© by Tim AlbrechtGanze vier Jahre vergangen, sind seit „Daran wird es nicht scheitern“ erschienen ist. Nun legen BLAUFUCHS mit „Bis jetzt ging alles gut“ nach. Sänger Johannes berichtet von den Herausforderungen auf allen Ebenen, die die Band aus Hildesheim seitdem zu bewältigen hatte.
Johannes, lang ist es her, dass wir uns gesprochen haben. Was hat sich in der Zeit verändert?
Mittlerweile haben wir einige neue Gesichter in der Band, Hale hat den Bass von Marisa übernommen und wir haben jetzt Jan am Schlagzeug und noch einen Jan an der Gitarre. Alle drei haben uns vorher schon live unterstützt und es passt einfach. Wir durften zusammen mit MASSENDEFEKT auf Tour gehen und auf vielen coolen Festivals spielen, und sind aktuell gefestigter denn je. Außerdem haben unsere Neuen auch neue Ideen in die Songs eingebracht, wobei die im Kern immer noch von John sind. Aber dadurch haben wir uns auch mehr Zeit gelassen und so wurde es etwa ein Jahr mehr, als ursprünglich gedacht. Außerdem merke ich, dass die Zeit für die Band neben Familie und Job bei mir immer knapper wird. Die neuen Songs habe ich in den vier Wochen vor der Geburt meines zweiten Kindes eingesungen und seitdem ist hier richtig Alarm. Leider gab es gerade im letzten Jahr irgendwie neben allen politischen Krisen auch zu viel Krankheit und Verlust, das hat die Songs nicht mehr direkt beeinflusst, aber in der Phase von Single-Releases und Album-Promo extrem viel Kraft gekostet. Als wir im November mit 100 KILO HERZ in Hamburg spielen durften, war ich zum ersten Mal kurz davor, einfach wieder umzudrehen. Durchgezogen haben wir es trotzdem und es war auch ein sehr guter Abend, aber das war auf jeden Fall ein Warnsignal.
Damals sprachen wir auch darüber, dass du dir wünschen würdest, dass der „Social-Media-Aktivismus“ über die eigene Blase hinaus wirkt. 2025 hat es den Anschein, als sei das Netz nur noch ein Sammelbecken für rechte Propaganda. Wie beurteilst du die aktuelle Entwicklung?
Vielleicht bin ich einfach zu alt, aber aktuelles Social Media ist gruselig. Das Diktat von Short Form Content ist so allgegenwärtig, das ist anstrengend. Ich möchte keine Musik als Soundtrack zu Reels oder TikTok-Videos machen, auch wenn das vermutlich gerade erfolgsversprechender ist, als ein Album auf Vinyl zu veröffentlichen. Und politisch zeigt sich, dass aus der digitalen Vernetzung rechter Jugendlicher reale Gewalt entsteht und sich weiter verstärkt. Ich habe größten Respekt für alle, die online oder im realen Leben dagegenhalten, auch wenn es schwerfällt. Es fällt immer stärker auf, das Social Media kein neutraler Raum sind, sondern von Konzernen mit eigenen Profitinteressen betrieben werden, die aktuell zudem fragwürdige politische Agenden verfolgen.
Es gibt auf „Bis jetzt ging alles gut“ einige Features, mal mehr oder weniger präsent, was man auch als Zeichen dafür sehen kann, dass ihr in der Szene angekommen seid. Siehst du das auch so?
Ich tue mich mit dem Begriff Szene ein bisschen schwer. Ich denke, wir haben in den letzten Jahren auf Konzerten und Festivals viele großartige Menschen kennen gelernt, die ähnlich ticken und vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Und manchmal denken wir beim Schreiben an eine:n von denen und laden sie zur Zusammenarbeit ein. Es ist wahnsinnig schön zu sehen, dass Bands aus unserem Umfeld mittlerweile richtig erfolgreich unterwegs sind, und natürlich wünscht man sich das auch für die eigene Band. Aber realistisch betrachtet wird es für uns aktuell nicht möglich sein, 30 oder 40 Konzerte im Jahr zu spielen, damit bleiben wir vermutlich bei einigen ein Stück weit unter dem Radar.
In „Koordinatensong“ geht es um deine Heimatstadt Stralsund – wie ist dein Verhältnis heute zu der Stadt und wie schaust du auf die Zeit, die du dort verbracht hast?
Ich habe kürzlich etwas erschreckt festgestellt, dass ich schon länger dort weg bin, als ich dort gelebt habe. Heute ist es ein ambivalentes Verhältnis. Meine Eltern und meine Oma wohnen noch dort und mir ist wichtig, dass meine Kinder diese Stadt für sich entdecken. Andererseits wählen da einfach ein Drittel der Leute AfD, das ist extrem beunruhigend. Im Sommer hätte es die Möglichkeit für mich gegeben zurückzuziehen, und da wurde mit klar, dass das keine Option für mich ist, weil ich nicht möchte, dass meine Kinder da aufwachsen. Das ist wirklich schmerzhaft, weil es eigentlich ein wunderschöner Ort ist, und die Frage, die im Song ja auch verhandelt wird, ist, ob es einen Unterschied gemacht hätte, wenn ich und so viele aus meiner Generation nicht weggezogen wären. Es fühlt sich ein bisschen wie Kapitulation an. Andererseits gibt es natürlich auch hier immer noch wahnsinnig engagierte coole Leute. Ich würde mir wünschen, da langfristig wieder mehr Kontakte aufzubauen und zu supporten, wo es möglich ist, mal schauen, was die Zukunft da bringt.
Der Albumtitel klingt irgendwie positiv, ist aber auch eine Warnung. Mit welchem Gefühl schaust du auf die Zukunft, auch was deine ostdeutsche Heimat angeht?
Seitdem wir den Albumtitel festgelegt haben, ist so viel passiert, und scheinbar versinkt die ganze Welt im Chaos. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich progressive Kräfte nicht spalten lassen, die Bürgerlichen nicht vor den Faschisten einknicken und wir die wieder ein Stück weit egalisiert bekommen. Aber das wird eine extrem harte Arbeit, die viele Aspekte hat: Unseren eigenen Kindern zu helfen, sich zu emphatischen Menschen zu entwickeln. Im Kleinen im Alltag wachsam zu bleiben und rechten Akteuren entschieden zu widersprechen. Eine Jugendkultur anzubieten, die eine Alternative zu rechten Gedankenwelten bietet. Schwierige politische Fragen angehen und eigene Positionen entwickeln, sich organisieren und handeln. Und auch und gerade die Menschen in den Krisenregionen im Osten, aber auch im Westen nicht alleine zu lassen. Ich hoffe und glaube, dass wir zu alldem mit unsere Musik einen Beitrag leisten können, auf welche Weise auch immer.
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