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Interviews & Artikel

ARCHITECTS

Metal-Insulaner mit vielen Fragen

Jeder Mensch ist schon mal wütend gewesen. Musiker verarbeiten ihre Wut in ihrer Kunst, sie schreiben brachiale Metal-Songs oder prangern in ihren Texten jemanden an, wenn er sich wie ein Idiot verhält. ARCHITECTS aus England haben es sich auf die Fahne geschrieben, beide Elemente miteinander zu verbinden. Dabei ist mit „Lost Forever // Lost Together“ ein Album entstanden, das einem mit jedem Song unglaublich viel Wut ins Gesicht rotzt und auch noch zum Nachdenken anregt. Was hinter seiner Band steckt, erklärt Gitarrist Tom Searle im Interview und gibt Antworten, die die Welt nicht ändern können, ihr jedoch den Spiegel vorhalten.

Tom, dieses Jahr steht der zehnte Geburtstag deiner Band an. Gibt es neben der Veröffentlichung eures neuen Albums noch ein Geschenk, das ihr euch selber machen werdet?


Wir werden unseren Geburtstag mit der Veröffentlichung unseres besten Albums ordentlich feiern. Darüber hinaus ist nichts Spezielles geplant. Natürlich sind wir aber sehr glücklich darüber, dass wir unseren ersten runden Geburtstag als Band feiern können und dass wir uns in einer sehr angenehmen Situation befinden: Es gibt Menschen, die unsere Musik mögen und es uns ermöglichen, dass wir fantastische Dinge erleben.

Kannst du das Gefühl beschreiben, das du nach Abschluss der Aufnahmen und vor der Veröffentlichung eines neuen ARCHITECTS-Albums hast?

Es ist jedes Mal anders. Unsere Weg war noch nie geradlinig. Musikalisch haben wir ein wenig gebraucht, um den Stil zu finden, der zu uns passt. Das hat vielleicht auch dazu geführt, dass wir so viele unterschiedlich klingende Platten in relativ kurzer Zeit veröffentlichten. Bei „Lost Forever // Lost Together“ war ich besonders aufgeregt. Natürlich sind wir superstolz auf diese Platte. Vor allem, weil sie unsere Grenzen auslotet. Wir haben alles in diese Songs gesteckt, was wir konnten, und jetzt sind wir alle sehr gespannt, wie das Feedback aussehen wird.

Hat es euch beim Schreiben der Songs von „Lost Forever // Lost Together“ irgendwie unter Druck gesetzt, dass ihr inzwischen eine größere Aufmerksamkeit bekommt als noch vor ein paar Jahren?

Um ehrlich zu sein, haben wir in dieser Richtung keinen Druck verspürt. Die einzigen Anforderungen, die wir erfüllen wollen, sind unsere eigenen. Wir wollten immer das machen, was wir lieben, und ja, wir haben, was das angeht, in der Vergangenheit das eine oder andere Mal versagt.

Mit euren Veröffentlichungen in den letzten Jahren habt ihr euren Hörern nicht wirklich Zeit zum Durchatmen gelassen. Woher kommt diese scheinbare Unruhe?

Wir sind nicht wirklich unruhig. Ich würde diese Situation mit folgendem Vergleich beschreiben: Du hast angefangen, eine neue Serie zu schauen und kannst am Ende jeder einzelnen Folge einfach immer noch nicht genug kriegen. Als wärest du süchtig. Wir haben eine Menge Alben veröffentlicht, weil wir darauf stehen, Musik zu schreiben. Und obwohl unsere neue Platte nun rauskommt, juckt es mir schon wieder in den Fingern. Ich genieße jeden Moment. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es bei dieser Band anfangs nicht mal annähernd die Ambitionen gab, eine Karriere daraus zu machen oder gar auf Tour zu gehen.

Kannst du mir sagen, ob es ein Leitmotiv gab, an dem du dich für dieses Album sowohl musikalisch als auch inhaltlich orientiert hast?

Auf „Lost Forever // Lost Together“ handeln viele Songs von Angst. Wir leben in turbulenten Zeiten. Viele Aspekte unseres Lebens sind in einer Art Gleichgewicht zwischen dem Zustand, dass wir skrupellos unsere Umwelt zerstören, und dabei total egoistisch unsere eigenen Irrtümer in die Tat umsetzen wollen. Es ist schwer, sich manchmal nicht komplett hilflos zu fühlen.

Euer Song „Black cross“ wurde von vielen Leuten als Kritik an Religion aufgefasst, vor allem am Christentum. Dies führte dazu, dass ihr euch in einem Blog sehr detailliert zu dem Thema geäußert habt. Als Künstler wird es dich sicher freuen, dass die Leute dein Werk so energisch diskutieren. Wie hast du die ganze Situation aufgefasst?

Ich halte die ganze Diskussion für sehr interessant. Menschen sind verärgert, wenn du die Dinge infrage stellst, aus denen sie sich ihre Identität gebildet haben. Es ist faszinierend, wie angegriffen sich manche Leute fühlen, wenn man sie auf konkrete Dinge hinweist. Du sagst zum Beispiel Sätze wie „He doesn’t fucking love us“ bei „Black cross“ und die Leute stehen auf und gehen. Auf einmal mögen sie deine Band nicht mehr, ohne auch nur einen Moment hinterfragt zu haben, was wir mit dem Song eigentlich aussagen wollten. Wir haben eines ihrer Paradigmen infrage gestellt und sagen, dass damit etwas nicht stimmt. Ich dachte, Gott stünde für so etwas wie Liebe. Also warum legen die Leute nicht ihre Waffen ab, hören auf, irgendwelche Spielchen zu spielen, geben ihren Hass auf, legen ihre Abscheu vor Frauen, Sex und Homosexualität ab und denken für eine Minute mal etwas nach? Warum kümmern sich diese Leute so sehr um Dinge, die das Leben anderer angeht und nicht um ihr eigenes?

