BIG CHIEF

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Seventies-Funk-Groove-Core-Act aus Detroit

Die Detroiter BIG CHIEF haben mit „Mack Avenue Skull Game" sicherlich eine der Überaschungsplatten des laufenden Jahres vorgelegt. Wer ihre alten Scheiben schon kennt, der konnte zumindest keineswegs davon ausgehen, dass BIG CHIEF sich von einer traditionellen, wenn auch schon immer überdurchschnittlichen Rockband, zum heißesten schwarz-weißen Seventies-Funk-Groove-Core-Act überhaupt, entwickeln würden. Nun wird Musik mit Funkelementen ja momentan vermarktet wie nie zuvor. Ein slappender Bass ist mittlerweile Garant für einen dicken Major Vertrag für jede x-beliebige Gurkentruppe und Millionen verblödeter MTV-Kids tanzen auch noch bei der hundersten gleichklingenden Funkmetal-Kapelle ab. BIG CHIEF als Trittbrettfahrer zu bezeichnen wäre aber mit Sicherheit das verkehrteste, was man machen könnte, denn BIG CHIEF passen sich keinem Trend an, sondern verstehen es neue Akzente zu setzen, denn selten zuvor konnte man eine weiße Band erleben, die es schafft, so viel wohlklingenden Soul liebevoll und völlig unpeinlich einfließen zu lassen, was sich wohl nur damit erklären lässt, dass ihre Roots eindeutig in den Siebzigern zu finden sind. Zwischen „Face" und „Mack Avenue..." liegt eine selten zuvor erlebte musikalische Weiterentwicklung, wie man sie höchstens noch bei URGE OVERKILL zwischen „Jesus Urge Superstar" und „Supersonic Storybook" finden kann. Grund genug also, sich diese definitive „Band für die 90er" bei ihrem Auftritt in der Münchner Muffathalle (wo das Konzert übrigens für umsonst (!!!) stattfand), zusammen mit NONOYESNO, vorzunehmen.

Wie ist es denn zu dieser riesigen Weiterentwicklung zwischen „Face" und „Mack Avenue..." gekommen?
Matt:
Der Hauptgrund ist, dass es sich bei „Mack Avenue..." um einen Soundtrack, zu einem Film handelt, dessen Handlung in den Siebzigern bzw. frühen Achtzigern anzusiedeln ist - also waren wir gezwungen den speziellen Sound dieser Zeit einzufangen. Ein weiterer Grund ist, dass wir andere Aufnahmetechniken ausprobieren wollten. Die Umstände, unter denen wir die neue Platte im Studio aufgenommen haben, führten zu diesem Sound.
Phil: Und noch ein Grund wäre, dass wir kein zweites „Face"-Album veröffentlichen wollten.

War dieser Soundtrack ein einmaliges Experiment, oder gibt er die zukünftige Richtung von BIG CHIEF vor?
Phil:
Nein, unsere nächste Platte wird garantiert nicht mehr so klingen, von daher ist „Mack Avenue..." nicht als dauerhafte musikalische Richtung anzusehen.
Barry: Immer wenn wir eine neue Platte aufnehmen, lernt man mehr dazu. Wir wollen weiterhin eine interessante Band bleiben und interessant zu bleiben, bedeutet, sich zu verändern, neue Wege zu erforschen. Es gibt viele Bands, von denen ich die erste Platte mag. Dann kaufe ich mir später deren vierte Platte und habe nichts weiter als einen schlechten Rip-off von der ersten.

Ist „Mack Avenue..." also auch als euer Lebewohl-Album an den Grunge-Rock zu betrachten?
Phil:
Du meinst, ob wir damit den Grunge-Rock-Sarg schließen? Ja!!! Grunge ist tot. Wir hoffen zumindest, dass nach dieser Platte niemand mehr den Namen BIG CHIEF mit Grunge-Rock in Verbindung bringen wird, denn das hat uns schon immer gestört.

