© by PrivatPunkbands haben politische Texte. Punk ist politisch. Punk ist links. Drei Sätze, die wohl in jeder repräsentativen Umfrage mehrheitlich als zutreffend bewertet werden würden. Wir gehen für diesen Artikel einen Schritt weiter und interviewen Menschen, die sich selbst als Punk definieren, zu ihrem politischen Engagement. Und das ganz explizit nicht bezogen auf ganz allgemeine politische Aktivitäten, sondern auf Tätigkeiten im Parteiapparat, in Regierungsbüros, als Amtsträger, als Abgeordnete auf Parlamentsebene.
Dieser Artikel ist uns wichtig in Zeiten, da die Demokratie als nicht perfekte, aber alternativlose Gesellschaftsform weltweit unter Druck geraten ist seitens Despoten und Populisten und sich die ganz grundsätzliche Frage stellt: Wie wollen wir leben? Ist die Demokratie bei genauerer Betrachtung nicht doch weitaus mehr als ein „kleineres Übel“, sondern vielmehr die Erkenntnis angebracht, dass wir was Besseres als das, was wir haben, so schnell nicht wieder bekommen würden, überließen wir Populisten das Feld? Wir wollten also wissen, warum Punks sich engagieren – innerhalb des „Systems“. Und eine Erkenntnis kann man vorwegnehmen: „Wir Punks“ sind wohl systemtragender, als manche von uns wahrhaben wollen ...
Bitte stell dich vor.
Salvador Oberhaus: Ich bin Dr. Salvador Oberhaus, 50 Jahre alt und lebe in Wuppertal. Ich schaue auf ein Studium der Geschichte und Politikwissenschaft zurück. Ich bin Historiker und Referent für Politische Bildung. Wenn ich politische Tätigkeit als gesellschaftliches Engagement verstehe, bin ich in verschiedenen Bereichen aktiv. Ich beschränke mich hier auf die wichtigsten Dinge: Ich bin Kreissprecher der Partei Die Linke in Wuppertal. Ich bin für meine Partei Mitglied im Kulturausschuss und in verschiedenen Kommissionen des Rates der Stadt Wuppertal. Seit mehr als 16 Jahren engagiere ich mich zudem ehrenamtlich im Vorstand des Fördervereins der ehemaligen Konsumgenossenschaft Vorwärts. Das Gebäudeensemble in der Wuppertaler Münzstraße ist in vielfacher Hinsicht ein wichtiger lokaler Geschichts- und Erinnerungsort mit überregionaler Bedeutung und ein außerschulischer Lernort für Demokratie. Seit 2009 bin ich Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung und leite stellvertretend das Regionalbüro in NRW. Hier betreiben wir aus Perspektiven eines demokratischen Sozialismus mit zahlreichen Partner:innen politische Bildung in ihrer ganzen Vielfalt. Als Historiker bin ich nicht zuletzt in den Feldern Geschichtspolitiken und Erinnerungskulturen aktiv.
Niko Rickert: Ich bin 56 Jahre alt, wohne in Heiligenhafen, Ostholstein und bin Architekt. Bis Ende der 1980er Jahre gab es ein lockeres Engagement in linksautonomen Bindungen, dann ging es eher um kulturelle Dinge. Anfang der 2000er Jahre begann ich mich während meiner Jahre in Moskau über einen selbstgegründeten Bau-Wirtschaftsverbund, den Klub deutsch-russischer Architekten und Ingenieure, wieder mehr zu engagieren. Wir wollten das Thema Nachhaltigkeit im Rahmen unserer wirtschaftlichen Tätigkeiten auch in Russland platzieren. Zurück in Deutschland habe ich ab den 2010ern mehrere Funktionen im deutschen Parteiensystem ausgeübt. Ich war Schatzmeister im Ortsverband der FDP, dann stellvertretender Kreisvorsitzender des Kreises Ostholstein und Stadtverordneter der FDP-Fraktion in der Stadtvertretung der Stadt Heiligenhafen, zudem war ich im FDP-Landesfachausschuss Schleswig-Holstein für Raumordnung, Städtebau und Wohnungswesen. Dann habe ich nach einem Jahr parteiloser Intereferenz-Zeit zu den Grünen gewechselt. Dort bin ich derzeit in der Landesarbeitsgemeinschaft Bauen & Wohnen und Mitglied des Ortsverbandes der Grünen der Stadt Heiligenhafen. Ich sehe mich als Fachpolitiker und betätige mich entsprechend ehrenamtlich in meinen Fachrubriken „nachhaltige (ökologische) Architektur und Städteplanung“.
