BITZ CORE

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Interview mit dem Hamburger Label

Das Hamburger Label Bitzcore hat sich in den letzten Jahren durch jede Menge guter Platten von Bands wie TOXIC REASONS, ALLOY, VIC BONDI, ZERO BOYS oder APT. 3G einen Namen gemacht. Neugierig wie wir vom Ox nunmal sind, interessierte uns natürlich seit langem, wer hinter Bitzcore steckt. Die Antwort: Jürgen Goldschmidt.

Wer bist du, wie lange machst du das Label schon?

Mein Einstieg ins Musikgeschäft war 1987, als ich in Hamburg beim EFA-Vertrieb zu arbeiten begann. Ich hatte dort die Möglichkeit zu lernen, wie im Independent-Bereich gearbeitet wird. Die Idee zu Bitzcore gründete sich dann auf der Tatsache, dass die ganzen US-Hardcoresachen nur in Mini-Stückzahlen hier nach Europa kamen und sofort Sammlerstücke waren. Meine Absicht war es, als Fan für Fans einen Teil dieser Platten in Europa nochmal zu veröffentlichen. Nachdem ich in den USA gewesen war und Kontakte geknüpft hatte, fing ich mit VERBAL ABUSE an. Im Laufe derZeit stellte sich dann heraus, dass ich mit meiner Erfahrung bei EFA die üblichen Anfängerfehler eines Labels vermeiden konnte. Tja, und nach und nach kamen dann eben immer mehr Platten.

Wie kamst du denn zu Hardcore?
Ich höre seit Ende der Siebziger Punk. Für mich war das immer die einzige Musikrichtung, die mich wirklich gefesselt hat, wobei mich die ganzen US-Bands von jeher mehr interessiert haben. Naja, jetzt bin ich Anfang 30 und mache mein eigenes Label, wobei ich anfangs nicht geplant hatte, meinen Job bei EFA aufzugeben und von Bitzcore zu leben. Ich wollte Bitzcore so nebenher laufen lassen, was ja prinzipiell auch möglich ist, wenn man nur Re-Releases macht, denn die verursachen nicht viel Arbeit. Ich hatte dann aber die Idee, einen Hamburg-Sampler zu machen und bekam deshalb eine Demo von DESTINATION ZERO in die Hände. Das gefiel mir so gut, dass ich spontan meinen Vorsatz sausen ließ und eine Platte mit ihnen machte. Danach ging es dann mit Re-Releases weiter, weil ich schnell gemerkt hatte, dass es mehr braucht als ein Feierabend-Label, um so eine Band zu promoten. Außerdem war es mir auch zu riskant, eine Platte von einer Band rauszubringen, die sich dann vielleicht drei Monate später auflöst. Doch dann meldeten sich plötzlich F.O.D. bei mir und fragten, ob ich nicht ihr neues Album machen wolle. Seitdem hat sich Bitzcore so gewandelt, dass ich heute fast keine ReReleases mehr mache, sondern nur noch aktuelle Bands.

Man genießt mit aktuellen Bands doch auch mehr Ansehen, oder? Diese ganze Wiederveröffentlichungssache stößt manchen Leuten ja auch an Lost & Found übel auf, weil sie denen, man müsse nur die alten Bänder auf eine CD packen und schon rollt der Rubel.
Vom Arbeitsaufwand her ist eine Wiederveröffentlichung natürlich bequemer, aber man darf dann auch keine Erwartungen haben, damit auch Geld zu verdienen oder sogar davon zu leben. Das sind eigentlich nur Fan-Auflagen für den harten Kern der Szene. Vor fünf Jahren war der Markt für solche Platten auch noch größer als heute, wo jeder ein paar Mark weniger übrig hat. Die Leute stürzen sich derzeit lieber auf aktuelle Produktionen, wobei es derzeit aber auch insgesamt viel zu viele neue Platten gibt.

...vor allem auch Re-Releases. Heute presst doch jedes Label die Platten, die vor fünf Jahren rauskamen, schon als Wiederveröffentlichung auf CD.
Das mag sein. Jedenfalls kann ich mittlerweile von Bitzcore leben, das heißt die Unkosten sind gedeckt - ich habe mittlerweile einfach so viele Platten, gemacht, dass ich ein kleines Lager mieten musste - und ich kann meinen Lebensunterhalt damit decken. Ich denke, das ist nur fair, denn jahrelang habe ich jeden Pfennig, den ich verdient habe, in das Label gesteckt, und es wird auch in Zukunft so laufen.

