THE STOOGES: Interview mit James Williamson

THE STOOGES: Interview mit James Williamson

Das Interview erschien ursprünglich in Ox #123 (2015).

15.08.2025 • „Meine Kollegen wussten gar nicht, dass ich mal Musik gemacht habe.“

James Williamson & THE STOOGES
Re-Licked

Falls der Tod von THE STOOGES-Gitarrist Ron Asheton 2009, sechs Jahre nach der unerwartet starken Reunion von IGGY & THE STOOGES, überhaupt etwas Positives bewirkt hat, dann dass es Iggy Pop veranlasste, den seit den frühen Achtzigern abgetauchten James Williamson zu kontaktieren, was den rastlosen STOOGES das zweite Kapitel ihrer 2.0-Version verschaffte. Nachdem zuvor live hauptsächlich die ersten beiden STOOGES-Alben sowie das eher mittelmäßige Comeback-Album „The Weirdness“ gespielt wurden, kam nun das, wovon man wirklich nicht zu träumen gewagt hatte: ein komplettes „Raw Power“- und „Kill City“-Programm, die beiden STOOGES-Platten, an denen Williamson maßgeblich beteiligt war.

James, für alle die, die mit deiner Person nicht vertraut sind: Wie sah dein Musikerleben vor den STOOGES aus?
Meine ersten Einflüsse waren hauptsächlich die Elvis-Scheiben meiner großen Schwester, danach die ganze Surf-Palette, GARBAGE MEN, Dick Dale und THE VENTURES. Die erste Gitarre habe ich bekommen, als wir in Oklahoma lebten. Ich hatte einen Onkel, der bei Sears arbeitete, den habe ich also angehauen, nachdem meine Schwester ihre erste Elvis-Platte mit nach Hause gebracht hatte. Er brachte mir eine alte Sears-Gitarre mit, die mit dem Notenschlüsselloch. Da habe ich also erst mal nur geübt. Als wir dann nach Detroit zogen, war es exakt der Sommer, als „Heat wave“ von MARTHA AND THE VANDELLAS rauskam, ein Wahnsinnshit! Und er kam direkt dorther. Da war’s um mich geschehen, mit meinem Freund Scott Richardson gründete ich die Garagenband THE CHOSEN FEW. Wir spielten ROLLING STONES-, THEM- und PRETTY THINGS-Cover, das Übliche eben.

Das ist ja schon ein ziemlich weites Spektrum für diese Zeit. Nicht sehr „cliquenhaft“.
Ja. Cliquenhaftes Festhalten an einer sogenannten Szene fand ich immer uninteressant. Die STOOGES waren von keiner Szene beeinflusst, es war wie unsere eigene kleine Familie oder „sub-social group“ ... Klar, wir hatten alle unsere Einflüsse, aber im Großen und Ganzen waren die STOOGES total eigenständig.

Als du bei den STOOGES eingestiegen bist, da hatten die schon zwei Band-Trennungen hinter sich.
Ich hatte überhaupt keine Manschetten oder Bedenken, bei den STOOGES mitzumachen, zumal ihre Mitglieder schon Freunde von mir waren, als wir mit meiner Familie gerade erst in Detroit angekommen waren. Ich wohnte in einem Haus mit Zeke Zettner und Bill Cheatham. Was da sonst an Randale und Exzess passiert ist, war mir damals herzlich egal, ich wollte ein paar Dollar verdienen und spielen, viel mehr war da nicht. Ich hatte die Jungs sogar schon in New York besucht, als sie mit John Cale ihr erstes Album aufnahmen. Das war Jahre, bevor ich da einstieg.

Die STOOGES-Shows von damals galten als unberechenbar ...
Sie waren tatsächlich meist unvorhersehbar, da die Band nicht wirklich versuchte, Entertainment abzuliefern, sondern es hatte schon was von einem Experiment, wenn du so willst. Klar hatten wir ein paar Songs, die recht durchstrukturiert waren, doch eine Menge war improvisiert, schon weil Iggy dauernd neue Texte sang, die wir nicht kannten, und gelegentlich für unabsehbare Zeit im Publikum verschwand! Selten hatten wir mehr als die „Skelette“ der Songs fertig.

Wie stehst du eigentlich zu dieser Glaubensfrage: „Raw Power“ im Bowie-Mix oder die von Iggy überwachte Version 1997?
Ich war an Iggys Remix Ende der Neunziger nicht beteiligt und ich hätte auch einige Dinge anders gemacht. Aber das macht mir jetzt nicht mehr so viel aus ...

Wie hat Ron Asheton reagiert, als du zu Beginn der „Raw Power“-Sessions 1973 in London zum Leadgitarristen wurdest? Hat er sich damals degradiert gefühlt?
Ich kam immer super mit Ron und Scott aus. Ron war ja mein erster Kontakt zu der ganzen Mischpoke, als er Bassist der CHOSEN FEW wurde, die dann ja zu den STOOGES wurden. Später wohnte ich in Ann Arbor in einer WG mit Scott. Wie auch immer, nachdem ich mit Iggy nach London gezogen war, haben er und David Bowie das so entschieden und Ron den Bass umgehängt. Es gab ein paar Gelegenheiten, wo er mich spüren ließ, dass er sauer war, aber erst viel später. Alle Songs für „Raw Power“ habe ich, was die Musik betrifft, in meinem Zimmer in London geschrieben, keiner war wirklich fertig, und Ron und Scott kamen erst für die Aufnahmen nach England. Ich glaube, Ron war eher glücklich, wieder einen Job zu haben, als angepisst zu sein, dass er Bass spielen musste. Ich bin froh, dass er vor seinem Tod noch einige spaßige Jahre mit den Jungs auf Tour hatte.