Paul Orlowski: Mein Name ist Paul Orlowski, ich bin 29 Jahre und wohne in Lauscha. Ausgebildet als staatlich anerkannter Sozialassistent, habe ich mich vor fünf Jahren dazu entschieden, etwas komplett anderes zu machen, und bin seitdem selbständig mit Tabula Grasa, einer Mischung aus Upcycling-Shop und nachhaltiger Reparaturwerkstatt.
Susann Seifert: Ich bin Susann Seifert, 43 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und seit vielen Jahren politisch aktiv. Nach 19 Jahren in der Kommunalverwaltung habe ich mein eigenes Sozialunternehmen „Erlebe was geht“ gGmbH gegründet, um mich für Chancengerechtigkeit, gemeinwohlorientierte Regionalentwicklung, Kultur und echte Bürgerbeteiligung einzusetzen. In meiner Rolle als Kreistagsmitglied der Fraktion Die Linke setze ich mich für genau diese Werte ein. Mein Antrieb? Eine informierte Gesellschaft, in der jede:r die Möglichkeit hat, sich aktiv einzubringen und die Zukunft mitzugestalten – ganz im Sinne von Hannah Arendt: durch gemeinsames Handeln und Verantwortungsübernahme.
Torben Sjuts: Ich bin Torm, 45 Jahre, verheiratet, drei Kinder, Kiel, Verwaltungsausbildung, Volljurist, keine direkte politische Tätigkeit an sich, lediglich Verwaltung an der Schnittstelle zur Politik, das heißt maßgeblich beteiligt an der Umsetzung politischen Willens in den Haushalt einer obersten Landesbehörde. Bürgerlich as fuck.
Philipp Evenburg: Ich bin Philipp Evenburg, 50, aufgewachsen in Bochum, seit 17 Jahren wohnhaft in Berlin, studierte Politikwissenschaften in Duisburg, war Pressesprecher der Piraten Berlin, wurde 2011 ins Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt, ab 2017 in diversen Funktionen bei NGOs, dann bei den Bündnisgrünen, zum Beispiel als Bundesdelegierter, als Landesdelegierter, als Kandidat für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus, als AG-Sprecher, als Pressereferent und aktuell noch ruhend als stellvertretender Bürgerdelegierter für die Bezirksverordnetenversammlung.
Wann und wie trat Punk in dein Leben, wieso ist er in deinem Leben geblieben, welche Aktivitäten früher und heute gibt es von dir in diesem Kontext?
