
Zu weichgespült, zu kompliziert und wenn mal hart, dann gleich mackerhaft ... das sind alles Eigenschaften, die auf ABRISS ganz klar nicht zutreffen. Die Dortmund-Münster-Kombi scheppert kurze Songs, knappe Lyrics, keine Arschloch-Moves. So auch auf ihrem neuen Album „Kill Your Idyll“. Was sagt die Szenepolizei dazu, was kann Deutschpunk 2025 noch? Wir fragten, Alex (gt) und Maz (bs) antworteten.
Alex, in Ox #134 hast du den äußerst zitierfähigen Satz „Es muss einfach scheppern, dann sind wir glücklich.“ von dir gegeben und weiter: „Wenn man jetzt böse wäre, würde man sagen, dass auch guter Hardcore aus Deutschland immer seltener wird, da sich die Leute mehr in Richtung Black Metal oder Noise orientieren. Braucht kein Mensch.“ Bleibt’s dabei, Black Metal ist Mist?
Alex: Wirklich ein schöner Satz. Manchmal habe ich helle Momente. Ich muss gestehen, dass ich aktuell recht viel Black Metal höre. Mittlerweile gibt es ja auch genügend Sachen, die man sich guten Gewissens geben kann. Ich finde diese ganze Black-Metal-Welt insgesamt interessant bis unterhaltsam, weil sich dort anscheinend eine Menge verrückter Menschen rumtreiben, also wirklich verrückte. Anders lässt sich dieses ganze religiöse sowie nationalistische Gehabe ja nicht erklären. Aber Punkseidank gibt es ja in dem Feld auch genügend spannende Künstler:innen, die auf der richtigen Seite stehen. Nur Noise bleibt der letzte Dreck, da werde ich mir treu bleiben.
Maz: Also ich verstehe Black Metal bis heute nicht und schaue mich dann lieber nach gutem Hardcore-Punk im Ausland um.
Wie wichtig ist euch der Rahmen bei Auftritten? Früher gab es insbesondere im dörflichen Jugendzentrum häufig Konzerte mit Bands von Reggae über HipHop bis Metal am selben Abend. Wäre das für euch ein Problem, neben MC Dingensbummens und einer Black-Metal-Band zu spielen?
Alex: Wenn MC Dingensbummens gut drauf ist und die richtige Einstellung an den Tag legt, dann spielen wir auch gerne mit dem. Das Genre ist hier nicht entscheidend, die Attitüde umso mehr. Wir sind ja ein supersympathischer und intelligenter Haufen. Patrioten, Machos und Ballermann-Partygesellschaften lehnen wir dementsprechend kategorisch ab.
Maz: Bin da bei Alex. Solange das Bier kalt ist und die Pennsituation altersgerecht unseren mittelalten Körpern entgegenkommt, finde ich auch das dörfliche Jugendzentrum samt Delulu-Line-up total fein. Da gibt’s häufig noch einen schönen Infotisch, engagierte Kids und ’ne asoziale Aftershowparty. Wäre mal wieder Zeit!
Ihr haltet die Deutschpunkfahne hoch. In „Friedrich Schwers“ zitiert ihr VORKRIEGSJUGEND auch im Text. Ich feiere auch das TOXOPLASMA-Zitat aus „Wir warten“ mit „den letzten holt die Bundeswehr“ in eurem Song „Müser’s Kabinett“. Was kann Deutschpunk 2025 noch?
Alex: Ich freue mich, dass dir die vielen kleinen Verweise in den Texten auffallen. Damit verneigen wir uns natürlich vor den großen Helden unserer Jugend. Deutschpunk ist ja zeitlos und wird immer notwendig sein. Ich freue mich regelmäßig, wenn ich auch heute noch aktuelle und frische Bands kennenlerne, die eine gute Einstellung und die richtige Energie haben. Bei uns in Dortmund gibt es ja zum Beispiel FLASCHENBECHER. Ich glaube, die sind ziemlich gut. MÜNZMIKROWELLE machen auch viel los. BLAMAGE aus Essen dürfen auch gerne mal ausgecheckt werden.
Maz: Deutschpunk 2025 ist mir leider an vielen Stellen zu langweilig und auch zu viel Hippie. Ich finde, das mit Abstand Punkigste, was ich dieses Jahr kennenlernen durfte, ist die Band AUGN.
Passenderweise geht’s in „Biedermeier“ um die sogenannte „Szenepolizei“, oder? „Bullenterror in den eigenen Reihen. Ramm deine Schnauze noch ein bisschen mehr rein. Schreib ne Kolumne im Punkreferat! Der Stock in deinem Arsch wird doch nicht zum Rückgrat.“ Wenn ich die Lyrics höre, sehe ich vor meinem inneren Auge ein Plenum, das sich kaputtdiskutiert und sich selbst im Weg steht. Interpretiere ich das richtig? Wie ist da euer Standpunkt? Welche Erfahrungen habt ihr selbst gemacht? Insbesondere Maz als Labelbetreiber von Spastic Fantastic ...
