BRIGADE LOCO

Foto© by Beñat Goia

Der Weg als Ziel

BRIGADE LOCO aus Gipuzkoa, der kleinsten Provinz des Baskenlandes, haben mit „Bide Baten Esanahia“ – „Der Sinn einer Straße“ oder auch „Die Bedeutung des Wegs“ – ihr drittes Album veröffentlicht. Die Texte sind nicht mehr ganz so direkt wie auf den Vorgängeralben, aber immer noch kämpferisch. Alles ist wieder verpackt in ihren ganz eigenen melodischen Streetpunk, der im Baskenland mittlerweile nicht nur in den Autonomen Zentren läuft sondern auch in normalen Kneipen. Vorab sind auf YouTube drei Songs erschienen, die eine Art Trilogie bilden und von Abschied, Lebenserfahrungen und dem Wunsch nach einer selbstbestimmten Zukunft erzählen. Wir sprachen mit Oier (bs) über den Weg seiner Band seit der Gründung 2017. BRIGADE LOCO sind außerdem Manex (dr), Martin und Alex, (gt) und Lander (voc).

Eure neue LP heißt „Bide Baten Esanahia“. Warum habt ihr den Titel gewählt?

Bei dieser Produktion gab es ein Vorher und ein Nachher. Mikel, unser früherer Gitarrist, wollte keine Gigs mehr spielen, und Martin kam für ihn in die Band. Als wir das Material betrachteten, das wir bereits hatten, sahen wir die Möglichkeit, ein komplett neues Projekt zu schaffen. Daher wollten wir betonen, dass dieser Weg, auf dem wir uns befinden, von dem bestimmt wird, was geschehen ist und was jetzt geschieht, und dass wir selbst diejenigen sein wollen, die dem eine Bedeutung geben.

Das Frontcover – ihr fünf gruppiert um ein Auto – dürfte in Zusammenhang mit dem Albumtitel stehen.
Ganz genau. Mit diesem Bild wollten wir den Weg darstellen, auf dem wir uns befinden. So haben wir dieses Projekt begonnen – mit einem Blick zurück auf das, was wir getan und erreicht haben. Beim vorigen Album ging es darum, dass wir in einem Traum leben und an diesen gebunden sind. Mit diesem neuen Album glauben wir, dass sich das nicht geändert hat und werden weiterhin die Bedeutung des Weges beschreiben.

Ihr habt mit „Agur“, „Ateak itxi dira“ und „Barneko disdira“ eine Trilogie geschrieben, die inhaltlich aufeinander aufbaut. War das von Anfang an so geplant?
Wir wollten drei Musikvideos schaffen, die zusammen eine Geschichte ergeben. Gleichzeitig können sie, wenn sie einzeln betrachtet werden, auch auf unterschiedliche Weise interpretiert werden. Die Metapher, die hinter der Geschichte und hinter jedem einzelnen Video steht, kann je nach Betrachtungsweise anders verstanden werden. Zuerst hatten wir die Idee, alle Lieder des Albums durch eine übergreifende Geschichte zu verbinden, dann blieben noch fünf, und nachdem wir mit Beñat Goia, dem Verantwortlichen für die audiovisuelle Umsetzung, gesprochen hatten, sagte er, wir sollten es nicht zu weit treiben, hahaha. Nachdem wir bei zwei, drei Treffen die Möglichkeiten diskutiert und analysiert hatten, beschlossen wir, aus diesen drei Tracks eine Trilogie zu machen.

Die drei Videos sind jetzt schon auf YouTube zu sehen. Inwieweit wart ihr an der Gestaltung der Clips beteiligt?
Die Gesamtleitung hatte Beñat Goia. Aber hinter ihm steht ein tolles Team, das immer für uns da war. Es war wirklich ein großes Vergnügen, mit ihnen zu arbeiten. Wir haben ihnen unsere Ideen erzählt und nachdem wir alles auf den Tisch gelegt hatten, ging es los. Sie haben eine unglaubliche Arbeit geleistet und das, was wir uns vorgestellt hatten, tatsächlich im Endprodukt umgesetzt.

Eure Texte sind dieses Mal recht persönlicher Art wie etwa in „Bizipenen aterpea“, deutsch: „Wohnheim“. Habt ihr da eigene Erfahrungen?
Die meisten Songs, auch dieser, entstanden nach einer Reise, die ich nach Amerika unternommen hatte. Die Texte mögen introspektiver und offener sein, aber wir sprechen immer noch über die gleichen Themen. Über Dinge, die uns umgeben, die uns stören, die uns glücklich machen oder uns aufregen. Unsere persönliche Situation und die der Band – Mikels Weggang und Martins Einstieg fielen ebenfalls in diese drei Monate – schlagen sich auch in den Songs und Texten nieder, die dabei entstanden. Wir schreiben Songs, die sich für uns authentisch anfühlen, die uns etwas bedeuten. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, über Dinge zu schreiben, von denen wir nichts verstehen oder die uns egal sind.