Salvador Oberhaus: Mit Punk fing es bei mir an, lange bevor ich einen wirklichen Begriff davon hatte, glaube ich. Ich war wohl 13 Jahre alt, als mir auf einer Klassenfahrt ins Sauerland zufällig ein DIE ÄRZTE-Tape in die Hände fiel. Es war die „Ist das alles?“-LP. „Alles“ war es freilich nicht, aber für mich der Anfang einer Beziehung auf Lebenszeit. Recht bald fand ich auch Gefallen an DIE TOTEN HOSEN und ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN. Ich muss 15 Jahre alt gewesen sein, da kaufte ich beim Platten-Dealer meines Vertrauens – ein Laden, den es leider auch schon seit bald 30 Jahren nicht mehr gibt – meine ersten Deutschpunk-Sampler und LPs: SLIME, DAILY TERROR, TOXOPLASMA ... EXPLOITED, BAD RELIGION und DEAD KENNEDYS kamen bald dazu. Und natürlich NOFX. Wenn ich mich recht entsinne, waren die Headliner auf meinen ersten richtigen Punk-Konzerten in der Wuppertaler Börse 1991 ABWÄRTS und eben NOFX. Ich bin nunmehr seit rund 35 Jahren mit der Szene verbunden und auch in ihr aktiv, weil mich die unterschiedlichen musikalischen Spielarten von Punk bis heute faszinieren, weil ich die meisten Menschen in der Szene mag, weil Punk für mich nicht nur Lifestyle ist, sondern eine grundlegende Haltung, auch weit über die Musik hinaus, die zugleich Maßstab für eine immanente Kritik an der eigenen Szene ist. Sichtbar wird meine Aktivität in der Szene wohl am ehesten im Ox-Fanzine, für das ich seit einigen Jahren schreibe, oder in publizistischen Beiträgen an anderen Stellen. Für mehr sichtbare Aktivität bleibt heute leider nur selten Zeit. Mit fehlt es ein wenig, wie in früheren Jahren, Konzerte mit zu organisieren oder selbst in einer Band zu spielen.
Niko Rickert: Punk trat 1982 in mein Leben. Ich war 14 Jahre alt. Die Einflüsse kamen über Mitschüler auf dem Gymnasium und nach einer Sprachreise nach Torquay in Großbritannien kaufte ich meine erste Punk-LP, das war „Troops Of Tomorrow“ von THE EXPLOITED, zudem gab es auf dem Kopf auf einmal eine Seite blonde Haare, eine Seite schwarz. Mein Vater war entsetzt und hat damals die unglaubliche Summe von 60 Euro für den Friseur ausgegeben, damit die Färbung verschwindet. Aber es hat nichts genutzt, im Gegenteil, das Virus war unwiederbringlich gesetzt. Als typisches Scheidungskind war Punk der ideale Protest gegen meine Eltern und das System. Zusammenhalt in der Gruppe und viele gemeinsame Aktionen integrierten mich in meine Punkclique. Schon damals war für mich Engagement sehr wichtig, obwohl ich mich systemischen integrativen Angeboten widersetzte und da eher gegensystemisch engagierte. Der Underground und seine Kreativität und Vitalität saugte mich geradezu auf. Schon damals konnte ich mit zu viel Inaktivität durch Drogen und Depression nicht viel anfangen. Mein Gegenentwurf, gerade für die Tristesse in der ostholsteinischen Kleinstadt, war Aktion! Wir versuchten, Fanzines zu gestalten, Bands zu gründen, engagierten uns politisch, eher in der linksalternativen Szene, organisierten Partys und später dann Punk-Konzerte und Festivals in unserer Umgebung. Wie eine Schablone für mich war irgendwie – nach meinem Umzug nach Lübeck –, die zweite große Skinheadwelle Anfang der 1990er Jahre mit SHARP, Hardcore/Straight Edge, Oi!-Punk, Ska, Fußball und Kampfsport. Das hat mich noch mal aufgesogen und beschäftigt mich bis heute. Viele szenerelevante Konzerte, Festivals und Tourneen, organisiert mit Freunden, folgten. Wichtig für die Skinhead-Szene in Deutschland, wie sich später herausstellte, war wohl damals der „March Of The Skinheads“ in Lübeck, im Zuge der antirassistischen Gegenbewegung zur Ost-Naziwelle, dann die „Oi! The Meeting“-Skinheadtreffen mit ihren Start-ups in Rendsburg und Lübeck in den frühen 1990ern. Zugegebenermaßen folgten Jahre der Entpolitisierung in der Skinhead-Szene, es wurde offener und kurioserweise toleranter als in der linken Punk-Szene. Bei Rechtsradikalismus verlief aber immer die rote Linie. Grundsätzlich blieb als Erkenntnis der vielen DIY-Aktivitäten dieser Jahre: Wenn du etwas anpackst, dann passiert auch was. Diese Erkenntnis ist, denke ich, mit bis heute Basis für meine politischen und auch kulturellen Tätigkeiten und manifestierte den Glauben, dass man etwas bewegen kann, was anderen und mir Spaß macht.
