Mit ihrem ambitionierten Spielfilmdebüt „Revenge“ hatte die französische Filmregisseurin und Drehbuchautorin Coralie Fargeat 2017 das überstrapazierte Genre des Rape-and-Revenge-Thrillers um einen extrem stylischen, schwarzhumorigen und exzessiv blutigen Vertreter bereichert, der bewusst so over-the-top inszeniert und unplausibel war, dass er fast schon eine Metaebene einnahm. Eine besonders feministische Note würde ich ihm dennoch nicht unterstellen, denn Fargeats Heldin wirkt wie ein klischeehaftes Playboy-Kalender-Pin-up und bedient durch diese starken Oberflächenreize durchaus männlichen Voyeurismus, wenn Matilda Lutzs dürftig bekleideter, blutüberströmter Körper am Ende mit Wunden übersät ist. Das ist dann konsequent umgesetzter Body Horror in Vollendung, allerdings ohne inhaltlichen Tiefgang – halt Style over Substance. Ähnlich verhält es sich mit Fargeats neuem Film „The Substance“, der jetzt auf DVD und Blu-ray erschien. In Cannes bekam Fargeat dafür den Drehbuchpreis, was schon recht abenteuerlich ist, angesichts einer Geschichte, die ähnlich unplausibel wie die von „Revenge“ geraten ist, nur fällt das diesmal stärker auf. Fargeat thematisiert darin mit kritischem feministischen Blick Altersdiskriminierung von Frauen und fehlgeleitete Schönheitsideale in der Gesellschaft und im Showgeschäft, aber bedient durch ihre Hochglanzbilder wieder vollmundig genau den Voyeurismus, den sie eigentlich kritisieren will. Das Ganze verpackt in eine wirre Sci-Fi-Horror-Story, die sich bei Lynchs „Der Elefantenmensch“, David Cronenberg, „Das Bildnis des Dorian Gray“ und „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ bedient. Hinsichtlich der extremen Schauwerte gehört „The Substance“ aber sicherlich zu den interessantesten Filmen des letzten Jahres, auch wegen der schauspielerischen Leistungen von Demi Moore, Margaret Qualley und Dennis Quaid.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Thomas Kerpen