
Während ich die Karriere der MELVINS mit kurzen Unterbrechungen eigentlich schon seit Ende der 1980er und ihren Frühwerken „Gluey Porch Treatments“ und „Ozma“ verfolge, haben die 1982 in Birmingham gegründeten NAPALM DEATH bisher nicht viel zu meiner musikalischen Sozialisation beigetragen. Wahrscheinlich gehört zu meinen frühesten Erfahrungen mit NAPALM DEATH 1992 der DEAD KENNEDYS-Tribute-Sampler „Virus 100“, auf dem die Band in knapp anderthalb Minuten auf gewohnte Art „Nazi punks fuck off“ durchknüppelte. Musikalischer Extremsport in Form eines Genres wie Grindcore war damals nichts für den (meinen) Hausgebrauch. Ab 1990 und dem Einstand von Barney Greenway als Sänger bei „Harmony Corruption“ schlichen sich dann immer mehr profanere Death Metal-Elemente in ihren Sound ein. Zuvor hatten NAPALM DEATH 1987 und 1988 bei Earache in einer Schnittmenge aus Thrash, Hardcore und Grindcore ihre wegweisenden Alben „Scum“ und „From Enslavement To Obliteration“ veröffentlicht, damals noch in der Besetzung mit Sänger Lee Dorrian (später CATHEDRAL), Gitarrist Bill Steer (CARCASS) und Mick Harris am Schlagzeug – Bassist Nik Bullen, der die Band mit 13 Jahren gegründet hatte, ist nur auf der A-Seite von „Scum“ zu hören. Auf „Scum“ und „From Enslavement To Obliteration“ (mit Artwork des 2022 verstorbenen Spex-Autors Mark Sikora, später Produzent der Viva-Formate „Wah²“ und „Zwobot“) prügelten NAPALM DEATH insgesamt 50 Stücke in gut 60 Minuten durch, die oft kaum 60 Sekunden dauerten. Das gefiel auch dem legendären Radiomoderator John Peel, der die Band 1987 und 1988 zu zwei Sessions einlud, quasi schon damals „the final word“ in Sachen Grindcore. Von der ursprünglichen Besetzung ist schon lange niemand mehr dabei, heute besteht sie aus Sänger Greenway, Bassist Shane Embury, Schlagzeuger Danny Herrera und den Gitarristen Mitch Harris und John Cooke. Mit Greenway, Cooke und Embury nahmen jetzt auch Buzz Osborne und Dale Crover das Album „Savage Imperial Death March“ auf. 2016 waren beide Bands schon mal zusammen auf Tour gewesen, was sie 2025 noch mal wiederholten. Für Buzz Osborne ist dieses Album „a dream came true“, ob das langjährige NAPALM DEATH-Fans auch so sehen werden, ist fraglich. Denn „Savage Imperial Death March“ entpuppt sich als mehr auf die MELVINS zugeschnittenes, recht chaotisches und experimentelles Album in Industrial Rock-Nähe. Hört man sich rückblickend noch mal „Scum“ und „From Enslavement To Obliteration“ an, kann man zwar gewisse Sludge-Elemente erkennen, die einen jungen Buzz Osborne damals beeinflusst haben könnten, aber von der musikalischen Radikalität, die NAPALM DEATH eigentlich bis heute ausmacht, ist auf „Savage Imperial Death March“ nicht viel zu hören, sieht man mal von Greenways typischem Grollen ab.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #185 April/Mai 2026 und Thomas Kerpen