© by Christina DaeschnerEnde April haben DAS AUS DER JUGEND ihr Debütalbum „Für immer niemals sein wie ihr“ auf dem wie sie in Freiburg ansässigen Plattenladen- und Labelkonglomerat Flight 13 veröffentlicht. Tja, was geht eigentlich so in der supergrünen Alternativkulturmetropole am südwestlichsten Zipfel Deutschlands, wo laut Wetterbericht immer die Sonne scheint? „Sie sind jung und sie machen Rock“ (Titel von Track 1 des Albums), diese „Künstler aus Süddeutschland“ (Titel von Track 2 des Albums) und Max erklärt uns das Ding mit Freiburg.
Wie hat es euch nach Freiburg verschlagen? Dort aufgewachsen oder zugewandert und hängengeblieben?
Ein bisschen von allem – wir sind alle in Baden-Württemberg aufgewachsen, Hendrik im Schatten vom Europa-Park in der Nähe von Freiburg, Lion kam für seine Schreinerlehre, wo er dann Hendrik kennengelernt hat, von Karlsruhe hierher. Ich kam wegen der Uni und bin nach gelungenem Studienabbruch dann an den Jobs hängengeblieben.
Würdet ihr sagen, dass ihr einen konkreten Bezug zu Freiburg habt? Etwa was Namensgebung, Songs, Plattentitel, Artworks angeht?
Der Bandname kommt vom Freiburger Haus der Jugend, wo wir uns gegründet und lange geprobt haben. In „Künstler aus Süddeutschland“ setzen wir uns mit dem Widerspruch Punkrock vs. Kindheit im Schwarzwald-Idyll auseinander, in „Mollis aus Champagnerflaschen“ versuchen wir die Wohlstandstristesse zwischen SUVs und Gentrifizierung einzufangen. Fürs Albumcover waren wir bei Oma im sehr badischen Wohnzimmer, mit Spitzendeckchen und Holzmichel an der Wand. Es wäre schwer, die Band von Freiburg zu trennen.
Gibt es für eure Musik eine Szene und gleichgesinnte Bands oder seid ihr eher Einzelkämpfer?
Wir haben im totalen Stillstand 2022 losgelegt – kein Plan, wie das vorher war. Corona hat da auf jeden Fall eine große Lücke gerissen, auch was Vernetzung unter Bands, Vorbilder und so weiter angeht. Weil wir sowieso kaum Anknüpfungspunkte hatten und genretechnisch aus völlig unterschiedlichen Richtungen kamen – Funk, Metal, Stadionrock ... –, haben wir die Schmuddelecke Punkrock erst übers Musikmachen für uns entdeckt, nicht über die Szenezugehörigkeit, da mussten wir also erst mal nach Gleichgesinnten suchen. Die ersten Gigs waren eher so in Richtung Straßenfest, Familienfeier. Hängengeblieben ist auch der Satz: „Wir haben früher mal Punk veranstaltet, aber jetzt zieht das leider nicht mehr.“ War zum Glück Bullshit, weil es um den Dreh 2022/23 dann doch wieder losging. Und jetzt sind Freiburgs Bühnen voll mit klangvollen Namen wie TRENDSTUDIO DORIS, DAS GUTACHTEN, STÖRGERÄUSCHE 161, MISS DEMEANOR, DROTZ, FLÜGGI, ANGEILIKAS, FUN RUN NUNS ... und wir sind auch dabei. Und es finden sich nicht nur Bands, sondern es finden auch immer mehr Leute als Besucher:innen zu der Musik – das clasht manchmal auch, wenn junge oder alte Säcke den Zeitpunkt verpasst haben zu lernen, wie man sich heute im Pit verhält, haha – die Corona-Lücke halt. Auf jeden Fall gibt’s immer mehr Punk-Abende, jetzt kommen sogar neue Räume, Friends machen ein Zine und es fühlt sich an, als würden wir da bei was mitrollen.
Bezieht ihr euch auf eine bestimmte musikalische Tradition der Stadt, gibt es da „historische“ Connections?
„Historisch“ wäre frech, weil so lang gibt’s die Bands zum Teil auch noch nicht, aber DAS BLANKE EXTREM, KID-O, zumindest 20 Jahre, oder SCHALKO. Die waren es, die es so ein bisschen vorgemacht haben mit geil lauter Rockmusik in der Nachbarschaft, wo wir dann dachten: Hey, das wollen wir auch machen! Generell auch das Label Flight 13 Records, jetzt auch unser Label, das da so linksunten auf der Karte die einsame Punkrock-Oase ist. Ansonsten ist das mit der Tradition ja so ’ne Sache, man weiß, warum man sie so hasst ... Aber es war bestimmt nicht alles kacke davor – wir haben letztens auf der Plattenbörse eine Scheibe gefunden, die in den 1990ern im Nachbarhaus aufgenommen wurde, was uns stutzig gemacht hat. Die Platte heißt und ist „Scheisse“; auf dem Cover wird jemandem in den Mund gepisst, ganz großes Kino.
Welche DIY-Strukturen, wie etwa Konzertgruppen, gibt es? Wo bringt ihr euch ein?
