
Das Binic Folks Blues Festival im beschaulichen Binic-Étables-sur-Mer im Norden der Bretagne existiert bereits seit über zehn Jahren, und anders als der Name vermuten lässt, gibt es eine bunte Mischung aus Punk, Post-Punk, Noiserock, Singer/Songwriter, Americana. Erstaunlich war Ende Juli 2025 der Anteil australischer Künstler:innen, die während der drei Tage und Nächte zu erleben sind, teilweise zweimal. Das Ganze zu einem äußerst fairen Kurs von gerade mal 40 Euro für knapp 30 Bands. Die Preise für den Campingplatz sind ebenfalls sehr moderat und spontane Konzerte der Festivalbands zum Frühstück sind inbegriffen und sorgen gleich morgens für Feierstimmung.
Zudem fällt sofort auf, dass die üblichen Bespaßungsangebote fehlen, die natürliche Attraktion ist das Meer, die Miniaturversion eines Riesenrads am Strand ist eher ein Kuriosum. Der kleine Ort glänzt mit einer Vielzahl von Bars und Restaurants entlang der kurzen Strandpromenade, dort werden meist unfassbare Mengen an Muscheln vertilgt. Vor den beiden Bühnen, die fußläufig getrennt positioniert sind, finden jeweils gut 6.000 Besucher:innen Platz. Bei der diesjährigen Ausgabe haben 8.000 Menschen das 3-Tage-Ticket in Anspruch genommen, dazu kamen 4.000 Tagestickets. Trotzdem geht dort alles äußerst entspannt zu. Angenehm ist das Fehlen von Sponsorenlogos und Werbewänden, stattdessen gibt es großflächige Porträts von Künstler:innen, die bereits auf dem Festival gespielt haben. Die australische Songwriterin Cash Savage grüßt im Eingangsbereich und steht auch in diesem Jahr mit Our Carlson als Duo auf der Bühne. In der Stadt scheint sie jede:r zu kennen, sie hat hier einen besonderen Platz im Herzen aller gefunden. Die Preise für Getränke auf dem Festival, ebenso für Merch und Platten, scheinen aus einer Zeit zu stammen, an die sich nur noch die Älteren erinnern können. Wie kann das alles funktionieren? Darüber unterhielten wir uns mit den beiden Organisatoren Ludovic „Ludo“ Lorre und Seb Blanchais von Beast Records.
Was ist die Geschichte des Festivals und wie hat es sich entwickelt? Wer ist hinter den Kulissen beteiligt? Und wie interagiert das Festival mit der Stadtgemeinschaft?
Ludo: Im Jahr 2002 kündigte ich meinen Job als Musikjournalist in Paris, und nachdem ich eine Münze geworfen hatte, ging es nicht nach Australien, sondern es führte mich in die Bretagne und ich kaufte einen Pub in der kleinen Küstenstadt Binic. Im Winter 2008 haben meine Kumpels und ich den Verein La Nef D Fous gegründet, um uns um die Aktivitäten unserer Band TXOTX zu kümmern. Im Sommer 2008 haben wir das Binic Folks Blues Festival ins Leben gerufen, es gab fünf oder sechs lokale Bands, zwei Mikrobühnen, keine PA – als Off-DIY-Antwort auf das wichtigste kommerzielle Musikereignis der Stadt, das Autour du Blues. Im Jahr 2009 habe ich mich entschieden, das Konzept in eine etwas breiter aufgestellte musikalische Richtung zu öffnen. Mit dem Binic Folks Blues Festival wollten wir neue Formen alternativer Musik fördern, jetzt an drei Tagen mit 5.000 Euro Budget für nicht einmal 1.000 Besucher Wir waren zusammen, meine Kumpels und ich, etwa 50 Freiwillige, zehn Bands standen auf dem Programm und das alles gab es kostenlos.
Und wie hat sich das entwickelt?
Ludo: Zehn Jahre später, im Jahr 2019, haben wir innerhalb von drei Tagen fast 75.000 Menschen beherbergt, unser Budget war auf 800.000 Euro angewachsen und der Eintritt immer noch frei. 500 Freiwillige, 34 Bands, 24.000 Liter verkauftes Bier. Einige Händler und Kneipen in der Stadt machten 15 bis 20% ihres Jahresumsatzes an diesem Wochenende. Nach zwölf Jahren ehrenamtlicher Arbeit haben wir im Januar 2020 eine bezahlte Stelle für mich geschaffen, nachdem ich endlich mein kleines Café verkauft hatte. Dann brachten uns die Pandemie-Zeiten dazu, über eine Neuorganisation nachzudenken, über einen neuen Weg, um unsere Veranstaltung am Laufen zu halten, weil wir nicht das Risiko eingehen konnten, dieses Narrenschiff, unser Festival, sinken zu sehen, wenn wir es weiter umsonst veranstalten.
