas lesen und sagen: Ah, das will mir der Künstler mitteilen. Klappt bei deinen Texten aber meist nicht.
Dann sollen sie andere Künstler und Künstlerinnen hören. Ich kann das nicht. Ich habe das nicht im Sortiment. Also oft nicht. Jetzt bei AUSGESTORBEN ist das aber schon alles ein bisschen klarer, nicht so verschlüsselt.

Ich habe eine Stelle gefunden in „Beschwerde“, wo ich mir dachte, ach, schau mal, da kann ich jetzt einen Text auf frühere Interviews und eigenes Erleben und Sehen bei dir vor Ort zurückführen. Da heißt es: „Mit meiner Sorge / dass die Wildschweine wieder kommen / und meinem Garten den Arsch aufreißen / warum ist es mir nicht egal? / die waren immerhin zuerst da / und helfen sich mehr als Roboter / und sind einfach grob und schön.“
Du ahnst nicht, was das für ein Thema ist. Das kann man sich nicht vorstellen. Das Ding ist, die können hier nicht geschossen werden. Weil hier sind Häuser, hier ist Wohngebiet. Die haben hier ziemlich gute Voraussetzungen, im Sommer sind die in den Maisfeldern, fressen sich da satt. Und im Herbst gehen sie dann hier räubern. Die ganze Auffahrt wird aufgewühlt, nach Würmern und Schnecken und so. Und dann sind da fünf Eichen. Eines Tages kam ich wieder und ich schwöre, alles war umgewühlt, auch der Garten. Dann erzählt mir der Nachbar, das sind inzwischen 30. Vor einem Jahr waren es noch 21. Ein paar werden überfahren, ein oder zwei Junge hat der Wolf geholt. Und die haben immer weniger Angst. Die gehen nur missmutig vom Weg runter morgens um sechs, wenn du zum Briefkasten willst oder mit dem Auto weg. Die sind eigentlich in Ordnung, das sind geile Tiere, die sind selbstbewusst, die sind sozial, die fressen alles, die liegen auch mal in der Scheiße rum. Aber wenn es zu viele sind, dann ist das unheimlich. Die Lüneburger Heide ist groß, die müssen doch nicht gerade hier wohnen und abhängen. Alle Nachbarn sind genervt von diesen Pissviechern, wirklich. Sogar meine Schaukel ist umgefallen, weil die so viel umgewühlt haben. Und meine Feuerstelle ist kaputt, mindestens fünf Kilo schwere Steine haben die einfach so weggerollt. Das ist abgefahren.

Aber du bezeichnest sie als grob und schön.
Ja, das sind die auch.

In unseren Interviews hatten wir schon Schnecken und Rehe, jetzt wir sind bei den Wildschweinen. Reden wir bei der nächsten Platte über Wölfe?
Das ist hier jetzt zum Wolfsschutzgebiet erklärt worden, vor einem halben Jahr, weil die 400 Meter von hier Kot gefunden haben, so eine Wolfswurst. Die haben die untersucht und da waren Haare vom jungen Wildschwein drin. Jetzt sind hier Wölfe, aber ich glaube, dich und mich haben schon mehr Wölfe gesehen, als wir uns jemals vorstellen können. Geile Viecher.

Aber der Weg zum Briefkasten morgens ist nicht mehr sicher. Das muss man einfach mal feststellen.
Ja, das war jetzt einmal mit den Wildschweinen. Also ich könnte es jetzt richtig gefährlich ausmalen, aber es war wirklich nur einmal.

Da wir vorhin das Thema Blutdruck hatten: Was regt dich wirklich auf, außer Wildschweine?
Außer die Wut auf die Idioten? Also heute war ich einkaufen, und dann regen mich so Leute auf mit Kennzeichen WL, Winsen an der Luhe. Da ist eine 50-km/h-Zone – und die fahren 47. Und in der 30er-Zone fahren die 28. Da könnte ich wahnsinnig werden, obwohl ich genau weiß, das ist total falsch. Die Leute haben Zeit, die unterhalten sich, die amüsieren sich womöglich oder denken nach oder irgendwas und fahren immer drei Stundenkilometer zu wenig. Ich fahre in den Zonen immer mindestens zehn km/h zu schnell. Und dann nervt mich das. Aber was bilde ich mir denn ein? Lass sie doch, die haben Zeit. Und das das Einzige, was wir immer weniger haben, ist Zeit. Und dann versuche ich, auch so bescheuert zu fahren, aber ich schaffe es nicht.

Ich fühle mit dir und ich erkenne mich in deiner Schilderung wieder. Was nervt noch?
Ich habe meine Digitalabos von Zeitungen gekündigt. Ich will mal ein Jahr lang so wenig wie möglich vom Weltgeschehen mitkriegen. Ich will es einfach mal probieren. Ich höre jetzt schon kein Radio mehr, ich versuche immer so einzuschalten, dass ich gerade noch die Verkehrsmeldungen mitkriege. Ich kann gar nicht genau erklären, warum. Natürlich, weil mich alles nervt, diese Schlagzeilen und dieses ganze Fälschen.

Social Media, nutzt du das überhaupt?
Nee, nee. Haben wir nicht.

Das Interessante ist, dass die einen Bands sich abmühen, irgendwie wahrgenommen zu werden, und du oder EA80, die machen nichts und die Leute kommen trotzdem zu den Konzerten und kaufen die Platten.
Leute, die unbedingt berühmt werden und von der Musik leben wollen, die tun mir leid. Das ist wie schlechter Schlaf.