Konzertgruppen gibt es hauptsächlich für elektronisches Zeug, weniger im Punkrock – die Strukturen sind aber eigentlich alle zu einem gewissen Teil DIY. Seit letztem Jahr gibt es wöchentlich mit den Unicorn-Sessions einen Ort für erste Gigs, mit anschließender Jamsession. Dann gibt es noch das Autonome Zentrum KTS und Locations wie den Slow Club und den Kulturraum, die mit aktiven Engagierten ein geiles Programm bei fairem Eintritt machen. Wenn wir uns neben Lohnarbeit und Co. einbringen, dann meistens mit Bezug auf die Band. In erster Linie sind wir Rocker und wir rocken. Das muss reichen.
Nehmt uns mal mit in die Live-Musikszene von Freiburg. Wo geht was, welche Clubs und AZs gibt es, was zeichnet die aus ... und wo da habt ihr schon überall gespielt?
Der beste Laden ist der Slow Club, da läuft jeden Abend was anderes, aber du kannst dort blind hingehen, weil du weißt, du siehst dort geile Bands und Künstler:innen, egal, ob inner- oder außerhalb deiner Klangkomfortzone. Wenn sich doch mal eine „größere“ Band wie TEAM SCHEISSE oder DIE NERVEN nach Freiburg verirrt, spielen die meistens im Jazzhaus oder E-Werk für teures Geld vor ein paar hundert Leuten – danach gibt es eine große Lücke bis zur unbezahlbaren Mehrzweckhalle. Es gibt wie gesagt einige autonome Orte, wo auf eigene Faust was auf die Beine gestellt werden kann. Darüber sind wir sehr froh, in solchen Locations haben wir die schönsten Konzerterlebnisse, auf und vor der Bühne. Bars und süße kleine Läden wie das Swamp, die Poolbar und der Kulturverein Kule Knut sind schon länger oder erst seit kurzem Anlaufstellen und bieten immer mal wieder ein cooles und buntes Abendprogramm. Bespielt haben wir in Freiburg tatsächlich schon so gut wie alles, das unserer Größe und dem Genre entspricht, es waren locker 15 Gigs in den letzten zwei Jahren, oder wo uns Bands wie zum Beispiel ZSK dabeihaben wollten. Weshalb der Schritt raus aus der Stadt letztes Jahr überfällig und sehr wichtig war.
Was schätzt ihr an der Musikszene dieser Stadt?
Die Vielfalt. Auch wenn sie anfangs überschaubar wirkt, was das Angebot angeht, findest du mit der Zeit eigentlich alles von Techno über Kunst und Poesie bis eben zu Punk. Vor allem die vielen jungen Leute – Universitätsstadt! –, aber auch Alteingesessene sind am Start, die seit Jahrzehnten die Subkultur am Leben halten. Es gibt kein Überangebot und keine exklusiven Orte, aber dadurch ist auch alles sehr durchlässig, es gibt wenig Gatekeeping und die Szenen sind gut vernetzt – dann teilen sich eine Punkband, verkiffte Krautrocker und das Solo-Hyperpop-Projekt für den Abend die Bühne, bevor der Laden zum Techno-Bunker wird – geil.
Wie sieht es mit der Infrastruktur aus? Gibt es zum Beispiel bezahlbare, akzeptable Proberäume?
Das ist immer so das Ding – wir hatten mega Glück mit unserem Raum im Haus der Jugend. Der ist zwar viel zu sauber und man darf da drin nicht rauchen, aber da konnten wir erste Aufnahmen machen und hatten für kleines Geld jede Woche eine Probe – für uns also super. Aber im Großen und Ganzen ist die Situation echt scheiße. Man hat das Gefühl, die Stadt fährt sehr bewusst eine subkulturfeindliche Politik, da ist klar erkennbar, wen man dahaben will – junge Familien mit Geld – und wen nicht, siehe Bluetooth-Box-Verbot nach 22 Uhr. Dann die Klassiker Lärmschutz und Mieten, worunter Bands, Veranstalter:innen und Venues alle gleichermaßen leiden. Aber für Rockbands, weil Altherrenmusik, gibt es schon eine Lobby – die HipHop-Leute müssen wohl deutlich mehr um Räume und Co. kämpfen, was man so hört.
Wo kauft man bei euch seine Platten? Welche Läden könnt ihr empfehlen?
Wir haben Flight 13. Mehr braucht es nicht. Da kriegst du deine komische limitierte Avant-Kraut-Erstpressung genauso wie die neue PISSE-7“ oder ’ne abgegrabbelte Whitney Houston-Scheibe für ein paar Euro, wenn es gerade knapp ist. Dazu kommen Ladenkonzerte und Pre-Listenings, und wenn man lieb fragt, kriegt man von Danny sogar einen Kaffee. Wer in seine Platte gerne auf einem Spotify-Tablet bei Zahnarztpraxen-Charme reinhört, wird aber auch bei Der Plattenladen fündig.
Und wie lautet die abschließende Wertung? „Jederzeit gerne wieder“ oder „Ich will hier weg“?
Boah, wir kennen es ja nicht anders. Klar geht woanders deutlich mehr. Aber so zu tun, als wäre Freiburg subkulturelles Brachland, wäre auch peinlich. Hendrik ist jetzt ja nach Hamburg gezogen, wo sämtliche Ersparnisse für Konzerttickets draufgehen. „Jederzeit gerne wieder hier weg?“ Ist ja auch egal – wenn man sich lieb hat und nicht anders kann, als seine Freizeit und den Jahresurlaub in geile Rockmusik zu investieren, vielleicht klappt es dann am Ende überall? Das wär doch toll.
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