© by JubelschuppenFür viele, die in den 1990er Jahren aufgewachsen sind, ist der Skatepunk dieser Zeit der prägende Sound. NOFX, LAGWAGON, NO USE FOR A NAME, MILLENCOLIN – das waren damals die angesagten Bands. So erging es auch dem Quartett aus dem Ruhrgebiet, wie uns Schlagzeuger und Songwriter Markus erklärt.
Ihr nennt euch ANGRY YOUTH ELITE, seid aber mittlerweile alle Ü40. Inwieweit könnt ihr euch damit identifizieren? Wie viel von einem wütenden Teenager steckt noch in euch?
„Young until I die“ ist ein Motto, das ich oft zitiere. Klar, wir sind alle in den 40ern, wir versuchen aber, im Herzen jung zu bleiben. Klappt mit Family, Job, Kids und Co. nur nicht immer zu 100 %. Wir bleiben am Ball. Somit passt der Bandname in meinen Augen ganz gut, auch wenn unser Alter dagegenspricht. Der Name war ursprünglich eine Anspielung auf „Angry days“ von LAGWAGON. Deshalb funktioniert er für uns auch heute noch. Und Anger, also Wut gehört für mich dazu. Eine gesunde Wut hält einen wach. Es passiert so viel auf der Welt, das einen runterziehen kann. Die ganzen Kriege, der Rechtsruck, der Populismus. Wenn man da nicht aufpasst, stumpft man ab. Gleichgültigkeit ist keine Lösung. Man muss sich zusammentun und aktiv bleiben oder wenigstens eine gute Zeit haben, um nicht unterzugehen.
War es eine bewusste Entscheidung, jetzt statt eines Albums mit „Unite & Fight“ eine EP zu veröffentlichen?
Wenn wir bewusst planen würden, würden wir wahrscheinlich alle zwei Monate Singles rausbringen. Musik wird heute ganz anders gehört, so dass klassische Album / EP-Release kaum noch sinnvoll sind. „Unite & Fight“ ist im Grunde ein Überbleibsel aus der „All Riot“-Session. Wir hatten damals mehr Songs aufgenommen, als auf das Album gepasst haben. Die sind jetzt auf der EP erschienen. Für uns war das perfekt, weil wir endlich eine Vinyl-7“ rausbringen konnten. Wirtschaftlich macht das keinen Sinn, aber wir hatten einfach Lust darauf. Mit etwas Abstand haben wir die vier Songs wieder neu entdeckt und schätzen sie heute sogar mehr als damals. Durch die drei Singles, die wir vorab veröffentlicht haben, hat jeder Titel nun seinen eigenen Platz bekommen. Unser Ziel ist es ja, dass jeder Track, den wir veröffentlichen, auch gehört wird ... Beim Albumformat hast du direkt ein paar Nummern, die gefühlt unter die Räder kommen.
Aus euren Wurzeln macht ihr ja keinen Hehl, 1990er-Skatepunk steckt durch und durch in eurem
Sound. Mit „Bring back the 90s“ gibt’s sogar einen klaren Verweis darauf. Was genau wünschst du dir aus diesem Jahrzehnt zurück?
Wir haben zu dem Song viele kurze Clips für Insta gedreht und alte Geschichten aus den 1990ern erzählt. Das war ein richtig schöner Abend beim Dreh. Jeder hatte seinen Schuhkartons mit Tickets, Fotos und Utensilien aus den 1990ern mitgebracht und wir haben uns sooo gute Geschichten erzählt. Charly hatte damals Demos an Fat Wreck und Burning Heart geschickt und sich Kataloge aus den USA bestellt. Da gab es so viele Dinge, die heute nicht mehr denkbar sind. Neue Bands zu entdecken, war richtige Detektivarbeit. Insgesamt finde ich, dass es eine einfachere Zeit war. Vielleicht lag das auch daran, dass wir jung waren, aber alles fühlte sich leichter und unbeschwerter an. Die Begeisterung für neue Musik war riesig. Dieses Gefühl wünsche ich mir manchmal zurück. Natürlich haben uns die 1990er Jahre geprägt, aber wir sehen uns nicht als Nostalgieband. Wir schreiben über das, was uns heute beschäftigt, und die Musik, die wir heute gerne hören wollen. In der Tat hatten wir uns sogar überlegt, mal ein eigenes kleines Fanzine auf dem Kopierer zu machen und es auf unseren Shows zu verteilen. Wenn ich darüber nachdenke, ja, dieses ganze Haptische aus der Zeit wünsche ich mir zurück. Und ich würde manche Platten von damals gern noch einmal so hören, als wäre es das erste Mal.
Was könnten Bands von heute von der Szene der 1990er lernen?
Wir sind mit dem DIY-Gedanken groß geworden und profitieren noch heute davon. Zudem war es in damals selbstverständlich, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam etwas aufzubauen. Nur so ging es vorwärts. Heute ist Musikmachen einfacher und es scheint einem durch das Internet die ganze Welt offen zu stehen, aber Sichtbarkeit zu bekommen ist deutlich schwieriger. Heute höre ich immer wieder, wie schwierig es für Bands ist, Auftrittsmöglichkeiten zu bekommen. Früher hat man sich dann einfach mit seiner Backline und einem benzinbetriebenen Stromerzeuger vor ein Venue gestellt und für die wartenden Zuschauer gespielt. War schon cool. In jedem Fall habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich gerne mal mit der Erfahrung von heute in den 1990ern neu mit einer Band anfangen würde, haha! „Zurück in die Zukunft“-Style. Nur auf den Transport einer 8 x 10-Bassbox könnte ich heute verzichten.
NOFX haben gerade aufgehört, Tony Sly ist schon über zehn Jahre tot, viele alte Helden verschwinden.
Gibt es Bands, bei denen du das Gefühl hast, sie tragen diesen 1990er-Spirit weiter?
Ja, auf jeden Fall. Gerade in Deutschland und Europa gibt es viele gute Bands, die diesen Geist lebendig halten. HELL & BACK, MELONBALL, SMALL STATE oder STRAIGHTLINE gehören da für mich auf jeden Fall dazu. Die neue EP „Stand Defiant“ von den RASKOB RAILS finde ich ziemlich stark. Der Song „Back again“ erinnert mich angenehm an Tony Sly. Auch die letzte Platte von URETHANE finde ich ganz gut. Und international gibt es Bands wie THE PARADOX oder SUPER SOMETHING, die ich irgendwie entdeckt habe und da immer mal gerne reinhöre. Natürlich haut mich heute nichts mehr so um wie damals, als ich zum ersten Mal „Punk In Drublic“ gehört habe. Aber das ist auch okay. Wenn doch wieder neue Platten von Bands – wie aktuell – ALKALINE TRIO oder den BOUNCING SOULS rauskommen, zeigt das, dass da immer noch was ist, worauf man sich freuen kann. Ansonsten geben wir als ANGRY YOUTH ELITE natürlich weiter Gas, um ein bald wieder ins Studio zu gehen und neue Songs aufzunehmen.
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