Foto

IKE TURNER

Rocks

Natürlich sollte man stets zwischen Künstler und Werk differenzieren, das gilt nicht zuletzt für den jähzornigen, aggressiven und misogynen Frauenschläger Ike Turner, dessen Fußabdruck in der Rock’n’Roll-Geschichte dennoch von enormen Dimensionen ist. „Rocket 88“ (1951 von Jackie Brenston für Sun Records eingespielt) mit Turner am Piano wird immer wieder als erster Rock’n’Roll-Song genannt, Turners KINGS OF RHYTHM lieferten in hoher Schlagzahl Hits für Labels wie Chess, Modern, Cobra und Sue, arbeiteten dabei mit wechselnden Vokalisten (Dennis Binder, Billy Gayles, Clayton Love, Tommy Hodge oder Jimmy Thomas) und produzierten einen eigenartigen, lasziven Groove, in dessen Zentrum mehr und mehr die waffenscheinpflichtige Gitarrenarbeit von Ike Turner stand; messerscharfe Licks, Killer-Solos mit brandgefährlicher Delinquenten-Attitüde. Gerade die 1957er Nummern für Federal haben eine geradezu einschüchternde Intensität. Bisweilen ist da sogar ein Proto-Punk-Vibe, etwa bei „Jack Rabbit“, das mit Icky Renrut als Sänger eingespielt wurde; hier könnte man die Geburtsstunde von Psychobilly erkennen. Der Großteil der zurecht „Rocks“ betitelten Compilation entstand in den späten 1950ern, zwei Nummern mit seiner Ehefrau Tina aus den frühen Sixties („It’s gonna work out fine“, „A fool in love“) sind auch unter den 33 sorgfältig ausgesuchten und exzellent akustisch aufgearbeiteten Titeln der Zusammenstellung. Bill Dahl hat für das vierzigseitige Booklet Linernotes verfasst, die wenige Fragen offen lassen, eine Vielzahl von raren Bildern rundet das Gesamtpaket ab. Und egal, ob Ike nun ein Arschloch war oder nicht, er hat einfach wirklich essentielle Beiträge für die Rock- und Soul-Geschichte geleistet; eine Auseinandersetzung mit Ike Turners Werk (und auch der unausstehlichen Person, die er gewesen sein mag) ist einfach unerlässlich.

Anzeige