BETTY DAVIS

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Die Mutter aller Riot Grrrls?

In Subkulturen ist man es ja gewohnt, sich außerhalb bürgerlicher Normen zu stellen. Dazu gehört auch zumeist die Ablehnung von als „bürgerlich“ empfundener Kultur, was sich zumeist in einem – vor allem – musikalischen Scheuklappenverhalten niederschlägt. Oftmals zeigen sich dessen Vertreter:innen genauso ignorant wie der Mainstream gegenüber „unseren“ Subkulturen; auch, wenn diese Abgrenzung in Zeiten der kommerziellen Verwertbarkeit von nahezu allem, was einmal „Subkultur“ war, mittlerweile komplett aufgeweicht ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Als nachgeborener Mensch vergisst man allzu häufig, dass es auch vor Punk schon Künstler:innen gab, die radikal mit Konventionen brachen; die Lebensentwürfe abseits gängiger Moralvorstellungen verwirklichten (womit nicht zwangsläufig Hippies gemeint sind); die gegen Vorurteile und rassistische sowie sexistische Klischees zu kämpfen hatten und oft einen hohen Preis dafür bezahlen mussten, verfemt wurden, Auftrittsverbote kassierten und von voreingenommenen Journalist:innen niedergeschrieben wurden. Einen Blick über den Tellerrand zu werfen lohnt sich, denn da gibt es einiges zu entdecken, auch wenn man das im ersten Moment nicht glauben mag.

Betty Davis wurde als Betty Gray Mabry am 26. Juli 1944 in Durham, North Carolina geboren und war ein musikalisch begabtes Kind, das schon sehr früh lernte, sich in einer männerdominierten Welt durchzusetzen. Bereits im Alter von 16 Jahren entschloss sie sich zu einer künstlerischen Karriere und zog nach New York zu einer Tante, um anschließend am Fashion Institute Of Technology Mode zu studieren und eine Modelkarriere anzustreben. Mit 20 erschienen Bilder von ihr bereits in auflagenstarken Magazinen wie Ebony und Glamour. Sie tauchte tief ins New Yorker Nachtleben ein und arbeitete nicht nur als DJ, sondern war auch als Bookerin und Bandmanagerin tätig und lernte so recht schnell, wie das Musikbusiness funktioniert. Sie gründete dann mit Betty Mabry Co. ihr eigenes Label, veröffentlichte 1964 ihre erste Single (mit dem nicht gerade brüllend originellen Titel „Get Ready For Betty“) und schloss als Songwriterin für die CHAMBER BROTHERS Verträge mit Columbia und CBS ab.

1967 kam es zu einer für beiden Seiten schicksalhaften Begegnung, als sie Miles Davis kennen lernte; die beiden wurden ein Paar, heirateten bereits 1968 und Betty zierte das Cover von Miles Davis’ Album „Filles de Kilimanjaro“. Die Ehe währte gerade mal ein Jahr; er war fast doppelt so alt wie sie, und auch wenn ich ihn als musikalischen Genius verehre, seine gewalttätige Arschlochhaftigkeit ist auch heute noch Legende. Trotzdem wurde sie zu Miles’ Muse; von ihr beeinflusst, änderte er nicht nur seine Musik hin zu einem elektronischen Fusionsound, was der Welt das geniale „Bitches Brew“ (1970) bescherte, sondern er ließ auch die Anzüge im Schrank und kleidete sich in Leder, Kaftane und trug Plateauschuhe. Miles wiederum ermunterte sie, ihre musikalischen Ambitionen weiterzutreiben; und auch wenn sie in ihrem Song „He was a big freak“ recht gnadenlos mit ihrem Ex-Gatten abrechnet, blieben die beiden doch miteinander in Kontakt.

Dennoch war die Trennung von Miles eine große Zäsur. 1971 ging sie wegen eines Modelvertrags nach London und hatte eine kurze Affäre mit Eric Clapton. 1973 kehrte sie in die USA zurück und ergatterte dort durch weitere Beziehungen einen Plattenvertrag; in rascher Folge erschienen neben ihrem selbstbetitelten Debüt (1973) auch noch die Alben „They Say I’m Different“ sowie „Nasty Gal“ beide 1975. Diese waren wegweisend; neben einer knallharten musikalischen Mischung aus Rock, Soul und Funk präsentierten sie eine schwarze Künstlerin, die nicht nur in hohen Lackstiefeln und Minishorts selbstbewusst über weibliches sexuelles Verlangen sang, sondern die sich dem konservativen Amerika gegenüber auch alles andere als ladylike präsentierte.

Ihr teilweise extrem aggressives Gekeife, Gekreisch und Geröhre, gepaart mit damals gewagten Texten und einer markerschütternden Stimme kann zartbesaiteten Gemütern auch heute noch ziemlich die Nerven zersägen. Ihr Song „If I’m in luck I just might get picked up“ durfte nicht im Radio gespielt werden, weil er als sexuell anzüglich galt. Ab dem Zeitpunkt begannen die großen Plattenfirmen, sie zu nötigen, ihr Image zu ändern, um für den Mainstream attraktiver zu werden. Daraufhin begann sie, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Einerseits war sie nicht bereit, ihre künstlerische Vision aufzugeben, andererseits zeigte sie sich zunehmend abgestoßen von den zerstörerischen Mechanismen des Musikbusiness.

Ihr letztes Album „Is This Love And Desire“ von 1976 verschwand erwartungsgemäß daraufhin in irgendeiner Mottenkiste, wo es erst 33 Jahre später wieder ausgegraben und endlich veröffentlicht wurde, und zwar 2009, 13 Jahre vor ihrem Tod am 9. Februar 2022. In diesen letzten 46 Jahren passierte auch tatsächlich ... nichts. Es wurde ein Dokumentarfilm über sie gedreht, in dem sie aber selbst nicht zu sehen ist, zwischenzeitlich verbrachte sie Monate in einem japanischen Schweigekloster und fristete ansonsten in Pittsburgh 40 Jahre lang ein Eremitendasein. Was Betty Davis dort machte? „Nichts“, hat sie einem Interviewer gesagt. „Nur leben.“

Empfohlen seien an dieser Stelle die Rereleases der aufgeführten Alben in luxuriösen Versionen mit dicken Booklets und auf farbigem Vinyl. Die lassen sich mit ein bisschen Mühe im Internet finden.

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