
Nein, Trägheit kann man den vier Herren von ANGRY YOUTH ELITE wirklich nicht vorwerfen. Nach ihrem letzten Album „All Riot“ aus dem Jahr 2023 kehren sie nun mit ihrer neuen EP „Unite & Fight“ zurück und beglücken Freund:innen des politischen Skatepunk mit ihrem feinen Gespür für Melodie und Härte. Dass es in ihren Songs jedoch um weit mehr geht, als nur um einen erhobenen Zeigefinger oder das nostalgische Schwelgen in alten Zeiten, erläutern Gitarrist Flo und Schlagzeuger Markus im folgenden Interview.
Nur knappe zwei Jahre nach eurem letzten Album „All Riot“ legt ihr nun mit „Unite & Fight“ neue Songs vor. Läuft gut bei euch, oder?
Markus: Ganz ehrlich, die Songs stammen noch aus der „All Riot“-Session und entstanden während der Corona-Zeit. Wir haben damals mit Michael Czernicki im Rock Or Die Studio 15 Songs aufgenommen, aber nur elf aufs Album gepackt. Die vier Stücke jetzt auf der „Unite & Fight“-EP sind also schon älter. Aber wir wollten damals ganz bewusst ein paar Songs aufheben, um sie später zu veröffentlichen.
Die neue EP erscheint wieder in Zusammenarbeit mit Bakraufarfita Records. Never change a winning team?
Flo: Absolut, ja. Wir haben mit Fö und Bönx von Bakraufarfita Records ein klasse Team an der Hand, das uns die Freiheiten gibt, unseren DIY-Skatepunk genau so zu machen, wie wir es für richtig halten.
Markus: Ja, das passt einfach. Viele – auch größere Bands – bringen ja mittlerweile ihre Musik ohne Label raus. Wir machen zwar immer noch viel selbst, aber wenn es darauf ankommt, ergibt es für uns absolut Sinn, mit Bakraufarfita zusammenzuarbeiten. Die haben einfach schon in vielen Dingen Erfahrungen gesammelt, von denen wir letztlich profitieren. Zudem geht es für uns im Punkrock darum, mit Leuten zusammen etwas Cooles zu erschaffen. Ich kenne diese lieben Menschen schon länger, und das fühlt sich für uns super gut an.
„All Riot“ bietet vier Songs in sieben Minuten Spielzeit, daher auch die passende Veröffentlichung auf 7“. Wie reizvoll ist dieses Format heute noch für Bands wie euch?
Flo: Vinyl erfährt ja schon seit längerem eine Renaissance und ich müsste lügen, wenn nicht bei mir auch in den letzten drei Jahren circa 200 Schallplatten „eingezogen“ wären. Eine Platte in den Händen zu halten, war früher schon ein tolles Gefühl und ich bin froh, dass das neben Streaming und Downloads wiederkommt. Früher war die Plattensammlung ja auch ein heiliger Schatz, in dem man förmlich versinken konnte. Das ging meiner Meinung nach durch mp3s verloren, war aber nie ganz weg. Was man nicht vergessen darf, sind allerdings die hohen Kosten einer Vinylproduktion. Aber dafür hat man am Ende mehr in der Hand, als nur einen digitalen Release auf irgendeiner Streamingplattform. Für mich gehört Vinyl einfach dazu, denn ein Release muss auch immer etwas Haptisches mit sich bringen. Bei dieser EP haben wir uns nur für die 7“ entschieden, weil wir es rundum für das beste Format halten. Wir haben die Plattencover selber zugeschnitten, gefaltet, die Scheiben eingetütet und so weiter. 100% DIY eben.
Markus: Rein wirtschaftlich ist das natürlich völliger Quatsch, so ehrlich muss man sein. Aber darum geht es letztlich ja auch gar nicht. Wir wollten einfach etwas Cooles machen. Unsere Platten sind übrigens aus Restfarben gepresst – wir wussten vorher also gar nicht, welche Farbe am Ende herauskommt. So hat jede Scheibe nun ihren ganz eigenen Charakter.
Beim bedeutungsschwangeren Titel „Unite & Fight“ wird sofort klar, dass es euch nicht an Inspiration fehlt, oder?
Markus: Vollkommen richtig! Die Songs sind schon ein paar Jahre alt, aber leider ist die Welt in der Zeit nicht besser geworden. Der Rechtsruck, Populismus, das Verschieben der Grenzen des Sagbaren. Das war und ist alles ist kaum noch erträglich. Wir wollten aber dennoch keine Platte machen, die nur den Zeigefinger hebt. Uns geht es auch um Zusammenhalt. Um die Menschen, die sich für ein offenes, friedliches Miteinander einsetzen. Wir haben zusammen sieben Kids – da denkt man automatisch darüber nach, in welcher Welt die aufwachsen. „Unite & Fight“ soll Mut machen, aktiv zu bleiben. Nicht jammern, sondern etwas tun – im Kleinen wie im Großen.
Ist die jugendliche Punkrock-Elite immer noch wütend genug? Oder fehlt es in der Szene heute vielerorts an einem klaren Bekenntnis zu den Werten des Punkrock, wie es vor allem in den 1980ern und 1990ern verbreitet war?
