
1987 muss es gewesen sein, als bei mir nach all den Platten über Bullenschweine und Staatsfeinde eine unscheinbare LP auf den Plattenteller kam: Das Cover bestand aus einem Schwarzweißfoto und dem Namen der Band: EA80. Die Musik war völlig anders, ich empfand sie als eher passiv, düster und die Texte unterschieden sich auch wesentlich vom klassischen „Deutschpunk“. Statt über den scheiß Polizeistaat sang die Band über eine Begegnung im „Café am Ostpark“. Schnell hörte man von Gerüchten, wie etwa dass die Band strikt genau zwölf Konzerte im Jahr spielen würde. Dass es keine Fotos von ihnen gab, sie niemals ein Interview geben würden und in der ominösen Beethovenstraße 6 in Mönchengladbach, die als Adresse auf den Platten angegeben war, die Rollläden dauerhaft runtergelassen waren. Sie sich quasi der Verweigerungshaltung von Punk verweigern würden, indem sie sich völlig entzogen. 1
990 erschien dann „Zweihundertzwei“ als fünfte LP. Gerade zum richtigen Zeitpunk, die deutsche Einheit nahte und Depressionen hatten wir alle genug. Stunden um Stunden zog man sich alleine oder mit Freunden die perfekte Vertonung unserer Depris rein. Die Gitarre warf gleich beim ersten Song „Innenraum“ Klänge ins WG-Zimmer, die mich erschaudern ließen. Im Zusammenspiel mit den Texten, die heute mit einer Triggerwarnung versehen wären, kamen uns die Tränen. „Manchmal bin ich glücklich / Und traurig zugleich“, wie es in einem Song heißt. Nachdem man „nicht mehr weinen“ konnte („Balsam“) folgte mit dem 30-sekündigen Stück „Nah“ der künftige erste Track jeder Mix-Kassette, die das Girl bekam, in das man verliebt war. Nach dem unweigerlichen Ende wurde er dann eben der letzte auf der Abschieds-MC. Auf der beiliegenden Single wurde dann eher geholzt („90 Augen“, „N.k.P.“). Layouttechnisch blieb man sich treu – unscheinbar schwarz und weiß, die Texte mit Schreibmaschine getippt.
Die LP war perfekt. Sie war, ist und bleibt die Nr. 1 in meiner gesamten Sammlung. EA80 veröffentlichen bis heute weiter ihre Musik, alles blieb gleich und ist dennoch anders: Der erste Schock war ein Farbfoto auf dem Cover von „Schweinegott“. Langsam wurde aus dem sich Entziehen dann Kult – nicht nur ein Pkw-Nummernschild endet mit EA 80. Ihre Veröffentlichungen wurden zunehmend „lustig“: rückwärts abzuspielende Singles, eine Split-7“, zu deren Song der Plattenarm nicht reichte, in die Innenhülle gedruckte Texte, Songs in wechselnder Geschwindigkeit auf einer Seite einer LP, Fehlpressungen sowohl beim Vinyl als auch auf CD, neu eingespielte Songs auf einer selbst gebrannten CD, die nur auf einem Konzert erhältlich war, oder eine in Stein gemeißelte 7“, von der ein Exemplar an den Gladbacher Mühlsteinen, unweit der Kontaktadresse, vergraben wurde. „Und wer weiß / Am End(e)/ Was das war / War alles wahr“.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Roman Eisner