© by Aslak JunttuDüster, melancholisch und kalt ist nicht nur der lange Winter in Finnland, sondern auch das neue ATLAS-Album „Sunder“. Wie die finnische Natur sich in ihrer Musik spiegelt und warum die Arbeit an der neuen Platte auch eine Suche nach sich selbst war, erzählt Gitarrist und Songwriter Tuomas Kurikka.
Als ich euch entdeckte, wart ihr die unbekannte finnische Band, die ich Freunden als „Geheimtipp“ empfohlen habe. Nun habt ihr einen Satz nach vorn gemacht. Wie nimmst du selbst die aktuelle Entwicklung von ATLAS wahr?
Von außen sieht es wie ein plötzlicher Sprung aus, aber für uns ist es ein natürlicher Schritt nach jahrelanger Arbeit. Wir haben die Band immer ernst genommen, auch als kaum jemand wusste, wer wir sind. Bei den Touren mit ALLT und ORBIT CULTURE konnten wir uns einem größeren Publikum vorstellen. Das hat auf jeden Fall geholfen. Aber der größte Unterschied ist, dass wir reifer und selbstbewusster sind. Wir wissen, wie ATLAS klingen, wofür wir stehen und wie wir uns präsentieren wollen.
Euer letztes Album „Ukko“ erschien 2021. Danach war es lange still um euch, jetzt seid ihr gerade wieder extrem aktiv. Woher kommt das?
Als wir „Ukko“ rausbrachten, war die Welt im Shutdown und wir konnten nicht touren. Das hat uns ausgebremst. Du steckst so viel in eine Platte und dann kannst du sie nicht auf die Bühne und zu den Menschen bringen. Wir waren ausgebremst. Gleichzeitig brauchten wir Abstand. „Ukko“ war emotional und kreativ sehr intensiv für uns. Als wir wieder mit dem Schreiben anfingen, merkten wir, dass die Richtung von damals sich nicht mehr richtig anfühlte. Die neuen Songs passten nicht ins Bild und das zu akzeptieren brauchte Zeit. Statt Musik für Sichtbarkeit zu veröffentlichen, hatte ich das Gefühl, dass wir daran arbeiten mussten, bis wir die Musik gefunden haben, die sich wirklich richtig anfühlte. Ich schrieb viel und verwarf das meiste wieder. Wir experimentierten mit verschiedenen Ansätzen, spielten mit Dynamiken und testeten Dinge, die sich nicht unbedingt nach uns anhörten. Bei dem ganzen Prozess ging es darum, kreative Klarheit zu finden. Wir mussten verstehen, wie ATLAS jetzt klingen. Als wir das erreicht hatten, kam Bewegung in die Sache. Dieser Zuwachs an Aktivität ist also das Ergebnis von vier Jahren Arbeit.
Was war die Inspiration für „Sunder“?
Auf „Sunder“ geht es um Abschiede – von Beziehungen, Glaubenssätzen oder alten Versionen deines Selbst. Der Titel steht für Trennung und das zieht sich durch die ganze Platte. Gleichzeitig lautet ein Kernthema: „Liebe besiegt den Tod“. Auf „Ukko“ ging es um Trauer und „Sunder“ macht den nächsten Schritt. Es geht um die Akzeptanz von Verlust. Mit der Trennung leben und sich trotzdem für Verbindung entscheiden. Die Natur ist immer noch ein wesentlicher Teil unseres Sounds, aber eher als Atmosphäre, als ein Narrativ. Die Kälte des Nordens findet sich hier in Form von emotionaler Distanz und Isolation.
Ich mag es nicht, finnische Bands mit HIM zu vergleichen. „Sunder“ aber ließ mich an sie denken. Wer sind eure größten musikalischen Vorbilder? Können sich finnische Musiker dem Vermächtnis von HIM entziehen?
Wenn man in Finnland aufwächst, kann man dem Einfluss von Bands wie HIM nicht wirklich entgehen. Das Melancholische, Melodische und Düstere ist Teil unserer Musiklandschaft. Es fließt immer ein, ob man will oder nicht. Wir hören sehr verschiedene Musik, von Metalcore über Black Metal, Atmosphärisches und Alternative. All das verändert uns auf verschiedene Arten. Ähnlichkeiten sind da normal. Ich glaube, es ist hierzulande unmöglich, HIM zu ignorieren, und das ist auch nicht nötig. Eine starke Szene schafft starke Referenzen und mit der Zeit wird das, was einen prägte, Teil dessen, was man erschafft. Die eigene Identität wird aber klarer, wenn man weiterarbeitet und sich entwickelt. Jeder Kreative muss diesen Prozess durchlaufen. Aber alles in allem sind HIM doch unser größter Einfluss, haha.
„Ukko“ enthielt viele finnische Lyrics, auf „Sunder“ gibt es nur noch englische Texte. Woran liegt das?
Bei „Ukko“ fühlte sich Finnisch richtig an. Die Platte war eng mit dem Gefühl tiefer Trauer verbunden. Darüber in unserer Muttersprache zu schreiben, verstärkte die Message des Albums. Für „Sunder“ erschien uns Englisch geeigneter. Die Melodien passten besser, es klang geschmeidiger und emotional harmonierte es mehr mit dem Material. Es war also eine kreative Entscheidung. Wir hatten mehrfach versucht, finnische Texte zu verwenden, aber das tat nichts für die Songs und fühlte sich nach Zwang an.
Euer erstes Album „Primitive“ war Core-lastiger als „Sunder“. Ihr habt eure Musik damals als „Northcore“ bezeichnet. Findest du das noch passend oder würdest du euch nun anders beschreiben?
Zur Zeit von „Primitive“ machte Northcore Sinn. Die Songs hatten ihre Wurzeln im Metalcore mit direkter Aggression und genretypischen Elementen. Davon haben wir uns weit wegbewegt. Das neue Material legt den Schwerpunkt auf gutes Songwriting, den ehrlichen Ausdruck von Emotionen und das Schaffen einer einzigartigen klanglichen Identität. Da ist immer noch Härte, aber mit Fokus auf Kontrast, Spannung und Atmosphäre. Wenn ich unsere Musik jetzt beschreiben müsste, würde ich sagen, sie ist dunkler und reifer. Es geht weniger darum, in ein spezifisches Genre zu passen, als darum, Stimmung zu erzeugen. Der nordische Charakter ist ruhiger und feiner ausgedrückt.
Welchen Song von „Sunder“ würdest du jenen empfehlen, die euch noch nicht kennen?
„Salt and sulfur“ ist ein guter Start. Er zeigt beide Seiten von dem, was wir tun: Melodie und Verletzlichkeit, aber auch Härte und Intensität. Er repräsentiert die Balance, die wir auf dem Album erreichen wollten.
Was sind eure Pläne für 2026? Können eure deutschen Fans auf Shows hoffen?
Viel touren und viel neue Musik. Wir werden definitiv bald wieder in Deutschland sein!
© by Fuze - Ausgabe #117 April/Mai 2026 und Olivia Zöllner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #130 Februar/März 2017 und Julius Lensch
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #141 Dezember/Januar 2018 und Andreas Kuhlmann
© by Fuze - Ausgabe #117 April/Mai 2026 und Olivia Zöllner