Geht es in „Ohoinak“, also „Geschichten“, um das Baskenland?
Leider, ja. Er handelt von einem dunklen Kapitel in der Historie von Euskal Herria. Es gibt in unseren Städten immer noch Straßen, die nach Personen benannt wurden, die in die „Neue Welt“ zogen, um zu plündern und zu erobern. Sie werden geehrt, aber in Wahrheit stellen sie eine Schande dar, für die wir uns schämen sollten.

Ihr singt durchweg auf Euskara und nicht auf Spanisch. Warum ist das so?
Das ist ein Grundsatz der Band. Das war ein Versprechen, das wir uns vor der Gründung gegeben haben, und wir werden es einhalten. Wir glauben, dass jeder noch so kleine Beitrag, den wir leisten können, um die baskische Sprache vor dem Aussterben zu bewahren, wichtig ist, und wir werden dies auch weiterhin tun.

Mit „Keep the flame alive“ covert ihr die spanische Punkband JONNY GERRIWELT. Warum habt ihr euch dafür entschieden?
Wir setzen damit die Tradition fort, Bands zu covern, die uns beeinflusst haben. Das machen wir schon seit unserem ersten Album, wo wir einen Song von FIACHRAS aufgenommen haben. Auf dem zweiten waren es NEALLTA FOLA und für dieses Album haben wir JONNY GERRIWELT ausgewählt. Gute Traditionen sollten nicht verloren gehen. Sie sind eine Band, von der wir viel gelernt haben und die für uns immer ein Vorbild sein wird. Diesen Song zu covern ist unsere Art, unseren musikalischen Wurzeln und der großartigen lokalen Szene, in der wir aufgewachsen sind, Tribut zu zollen.

In „Bihotza beterik“ erinnert mich ein Part an „Because you’re young“ von COCK SPARRER. Sind sie große Vorbilder für euch?
Ja, sie waren immer eine großer Einfluss für uns. Es war eine Ehre und ein Privileg, sie in Gasteiz zu treffen, und tatsächlich wollten wir mit diesem Song dieser großartigen Band, die uns so viel gegeben hat, ein bisschen gedenken.

Der Unterschied zu eurem ersten Album, das sehr kämpferisch war, ist offensichtlich – nicht nur durch das Cover.
Wie bereits erwähnt, sind die Songs jetzt offener und introspektiver, aber sie sind immer noch kämpferisch und behandeln verschiedene Konflikte. Ich glaube, auch unser Alter beeinflusst die Art, wie wir Texte schreiben – wir reflektieren ein bisschen mehr als früher, haha.

Ihr habt eure erste LP selbst veröffentlicht. Warum habt ihr jetzt ein Label? Und wie seid ihr mit HFMN in Kontakt gekommen?
Wir betreiben die Band nicht in Vollzeit. Jeder von uns hat noch einen Brotjob. Aber als die Band größer wurde, wuchsen auch die Arbeitsbelastung und der Zeitaufwand, bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr zu stemmen war. Mehrere Labels und Booking-Agenturen haben sich an uns gewandt, aber mit HFMN sahen wir eine Möglichkeit, in unserer eigenen Szene zu bleiben und gleichzeitig die verhasste Büroarbeit loszuwerden. Wir hatten immer ein gutes Verhältnis zu David und er hat uns seit den Anfängen der Band immer unterstützt. Dank einer lustigen Geschichte, die mit dem Song „Brigade loco“ von VANILLA MUFFINS zusammenhängt, haben wir uns gut mit ihm verstanden, haha. Letztlich war die Zusammenarbeit mit HFMN von Anfang an sehr easy und vorteilhaft für die Band.

Ahnt ihr bereits, wohin der Weg euch als Band führt? Ihr braucht immer größere Hallen, eure Musik wird in Kneipen gespielt ...
Mit BRIGADE LOCO wird es so weitergehen, wie wir es wollen. Es stimmt, dass wir jetzt auf größeren Festivals und in größeren Locations spielen als am Anfang, aber wir wissen, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Wir werden nie aufhören, in den Gaztetxes, selbstverwalteten Jugendzentren und kleinen Clubs zu spielen und sie zu unterstützen, denn sie sind es, die die baskische Musikszene am Leben erhalten. Die Zukunft von BRIGADE LOCO liegt darin, weiter zu wachsen, ohne unsere Wurzeln zu vergessen.

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