Es gibt aber viele Leute, die meinten, BIG CHIEF wäre die Band, die es wirklich verdient auf Sub Pop zu sein. Dann macht ihr eine Platte auf Sub Pop und ausgerechnet die ist dann meilenweitt entfernt davon, Grunge zu sein.
Phil:
Danke
Matt: Es hat also funktioniert.
Phil: In den USA war aber die „Face" schon unser Debüt für Sub Pop.

Aber mit der „Mack Avenue..." habt ihr wohl erst den Durchbruch geschafft, mit diesem neuen Sound.
Phil:
Wenn du uns aber live siehst, wirst du merken, dass sich die Songs von der „Mack Avenue..." gar nicht mal so sehr von den alten Sachen unterscheiden. Klar klingt „Mack Avenue..." anders, aber für mich klingt es immer noch nach den gleichen fünf Leuten die da spielen. Es sind die gleichen Einflüsse, nur in unterschiedlicher Lautstärke. Es ist nicht so heavy und es gibt mehr Atempausen. Sollen wir dir das nächste Album erklären?
Matt: Das nächste Album hat ebenfalls ein sehr seltsames Konzept. Ich glaube aber, dass die Leute es erst verstehen werden, wenn die Platte erschienen ist. Es wird eine Art „Greatest Hits"-Platte.
Phil: Eine Platte, wie sie noch nie zuvor aufgenommen worden ist.
Matt: Es ist die Zusammenfassung der Karriere einer Rockband von 1969 bis 1999, also werden wir viele musikalische Stile verarbeiten und mit vielen verschiedenen Aufnahmetechniken arbeiten

Für die „Mack Avenue..." habt ihr ja schon spezielle Aufnahmetechniken der Siebziger angewandt.
Matt:
Ja, für das Schlagzeug haben wir kein Mikrophon verwendet, als Verstärker hatten wir zwei alte „Gear" Amps und alles wurde analog aufgenommen.

Überraschend beim neuen Album war ja der starke Einfluss von Grooves und Funkelementen und das in einer authentischen Art, wie man sie bisher eigentlich nur von schwarzen Künstlern kennt. Seht ihr BIG CHIEF daher als weiße Band, die eigentlich schwarze Musik interpretiert?
Phil:
Nein, auf gar keinen Fall.
Matt: Ich glaube, der Vergleich hinkt. Wir sind zwar von FUNKADELIC beeinflusst, aber diese waren wiederum selbst von den STOOGES, einer weißen Band, beeinflusst. In unserer Musik findet man diese Rassenabgrenzung nicht. Wir denken auch nicht in diesem Schema. Wir machen die Art von Musik, die wir auch selbst gerne hören.

Es fällt halt nur auf, dass sich momentan unheimlich viele dieser MTV Bands wie z.B. RAGE AGAINST THE MACHINE sich massiv Elementen schwarzer Musik bedienen, in deren Darbietung aber völlig oberflächlich und nichtssagend bleiben. Ganz anders als bei BIG CHIEF. (Beide brechen beim Namen RAGE AGAINST THE MACHINE ganz entsetzt in Seufzern aus, die ich sonst nur von Zahnarztbesuchen kenne...)
Phil:
Das hat hauptsächlich mit unserer Heimatstadt zu tun. Wir sind aus Detroit. Wenn man bei uns über Funk spricht, dann meint man MOTOWN, FUNKADELIC und natürlich JAMES BROWN. So war das damals auch bei den älteren weißen Bands wie MC5. Um Auftritte zu bekommen, mussten sie die Einflüsse schwarzer Musik verarbeiten . Aber sie brachten es auf eine ganz andere Ebene, mit all diesen großen Verstärkern etc. Danach kamen FUNKADELIC, sahen dies und kopierten so mehr oder weniger wieder davon.
Matt: Die Frage für sie lautete: „Warum kann eine Funkband keinen Rock spielen?". Oder umgekehrt: „Warum kann eine Rockband keinen Funk machen?“
Phil: Wir sind nicht von diesen Achtziger-Idealen des Funks beeinflusst, der sich lediglich auf einen slappenden Bass beschränkt. Das ist schrecklich, denn diese Leute vergessen komplett den Groove, etwas worauf wir schon immer mehr Wert gelegt haben.

