© by Olle PetterssonBei ihrem Debütalbum „From The New World“ wurden ALLT für ihren progressiven, Thall-geprägten Metalcore gefeiert. Dass die Schweden nun am 31. Juli den Nachfolger an den Start bringen, ist trotzdem gar nicht so selbstverständlich: Kurz vor den Arbeiten zu „Ataraxia“ entdeckte die Band einen hohen Schuldenberg, von dem sie bis dahin nichts wusste, dann wurde Gitarrist Viktor Florman Vater und andere Bandmitglieder erwogen, ein Studium zu beginnen. ALLT standen kurz vor dem Aus – wollten ihren Traum aber noch nicht aufgeben. Frontmann Robin Malmgren erzählt uns, wie das zu einer Platte führte, die so persönlich und facettenreich klingt.
Ataraxia“ sollte haben, was „From The New World“ fehlte. In den vergangenen zwei Jahren waren ALLT viel auf Tour, haben vieles ausprobiert und gelernt. „Wir brauchen Songs, mit denen die Crowd interagieren kann, die nicht nur heavy sind, um heavy zu sein“, offenbart Robin. „Wenn die Leute mitsingen können, gibt uns das viel Energie, dann können wir umso mehr Energie zurückgeben. Darüber haben wir diesmal mehr nachgedacht.“
War ihr Debüt noch ein Konzeptalbum, das sich mit der postapokalyptischen Welt nach einem nuklearen Desaster befasste, präsentiert sich „Ataraxia“ nun nahbarer, dreht sich um die Gefühlswelt der Bandmitglieder im Hier und Jetzt. „Unsere Themen waren immer persönlich, aber in Geschichten eingebettet“, erklärt Robin. „Diesmal wollten wir ganz ehrlich damit sein, wie wir uns fühlen.“ Früher begann er einen Song mit einem Gefühl im Hinterkopf, schickte seine Idee aber unkommentiert an Gitarrist Olle Nordström, der sie nach eigenen Vorstellungen weiterentwickelte. Schlussendlich wurden beide Perspektiven kombiniert und in einer Story verpackt. Heute findet mehr Austausch statt, vor allem über die Emotionen. „Eine Band ist wie eine Beziehung“, erklärt Robin. „Wir sind inzwischen sehr ehrlich miteinander. Ich bin froh, dass wir diesen Punkt erreicht haben und über unsere Gefühle sprechen können und nicht nur Jungs sind, die Metal machen, grrr!“ Er lacht und ergänzt: „Es sind die Emotionen, die uns als Menschen definieren.“
Die Sonnenseiten des Älterwerdens
„Ataraxia“ ist ein Begriff aus dem Altgriechischen und beschreibt das Ideal der Seelenruhe, ein mentaler Zustand der Stille und Gelassenheit. Danach strebt auch Robin: „Mir nicht mehr ständig Gedanken zu machen, einfach versuchen, die beste Version meiner Selbst zu sein, das beeinflusst auch mein Umfeld.“
Als er 30 Jahre alt wurde, war es, als hätte sich ein Schalter umgelegt: „Ich mache mir nicht mehr so viel daraus, was andere denken – und habe verstanden, wie wichtig das ist.“ Doch in der heutigen Zeit mit ihrer Nachrichtenflut und Social Media wird die innere Ruhe schnell gestört: „Du scrollst und wirst mit Zeug gefüttert, das dich wütend macht. Dann sprichst du mit deinen Leuten darüber. Du lässt deine Zufriedenheit von etwas beeinträchtigen, auf das du selbst gar keinen Einfluss hast“, erläutert der Sänger. „Wir Menschen sind nicht dazu gemacht, zu jeder Zeit alles zu erfassen, was uns umgibt. Die Kriege und alles Schlechte ... Natürlich muss man sich damit beschäftigen, aber man wird schnell davon verschlungen und droht zu verbittern, ist anderen gegenüber abwehrbereit. Würden sich zwei Menschen ohne ein kontroverses Thema zusammensetzen, könnten sie vielleicht beste Freunde werden. Und wenn es dann später zur Sprache kommt, könnten sie wie normale Menschen darüber reden.“
Auch Emotionen und Verletzlichkeit zuzulassen, wird mit den Jahren leichter. „Wenn man aufwächst, versucht man, sich anzupassen, selbst wenn man sich das nicht eingestehen will. Ich habe ADHS und wollte meine Probleme damit nie zugeben, um nicht in eine Schublade gesteckt zu werden. Vor zwei Jahren habe ich endlich mal mit jemandem darüber gesprochen, nehme jetzt Medikamente – Dinge, die ich früher abgelehnt habe. Es fühlte sich immer so an, als wäre nur man selbst so. Man verstrickt sich leicht in seine eigenen Gedanken.“
Nicht zuletzt im Rahmen der Albumproduktion hat Robin sich erlaubt, sich mehr zu öffnen, nicht mehr zu schämen. „Wenn du erst mal anfängst, darüber zu sprechen, merkst du, dass du gar nicht alleine bist. Und dann rufen dich andere auch mal an, wenn sie sich schlecht fühlen“, offenbart er und beteuert: „Das ist so wichtig. Mein Umfeld, meine Freundin merkt, wenn ich etwas mit mir herumtrage. Und sich selbst helfen, das funktioniert nicht.“
Herausforderung angenommen
„Ataraxia“ wartet mit einem diversen Sound auf, mehr Flow, mehr Clean Vocals und Spoken Word – die Band schöpft ihre Inspiration aus einem bunten Genre-Pool. „Wir lernen noch immer, wie man Musik schreibt. Wir fordern uns selbst, wollen nicht einfach einen harten Breakdown einfügen, wenn wir nicht wissen, wie wir den Flow eines Songs aufrechterhalten sollen. Die Leute denken, es sei einfach, Popmusik zu schreiben. Nein, ist es nicht. Eigentlich ist es schwieriger. Einige meiner Freunde sind Pop-Produzenten. Alle haben einen Background im Metal, aber sie lieben die Herausforderung.“ Das gilt auch für die Produzenten, mit denen ALLT zusammenarbeiteten, darunter James Carey und Dylan Mitrovich. Letzterer ist aktuell für den phänomenalen Live-Sound von BAD OMENS mitverantwortlich.
Einige Songs forderten Cleangesang – und somit auch Robin, der bislang fast ausschließlich auf Screams setzte. „Das hat mich ganz schön gestresst, aber es war ja meine eigene Schuld, weil ich die Songs genau so geschrieben habe“, erklärt er lachend. „Früher war es mir total peinlich zu singen und dann auch noch vor Publikum. In der Schule sollten wir mal eine Akustikversion von ‚Tears don’t fall‘ aufführen, da habe ich mich krankgemeldet. Letztendlich waren es Olle und Viktor, die mich dazu verdonnert haben, der Frontmann zu sein.“ Auch hier brachte die Zeit Selbstvertrauen: „Je älter man wird, desto mehr lässt man los. Und irgendwann realisierst du: Nichts ist wirklich so ernst, wie du glaubst. Tu das, was dich und die Leute um dich herum glücklich macht.“
© by Fuze - Ausgabe #119 August/September 2026 und Jeannine Michèle Kock
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