35 Jahre später: DIE LASSIE SINGERS

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... helfen dir! (CD/LP/MC, 1991, Sony/Columbia)

An einem Samstag im Jahr 1990 wurde im Eiszeit-Kino kurzfristig eine Lesung abgesagt. Ich lief mit einem Bekannten leicht enttäuscht die rumpelige Treppe des Kreuzberger Hinterhauses hinab, als Interessantes erklang: DIE LASSIE SINGERS hatten soeben die Bühne geentert. Ich: „Das klingt, als würden ABBA Lieder von SEX PISTOLS spielen.“ Kumpel: „Komm, rauf.“ Sternstunde: drei Frauen mit Talent und mehrstimmigem Gesang, lustige Texte, aber offensichtlich nur wenig Interesse an perfekter Darbietung. Dazu zwei Männer (gt, dr). Zu hören gab es Lieder wie „Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht“ und „Warum nette Mädchen niemals glücklich werden können“. Später wurde dem Schreiberling über dubiose Umwege eine Kassette zugespielt, die das zu erwartende Debütalbum der Band enthielt.
Auch bei den Mitbewohnern der autonomen Fabriketage kam die Musik gut an, und die Kassette ging durch Dauereinsatz kaputt. Tricks wie Bleistift in die zwei Dreh-Dinger stecken und mit Kleber das gerissene Band kitten halfen nicht. Als Monate später die CD erschien, war das Erstaunen groß. Was stand da drauf? Sony?! Industrie?! Wie kam eine so interessante undergroundige Band mit LoFi-Charme zu einem Global Player? Wir wussten es nicht. Aber die CD lief monatelang rauf und runter. Feinster Rumpel-Pop, Punk mehr hinsichtlich der Attitüde als der Musik. Toller Gesang. Texte über Liebe, Leid, Alkohol, runtergerockte Wohnungen, Weltsichten von Waschmaschine und Wellensittich sowie „Das letzte Biest am Himmel“ (EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN). TOCOTRONIC wurden live gecovert, wobei der häufige Vergleich mit der Hamburger Schule etwas schräg wirkt, trotz Freundschaften mit Rocko Schamoni und Funny van Dannen. Dessen schöner Text „Falsche Gedanken“ ist auf dieser Platte vertont.
Das Lied „Wir wollen gar nicht besser sein“ über Leute, die über die Qualität der Band schimpfen, wurde von der Realität überholt: Von der Gründung 1988 bis zur Auflösung 1998 (inklusive eines Abschiedskonzerts im SO36) wuchs der Bekanntheitsgrad der Band stetig. Es kamen drei Alben via Sony/Dragnet, neue Songs wurden mehr und mehr melancholisch, was einen Vorgeschmack auf die nachfolgende Band BRITTA und die Solo-Werke von Mitbegründerin Christiane Rösinger bietet. DIE LASSIE SINGERS existierten für die Dekade, als die Stadt noch von einer Mauer umgeben war bis zu einem Zeitpunkt, in dem klar wurde, dass das mit dem wilden Abenteuerspielplatz Berlin vorbei ist. Das mit der tollen Musik und deren Einfluss hingegen nicht. Bis heute singt der Schreiber gerne mit, wenn DIE LASSIE SINGERS skandieren: „Ich bin nicht Skippy, nicht Miss Piggy, ich seh nicht aus wie Twiggy ... ich will ein Lassie Singer sein!“

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