Seb: Für mich fing alles bei einem Drink spät in der Nacht an. Wir hatten gerade mit meiner damaligen Band DEAD HORSE PROBLEM in Ludos Bar gespielt, und wir diskutierten über die Idee, mit all den Netzwerken, die wir damals hatten, etwas Unkonventionelles auf die Beine zu stellen. Etwas DIY mit einem sehr rock’n’rolligen Gemeinschaftsgeist. Wir verstanden uns direkt und stellten bald fest, dass wir in vielerlei Hinsicht den gleichen Musikgeschmack teilten, besonders was die australische Underground-Szene angeht.
Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Binic deutlich von den meisten Festivals, auch auf kleinerem Niveau, denn es scheinen keine großen Sponsoren und Marken beteiligt zu sein. Zumindest sind ihre Logos nicht überall sichtbar. Welche Geschäftspolitik steckt dahinter und wie ist das Festival trotzdem finanzierbar? Auch die Ticketpreise rangieren für eine dreitägige Veranstaltung eher am unteren Ende.
Ludo: Wir betrachteten unsere fragile wirtschaftliche Lage immer als von den Geistern des Bayou gesegnet. Indem wir diese Veranstaltung über die Jahre hinweg kostenlos hielten, konnten wir etwas Besonderes entwickeln, etwas Einzigartiges, das Jahr für Jahr neue Besucher brachte, und heute haben wir ein stabiles Publikum, das auf unsere Music Fun Fair vertraut. Für uns war das mit dem freien Eintritt auch ein Akt des Widerstands, eine Möglichkeit, die Liebe zu guter Musik ein paar Nächte lang mit fremden Menschen zu teilen. Nachdem wir einige legendäre Bands im Programm hatten wie THE MONSTERS, Kid Congo oder Ty Segall im Jahr 2012, THEE OH SEES 2013 oder THE SONICS 2014 bis hin zu SLEAFORD MODS und SIX FT HICK 2019, können wir sagen, dass wir stolz auf das sind, was wir mit La Nef D Fous erreicht haben. Und das mit nur minimaler Unterstützung des Systems. Zuschüsse lokaler und staatlicher Institutionen decken 10% unseres Budgets, dazu kommt natürlich etwas privates Sponsoring, das sind noch mal 10%. Wir haben das Festival also immer zu 80% selbst finanziert, mit unseren eigenen Gewinnen aus Bierverkauf, Merchandising, Spenden oder dem Campingplatz für die Gäste. In diesem Jahr betrug der Eintrittspreis 15 Euro für eine Tageskarte oder 40 Euro für drei Tage. Auf dem Programm standen 24 Bands, davon die Hälfte aus Australien, das macht im Grunde 80 Cent pro Show, wer bietet mehr?!
Seb: Es ist wichtig, Menschen nicht aufgrund von Geldmangel zu diskriminieren, besonders in der Musik. Wie viele Konzerte habe ich als Kiddie verpasst, weil meine Taschen leer waren? Die meisten Festivals und Programmmacher geben der Rentabilität Vorrang vor der Qualität, doch letztlich arbeitet das gegen sie.
Das Billing beinhaltet immer auffallend viele Acts aus Australien. Was ist die Geschichte dahinter und wie funktioniert es, diese Künstler zu gewinnen? Ist das exklusiv oder gibt es Möglichkeiten, Touren rund um das Festival zu buchen? Und wie wählt ihr andere Künstler für das Programm aus?
Ludo: Als wir unsere Zusammenarbeit mit Seb „Boogie“ und Romain von Beast Records begannen, war schnell klar, dass sie mit den Bands aus Australien bereits eine der besten Diamantenminen entdeckt haben. Dieses magische Rezept, einige der unbekannten Talente dieses Kontinents nach Übersee zu bringen, haben wir Jahr für Jahr beibehalten und weiterentwickelt. Wir und Beast Records teilen das gleiche Werteempfinden oder die gleiche Sensibilität für Musik und Künstler und wie sie dem Publikum näher gebracht werden sollten, ob live oder auf Platte. Nun, ein paar große Namen oder Legenden plus Legionen neuer Bands nur aufgrund der Einladung von Binic von Australien nach Europa oder wenigstens in die Bretagne zu holen, ist immer noch jedes Jahr eine Herausforderung für alle Beteiligten. Auch wenn das Netzwerk aus Bars, Clubs, alternativen Veranstaltungsorten, Festivals und besetzten Häusern, der Ruf, den wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben, solide ist, wird es für die meisten von uns immer komplizierter, ein gewisses Niveau zu halten und die Dinge immer wieder ordentlich zu regeln. Wir mögen die Idee, einander auf jede mögliche Weise zu unterstützen, um eine anständige Tour auf die Beine zu stellen, so dass all diese Musiker die Autobahnen von goo’ ol’ Europe unsicher machen.