Man denkt ja, dass Labels, die viele Platten rausbringen und überall Anzeigen schalten, jede Menge Geld verdienen.
Das stimmt leider nicht, denn die ganzen Unkosten ergeben horrende Summen. Nimm zum Beispiel das Telefon: Ich habe mehrere Bands aus den USA unter Vertrag, und selbst wenn ich jede Woche nur einmal mit denen telefoniere, kommen da mit den anderen Gesprächen schon Tausende zusammen.

Wie würdest du denn deine Labelpolitik definieren? Ich meine, We Bite, Lost & Found und XMist haben ja alle ein unterschiedliches Image, und die Programme unterscheiden sich teils beträchtlich.
Hauptsächlich lasse ich mich von meinem persönlichen Geschmack leiten. Kommerzielle Aspekte stehen bei der Auswahl der Bands nicht im Vordergrund. Teilweise hängt das dann auch mit persönlichen Freundschaften zusammen, etwa im Falle von Vic Bondi, FLAG OF DEMOCRACY oder TOXIC REASONS. Solche Aspekte zählen für mich am meisten, und ich nehme dabei keine Rücksicht auf Kategorien wie Punk oder Hardcore. Sonst hätte ich das Vic Bondi-Soloalbum oder CHINA DRUM nicht machen dürfen. Das sind eigentlich meine persönlichen Favoriten, die ich dann auch der Öffentlichkeit präsentieren will.

Neben den oben erwähnten Labels ist Bitzcore wohl das einzige größere, das im HC-Sektor aktiv ist.
Vom Output her gehört Bitzcore sicher zu den größten. Das kommt sicher auch daher, dass der Markt für Hardcore in Deutschland in den letzten Jahren stetig gewachsen ist und mittlerweile zum Teil größer ist als in den USA. Außerdem wurden viele der Bands, mit denen ich zu tun habe, in den USA nur abgerippt. Ich dagegen bezahle meine Bands, und das spricht sich eben herum. Dafür nehmen die Bands auch in Kauf, dass die Platten in den USA recht schwer erhältlich waren.

Hast du denn in den USA einen Vertrieb?
Rotz Records in Chicago vertreiben den einen Teil, den anderen habe ich an Century Media oder Triple X lizensiert.

Wie kamst du denn an COCK SPARRER ran? Da war hintenrum zu hören, daß gewisse Leute sich daran störten, daß die nicht bei einem „richtigen" Punklabel erschienen ist.
COCK SPARRER hatten mich schon immer fasziniert, aber irgendwann verlor ich sie dann aus den Augen. Ich hatte dann vom Veranstalter der TOXIC REASONS-Tour gehört, dass er auch eine Tour von COCK SPARRER plane. Daraufhin habe ich meine alten Tapes rausgekramt, sie mir in Ruhe angehört und dann mit den Jungs Kontakt aufgenommen. Da sie neue Songs geschrieben hatten, meinten sie, es sei kein Problem, ein Studioalbum aufzunehmen. Daraufhin habe ich einen Vertrag aufgesetzt, bin nach London geflogen und habe mich bei ein paar Bier mit den Jungs in die Kneipe gesetzt und alles besprochen. Tja, das war's dann.

Nach COCK SPARRER hätten sich auch jede Menge anderer Labels die Finger geleckt.
Ich hatte mit ein paar Leuten gesprochen, wie sie die Sache einschätzen, und alle wären nur zu gerne bereit gewesen, die Platte selbst rauszubringen. Ich konnte ja nicht so recht abschätzen, wie eine Band ankommen würde, die seit ein paar Jahren nicht mehr aktiv war. Zum Glück habe ich mich nicht getäuscht, denn die Tour war sehr erfolgreich.

Derzeit Ist Hardcore New Yorker Prägung das große Ding und wird in den großen Musikblättern abgefeiert. Trotzdem bekommen die alteingesessenen Labels mit ihren etablierten HC-Bands von diesem Kuchen kaum was ab.
Das stimmt, denn um Hardcore richtig gut verkaufen zu können, musst du in diesen Magazinen präsent sein und massig Anzeigen schalten. Aber das ist nicht Sinn der Sache, denke ich. Es wäre natürlich erfreulich, wenn die „old school"-Sachen ähnlich groß rauskommen, aber ich glaube nicht daran. Diese New York-Schiene ist für mich einfach ein Hype, und an den wirst du dich mit den „old school"-Sachen nicht ranhängen können. In kurzer Zeit wird es da wieder einen neuen Trend gebeben.

