© by Annette Benjamin PrivatarchivEin Interview mit Annette Benjamin zur Musik-Doku: „Punk Girls. Die weibliche Geschichte des britischen Punk“
Im Interview mit uns sagt Christine Franz: „HANS-A-PLAST umwehte in meiner alten Heimat Hannover fast so eine mythische Aura. Mindestens genauso spannend fand ich, dass Annette Benjamin jetzt, nach so langer Musikpause, wieder was Neues macht.“
Ich lernte die Regisseurin Christine Franz 2020 kennen, als ich mit DIE BENJAMINS in Berlin im Proberaum war. Der Fernsehsender Arte interessierte sich für die weibliche Punk-Szene in England. Christine produzierte zum Thema eine Fernsehdokumentation und bat mich um ein Interview, denn ab September 1977 habe ich einige Zeit in London gelebt.
In der Doku erzählst du, wie du mit 16 Jahren nach London abgehauen bist. Wie kam es dazu kam und wie hast du das bewerkstelligt?
Ich war von zu Hause abgehauen, nach Amsterdam, sechs Monate später nach London. Ich liebte diese Stadt, weil sie aufregender war als alles, was ich bisher kennengelernt hatte. In Hannover beherrschten Bands wie die SCORPIONS, JANE und ELOY die Szene. Und auch Skiffle-Musik erklang sonntags vorm Rathaus an der Leine. „Etwas Besseres als Hannover findet sich überall“, entschied ich mich, frei nach den Bremer Stadtmusikanten. In London wurde ich heimisch, nachdem ich einige existenzielle Probleme gelöst hatte: Geld, Essen, Wohnung. Ich bezog Social Security und stand nachmittags lokalen Kunststudenten Modell. Mit Freunden besuchte ich Pubs, zum Trinken und kostenlosen Musikhören. Ian Dury, Elvis Costello und dann mein erstes X-RAY SPEX-Konzert im 100 Club. Ich sah Poly Styrene und dachte, das will ich auch. Zum ersten Mal im Leben hatte ich ein Vorbild. Dann einen Plan. Ich wollte auf einer Bühne singen und Saxophon spielen.
Warum kommst du in einem Film über Frauen im britischen Punk vor?
Dieser frühe Aufenthalt in London verband mich mit den englischen Musikerinnen. Ich war X-RAY SPEX-Punk-infiziert. Wir wollten mit dem damals herrschenden klischeehaften Frauenbild brechen. Es war an der Zeit.
Warum bist du nicht geblieben, sondern 1978 zurück nach Deutschland gegangen? Da hast du die Schüler-Punkband SLIME gegründet, somit hast du eine Schule besucht, und kurz darauf bist du bei HANS-A-PLAST eingestiegen.
Eine Lehrerin, die ich in London traf, hatte mir das Thema Schule wieder schmackhaft gemacht. Ich wollte es noch mal versuchen. Sie vermittelte mich nach Braunschweig an die neue Gesamtschule West. Netterweise bot mir jemand vom Kollegium ein Zimmer an. Einige Monate später gründeten Mitschüler und ich SLIME. Ich schrieb meinen ersten eigenen Song „Man of stone“. Nachdem wir der Schule um die Ohren hauten, was Punk bedeutete, traten wir beim ersten No Fun-Festival in Hannover auf. Wahrscheinlich auch erfolgreich, obwohl meine Erinnerung daran vernebelt ist. Doch danach sprach mich die Schlagzeugerin Bettina Schröder von HANS-A-PLAST an. Ob ich Lust hätte, bei ihnen zu singen? Ich dachte etwas darüber nach, schmiss die Schule wieder und zog zurück nach Hannover.
Was man heutzutage gerne vergisst, Punk ist und war ja nicht nur Musik. Für mich selbst ist sie natürlich ein wichtiger Teil, aber irgendwie ja auch nur ein Teil davon. Da ich seit bald 48 Jahren maximal einmal die Woche auf ein Konzert gehe – ich übertreibe –, sind da noch sechs Tage und Nächte, die auch gelebt werden sollen und das bestenfalls mit einer Punk Attitude. Die Szene verändert sich stetig, jede Generation hat wieder andere Bedürfnisse und definiert Punk wieder neu. So auch das Umfeld und die Welt um uns. Du bist 1983 aus der Sache ausgestiegen, wenn ich dich so zitieren darf, und sagtest 35 Jahre später auf dem Höhnie-Festival 2018, als du mit RAZOR SMILEZ aufgetreten bist, dass du uns nicht vergessen hast. Und jetzt bist du zurück. Irgendwie wie früher? Oder alles komplett anders, same same but different?