Seb: Als Label schlagen wir jedes Jahr einige unserer Bands vor und Ludo entscheidet, was seiner Meinung nach auf dem Festival funktionieren könnte. Beast Records hat sich seit der Gründung im Jahr 2003 auf Australien konzentriert und Ludo teilt diese Leidenschaft. Er ist regelmäßig dort, um nach Talenten Ausschau zu halten, bei der Produktion arbeiten wir dann zusammen. Bei den Amerikanern ist es eher der Buzz U Touring-Katalog mit Kid Congo, den SONICS etc. Wir wollen aber auch aufstrebenden französischen Newcomern eine Chance geben.
Euer Publikum scheint sehr unprätentiös zu sein und es gibt keine Attraktionen, um die Leute zu unterhalten, wie es bei anderen Festivals üblich ist. Wie sieht eure Zielgruppe aus?
Ludo: Unser Publikum ist mit Sicherheit nach 17 Jahren mit uns erwachsen geworden. Die Gäste, die von Anfang an dabei waren, entwickelten sich zu unseren besten Botschaftern, die der Welt berichten von einer gut organisierten Party mitten im Sommer in einem kleinen Dorf am Meer, voller alter Seeleute und junger Feierwilligen, mit Familien und Punks, Einheimischen und Fremden. Durch dieses Ambiente wurde Binic the plage to be! [Anmerkung: Ein Wortspiel – eigentlich La plage où être, der Strand zum Verweilen.] Eins ist für mich sicher, das Binic Folks Blues Festival ist einzigartig wegen seines Publikums, ein wirklich engagiertes, leidenschaftliches, respektvolles Publikum, das bereit ist, jedes Jahr wieder neue, ihnen unbekannte Bands zu entdecken.
Seb: Die Besucher erwartet ein herzlicher Empfang, ein Programm voller Überraschungen und Qualität, alles in der schönsten Region Frankreichs zu einem vernünftigen Preis – und schon sind sie dazu bereit.
2026 ist das 15-jährige Jubiläum. Was habt ihr für diesen Anlass geplant?
Ludo: Ich kann es noch nicht sagen, vielleicht wird es das allerletzte Mal sein, wer weiß, und wen interessiert das schon ... Ich bleibe bei der No-Plan-Plan-Theorie, aber mir schwirren schon ein paar Ideen im Kopf herum, wie immer. Also achtet auf die Neuigkeiten auf der La Nef D Fous-Website oder in den sozialen Medien in nächster Zeit.
Was waren die schlimmsten, was die besten Momente rund um das Festival?
Seb: Zu viele gute Erinnerungen! An die Klasse eines Ron Peno, den Wahnsinn der MOVIE STAR JUNKIES, die großen Emotionen bei Cash Savage und die Könige der Bühne SIX FT HICK, um nur einige zu nennen. Das Schlimmste für mich war definitiv die Absage von BEASTS OF BOURBON aufgrund des australischen Lockdowns.
Wenn man sich den Merch von Bands, Label und Festival ansieht, scheint es ein Publikum zu adressieren, das Shirts und Vinyl kauft und keinen Bullshit-Schnickschnack. Wie organisiert ihr diesen Aspekt und haltet dabei auch noch die Preise im Auge?
Ludo: Wir versuchen, die Politik des guten oder richtigen Preises für den Merch, die Goodies oder die Platten, die wir verkaufen, aufrechtzuerhalten. Wir haben das große Glück, dass alle Mitglieder unserer Gemeinschaft oder Familie, die eines unserer T-Shirts tragen oder eine Platte von dem Label kaufen, sich als Teil davon betrachten oder es auf ihre Weise unterstützen. Es ist sehr wertvoll und respektabel, mehr denn je.
Gibt es ein anderes Festival in Frankreich, das eurem ähnelt?
Ludo: Nein. Ich meine, es gibt sicher viele Festivals, irgendwo, vielleicht nicht weit entfernt von Binic, aber keines wie unseres.
Seb: Meines Wissens nicht, aber es werden viele kleine, manchmal kurzlebige Festivals in der Bretagne auf die Beine gestellt, nach dem Vorbild des BFBF, das sich an der Underground-Szene orientiert.
Irgendwelche Gedanken, die du mit der Punk-Community in Deutschland teilen möchtest?
Ludo: „Gib niemals auf!“, sagte einmal Joe Strummer zu mir. „All the way“, würde Spencer P Jones mit Sicherheit hinzufügen. Wir sehen uns beim Binic 2026, Folks!
Seb: Kommt alle zur 15. Ausgabe des BFBF! Außerdem möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um die beste deutsche Band aller Zeiten zu grüßen, die CELLOPHANE SUCKERS!
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Martin Rabitz