© by Wout van HeckBONY MACARONI sind absolute Vollprofis, wenn es darum geht, düstere und sozialkritische Themen locker und humorvoll zu verpacken. Egal, ob persönliche Tiefs oder die chaotische Weltlage – die Emo-Band aus den Niederlanden kommt stets mit einem Augenzwinkern daher. Mit dem Debütalbum „The Big Bucks“ aus dem Jahr 2023 wurde ihre Handschrift bereits deutlich. Wir sprachen mit Sänger Stefan Bonestroo über den apokalyptischen Nachfolger „Death Drive“, das Aufwachsen in einem christlichen Elternhaus und die Entscheidung, dem Glauben abzuschwören.
In eurem Pressetext heißt es, dass ihr „Emo-Songs über die Höllenspirale einer Welt macht, in der wir uns manchmal befinden“. Was genau ist damit gemeint?
Das bezieht sich unter anderem auf unser neues Album und die erschreckende Weltlage. Die Musik, die ich mit BONY MACARONI mache, zeigt immer ziemlich gut, wie es mir zu dem Zeitpunkt geht und was es für Aufs und Abs in meinem Leben gibt.
Soundtechnisch höre ich bei euch immer wieder Bands wie THE FRONT BOTTOMS, HOT MULLIGAN, MICROWAVE oder MODERN BASEBALL raus. Gab es bei der neuen Platte bewusste Inspirationen?
All die Bands, die du genannt hast, hatten in den vergangenen Jahren einen großen Einfluss auf uns. Ich bin seit 2012 ein großer Emo- und Indierock-Fan. Wir haben innerhalb der Band aber nicht alle den gleichen Musikgeschmack. Beim neuen Album haben wir deshalb versucht, nicht ganz so offensichtliche Vorbilder mit einfließen zu lassen. Diesmal waren es eher Tom Petty, WEEZER, THE REPLACEMENTS und OASIS.
Euer Debütalbum „The Big Bucks“ liegt noch gar nicht so weit zurück. Hattet ihr bestimmte Dinge im Hinterkopf, die ihr auf eurem neuen Album anders machen wolltet?
Ich war eher nervös, dass es nicht so gut wie unser Debütalbum wird. Ich muss einfach sagen, dass ich mit dem Songwriting unseres ersten Albums unglaublich zufrieden bin. Das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber ich habe schlicht gehofft, dass ich das bei unserem neuen Release noch mal so gut hinbekomme. An den Lyrics für „The Big Bucks“ haben wir zwei bis drei Jahre geschrieben. Für „Death Drive“ haben wird nicht mal ein Jahr gebraucht. Als wir mit dem Aufnehmen angefangen haben, hatte ich noch nicht alle Strophen und Refrains beisammen und es war eine Menge Druck mit dabei. Ich glaube aber, dass wir das am Ende gut hinbekommen haben.
In Interviews über euer Debütalbum hast du gesagt, dass es sich bei dem Release um eine Zusammenfassung deiner Kindheit und Jugend handelt und antikapitalistischen Emo-Pop verkörpert. Wie würdest du das neue Album zusammenfassen?
„Death Drive“ ist ein sehr persönliches und nervöses Album. Das hat etwas damit zu tun, dass ich ein ziemlich nervöser Mensch bin. Das Album beschäftigt sich aber auch mit dem ängstlichen Zustand von uns allen, in dem wir uns wegen der momentanen Weltlage befinden.
Ich habe das Gefühl, dass ihr bei „Death Drive“ mehr Fokus auf Produktion und Melodien gelegt habt.
Ja, ich denke schon. Das ist glaube ich unseren unterschiedlichen Einflüssen geschuldet. Wir dachten uns zum Beispiel: diese Nummer soll etwas nach OASIS klingen und das hier wird unser Country-Song. Wir wollten mit dem neuen Album einfach viel ausprobieren und dabei sind Songs entstanden, die es so noch nicht von uns gab.
Wenn man euer Debütalbum und euer neuestes Werk zusammennimmt, habe ich den Eindruck, dass sich eine gewisse Tragik durch eure Musik zieht. Ist das eine Stimmung, die ihr bewusst erzeugen wollt, oder passiert das automatisch?
Das klingt vielleicht nach einem Klischee, aber Songs zu schreiben, ist für mich wie Therapie. Ich kann mich so besser mit meinen inneren Ängsten beschäftigen und es sind meistens auch die schlechten Dinge, die ich in der Musik verarbeite. Wenn es mir gut geht, bin ich oft nicht in der Stimmung, Songs zu schreiben.
Auch wenn es in eurer Musik oft um ernste Themen geht, habe ich das Gefühl, dass trotzdem immer ein gewisser Spaß mitschwingt. Würdest du sagen, dass ihr innerhalb der Band den gleichen Sinn für Humor teilt?