Alex: Das stimmt. Hier geht es um die sogenannte Szenepolizei. Punk ist uns allen ja durchaus eine Herzensangelegenheit, die hier mit einer gewissen Ernsthaftigkeit betrieben wird. Ist ja hier nicht wie bei Lars Klingbeil zu Hause, der irgendwann das Piercing rausgenommen hat und jetzt zum Einschlafen das Parteibuch auf den Nachttisch legt. Es liegt in der Natur der Sache, dass Punk ein Sammelbecken für viele skurrile Persönlichkeiten und auch Meinungen darstellt, was ja auch so sein darf und soll. Und da ich Punk nicht als exklusiven Club verstehe, halte ich es auch aus, wenn einzelne Personen in gewissen Punkten andere Ideen haben als ich. Ich darf auch einzelne Personen scheiße finden. Es würde mir aber nicht einfallen, Definitionen und Spielregeln aufzustellen, wer hier mitmachen darf und wer nicht. Wer bin ich denn? Und wenn sich Punk irgendwann in eine Richtung entwickeln sollte, mit der ich gar nichts mehr anfangen kann, dann nehme ich einfach meinen Hut und gehe und überlasse anderen Leuten das Feld, was ja absolut in Ordnung ist.
Maz: Alex hat das schon sehr schön beschrieben. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass man selbst im Punk und in der Linken schnell auf Widersprüche stößt, und mittlerweile ein ganz gutes Gespür entwickelt, mit wem man über was diskutieren kann, möchte oder es gleich besser lässt. Viele suchen das richtige Leben im Falschen, möchten sich dafür aber nicht so gerne bewegen, außer gegebenenfalls im Kreis. Mit irgendwelchen Soziologiestudent:innen im 20. Semester über Nahost zu diskutieren, versuche ich gelegentlich zu vermeiden.
Ihr spielt recht wenig live. Was ist da los? Sind die Kids da ein Hemmnis? Inwiefern verändern die den (Band-)Alltag?
Alex: Wir haben zuletzt tatsächlich weniger live gespielt. Es gab ja diese pandemische Zwangspause und als irgendwann wieder mehr Aktivitäten möglich waren, fiel es uns erst mal schwer, wieder von der Couch hochzukommen. Zudem konnten wir ja während der Pandemie nicht proben und haben stattdessen entdeckt, wie viel Spaß auch Sex machen kann. Da mussten wir uns dann erst mal ausprobieren, so dass wir Stand heute sage und schreibe sieben Kinder in der Band haben. Da wir aber sowieso nie viel geprobt haben, habe ich nicht das Gefühl, dass das die Bandaktivitäten groß beeinflusst. Ich habe eher den Eindruck, dass wir als Band nicht gut aus der Pandemie rausgekommen sind und es dadurch etwas ruhiger um uns geworden ist. Aber da wir ja jetzt eine neue Platte veröffentlichen, bin ich guter Dinge, dass wir bald wieder häufiger live spielen werden.
Und wann sieht man euch beim Ruhrpott Rodeo?
Maz: Ich habe da schon gespielt, fühlte mich aber an dem Tag, auch als Teil einer Band, die für mehr Reichweite als jeder Werbe-Euro gesorgt hatte, nicht wertgeschätzt und persönlich angegriffen, als es für den kompletten Aufenthalt inklusive Gig zum Beispiel satte drei Wertmarken pro Mitglied gab. Das habe ich Ruhrpott-Alex damals auch gesagt. Ich glaube, wir werden keine großen Freunde mehr und für mich sieht das Line-up auch jedes Jahr gleich aus. Ich respektiere aber seine Arbeit und Selbstaufgabe für die Sache. [Anm. d. Red.: Zum Ruhrpott Rodeo 2016 hat ein Brief Schlagzeilen gemacht, in dem Festivalmacher Alex Schwers angeblich vom Bürgermeister der Stadt Gladbeck dazu aufgerufen wurde, dass Maz’ damalige Band MANN KACKT SICH IN DIE HOSE auf dem Festival spielen sollte. Die Geschichte hat bundesweit für Aufsehen gesorgt.]
Wer würde denn – neben ABRISS natürlich – auf einem von ABRISS kuratierten Festival spielen?
Maz: Ich würde auf einem Abriss Konzert vermutlich aus der Riege noch cooler, aktiver und integrer Headlinerbands HAMMERHEAD und TOXOPLASMA spielen lassen, aus der Reihe toter Bands aus aller Welt würde ich 86 MENTALITY einladen und gönne auch ein paar von unseren Freunden noch einen schönen Platz um 15:30 Uhr: MIST. Man könnte meinen, ein solches Festival gibt es bereits.
Alex: Von Simon weiß ich, dass er FEARLESS IRANIANS FROM HELL und CHAOS Z spielen lassen würde. Ich bringe auf jeden Fall die größte Hardcore-Punk-Band aller Zeiten auf die Bühne, CRISPUS ATTUCKS. Aus Deutschland die absolut großartigen BOMBENALARM, weil die mir ebenfalls super wichtig waren. Und jetzt muss ich mich bei meinen Mitmusikern vermutlich entschuldigen, aber wenn ich schon mal die Chance hätte, würde ich noch gerne TYPE O NEGATIVE sehen, was ich zu Lebzeiten leider versäumt habe und der Stachel sitzt tief. Aber als letzte Band des Abends gegen zwei Uhr nachts mit einer guten Dosis Rotwein im Blut sicherlich ein würdiger Abschluss.
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