Was heißt hier schon immer? Bei euren alten Sachen hat man schon etwas länger nach dem „Groove" suchen müssen.
Phil:
Schon unsere erste Single beinhaltet als B-Seite das FUNKADELIC-Cover von „Superstupid". Ich würde heute nicht mehr behaupten, daß wir das komplett richtig gemacht haben, aber dieser Einfluss war schon damals vorhanden.

Ja, aber das erste Mal, dass ihr z.B. mit diesen Gospelchören gearbeitet habt, war ja auf der „Face" beim Song „Fresh Vines“.
Phil:
Ja, das ist die selbe Frau, die „No free love on this street" singt.

Der Rest des „Face"-Materials war aber dann doch schon deutlich grungeorientiert, oder etwa nicht?
Phil:
Lediglich die Tatsache, dass wir auf Sub Pop sind, verleitet die Leute, uns in diese Grunge-Ecke zu stecken, aber darüber waren wir noch nie sonderlich glücklich. Wahrscheinlich werden die Leute für die nächste Platte ein zweites„Mack Avenue..." erwarten und sich dann fragen: „Was ist das?“
Matt: In Amerika gibt es nur zwei gute Independent Labels: Sub Pop und Caroline. Anderweitig ist man aufgeschmissen.

Wie seid ihr eigentlich an den Job, den Soundtrack für den Film zu schreiben, rangekommen?
Phil:
Wir sind an den Job überhaupt nicht rangekommen - wir haben den Job gemacht. Die Geschichte stammt von uns, aber wir haben nicht die Kontrolle über den Film.
Matt: "Mack Avenue..." wurde von uns schon 1990 ausgedacht.
Phil: (lacht)...in Stuttgart.
Matt: Wir sind alle vertraut mit dieser Geschichte, die tatsächlich in Detroit passiert ist, und so wollten wir einen Film oder zumindest ein Album darüber machen. Als wir die Platte dann aufnahmen, hörten ein paar Leute die Rough Tapes davon. Einer wollte spielen, der andere Regie führen, wieder ein anderer brachte Geld ein und so kam alles zusammen , aber mittlerweile haben wir keine Kontrolle mehr darüber. Kann sein, dass der Film erscheint, vielleicht aber auch nicht. Wir kümmern uns nur um die Musik. Ein paar Clips daraus haben wir aber für das Video zu „One born every minute" entnommen.

Von was handelt denn der Film genau?
Matt:
Wenn man das Album hört, bekommt man die ganze Geschichte mit. Kennst du „My Fair Lady"?" Das Musical?
Matt: Ja, genau. Die Story ist ähnlich, nur den widerlichen Detroiter Verhältnissen angepasst. Es geht um einen Junkie-Zuhälter und seine Junkie-Freundin, eine Prostituierte. Sie nehmen einen wohlhabenden Doktor aus der Vorstadt aus, um ihrer Sucht zu finanzieren. Der Doktor will dann die Prostituierte mit zu sich nehmen, sie clean machen und in eine Dame verwandeln, bis er dann merkt, dass die Prostituierte und der Zuhälter sich gegenseitig wirklich lieben. Zum Schluss wird er dann getötet…
Phil: ...und in Stücke zerschnitten.

Stimmt es, dass ihr in Amerika den Film während eures Auftritts auf der Bühne nachgespielt habt?
Phil:
Nein, nur in Detroit haben wir die gesamte Platte vom Anfang bis zum Ende mit zwölf Leuten auf der Bühne durchgespielt, mit Bläsern und Keyboards, ähnlich wie auch In Los Angeles. Aber wir haben das ganze nicht als Musical gemacht, obwohl es wesentlich leichter wäre, daraus einen Film zu machen.