Und wie war es bei der „Metallic K.O.“-Tour 1973/74 um den Spaß bestellt?
Na ja, bei den wirklich sehr seltenen Live-Aufnahmen und TV-Auftritten aus dieser Zeit – meistens gibt es ja nur Fotografien –, da werden Fans wie ich feucht, ich war doch selbst einer! Wie muss das bei diesen Shows gewesen sein? Also es war ein einziges Chaos, aber sehr, sehr tight, präzise und musikalisch stark! Ich kann mich leider kaum an 1974 erinnern, daher sind diese „Reunion“-Konzerte extrem lustig, wir kriegen jetzt eben alles mit.

War Iggy die einzige verlässliche Verbindung in dieser Zeit, oder wie funktionierte das? Ich meine, diese Ashetons waren sehr spezielle Ann Arbor-Leute, wie hast du da reingepasst?
Diese wirklich schwierige STOOGES-Periode 1974, als wir „Raw Power“ aufnahmen – danach Iggy und ich „Kill City“ –, hat uns sehr sehr starke Songs beschert. Für eine extrem lange Zeit haben das nur die Hardcore-Fans gekannt. Die völlig „unverbesserlichen“ Iggy-Fans wurden dann übrigens „The Iggyots“ genannt, haha.

In dem Zusammenhang müssen wir mal über Deniz Tek und RADIO BIRDMAN reden. Das waren ja dermaßen devote Fans, dass man sich schon Sorgen machen musste, fast schon so Mark David Chapman-mäßig ...
Na ja, Deniz Tek ist schon ein sehr spezieller Kerl. Was ich immer an diesen Spinnern mochte, war, dass es wirklich keine Band gab, die sich dermaßen einer anderen Band, nämlich den STOOGES – bei denen ich zufällig gespielt habe – verschrieben hat. Die hatten dermaßen authentisch einen an der Waffel!

Dann hast du die Musik für lange Zeit an den Nagel gehängt.
Ich bin nicht im Musikgeschäft geblieben, ich habe mich aber auch nicht zur Ruhe gesetzt. Ich wurde Elektroingenieur im Silicon Valley 1982, dann wurde ich Vize-Chef von Sony Electronics, und bevor Ronnie starb und ich 2009 wieder zur Band kam, wussten meine Kollegen auf der Arbeit gar nicht, dass ich mal Musik gemacht habe.

Nach der Berlin-Periode warst du Songwriter und Musiker auf einigen meiner Meinung nach unterschätzten Iggy Pop-Alben, etwa „New Values“, „Soldier“, „Party“. Mit „Re-Licked“ hast du dich dann 2014 deines eigenen musikalischen Vermächtnisses angenommen und mit einer extrem illustren und geschmackssicheren Schar von Musikern und Sängern Songs neu aufgenommen, die du einst 1973/74 zusammen mit Iggy für ein Nachfolgealbum zu „Raw Power“ geschrieben hattest. Ich fand es nur schade, dass Iggy durch sein Nicht-Erscheinen dieser Platte die ihr gebührende Aufmerksamkeit genommen hat.
Na ja, ich kümmere mich nicht so sehr um Aufmerksamkeit, sondern um Qualität. Und darum, dass die Musik endlich mal so aufgenommen wurde, dass man sie sich auch in ein paar Jahren noch anhören kann. Es war nicht fair, dass diese Musik niemals ordentlich aufs Band kam. Ich bettle nicht darum, dass die Iggyots meine Platte kaufen. Sie hat sich hier ganz gut verkauft, es hat einen wahnsinnigen Spaß gemacht, mit all diesen Leuten zusammen im Studio und dann bei ein paar einzelnen Gigs zu spielen.

Interview: Seb Hinkel

www.straightjameswilliamson.com

Jetzt erhältlich: Ox #181 mit SLIME, THE HIVES, KREATOR, RISE AGAINST und mehr.

Ox #181 ist raus! Auf 172 gibt’s Interviews mit SLIME (Titelstory), THE HIVES, KREATOR, RISE AGAINST, 100 KILO HERZ, SONDASCHULE, RANTANPLAN, DIE RADIERER, LA DISPUTE, THE IRON ROSES, THE YOUNG GODS und vielen mehr. Das gedruckte Heft kann hier im Shop bestellt werden. Und hier die PDF-Version zum Direkt-Dowload. Oder gleich ein Abo? Unsere aktuellen Aboprämien findet ihr hier.

Obacht: Die Ox-CD liegt ausschließlich der Abo-Version bei sowie den bei uns direkt bestellten Heften und denen, die in Plattenläden oder bei Mailordern verkauft werden, aber NICHT mehr den am Kiosk verkauften Heften. Heft am Kiosk gekauft, CD wird vermisst? Wir schicken dir porto- und kostenfrei eine CD per Post. Mail mit Betreff „Ich will die Ox-CD“ und Name sowie Adresse an [email protected] genügt. (Angebot solange Vorrat reicht, nur für Adressen in Deutschland. Die Daten werden nur dafür verwendet.)

Noch mehr News und Infos bekommst du im Ox-Fanzine, auf Facebook und Instagram und in unserem wöchentlichen Newsletter. Melde dich hier an.

Anzeige