Schon „Hollow Crown“ war ein Album, das eine bestimmte Aussage transportierte. Braucht jede Band deiner Meinung nach einen gewissen Standpunkt, um eine Daseinsberechtigung zu haben?

So extrem sehe ich das nicht. Entweder stehst du für eine Sache ein oder du tust es nicht. Da kannst du niemandem etwas vormachen. Es gibt Unmengen brillanter Musiker, die keine bestimmte Botschaft haben und trotzdem unglaublich gute Musik machen.

Glaubst du daran, dass Musik die Welt verändern kann oder den Anstoß dazu geben kann, politische Probleme zu lösen?

Das ist unmöglich zu sagen. Es ist sehr schwierig, komplexe politische Probleme zu lösen. Das System ist eingefahren und es ist sicherlich eine harte Nuss, die es zu knacken gilt. Hegst du andere Ideen, kann es für dich in manchen Staaten sehr gefährlich sein, da die Gefahr, eingesperrt zu werden oder sich sein Leben zu ruinieren, sehr groß ist. Dennoch hat Musik das Potenzial, die Welt zu ändern. Sobald du jemanden persönlich erreichst, kannst du über ihn möglicherweise auf die Welt einwirken. Ich sehe es so, dass Musik den Anstoß geben kann und es sehr wichtig ist, dass man sich dessen bewusst ist, was man mit seiner Kunst aussagen möchte. Zu viele bekannte Bands verkörpern nichts anderes als Negativität, Gewalt, Menschenhass und so weiter. Natürlich geht auch deren Publikum nicht nach Hause und bringt jemanden um, genauso wie unsere Leute nicht nach unserem Konzert sofort in eine kommunistische Partei eintreten. Obwohl das sogar schon mal passiert ist ... Dennoch kann Musik etwas in den Leuten bewegen, das dann ohne Zweifel zu einem radikalen ideologischem Umdenken führen kann.

Wie wichtig sind deiner Meinung nach Leute, die immer einen kritischen Blick auf bestimmte Dinge haben? Und warum gibt es wohl keine perfekte Welt?

Würden wir nicht immer alles hinterfragen, lebten wir wahrscheinlich noch in der Steinzeit. Wir hätten immer noch Dinge wie Sklaverei. Also ja, die Leute müssen unbedingt einen kritischen Blick auf die Dinge haben. Die andere Frage ist verdammt komplex: Warum ist die Welt nicht perfekt? Zunächst würde ich sagen, dass wir Menschen immer noch nicht wissen, wie unser Gewissen funktioniert. Wir verbringen unser gesamtes Leben damit, eine Leere in uns selbst zu füllen. Im Zuge dessen verletzen wir andere Menschen psychisch wie physisch und zerstören unsere Umwelt. Am Ende stellt sich dann heraus, dass wir nur einer Illusion gefolgt sind. Wir werden kontrolliert von einem Ego, das sich aus anderen Quellen nährt, und dabei wollen wir nur wir selbst sein. Ich brauche kein neues Paar Schuhe, um glücklich zu sein, und ich finde auch immer wieder heraus, dass mich solche Sachen absolut nicht glücklich machen können. Hätte der Kapitalismus uns nicht eingeimpft, dass wir nur dann glücklich sind, wenn wir konsumieren, würde vieles heutzutage in sich zusammenbrechen. Das Absurde daran ist, dass die Befriedigung, wenn wir eine Sache endlich besitzen, nur von kurzer Dauer ist. Und dann entsteht wieder dieses Bedürfnis, etwas Neues besitzen zu müssen. Das geht dann unendlich so weiter und führt dazu, dass wir unsere Ressourcen ausbeuten. Es ist verdammt abgefuckt, genauso wie wir selbst.

Gibt es etwas, auf das du dich dieses Jahr besonders freust, persönlich wie mit der Band?

Klar! Ich freue mich zum Beispiel auf unsere Europa-Tour mit STRAY FROM THE PATH und NORTHLANE. Dann freue ich mich auch noch sehr auf die deutschen Festivals. Meiner Meinung nach habt ihr das in Deutschland weit besser drauf als andere.

Kannst du mir zum Abschluss noch den Unterschied beschreiben zwischen einem Metal-Label wie Century Media und einem Punkrock-Label wie Epitaph, und welchem Genre ihr euch eher zuordnen würdet?

Im Grunde kann man dies nicht an bestimmten Punkten festmachen – außer den persönlichen. Century Media ist ein cooles Label mit vielen tollen Bands. Jedoch hat Epitaph uns bis jetzt sovielSupport gegeben wie kein anderes Label. Wenn ich uns als Band in ein bestimmtes Genre einordnen müsste, wäre es wahrscheinlich Metal. Ich fühle mich nicht als Punk, und auf eine seltsame Art empfinde ich manche Dinge, die mit Punk zu tun haben, als sehr elitär. Natürlich kommt dies auch im Metal vor. Unterm Strich denke ich, dass es sowohl Punkrock- als auch Metal-Fans gibt, die uns richtig scheiße finden. Deswegen bin ich auch nicht sicher, in welche Kategorie wir passen.

Sebastian Wahle

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #113 (April/Mai 2014)

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