Paul Orlowski: Punk wurde mir in die Wiege gelegt. Mein Vater war, so lange ich denken kann, Anarchist oder bezeichnete sich so und meine beiden Brüder, die zehn und elf Jahre älter sind als ich, kamen in ihre absolute Punk-Phase, als ich noch ein klein war. Dabei denke ich an meinen ersten Iro, den sie mir auf meinen Wunsch mit sechs Jahren geschnitten haben, und im gleichen Jahr mein erstes Mal Force Attack. Und seitdem kann ich sagen, dass sich meine Ansichten natürlich verändern, Punk ist aber immer eine Bezeichnung, die ich irgendwie passend finde. Dabei geblieben bin ich wahrscheinlich, weil ich dieses Gefühl von Freiheit durch nichts anderes erreichen konnte. Und ich sah auch keinen Grund dafür. Als Kind wurde ich ja mehr oder weniger erst mal mitgeschleift zu Konzerten, Festivals und Demos. Alles davon war natürlich extrem spannend, und als ich meine ersten WIZO-Lieder im Kinderzimmer gesungen habe, hat das auch gewaltigen Spaß gemacht. Als Teenie riss das dann nicht ab, ich war allein zwischen 14 und 17 auf unzähligen Konzerten und Demos und vier oder fünf Festivals pro Jahr. Und auch das sind Dinge, die geblieben sind. Momentan sind es mehr Demos und weitaus weniger Festivals, aber das ist okay so. 2013, mit 17, habe ich dann mit meinen Freunden hier, wir waren für eine 3.000-Einwohner-Stadt eine ordentliche Menge Leute in der Punk-Szene, das „Open Air, bitte sehr!“, unser eigenes Punkfestival veranstaltet im Garten meiner Eltern, die die Idee fantastisch fanden. Natürlich komplett DIY, denn keiner hatte Ahnung davon, aber es kam gut an und abgesehen von den zwei Jahren Corona-Pause findet es jährlich mit circa 700 Personen statt. Als im ersten Jahr eine Band kurzfristig abgesagt hat, haben mein bester Freund und ich gesagt, dass wir das einfach füllen. Also haben wir 45 Minuten harten Punkrock improvisiert, ich am Schlagzeug, er Gitarre und Gesang. Das war geil, und da klar war, dass der Name irgendwie bescheuert und vulgär klingen sollte, entstand mit dem ersten Vorschlag GÜLLESCHISS. Über 100 Konzerte folgten, das war krass.
Susann Seifert: Punk trat in mein Leben, als ich noch sehr jung war. Es war eine Zeit, in der ich mich bewusst von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen abgrenzen wollte. Die Energie und Rebellion des Punk sprachen mich sofort an – die Musik, die Haltung, das Gefühl von Freiheit, das darin steckte. Ich fühlte mich von den starren Strukturen in Schule und Gesellschaft eingeengt und suchte nach einem Weg, mich selbst zu definieren, fernab der vorgefertigten Schablonen, die für mich vorgesehen waren. Punk bot mir diese Möglichkeit, mich auszudrücken und die Konformität infrage zu stellen. Punk ist in meinem Leben geblieben, weil er mehr ist als nur Musik oder ein Stil. Er verkörpert für mich eine tiefere Haltung gegenüber der Welt: das ständige Hinterfragen von Autoritäten, die Ablehnung von Ungerechtigkeiten und der Wunsch nach echter Selbstbestimmung. Dieser DIY-Geist – die Idee, nicht auf andere zu warten, sondern selbst aktiv zu werden – prägt mich bis heute, sowohl in meiner politischen Arbeit als auch in meinen unternehmerischen Tätigkeiten. Ich schaffe Räume für Begegnung, Teilhabe und kreative Entfaltung und setze mich ein für eine informierte und engagierte Gesellschaft. Auch heute gehe ich noch auf Festivals, liebe die Punkmusik und trage den Geist dieser Bewegung in mir. Punk ist für mich nicht nur ein Kapitel in meinem Leben, sondern ein Teil meiner Identität geblieben. Die Energie, der Protest und das Streben nach Freiheit begleiten mich weiterhin – in meiner Arbeit, in meiner Art, die Welt zu sehen, und in dem, was ich schaffen will.