Bei der Plattenaufnahme hattet ihr ja viele Gastmusiker. Könnt ihr dies eigentlich live richtig auf der Bühne umsetzen?
Phil:
Es waren nur fünf Gastmusiker. Ja, ich denke schon, dass wir das live richtig umsetzen können, obwohl es da schon wesentlich aggressiver und punkiger rüberkommt. Wir sind auf der Bühne dieselben Musiker wie im Studio. Im Studio haben wir uns lediglich etwas zusätzlichen Luxus gegönnt und z.B. ein paar Bläser angeheuert.
Matt: Wir mussten das tun, denn die Songs schrieen geradezu nach Bläsern, Keyboards, usw.
Viele eurer Songs handeln ja vom „Leben auf der Straße", gehen über Leute wie Zuhälter und deren Milieu. Habt ihr eine besondere Verbindung zu diesem „Way of Life"?
Phil:
Die meisten von uns leben in Detroit, eine sehr rauhe Stadt mit einer hohen Arbeitslosenquote.

Hat nicht Detroit sogar die höchste Arbeitslosenquote der USA?
Matt:
Wenn man alle Zuhälter, Drogendealer und Prostituierten als Erwerbstätige betrachten würde, dann hätten wir keine Arbeitslosen mehr, dann hätte jeder Arbeit. Aber legal erwerbstätig zu sein, ist etwas ganz Anderes. Wir sehen die Zuhälter, die Prostituierten, die Crackdealer, die Crackjunkies jeden Tag und somit ist es leicht, ein Album darüber zu schreiben.
Phil: Die ganze Geschichte ist eigentlich in unserer Nachbarschaft angesiedelt, die wir aber nicht sonderlich mögen, denn es ist keine großartige Nachbarschaft. Detroit ist eine total abgedrehte Stadt. Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet. Von beispielsweise drei Häusern sind meinetwegen zwei bewohnt und eins abgebrannt. Trotzdem kriechen jeden Abend Leute zum schlafen rein oder jemand macht ein Crack-House daraus. Die Stadt hat eine sehr merkwürdige Ausstrahlung und man muss ganz genau wissen, wo man sicher ist und wo nicht. Detroit hat die höchste Mordrate der Welt mit etwa 400 Morden pro Jahr - das ist mehr als in Beirut. Und wirtschaftlich sind die Leute natürlich auch am Ende. Detroit ist zu 80% schwarz und damit zu 80% arm und das nicht von Natur aus...
Matt: ...sondern weil Detroit hunderprozentig ignoriert wird. Es gibt dort keine Industrie mehr. Niemand wollte mehr seine Firma dort haben, also sind sie weggezogen. Die Leute haben dann ihre Jobs verloren und der Staat kümmert sich überhaupt nicht darum. Der Staat Michigan versuchte sogar vor einigen Jahren Detroit, zum eigenen Staat zu machen, denn dann hätten sie Detroit nicht mehr finanziell unterstützen müssen. Und da es keine Arbeit gibt, werden die Leute von Tag zu Tag ärmer, außer man ist im Drogenhandel oder in der Prostitution tätig.
Phil: Detroit ist wie ein Donut. Alles Geld ist wie eine große Mauer um Detroit herum verteilt und in der Mitte ist ein Loch mit absoluter Leere. Aber in diesem Loch findet trotzdem noch das kulturelle Leben statt. Die Leute kommen von außerhalb, um eine Band zu sehen oder in die Oper zu gehen, denn die Gebäude dafür stehen immer noch im Zentrum.
Matt: An dem Tag, an dem ich in mein Apartment eingezogen bin, wurde ein Fünfzehnjähriger nur 100 Meter davon entfernt erschossen. Du hast gefragt, warum Barry solche Texte schreibt und warum wir aggressive Musik machen. Weil wir das jeden Tag miterleben.

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