Die HANS-A-PLAST Konzerte hatten sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingegraben. Die Intensität, die Energie, die Fans, die Zugehörigkeit. Ein Déjà-vu überkam mich 2005, als ich mit BLOODY DEAD AND SEXY auf der Bühne stand. Ein weiteres war 2018 in Peine, mit den tollen RAZOR SMILEZ. Ich traf Fans und Bands aus Ostdeutschland. Das war unglaublich. Wir feierten gemeinsam die HANS-A-PLAST-Songs nach all der Zeit.
So wie ich dich verstehe, ist es vor allem eine gute Portion Nostalgie. Eine gute Zeit haben auf Konzerten mit dem Publikum und Fans. Das war früher bei etlichen Konzerten anders, da ja von der Autonomen- und Punk-Bewegung noch Impulse ausgingen. Es ging nicht nur gegen die verbohrte Spießergesellschaft schlechthin, sondern führte auch innerhalb der Szene zu viel Stress und Kontroversen. Kannst du dich noch an euer Konzert am 22. November 1980 in der Roten Fabrik in Zürich erinnern?
Wie krass war das bitte?! Den politischen Hintergrund, warum und überhaupt wer mit wem, hatte ich nicht kapiert. Während des Konzerts diskutierte ich mit Besuchern, überfordert und in völliger Unkenntnis der Schweizerischen Sprache: „Mer sind zom Musikmache cho, als machmer Musig. Er chönd d’Fabrik nochhär stürme.“ So hätt ich es formulieren sollen, wie Knüsel, der Sänger von der Band CRAZY aus Luzern, die für uns eröffneten. Stattdessen Bier in die Fresse. Dazu zerkloppte Scheiben und Klos, die aus dem Fenster flogen. Marlene Marder von LILIPUT und ich regten uns noch Stunden später beim Interview mit Dani Vieli über die Zerstörungswut einiger Konzertbesucher auf. Die hatten nichts kapiert. Die Rote Fabrik sollte doch, so Marlene, „für uns sein. Mach lieber kaputt, was dich echt kaputt macht, aber nicht das, wofür du kämpfst“.
Ihr seid damals, ohne es zu wissen, mitten in einem Pulverfass gelandet. Drei Jahre später gab es für euch am gleichen Ort noch den Fisch aus dem Publikum serviert, sprich: die Situation hat sich doch um einiges beruhigt in Zürich. In der Schweiz haben die 68er nicht wirklich zu einer Erneuerung der Gesellschaft geführt. Ich definiere mich ja heute immer noch als Punk. War und bin aber immer auch gesellschaftspolitisch wach geblieben und vermutlich einer der wenigen hiesigen 77er-Punks, der all diese Veränderungen bis heute aktiv durchlebt hat. In den frühen 1980ern haben wir sehr radikal eine Erneuerung der Gesellschaft in vielen Bereichen eingefordert. Diese Forderungen wurden ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre teilweise umgesetzt. Dabei sind viele auf der Strecke geblieben und die Mehrheit der Politiker-Ärsche haben dies auch noch lange nicht eingestehen wollen. Doch mittlerweile sind „wir“ Teil der Geschichte und ich verwalte das riesige swisspunk.ch-Archiv und werde sehr oft zu diesen Themen angefragt. Ich würde jetzt gerne das Interview abschließen mit deinem Song „Du warst eine wie wir“, den du 2019 fürs Break Out geschrieben hast. Habt ihr den Song eigentlich im Repertoire bei den BENJAMINS? Der Text ist klasse!
Nee, leider ist er nicht im Programm der BENJAMINS. Mal sehen, vielleicht krieg ich eine Vertonung hin, mit wem auch immer.
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