
Jordan Cardy alias RAT BOY (den Namen erfanden seinerzeit Mitschüler, die der Meinung waren, Jordan sähe aus wie ein Nagetier) stammt aus Essex und wurde bisher durch seine Mischung aus HipHop und Punkrock bekannt. 2016 kürte ihn der NME als „Best New Artist 2016“, das zweite RAT BOY-Album „Internationally Unknown“ wurde von Tim Armstrong (RANCID) produziert und jetzt gibt es mit „Suburbia Calling“ nicht nur ein drittes Album, sondern unter dem Namen RAT BOY agiert nun auch eine richtige Band: Jordan Cardy (voc, gt, bs, key), Liam Haygarth (bs), Harry Todd (gt), Sam Preston (key) und Noah Booth (dr), ergänzt um Gäste an Tenorsaxophon, Trompete oder Posaune. Auf „Suburbia Calling“ geht es um das trostlose Leben in der Vorstadt, um Themen wie Bandenkriminalität, Gentrifizierung, Turbokapitalismus und den Brexit. Als Co-Produzent neben Jordan Cardy war kein Geringerer als Stephen Street dabei, der in den frühen 1980er Jahren als Produzent von BLACK UHURU und Linton Kwesi Johnson begann, später THE SMITHS und THE PRETENDERS produzierte und mit Morrissey (als Co-Songwriter) zusammenarbeitete. Für den RAT BOY-Sound bedeutend ist seine spätere Arbeit mit der Band BLUR („Leisure“, „Modern Life Is Rubbish“, „Parklife“). Denn BLUR sind nur eine der vielen Bands, die auf „Suburbia Calling“ sehr prägnant durchklingen: von MADNESS (und ihren unverwechselbaren Klavier-getragenen Ohrwürmern) und THE SPECIALS („Ghost town“) geht es über Punkrock à la THE CLASH und RANCID und Ska-Punk (THE INTERRUPTERS), KING BLUES (Texte) bis hin zum Sixties-Pop-Punk der KINKS. Die erste Veröffentlichung von RAT BOY war 2014 die EP „The Mixtape“ – und hier schließt sich auch der Kreis, denn die insgesamt 13 Songs auf „Suburbia Calling“ klingen wie ein Best-Of-Mixtape. „Mob mentality“ erinnert zum Beispiel an MADNESS, „Best is yet to come“ an THE CLASH, „Every little helps“ an THE SPECIALS, „Suburbia calling“ an BLUR (die hier mit mehreren Songs vertreten sind), „Essex land“ an RANCID und „Badman“ an THE PRETENDERS – allerdings nur in Teilen, denn das Stück entfaltet (wie auch ein, zwei andere) ein reizvolles Soulfeeling. Das macht für mich übrigens auch den Reiz aus, denn die Songs kommen nicht als vermeintlich billige 1:1-Kopie rüber, sondern offenbaren viele überraschende Wendungen und Zitate. Das Lied „Handbags at dawn“ zum Beispiel bietet, je nachdem auf welche Facette geachtet wird, einen ganzen Blumenstrauß von Assoziationen: THE SMITHS, TEARDROP EXPLODES, GANG OF FOUR THE CLASH. Eine coole 2Tone-Ska und Punk- Mischung, die hoffentlich auch notorische Ska-Ignoranten („Zappelmusik“) überzeugt. Als Kritikpunkt könnte man einwenden, dass hier doch zu viele BLUR-Querverweise verwendet werden. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Kay Werner