Ich glaube, dass wir uns in Sachen Humor mit der Zeit gefunden haben. Unsere Musikvideos sind ein gutes Beispiel dafür. Jemand von uns hat irgendeine dumme Idee und alle anderen sind sofort dabei. Wir sind alle ziemlich gute Freunde und es macht einfach Spaß, gemeinsam über unsere Texte lachen zu können. Wir sind zwar eine Emo-Band, aber ich würde mich selbst nicht als Emo bezeichnen. Ich habe sogar ein ziemlich optimistisches Naturell. Wen ich einen Song schreibe, der zu deprimierend ist, versuche ich, ihn noch etwas anzupassen und lustiger zu machen.
Auch wenn du dich selbst als optimistische Person beschreibst, gibt es auf eurem neuen Album einige Songs, die etwas nach Weltuntergang klingen – zum Beispiel „The ends of the earth“ oder „Blind spots“. Hattet ihr von Anfang an die Idee, das zu einem der Hauptthemen eures Albums zu machen?
Ich mag es immer gerne, wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch ein Album zieht. Diesmal geht es viel um Themen wie Selbstzerstörung und Tod – deshalb auch der Titel „Death Drive“.
Ein Song, der für mich besonders heraussticht, ist „Bubble boy“. Er handelt davon, dass du in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen bist, deinen Glauben aber irgendwann hinterfragt und dich von ihm abgewendet hast. Wie blickst du auf diese Zeit zurück?
Ich komme aus einer kleinen Stadt in den Niederlanden, die zum sogenannten „Bible Belt“ gehört. Ich kannte nur wenige Leute, die nicht gläubig waren, und habe viele Jahre in einer richtigen Blase gelebt. In der Kirche habe ich sogar angefangen, Gitarre zu spielen und zu singen. Ich möchte aber betonen, dass ich schon immer ein eher skeptischer Christ war und mich zum Beispiel sehr für Naturwissenschaften interessiert habe. Mit 18 Jahren bin ich weggezogen und hatte so die Möglichkeit, aus dieser Blase herauszukommen. Ich konnte die Dinge nun aus einer der anderen Perspektive sehen und vieles hat für mich plötzlich keinen Sinn mehr gemacht.
Gab es einen bestimmten Auslöser, der diese religiöse Blase hat platzen lassen?
Das ist eher schleichend passiert. Ich habe mit der Zeit angefangen, einzelne Dinge zu hinterfragen. Die Blase ist nicht geplatzt, sondern hat langsam die Luft verloren. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich nicht mehr hinter der Grundidee des Christentums stehen konnte.
Am Ende des Albums wird es mit „Inanimate“ ganz schön ernst und der Humor wird beiseitegelassen. Du sprichst über den Tod eines Familienmitglieds und die Lage in Gaza. Gibt es eine Hintergrundgeschichte zu dem Song?
Als ich 13 Jahre alt war, ist meine Cousine an Krebs gestorben. Sie war gerade mal 18. Das war das erste Mal, dass ich mich wirklich mit dem Thema Tod beschäftigt und um jemanden getrauert habe. Gaza ist ein aktuelles Beispiel und ich wollte beides miteinander verbinden. Zu Beginn war ich mir nicht sicher, ob „Inanimate“ der letzte Song auf dem Album sein soll, weil es musikalisch etwas zu offensichtlich ist. Mir war es deshalb auch wichtig, den Song nicht langsam ausfaden oder mit einem finalen Ton enden zu lassen. Dass er jetzt ganz schön abrupt aufhört, ist eher einem Zufall zu verdanken.
Im Verlauf des Stücks hört man immer wieder spielende Kinder. Was hat es damit auf sich?
Wir haben viele der Demos bei unserem Bassisten zu Hause aufgenommen und er wohnt direkt neben einer Schule. Wir waren extrem von der Geräuschkulisse genervt und die Kinder waren in den Aufnahmen zu hören. Also dachten wir uns, dass wir das auch für uns nutzen können, und haben zwischendurch das Mikrofon aus dem Fenster gehalten.
Mir ist vor allem der Refrain „I once was inanimate, can we please just go back to that?“ im Kopf geblieben. Was genau möchtest du hiermit ausdrücken?
Ich habe bei dem Album versucht, unterschiedliche Metaphern fürs Nicht-Existieren zu finden. Ich bin jetzt nicht suizidgefährdet, aber bei dem aktuellen Weltgeschehen und dem ganzen Bullshit denke ich mir manchmal, dass es schön wäre, wenn alles einfach aufhören würde. Wir waren alle mal leblos und werden eines Tages wieder zu diesem Zustand zurückkehren.
Suizidgedanken? Telefonseelsorge: 0800 111 0 111
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