Flo: Ich weiß nicht, da müssten wir mal die jugendliche Elite fragen, haha. Vielleicht bin ich mit meinen Anfang 40 Jahren aber auch zu weit weg. Ich besuche immer noch regelmäßig Punkrock-Shows und empfinde es nicht so, dass Bekenntnisse zu den Werten des Punkrock fehlen. Was auch immer das sein mag. Mir ist allerdings aufgefallen, dass die Besucher viel rücksichtsvoller miteinander umgehen. Beim Pogo geht es nicht mehr ganz so rücksichtslos zu, wie es früher der Fall war, die Hände bleiben da, wo sie hingehören, und wem es nicht gut geht, dem wird geholfen. Das empfinde ich als eine wirklich gute Entwicklung. Konzertabende werden somit für jede Person möglich und ein Erlebnis – in der Regel ohne blutige Nasen und blaue Flecken.
Markus: Ich genieße, wie bunt und offen die Szene heute ist. Auf den Shows siehst du alles, von Teenagern bis zu Leuten, die schon lange dabei sind. Genau das ist Punkrock für mich. Ich mag es, wenn Kids auf Konzerten stehen und sich den Arsch abfreuen. Ich denke mir dann oft: „The kids are all riot.“
Wo wir schon bei den 1990ern sind: Auf der B-Seite der EP gibt es den Song „Bring back the 90s“. Was vermisst ihr am meisten an der damaligen Zeit?
Flo: Ich bin kein Mensch, der sagt, dass früher alles besser war. Früher war in erster Linie alles anders. An der damaligen Zeit vermisse ich auch gar nicht so viel, ich würde aber gerne noch mal diejenigen Dinge erleben, die ich damals zum ersten Mal erlebt habe: Die ersten Punk-Konzerte in den Jugendzentren im Umkreis, die ersten Auftritte mit meinen damaligen Bands, die Mixtapes mit Songs von WIZO, MOLOTOW SODA, GOLDFINGER oder LAGWAGON wieder neu entdecken. Ich erinnere mich immer wieder gerne daran, wie ich die Songs viel zu laut auf meinem Walkman in der Straßenbahn gehört habe. Das hat mich echt durch den Tag getragen. So was fehlt mir heute manchmal im Alltag.
Markus: Wir haben zu „Bring back the 90s“ unzählige Kurzvideos für Instagram gedreht – dafür haben wir uns einen ganzen Abend bei mir im Keller getroffen. Jeder hat seine alten Kisten aus dem Keller geholt – CDs, Tapes, alte Bandshirts ... Das war echt witzig, da dabei natürlich viele lustige Geschichten erzählt wurden. In den 1990ern war es schon wirklich cool und diese Jahre haben uns zweifellos geprägt, aber wir wollen natürlich Musik fürs Hier und Jetzt schreiben.
Apropos hier und jetzt: Wie erlebt ihr das Thema Booking und Live-Shows in den letzten Jahren?
Flo: Also man kann beobachten, dass die „großen“ Bands seit Ende der Pandemie immer wieder Konzerte ausverkaufen. Bei den Besuchern fehlt aber dann oft das Geld und die Bereitschaft, 15 bis 30 Euro für einen Abend mit unbekannteren Bands auszugeben. Das sollte meiner Meinung nach aber nicht davon abhalten, weiterhin „kleinere“ Konzerte zu veranstalten und als Band diese Abende zu bestreiten – egal, ob 5, 20 oder 50 Leute vor einem stehen. Meistens sind das die besten Abende! Generell ist es beim Booking essentiell wichtig, sich ein Netzwerk aus Clubbetreibern, Bands und Booking-Agenturen aufzubauen und am Ball zu bleiben. „Consistency is key“ – das klingt zwar etwas abgedroschen, ist aber wahr. Wir hatten sehr viel Glück, dass wir in den letzten Jahren an einigen Abenden für großartige Bands eröffnen durften. Aber ein Patentrezept fürs Booking gibt es einfach nicht.
Markus: Wir sehen uns als Live-Band. Das ist es, was uns antreibt. Ich muss gestehen: Ich brauche das einfach. Aber du merkst schon, dass sich etwas verändert hat. Es gibt weniger kleine Shows sowie Clubs, und viele Festivals gucken inzwischen echt auf Spotify-Zahlen. Da denke ich mir nur: Was soll das? Musik ist live und eben nicht Statistik. Für neue Bands ist das ein Riesenproblem, das finde ich richtig schade.
Vom hier und jetzt richten wir zu guter Letzt noch den Blick nach vorn: Was ist bei euch für 2026 geplant?
Markus: Wir planen schon fleißig. Ein paar Shows und Festivals sind fix, im Herbst 2026 wollen wir auf Tour gehen. Bald geht’s auch wieder ins Studio – mal gucken, ob’s dann ein Album wird oder wieder einzelne Singles. Und ganz ehrlich, wir freuen uns einfach darauf, weiter unterwegs zu sein und Leute zu treffen.
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