ARCH ENEMY

Foto© by Finn Geiger

Fast schon Power Metal

Mit „Blood Dynasty“ konnten ARCH ENEMY ihren Sound noch etwas verfeinern und damit ihren Status als schwedische Death-Metal-Institution weiter untermauern. Wie das Album entstand und was Produzent Jens Bogren und Gitarrist Joey Concepcion dazu beitragen konnten, erzählt uns Gitarrenlegende Michael Amott.

Natürlich sprechen Michael und ich zuallererst über „Blood Dynasty“. Wie liefen die Aufnahmen zum neuen ARCH ENEMY-Album?

Wir haben in Schweden mit einem Produzenten namens Jens Bogren aufgenommen. Und es war das erste Mal, dass wir zu ihm ins Studio gegangen sind. Er hat vorher schon ein paar Alben für uns gemischt, aber wir haben noch nie mit ihm als Produzenten gearbeitet. Das war also eine neue Erfahrung. Und es ist ein so genanntes Residential Studio, das heißt, wir konnten dort auch wohnen. Das war also eine sehr angenehme Umgebung und es war wunderbar komfortabel. Es kamen auch ständig andere Musiker vorbei, weil dort viele verschiedene Produktionen liefen. Es ist ein großer Gebäudekomplex, in dem mehrere Studios untergebracht sind. Ich habe dort einige Leute getroffen, die ich lange nicht mehr gesehen hatte – andere Musiker und so weiter. Aber ja, Jens ist ein großartiger Produzent. Er ist sehr leidenschaftlich, wenn es um seine Ideen geht. Das war echt cool. Er hat sich wirklich für das Projekt interessiert und wollte, dass alles perfekt wird. Es waren minus 20 Grad, als wir ankamen, es war unglaublich kalt. In dieser Region Schwedens gibt es immer eine Menge Schnee, ich dachte nur: Jesus, das ist verrückt! Wir haben uns also die meiste Zeit drinnen aufgehalten, während wir dort waren.

Ort und Umgebung waren für ARCH ENEMY ein Bruch mit Gewohnheiten:
Es war ein bisschen neu, weil wir normalerweise in verschiedenen Studios aufnehmen. Oft nehmen wir die Drums in einem großen Studio auf, aber recorden die Rhythmusgitarren dann in Daniels Heimstudio. Und für die Gitarrensoli und Melodien gehen wir in ein anderes, größeres Studio. Und noch ein viertes für den Gesang. Die Keyboards werden wieder woanders eingespielt. Es war also immer ein ziemliches Hin und Her mit vielen Dateien, die man im Blick behalten muss. Aber dieses Mal haben wir alles an einem einzigen Ort aufgenommen – bei Fascination Street in Örebro, Schweden. Das war eine neue Erfahrung für uns. Ich glaube, das haben wir seit über 20 Jahren nicht mehr so gemacht – einfach alles in einem Studio von Anfang bis Ende. Das letzte Mal war vermutlich 2003 bei ‚Anthems Of Rebellion‘. Aber ich denke, das war gut. Es hat für mehr Kontinuität gesorgt. Wir hatten einen besseren Überblick über alles, was passierte.

Hat dieser Prozess das Album irgendwie beeinflusst? Konntet ihr dadurch zum Beispiel efizienter an Ideen arbeiten, die euch während der Aufnahmen kamen?
Absolut. Wir haben zum Beispiel Joey eingeflogen, um seine Gitarrensoli aufzunehmen. Wenn man da direkt zusammensitzt, kann man sofort sagen: Oh, das ist cool, probier das aus! Oder: Pack das ans Ende des Songs! Man kann spontaner arbeiten. Wenn man seine Soli aber auf einem anderen Kontinent in einem separaten Studio aufnimmt, gibt es Feedback erst am nächsten Tag wegen der Zeitverschiebung. Dann dauert es oft drei Tage, bis die Änderungen da sind. Dieses Mal ging alles viel schneller. Es hat auch mehr Spaß gemacht, gemeinsam an einem Ort zu arbeiten – so wie es eigentlich sein sollte. Aber es ist teuer. Deswegen machen das viele Bands nicht mehr. Aber wir hatten ein gutes Budget für das Album, also warum nicht investieren, um etwas zu schaffen, das großartig klingt und sich großartig anfühlt?“ Apropos Joey – was hat er in Bezug auf den Sound des neuen Albums mit eingebracht? „In erster Linie natürlich seine Soli. Er hat seinen eigenen Stil, aber er passt perfekt in die ARCH ENEMY-Atmosphäre. Er war schon lange ein Fan der Band. Er hat mir erzählt, dass er mit zwölf Jahren seine erste ARCH ENEMY-CD gekauft hat. Er versteht das Konzept sehr gut und spielt Sachen, die perfekt zu unserem Sound passen. Er versucht nicht, seinen eigenen Stil auf die Band zu übertragen, sondern bringt Parts ein, die sich organisch in den ARCH ENEMY-Kosmos einfügen.

Dann erklärt mir Michael noch, wie die Band normalerweise ihre Songs schreibt.
Ich bin viel alleine und spiele Gitarre – oft für mehrere Stunden. Dabei nehme ich alles auf, was sich interessant anhört, in einer ganz simplen Art und Weise. Ich sammle diese Ideen und irgendwann setze ich mich mit Daniel zusammen. Er ist nicht nur unser Drummer, sondern auch ein erfahrener Recording-Engineer. Er kann gut mit Aufnahmetechnik umgehen, programmiert Drums und nimmt Gitarren auf. Mit ihm mache ich viele Demos. Manchmal schreiben wir direkt am Laptop, manchmal jammen wir aber auch oldschool im Proberaum. Beides funktioniert super. Ich mag das klassische Jammen. Aber für detaillierte Arrangements ist es oft praktischer, vor dem Computer zu sitzen. Da kann man die Harmonien ausarbeiten und an komplexen Parts basteln. Aber wenn es um den Groove geht, das Feeling eines Songs, ist es besser, ihn live mit Drums und Gitarre zu spielen.

Beim Hören von „Blood Dynasty“ merkt man, dass der typische ARCH ENEMY-Sound weiterhin erkennbar ist, aber es gibt auch neue Elemente. Passiert das eher organisch oder experimentiert die Band bewusst mit neuen Ideen?
Wir setzen uns keine festen Regeln. Wir probieren alles aus. In der ersten Phase sagen Daniel und ich ja zu jeder Idee. Wir verwerfen nichts, bevor wir es nicht ausprobiert haben. Das sorgt dafür, dass wir uns weiterentwickeln.

Gibt es ein Beispiel für einen Song, bei dem ihr einfach etwas ausprobiert habt?
Ja, der Song ‚The pendulum‘ ist ein bisschen anders. Er hat sehr progressive Elemente und fast schon Power-Metal-Momente.“ Gibt es noch Experimente, die ARCH ENEMY in Zukunft gerne noch wagen würden? „Wir haben schon so viel gemacht, aber natürlich gibt es noch Dinge, die wir gerne machen würden. Ich freue mich schon darauf, neues Material zu schreiben. Für mich ist das der kreativste und spannendste Teil am Musikmachen. Natürlich macht es auch Spaß, live zu spielen, aber auf Tour wiederholst du jeden Abend dasselbe Set, weil die Fans bestimmte Songs hören wollen. Beim Schreiben beginnt man den Tag mit einer Tasse Kaffee und hat nichts – und am Abend hat man einen Song erschaffen. Das ist einfach magisch.

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