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DRITTE WAHL

Urlaub in der Bredouille

Zum 35. Bandgeburtstag gibt es kein Best-Of. „Das machen ja alle“, sagt Sänger Gunnar Schröder im Interview in diesem Heft. Und Singles-Collections und Live-Alben gibt es von DRITTE WAHL auch schon einige, also warum noch so einen „Selbst-Sampler“ veröffentlichen, wenn man doch eigentlich so viel Neues zu sagen und singen hat? Eben. „Es ist eine bitterböse Zeit, in der wir leben“, sagt Gunnar und das überschreibt das Album ganz gut, denn „Urlaub in der Bredouille“ ist voll von (Kapitalismus-)Kritik, von Mittelfingern und Ohrfeigen, voll Dystopie, Wut und Ärger, aber glücklicherweise auch voller Motivation, Mut und (schwarzem) Humor. Schon die erste Single-Auskopplung, die mit „Das regelt der Markt“ ein Lindner-Zitat als Titel hat, schwankt zwischen Zynismus, Macht- und Ausweglosigkeit. Was soll man bei all der Beschissenheit der Dinge noch tun? Unfaire Löhne, unsichere Rente, unpünktliche Bahn? „Den kontrollierten Untergang, den regelt der Markt“. Und dann sind da diese Weltfremden, die ihre Millionen in Steueroasen verschieben: „Oh wie schön ist Panama, meine Kohle ist schon da“. Wäre es da nicht eine Option zu tun, was in „Wir schießen die Milliardäre ins All“ besungen wird? Auf „Urlaub in der Bredouille“ laden DRITTE WAHL dazu ein, diese und andere Utopien gerne mal zu träumen. Die Platte auf recycletem Vinyl lässt einen aber glücklicherweise am Ende nicht ratlos dastehen: „Keine Zeit für weiße Fahnen“ sticht dadurch hervor, dass es in DRITTE WAHL-Manier nach vorne geht, dass Ohrfeigen verteilt und Mittelfinger gezeigt werden. Spätestens dieser Song dürfte die Fans der frühen Stunde wieder hinter dem Sofa hervorlocken, haben sie auf ihren letzten Alben doch einiges an Aggressivität eingebüßt und es eher mit Humor versucht. Dazwischen wirken Songs wie „Statistik“ oder „Der Spion“ beinahe wie der Versuch, die Tracklist auf Albumlänge zu ziehen, dabei sind es insgesamt nur zehn Stücke. „Steine im Weg“ ist textlich der Höhepunkt: „Wenn dir das Schicksal einmal Steine in den Weg legt, dann stell dich drauf und schau dich ganz in Ruhe um“, ist die Antwort von DRITTE WAHL auf „Steh auf, wenn du am Boden bist“ von DIE TOTEN HOSEN. Darin reiht sich „Edwin Aldrin“ ein, der Song über den zweiten Menschen auf dem Mond, der medial im Schatten von Neil Armstrong untergegangen ist. Und auch musikalisch geht’s auf „Urlaub in der Bredouille“ mit Streichern und akustischen Effekten über Gitarre, Schlagzeug und Bass hinaus weiter in Richtung Düsseldorf. Das wirkt teilweise etwas poppig und sauber. Aber keine Sorge, mit ihrer Einstellung und ihren Ansichten dürften sich DRITTE WAHL im AZ um die Ecke noch immer genauso wohl fühlen wie im Stadion. Und wer weiß, wohin das Schiff noch fährt, hoffentlich noch weit hinaus in den Punkrock-Ozean, gerne auf rauher See und nicht durch stille Gewässer.