
Wie viele Bands der 77er-Generation können für sich beanspruchen, bis heute – gewiss mit Unterbrechungen und personellen Auszeiten – in Originalbesetzung unterwegs zu sein? Die Antwort dürfte auf der Hand liegen: eine Handvoll, wenn überhaupt. Wenn man den Kreis dann noch weiter einengt auf diejenigen, die noch relevante neue Musik herausbringen, dann sind es wirklich nur noch wenige. Hier soll es aber nicht um neue Musik gehen, sondern um das Debüt einer meiner absoluten Lieblingsbands.
X wurden 1977 in Los Angeles vom aus Illinois stammenden Bassisten und Sänger John Doe und dem in Kalifornien geborenen Gitarristen und Multi-Instrumentalisten Billy Zoom gegründet. Vervollständigt wurde das Line-up durch John Does Freundin Exene Cervenka, die er im Kurs für kreatives Schreiben kennengelernt hatte, sowie durch Schlagzeuger und Vibrafonist D.J. Bonebrake. Gerne stoße ich DOORS-Fans damit vor den Kopf, dass deren einzige Daseinsberechtigung ihr Anteil am Soundtrack zu „Apocalypse Now“ ist – und die Tatsache, dass Keyboarder Ray Manzarek die ersten vier Alben von X produzierte. Irgendwie hatte der ’68er-Veteran einen Narren an der Band gefressen. Bei frühen Live-Videos von X sieht man ihn auch öfter beim Ausdruckstanz auf der Bühne – ein Ritual, über das sich Billy Zoom nur bedingt freuen konnte. Als er und John die Band gründeten, nachdem Billy die RAMONES gesehen hatte und auf der Stelle beschloss, dass eine neue Zeit angebrochen sei, waren sie beide bereits routinierte Musiker, genauso wie D.J., der schon bei THE EYES und den GERMS getrommelt hatte. Lediglich Exene hatte bis dahin keine Banderfahrung, dafür brachte sie in Form von Gedichten einen reichlichen Vorrat an Textideen mit. Etwas, das bis heute ein Bandmerkmal geblieben ist. Genauso wie der Gesang von John und ihr. Die RED HOT CHILI PEPPERS sangen einst über die Stimme von John Doe, sie sei aus Gold gemacht. Sein weibliches Gegenüber klingt dagegen seit jeher so, als würde sie leicht danebenliegen. Aber auch das gehört zum Trademark-Sound des Debüts.
Und die Songs hatten es in sich. „Your phone’s off the hook, but you’re not“, „Johnny hit and run Paulene“, „Nausea“ oder „The unheard music“ sind bis heute nicht aus der Setlist wegzudenken. Sogar die Coverversion des DOORS-Klassikers „Soul kitchen“ stand ihnen gut zu Gesicht. Der Überflieger ist und bleibt aber der Titelsong „Los Angeles“, das perfekte Lied für Autofahrten mit heruntergekurbelten Fenstern, am besten brüllend laut. Los Angeles war eben der Anfang einer Reise von vier totalen Individualisten, die bis heute andauert. Und es lohnt sich, in deren Welt einzutauchen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Kent Nielsen