Inzwischen ist der Einsatz von Sensitivity Reader*innen weit verbreitet, die Texte, aber auch Filme, auf stereotype, diskriminierende oder stigmatisierende Darstellungen prüfen. Die hätten sicher viel Freude an „Vierzig Wagen westwärts“ („The Hallelujah Trail“) von Western-Spezialist John Sturges, der auch „Die glorreichen Sieben“ oder „Der letzte Zug von Gun Hill“ drehte, ebenso wie das Kriegsdrama „Gesprengte Ketten“. In der Western-Frühzeit war die Darstellung der Ureinwohner Amerikas generell recht problematisch, bei denen es sich meist um blutrünstige Wilde handelte, die Männer skalpierten und Frauen vergewaltigten. Die Rothäute in Sturges Film – darunter Häuptling Krummer Rücken und Häuptling Fünf Fässer, natürlich nicht gespielt von Native Americans – werden als ziemliche Trottel dargestellt, die nichts anderes im Kopf haben als Feuerwasser, und die sich am Schluss zugedröhnt mit Champagner ein wüstes Planwagen-Rennen liefern. Rassismusdebatten dürfte das dennoch nicht auslösen, denn im Gegensatz zu Sturges’ ansonsten ernsthaften Filmen ist der mit zweieinhalb Stunden recht episch angelegte „Vierzig Wagen westwärts“ eine ziemlich überdrehte, starbesetzte Komödie mit viel Slapstick und quasi die Western-Entsprechung von Stanley Kramers „Eine total, total verrückte Welt“. Zumal auch die US-Kavallerie nur aus Deppen zu bestehen scheint, allen voran Burt Lancaster als Colonel Gearhart, der einen Whiskeytransport vor renitenten Frauenrechtlerinnen, die dem Teufel Alkohol den Kampf angesagt haben, und Rothäuten beschützen soll, und Mühe hat, das chaotische Geschehen unter Kontrolle zu bringen. Auf Blu-ray erschien Sturges herrliche Western-Parodie das erste Mal (das Mediabook ist ausverkauft, aber eine separate DVD und Blu-ray gibt es auch) und hätte wirklich eine 4K-Restauration verdient gehabt.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Thomas Kerpen