Torben Sjuts: Anfang der 1990er bin ich mit meiner Familie umgezogen, mein großer Bruder hat deswegen von einem Freund zum Abschied ein Mixtape bekommen, das ich mir dann auch sofort kopieren musste. Inhalt: „The Daily Grind“ von NO USE FOR A NAME, „White Trash, Two Heebs And A Bean“ von NOFX und „Suffer“ von BAD RELIGION. Dazu ein Song von HOUSE OF PAIN, ein wenig MISFITS und 7 SECONDS. Lief gut rein. Meine erste eigene Platte war „Generator“ von BAD RELIGION als CD. Das Feuer war entfacht, ich war abgeholt. Im Göttingen der 1990er war es einfach und selbstverständlich dabeizubleiben. Das Juzi mit Demos und vielen guten Konzerten hat einfach alles bestärkt, was die Eltern nicht so witzig fanden, und mir gezeigt, dass es auch geile deutschsprachige Sachen gibt. 2002 bin ich nach Kiel gekommen und habe die Leute kennengelernt, mit denen ich heute noch unterwegs bin und selber Musik gemacht habe und mache, Kontakt bekommen zu Konzertgruppen etc. Namedropping erspare ich allen Beteiligten. Die aktuelle oder besser langjährig bestehende Band hat immer schon einen politischen Ansatz gehabt und das bleibt auch so.
Philipp Evenburg: In mein Leben trat Punk mit etwa zwölf Jahren, als ein Klassenkamerad mir Songs vorspielte, die er sich regelmäßig von den Platten seines großen Bruders auf Tape zog. So sangen wir auf Klassenfahrt „Eisgekühlter Bommerlunder“ und das „Altbierlied“ zu etwa jener Zeit, als wir auch das erste Bier probierten. Das passte super. Auf der B-Seite waren noch STIFF LITTLE FINGERS, SHAM 69, TOY DOLLS, PETER AND THE TEST TUBE BABIES, DAILY TERROR, RAZZIA und NEUROTIC ARSEHOLES. Ich wollte das alles aufsaugen und brachte von da an massig Leerkassetten mit, die wir beim gemeinsamen Musikhören bespielten. Meine härtesten eigenen Platten waren bis dahin die von DIRE STRAITS und BON JOVI gewesen. Das änderte sich damit abrupt. Von BOXHAMSTERS, WALTER ELF und SPERMBIRDS ging es kurze Zeit später musikalisch über den großeen Teich zu MINOR THREAT, YOUTH OF TODAY, GORILLA BISCUITS, AGNOSTIC FRONT, SUICIDAL TENDENCIES, BAD RELIGION, NOFX, Henry Rollins und Co. Schnell wurde mir klar, dass Punk/Hardcore für mich keine popkulturelle Modeerscheinung sein konnte, sondern eine Lebenseinstellung darstellt.
Nicht alle Menschen sind davon überzeugt, dass Punk und Politik zusammengehören. Wie verlief bei dir die politische Sozialisation und inwiefern war das mit Punk verbunden?