Es sind ja auch höchstens zehn Bands, die wirklich gut verkaufen.
Die richtig gehypten Bands verkaufen gut und ein paar andere schwimmen ein bisschen mit, aber für den Rest reicht es nicht,um den großen Sprung zu machen. Schau dir doch Bands wie D.O.A. oder TOXIC REASONS an, die seit Ende der Siebziger dabei sind, aber der große Erfolg bleibt auch für die aus. Und ihre Bekanntheit ist auch nur latent vorhanden, geht kaum über die Szenegrenzen hinaus.

Was ist deine Konsequenz daraus? Kleine Brötchen backen?
Man sollte auf keine Fall den Fehler begehen und sich überschätzen, denn es geht sehr schnell, dass man sich an einer Produktion verschluckt. Man muss wissen, wozu man in der Lage ist, und auch auf Qualität achten. Für mich ist wichtig, dass ich die Platten auch nach ein paar Jahren noch hören kann.

Wie lange wird es Bitzcore geben?
Solange es mir mehr Spaß macht als Nerven raubt. Wenn es damit anfangen sollte, dass ich mich nur noch mit Anwälten über Vertragsdetails unterhalte, müsste ich schwer überlegen, ob ich das in der Form weitermache.

Es gibt immer wieder Dummerchen, die Bitzcore statt Bitzcore schreiben oder sagen. Fehlt das L oder was ist da passiert?
Es gab mal einen Kölner Straßensänger namens Hein Bitz, der auf dem Münchner Trikont-Label eine Platte rausgebracht hatte. Wir saßen hier vor Jahren mal zusammen - Leute von den EMILS, Lawrence Li vermoore von Lookout! Ree. war zufällig dabei, und ein paar andere auch und haben nach ein paar Bieren angefangen, die Lieder von Hein Bitz nachzusingen. Damals war es gerade angesagt, hinter jedes Wort -core anzuhängen, und irgendwer kam dann auf die glorreiche Idee, was von Bitzcore zu faseln. Und so war der Name meines Labels geboren.

Was erwartet uns in nächster Zukunft von Bitzcore?
Demnächst kommen aktuelleStudio-Alben von TOXIC REASONS, APT. 3 - G , NRA und FLAG OF DEMOCRACY, wobei die Bands hoffentlich auch alle auf Tour kommen werden. Was Re-Releases betrifft, so kümmere ich mich gerade um den Back-Catalogue von TOXIC REASONS. Ich plane da, vier LPs auf zwei CDs zu veröffentlichen. Das gleiche plane ich mit F.O.D., wo ich „Shatter Your Day" und „23" auf eine CD pakken will. Dann ist noch eine Compilation mit sieben raren US-7 "s auf einer CD geplant - GENETIC CONTROL, MORNING NOISE, TOXIC REASONS, UNITED MUTATION und andere. Das sind 44 Songs, und davon muss sich der Typ im Tonstudio heute noch erholen. Vielleicht wird das auch eine Serie, aber da will ich erst das Feedback abwarten. Im Frühjahr wird dann VIC BONDI zusammen mit BOB MOULD seine zweite Solo-CD einspielen.

Ich habe gehört, dass du demnächst in den CD-ROM- bzw. CD-Interactive-Bereich einsteigen willst.
Ja, und zwar mit den TOXIC REASONS. Deren nächste CD wird auch als CD-ROM erscheinen. Wir werden das in Zusammenarbeit mit einem Software-Entwickler erstmalig im Punkbereich für DOS-Computer anbieten.

Und was kann man sich darunter vorstellen ?
Das ist im Prinzip eine normale CD, die problemlos als Audio-CD abspielbar ist. Zusätzlich gibt's aber auch noch Videoeinspielungen zu sehen, eine Diskographie, Grußworte von der Band, die Texte sowieso die Karaokeversion von einem Song. Das Teil wird voraussichtlich nicht mehr kosten als die normale CD.

Wie kamst du denn auf diese Idee?
Mein Freund macht Euro-Ralph, den europäischen Ableger des RESIDENTS-Labels. Und von denen gibt es bereits eine CD-ROM.

Zum Schluss noch die Frage, was du tun würdest, wenn du eines Tages mit Bitzcore richtig Geld verdienen könntest.
Daran glaube ich zwar nicht, aber ich würde dem FC St. Pauli einen neuen Stürmer finanzieren - einen richtigen Stürmer!

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