
Die Zeit zwischen den beiden Alben „Water, It Feels Like It’s Growing“ und diesem selbstbetitelten wurde mit der krachenden Doppel-Single „Climax Therapy / Pope’s Cocaine“ und einer ungehemmten Lust am Ausbruch und an wütendem Krawall unvorhersehbar und deshalb optimal genutzt. Die Aggressivität dieser beiden Lieder ähnelt der Stimmung, die sich auf den beiden genannten Longplayern sanft und explorativ entfaltet, kein bisschen. In der Rezension zum Vorgänger hieß es, das Quintett aus Montreal widme sich „noisige[m] Avantrock, [...] hypnotisch und abwechslungsreich“ und mit der Betonung auf fließende und entspannende Texturen. Auf ihrem vierten Album gelingt es ATSUKO CHIBA paradoxerweise, die Songstrukturen zu entflechten und zu simplifizieren, ohne dabei ihre Progressivität einzubüßen. Das ist ein schwer verständlicher Kunstgriff. Im direkten Vergleich der beiden Alben glaubt man kaum, dass es sich um dieselben Musiker handelt, da der obskure und psychedelische Groove verschwunden ist. Ein gewisses Maß an Wandel erhofft man sich von jedem musikalischen Projekt. Sobald das Stichwort „experimentell“ fällt, umso mehr. ATSUKO CHIBA bleiben anspruchsvoll und wagemutig, obwohl die sechs neuen Stücke sehr gut verbergen, wie komplex die Kompositionen sind, weil sie eine geschmeidige Lockerheit überstrahlt.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #186 Juni/Juli 2026 und Henrik Beeke
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #167 April/Mai 2023 und Henrik Beeke