© by Timo KallienGestern ist die erste Singleauskopplung meiner Band erschienen, die heißt „Erschießen“ und klingt auch so. Also wie „Erschießen“, es ist nämlich ein Cover von IDEAL. Es ist mir schon bewusst, dass Coverlieder immer schwierig sind, wir haben lange daran gearbeitet, und letzten Endes fanden wir es so gut, dass wir gesagt haben: Ja, das kann man veröffentlichen. Das war gestern. Heute sitze ich an der Tastatur und schreibe diesen Text, weil, ja warum eigentlich?
Eitles Mitteilungsbedürfnis wahrscheinlich und weil Joachim, dessen Punkheft du gekauft hast, gefragt hat, wieso, weshalb und ob ich nicht was schreiben möchte über meine Lieblingsscheiben von der Neuen Deutschen Welle, ausgehend von IDEAL. Ich nehme an, dass sehr viele ältere Menschen gerade diesen Text lesen und die kennen natürlich IDEAL aus Berlin und NDW und die 1970er und die 1980er sowieso. Wer als erwachsener Mensch immer noch einer Jugendbewegung der 1970er Jahre anhängt, meint es wahrscheinlich sehr ernst und ich will es mir nicht verscherzen. Egal!
1982 war ich zehn Jahre alt und weit davon entfernt, mir die Haare bunt zu färben. Ich habe gemacht, was andere Kinder in meinem Alter auch gemacht haben: Atari spielen, Mallorca-Urlaub mit den Eltern und Playmobil. Allerdings gab es da noch diese megaverschärfte Musik mit deutschen Texten, die nicht klang, als ob meine Eltern die in irgendeiner Weise gut finden würden. Weil ich keinen akademischen familiären Hintergrund habe, konnten sich meine Eltern nicht so viel leisten. Ein Videorekorder kostete damals zum Beispiel 3.000 Mark (West!) und eine Vinylschallplatte 18 Mark 90.
Aber es gab Compilations und da waren gleich mehrere Bands drauf vertreten, und zwei Veröffentlichungen haben mich besonders angesprochen, „Tanz mit dem Herzen“ und „Neuzeit“ aus dem Jahr 1982. Aus finanziellen Gründen gab es letztere nur auf Kassette, das war noch billiger als Schallplatte. Klar, da war Musik drauf, die war zum Teil schon zwei Jahre alt oder älter, aber als Zehnjähriger konnte mir das kaum egaler sein. Und ob das nun wirklich Neue Deutsche Welle war oder eigentlich Post-Punk oder Synthielektro oder der Vorgänger von EBM, war mir nicht bewusst, und ob die Bands wirklich was zu tun hatten mit NDW war mir auch scheißegal.
Heute ist das natürlich anders, und ich würde wahrscheinlich gesteinigt oder gecancelt werden von den ganzen Musikwissenschaftler:innen in den sozialen Netzwerken, wenn ich 2024 behaupten würde, FEHLFARBEN oder GRAUZONE seien NDW. IDEAL, NICHTS, DAF, ZELTINGER, MÜNCHENER FREIHEIT, KRAFTWERK – alles NDW! Anscheinend wollte man die Kuh mehrfach melken und hat wirklich KRAFTWERK, Falco und andere als NDW vermarktet. Später kamen Perlen wie Fräulein Menke, Hubert Kah, Ixi und was weiß ich noch dazu. Aber da war der Zug schon abgefahren und man sahnte ein letztes Mal ab mit dem NDW-Siegel. Für mich war NDW auch bald nicht mehr so interessant, denn es gab Breakdance im Fernsehen (Danke, Eisi Gulp) und DEPECHE MODE zu entdecken. Entschuldigt bitte mein etwas zu Memoiren-behaftetes Geschreibe. Ich mache das nicht so oft und versuche, euch nicht zu sehr zu langweilen.
Also. NDW. Für mich war das alles großartig und ich konnte die Texte verstehen, also nicht vom Inhalt her, meistens nur von der Sprache. „Ein deutsches Lied“ von NICHTS oder „Der Räuber und der Prinz“ von DAF fand ich megastark, aber was wollten die mir damit sagen? Keine Ahnung, ich weiß es bis heute nicht. Wirklich die Jahre überdauert haben nur wenige Lieder. Die dafür aber richtig. „Berühren“ von PROFIL habe ich gleich mehrfach auf Vinyl. Ich liebe dieses Stück einfach. Der restliche musikalische Output von PROFIL kommt meiner Meinung nach nicht annähernd an „Berühren“ heran. Selbstverständlich sind DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT geblieben und auch GRAUZONE. Wenn ich heute „Verschwende deine Jugend“ höre, holt mich das immer noch ab. „Film 2“ und „Wütendes Glas“ von GRAUZONE nehmen mich immer noch genauso mit wie „Erschießen“ von IDEAL. „Berlin“ und allen voran „Blaue Augen“ waren wohl ihre größten Hits Anfang der 1980er Jahre. Lange gab es die Band ja nicht. Ich glaube, die haben sich 1983 aufgelöst und Anette Humpe startete eine anhaltende Karriere als Sängerin und Produzentin, die es so auch nicht sehr häufig gibt.
Von IDEAL haben es mir besonders „Monotonie“ und „Erschießen“ angetan, beide Lieder sind auf dem zweiten Album „Der Ernst des Lebens“ von 1982 zu finden. „Monotonie“ ist vielleicht etwas albern, aber trotzdem ein tolles Lied. Vielleicht auch wegen des Synthiesounds, der ein bisschen nach Steeldrum klingt. „Erschießen“ ist auf vielen meiner Playlists drauf und gefällt mir wahrscheinlich, weil mich Melancholie in Text und Ton anspricht und es ein Lebensgefühl beschreibt, in das ich mich sehr gut einfühlen kann, weil ich es auch so erlebt habe. Wer kennt die Langeweile eines Sonntagvormittags nicht? Na ja, damals gab es nur drei TV-Programme, und wenn man eine Pizza essen wollte, musste man wirklich in eine Pizzeria gehen. Grauenhaft! Und der Russe! Der stand ja nicht vor Berlin, sondern war in Berlin. Die Mauer und so, ihr erinnert euch. Ach, drauf geschissen, „Erschießen“ ist einfach ein richtig tolles Lied!
Was mich persönlich betrifft, ist vielleicht auch vieles von diesem Lebensgefühl der 1980er hängengeblieben, so dass ich Ende der 1980er Jahre Punker wurde. Genau weiß ich das natürlich nicht. Da müsste ich mal ganz genau in mich hineinhorchen. Vielleicht mache ich mir aber auch einfach ein Bier auf und genieße die süße Nostalgie.
... an der Mauer Hand in Hand!
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