Du machst nicht nur Musik, du bist auch seit vielen Jahren schon Schauspieler. Man bekommt aber nur schwer mit, wo du gerade auf der Bühne stehst.
Das sehe ich mehr als einen guten Job an. Meistens ist man da ja mit Leuten zusammen, die in Ordnung sind und die man auch ein bisschen bewundert, weil sie Sachen machen, die einen beeindrucken. Als ich angefangen habe, lernte ich einen kennen ... Peter Brombacher heißt der. Alter, der hat eine Stimme gehabt! Wenn der einen anderen zusammengeschissen hat im Stück, das war ein Traum. Also weil du es nicht gemerkt hast, dass er schauspielert, und das ist die große Kunst. Solche Theaterstücke, die werden 15 Mal aufgeführt oder so, und dann werden die Bühnenbilder eingeäschert, weil die Theater Platz brauchen für neue Bühnenbilder. Das finde ich gut, dann ist das vorbei und es kommt das nächste Stück. Für 2026 steht Basel an, da macht Rocko ein Stück und ich spiele Albert Hofmann, den Erfinder des LSDs. Das Stück heißt „Die Ritter des Mutterkorns“.

Wie besetzt man dich?
So freakig. Die brauchen immer wieder mal einen Freak.

Man versucht als Journalist oder als Fan von jemandem, dessen Musik man toll findet, ihm irgendwie ein bisschen näherzukommen. Kannst du so was nachvollziehen? Geht es dir selber mit anderen Leuten so?
Ja, klar. Das ist doch ganz normal, dieser Wunsch, Leute richtig kennenlernen zu wollen. Wenn man jemanden trifft, den man mag, den will man dann doch besser verstehen.

Thema Autobiografie ... Alle Musiker machen so was.
Sollen sie doch. Ich mach’s nicht. Und wenn, dann würde ich nur schlecht über mich schreiben: Loser, Scheißefresser, Pisskopf.

Es gibt ja ein Thema, das mich am allerwenigsten von allen anderen Dingen auf der Welt interessiert. Und das ist Fußball. Deshalb habe ich natürlich erst mal nachschauen müssen, wer bitteschön Johan Cruyff ist. So heißt ein Song auf dem Album. Warum hat der die Würdigung verdient, in einem Song bei dir, zumindest titelmäßig, aufzutauchen?
Der hat ganz viel gemacht für den modernen Fußball. Die Grundidee von Cruyff war, hast du den Ball, mach das Spielfeld groß, hast du ihn nicht, mach es klitzeklein. Wenn du den Ball hast, alle ausschwärmen, groß machen, so dass die Gegner Schwierigkeiten haben, zu decken und so. Wenn du ihn nicht hast, wenn die anderen ihn haben, sofort auf den Ballführenden drauf und alles kleiner machen. Der FC Barcelona spielt so, und das hat Cruyff alles erfunden.

Spielst du selbst?
Habe ich mal. Als Torwart.

Das Plattencover hat auch wieder ein interessantes Artwork. Von wem stammt’s?
Von Raoul Doré. Der hat auch das von ALTE SAU und so gemalt. Der malt auch die ganzen T-Shirts. Ich habe ihm mal eine Idee gesagt. „Mal mal den Tod im Rollstuhl. So ein bisschen Loser-mäßig.“ Wir können das gut zusammen, ich sage ihm eine Idee, und er schafft das, die quasi eins zu eins umzusetzen. Ideal.

Was ist mit Konzerten?
Wir planen 20 Konzerte mit „Ausgeschissen“, äh, „Ausgestopft“. Echt, „Ausgestopft“ sollte die Band erst heißen. Aber das ist so bedeutungsschwanger. Bei ALTE SAU hatten wir immer das Problem mit den Motiven auf den T-Shirts. Das weist immer auf was hin. Wenn du jetzt auf das T-Shirt einen Mann machst, der sein Auto streicht, und dann ALTE SAU darunter, dann heißt das immer gleich was. Und das wäre bei „Ausgestopft“ noch viel, viel schlimmer, weil da kannst du nicht mal ein Haus oder einen Dinosaurier oder einen Kassettenrecorder draufmalen, ohne dass das gleich was heißt.

Ich sage immer nur: Augen auf bei der Bandnamenwahl. Du hast gerade gesagt, ihr nehmt alle großen Sommerfestivals mit, ihr seid auf allen großen Bühnen.
Nein, Quatsch. Also, wo ich gerne mal spielen möchte, ist in Wacken. Und noch mal auf der Fusion vielleicht. Auf Wacken hätte ich schon Bock.

Mit Kutte und Langhaarperücke?
Nee, einfach so. Warst du da mal?

Nee. Warst du da mal?
Nee. Ich war da noch nicht, aber ich will da unbedingt einmal hin.

Nostalgie. Was ist das für ein Gefühl für dich?
Am Anfang fand ich es noch tierisch cool, wenn es dann hieß, die BUZZCOCKS oder die und die gibt es wieder. Und dann bist du hingegangen und dann, wow, geil und so. Aber je mehr Zeit seit dem Gründungsjahr der Bands vergangen ist, umso schlechter ist es meistens geworden. Und dann habe ich aufgehört, in den Rückspiegel zu gucken. Dazu habe ich keine Lust mehr. Sonst kommt man überhaupt nicht vorwärts.

Und du hast ja auch ständig eine neue Band und nicht ein Revival der alten Band. Außer manchmal so ein kleines bisschen, wie dieses eine Projekt da ...
RATTENGOLD. Das ist dann zum Schluss auch käsig geworden, aber bis dahin war meine Entschuldigung, dass ich mit dem genialen Andreas Ness unsere Hits aneinandergereiht spielen wollte. Das war der Wunsch und dann lief es auch einigermaßen gut – und dann haben wir einfach vergessen aufzuhören. Das haben wir gemerkt und dann haben wir aufgehört. Man hätte das bei vier Konzerten belassen sollen. Dafür gibt’s geiles Merch, diese Hoodies mit der Ratte mit den Zigaretten.

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