30 Jahre später: LAGWAGON

Foto

Hoss (CD, Fat Wreck, 1995)

Mit „Hoss“ veröffentlichten LAGWAGON 1995 ihr drittes Album seit der Gründung im Jahr 1990. Dieses Album nimmt in der Diskografie der Band aus Santa Barbara einen besonderen Platz ein. Zum einen hatte sich der Sound deutlich gegenüber den beiden Vorgängern „Duh“ (1992) und „Trashed“ (1994) geändert. Während diese beiden Alben noch merkliche Einflüsse aus dem Metal und härteren Passagen vorweisen, sind diese auf „Hoss“ gänzlich verschwunden. Vielmehr entwickelten LAGWAGON hier ihren eigenen, unverwechselbaren Sound, der zu ihrem Alleinstellungsmerkmal werden sollte, nicht nur im Hause Fat Wreck. Wo die Kalifornier um Mastermind Joey Cape die Härte aus ihren Songs nahmen, setzten sie nun auf mehr Tempo.
Umso bemerkenswerter, dass LAGWAGON im gleichen Maße auch den Anteil ihrer Melodien erhöhten. Trotz aller Melodik gibt es noch einige düstere Songs auf „Hoss“, die zeigen, wo LAGWAGON eigentlich herkommen. Beispiele hierfür sind „Sick“, „Rifle“ und „Ride the snake“. Und genau diese perfekte Mischung macht „Hoss“ zu dem für mich besten Album der Band! Einen wesentlichen Beitrag hierzu leistete mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der Wechsel zur Produzentenlegende Ryan Greene, der dem Album den unverkennbaren Fat Wreck/Epitaph-Sound verliehen hat. Vielleicht erklärt dies auch, dass „Hoss“ der Band endgültig zum internationalen Durchbruch verhalf. Zumal die Veröffentlichung genau in die Hochzeit der dritten Punkwelle Mitte der 1990er Jahre fiel. In der Folge wurden LAGWAGON neben NO USE FOR A NAME zum absoluten Zugpferd für Fat Wreck und überhaupt die ganze Szene in Südkalifornien. LAGWAGON surften auch in den Folgejahren erfolgreich auf eben dieser Welle und veröffentlichten mit „Double Plaidinum“ (1997) und „Let’s Talk About Feelings“ (1998) noch im selben Jahrzehnt ihre Alben Nummer vier und fünf. „Let’s Talk About Feelings“ stellt allerdings bereits einen Wendepunkt dar. Denn die Songs wurden langsamer, poppiger und eintöniger. Mit dem Abebben der Punkwelle Anfang der 2000er gerieten auch LAGWAGON irgendwie etwas unter die Räder und konnten in den Folgejahren nicht mehr an ihre Qualität anknüpfen. Mit „Blaze“ (2003) und „Resolve“ (2005) folgten zwar noch zwei Alben, aber diese fristen in meiner Plattensammlung tatsächlich nur ein Dasein als Sammlungsvervollständiger. Danach wurde es für knapp zehn Jahre sehr still um LAGWAGON und man dachte zwischenzeitlich an eine Auflösung. Umso überraschender erschien dann 2014 „Hang“, das musikalisch zurück zu den Anfängen führte, indem es wieder härtere und sozialkritischere Songs enthielt. Mit „Hang“ hatten mich LAGWAGON – glücklicherweise – wieder zurückgewonnen. Und dennoch bleibt „Hoss“ das Album meiner Wahl, wenn es um LAGWAGON geht.

Anzeige