
Es gibt ja immer noch diese unnötigen Diskussionen, was wann schon oder noch Punk war und was weichgespültes Produkt der Musikindustrie. Fakt: Wer Anfang der 1980er irgendwo in der westdeutschen Provinz lebte, latent „anders“ war und nach Musik dürstete, die nicht der lahme Kleister aus GENESIS, YES und BARCLAY JAMES HARVEST war, musste das Glück haben, Freund:innen zu finden mit Vorsprung in Sachen innovativem Musikgeschmack – und/oder über das Radioprogramm und Musikpresse auf Bands wie FEHLFARBEN, NICHTS, NINA HAGEN BAND ... oder IDEAL zu stoßen. Deren (Co-)Sängerin Annette Humpe war zuvor mit ihrer Schwester Inga Teil der Berliner Band NEONBABIES gewesen. Anfang 1980 kam deren EP mit dem Song „Blaue Augen“, den Annette Humpe dann mitnahm zu ihrer kurz darauf gegründeten neuen Band IDEAL, mit denen „Blaue Augen“ zum Hit wurde. Und sowieso, das titellose IDEAL-Debüt enthält mit der grandiosen Stadthymne „Berlin“ (der Album-Opener, den jeder damalige West-Berlin-Reisende aus der BRD nachvollziehen konnte) und dem derben „Irre“ mindestens drei Übersongs. Doch auch „Rote Liebe“ hat Ewigkeitswert – kein schlechter Schnitt bei zehn Songs. Auf IDEAL, die schon 1983 wieder Geschichte waren, trifft übrigens nicht zu, was gemeinhin über NDW-Bands gesagt wird: sie sind kein Musikindustrieprodukt, denn das Album erschien ursprünglich auf dem Innovative Communication-Label von Elektronikmusikpionier Klaus Schulze. Ob IDEAL nun wirklich Punk waren gemäß irgendeinem imaginären Regelbuch — scheißegal, die derbe, intensive Stimme und Attitüde von Annette Humpe (wie auch von Nina Hagen), die peitschenden Songs, das war ganz anders als der lahme Popschrott jener Zeit und taugte hervorragend als Einstiegsdroge. Und nur das ist, was zählt. Ob die Platte jenseits der Erinnerungen von Angehörigen der Boomer-Generation heute noch einen Reiz oder Relevanz besitzt, müssen Jüngere entscheiden. Für den 2025er-Rerelease wurde das Album unter Beteiligung von Humpe neu abgemischt.
© by - Ausgabe # und 11. Dezember 2020
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© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Joachim Hiller