
„Hot Charity“ erschien im August 1995, als zweites von drei RFTC-Alben in einem Jahr, die Sänger und Gitarrist Speedo später als Trilogie bezeichnete. Im April 1995 durften sich die Fans über die EP „The State Of Art Is On Fire“ freuen, im Oktober schon über das Album „Scream, Dracula, Scream!“. Schiere Produktivität und Kreativität, die Band war wohl auf dem Höhepunkt ihres Schaffens.
Dabei hatte es für „Hot Charity“ denkbar schlecht begonnen. In den Linernotes des später erschienenen CD-Reissues beschreibt Speedo das ganze Desaster recht ausführlich. Der vom neuen Label Interscope vorgeschlagene Produzent hatte sich als Fehlgriff entpuppt, die Aufnahmen waren von der Band verworfen und nie veröffentlicht worden. Mit Sally Browder ging es dann in die Ocean Studios in Hollywood, um das Album neu einzuspielen. RFTC nahmen auch einen neuen Song auf, „My arrow’s aim“. Um Geld zu sparen, fand der Mix in dem billigeren Devonshire Studio statt, das nach den Sessions prompt pleite ging. Was auch erklärt, warum es bis zur Wiederveröffentlichung sieben Jahre dauerte: Die Masterbänder waren von der Bank beschlagnahmt worden! Die Band war auch mit diesen Aufnahmen nicht zu 100% zufrieden, hatte aber offensichtlich schon das Nachfolgealbum im Köcher und keine Geduld mehr. Wir hören neun Songs in weniger als 28 Minuten. Der Opener „Pushed“, quasi ein Instrumentalsong, leitet ein dauerhaftes Feuerwerk ein.
Die Besetzung Speedo (gt, voc), ND (gt, voc), Petey X (bs, voc), Apollo 9 (sax, voc), JC 2000 (trumpe, voc) und Atom (dr) liefert hier die volle Breitseite. Sie kombinieren Rock’n’Roll mit cleveren Punkriffs, die Bläser treiben die gut geölte Rhythmusmaschine an. Als Gäste finden wir Frank Daly (back voc), Ray Kelly (cello), James Ross (viola), Don Palmer und Jay Rosen (violins). Das Artwork stammt von Mark Waters. Das Cover hat einen schicken Prägedruck, in der Erstauflage war das Vinyl transparent rot. Mit der Kohle des Majordeals im Rücken leistete sich die Band einen damals recht ungewöhnlichen Schritt: Die LP wurde durch eine sechswöchige Gratis-Tournee unterstützt, es wurde also bei den Konzerten kein Eintritt verlangt. Ebenso ungewöhnlich war, gerade weil RFTC noch keinen einzigen Ton für Interscope veröffentlicht hatten, dass der Vertrag eine Klausel enthielt, die der Band gestattete, für andere Labels LP-Aufnahmen zu machen. Das erklärt eventuell auch, warum das Album zuerst nur auf Perfect Sound Records erschien, ein Fantasie-Label, das eigentlich der Band gehörte. Die LP-Auflage war limitiert und bald vergriffen, die Songs wurden aber 2002 auf Speedos Label Swami Records als Teil der Compilation „Hot Charity/Cut Carefully And Play Loud“ als CD wiederveröffentlicht.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Jürgen Schattner