Salvador Oberhaus: Wo auch das Private politisch ist, wie könnte Punk da nicht politisch sein? Selbst die Aussage, man sei unpolitisch, ist ein politischer Standpunkt. Die Frage ist also eher, ob das, was man individuell mit Punk verbindet, Allgemeingültigkeit beanspruchen kann beziehungsweise wie ich mit der Interpretation von Punk meines Gegenübers umgehe. Punk ist für mich die Idee, Geschichte und Praxis einer großen Verweigerung, entstanden aus Fundamentalkritik gegen starre musikalische und gesellschaftliche Konventionen und politische Verhältnisse. Diese Verweigerungshaltung bedeutet allerdings viel zu häufig auch einen Verzicht auf sozialen und politischen Gestaltungsanspruch über die eigene Szene hinaus. Punk fehlt zu oft die Perspektive auf ein konkretes solidarisches Morgen, das meines Erachtens nur klar antifaschistisch und nicht-kapitalistisch sein kann. „Verweigerung total“, wie es einst TIN CAN ARMY forderten, ist nicht mein Ding, weil es ein Erstarren der Verhältnisse bedeuten würde, die ich zum Einsturz bringen möchte. Ich habe die Musik, die ich seit DIE ÄRZTE zu hören begann, nicht nur konsumiert, ich habe sie gefühlt. Punk ist mir also zunächst als Musik begegnet, die ich wahrscheinlich nur deshalb so tief fühlen konnte, weil ich bereits seit früher Kindheit durch meine Eltern und Großeltern kommunistisch und antifaschistisch politisiert wurde. Punk war die widerständige Musik, die zu meiner widerständigen Haltung zu vielen Dingen passte. Punk hat meine Politisierung in der Folge ebenso beeinflusst, wie meine politischen Überzeugungen mein Bild von Punk weiterentwickelten. Es ging mir dabei nie um einen Generationenkonflikt mit den Eltern. Im Gegenteil haben mich meine Eltern auf meinem Weg bestärkt. Es ging mir immer um einen Ausdruck von Widerstand und Anti-Haltung, aber nicht gegen alles, sondern konkret gegen die deutschen Verhältnisse, wie sie sich ab 1989/90 zu entwickeln begannen und heute auf einem neuen Niveau fröhliche Urständ feiern. Herrschaftskritik, Antifaschismus, Antirassismus, sich dem Antisemitismus entgegenzustellen und Antinationalismus, die sogenannten Baseballschläger-Jahre, Rostock, Solingen, Mölln, Hoyerswerda, die verschiedenen Traditionslinien der Arbeiter:innenbewegung, das waren Dinge, die mich politisch sehr beschäftigt haben, um nur ein paar Stichworte zu nennen. Neben dem dramatischen Scheitern der autoritären staatssozialistischen Versuche hat mich die Faschisierung von Teilen der Gesellschaft sehr geprägt und politisch aktiv werden lassen, allerdings noch lange nicht in einer Partei. Auch die faktische Abschaffung des Asylrechts 1993 war wichtig für meine politische Aktivierung. Viele Punkbands lieferten mir dazu den mich selbst bestätigenden Soundtrack. Punk und Politik kann ich nicht getrennt voneinander denken. Punk ohne emanzipatorischen politischen Anspruch hört auf, Punk zu sein.
Niko Rickert: Der gesellschaftlich destruktive Punk war für mich nie ein Weg, der kreative, proaktive sehr wohl. Eine passive und „übernommene“ Angepasstheit allerdings auch nicht. Zudem wurden und werden einem, wenn man die Augen aufhält, immer wieder auch Türen geöffnet, sich auf verschiedene Weise zu beteiligen. Es war aber auch die Erkenntnis, nur wenn man selbst etwas macht, geht es weiter, sonst entscheiden andere für einen. Es ging also um einen Partizipationswillen, wie auch darum, denen, die das vermeintliche Systemproblem darstellten, eine Alternative zur Debatte vorzuhalten. Und siehe da, es hat sich herausgestellt, dass generationsdynamische Veränderungen ständig stattfinden. Ein ganz normaler Prozess, also machte es auch Freude, an Veränderungen aktiv teilzunehmen. „Anger is an energy“ ist eine psychologische Grunddynamik und vielfach untersucht. Johnny Rotten nannte so auch seine 2014 erschienene Biografie. Von daher waren Punk und meine ganz persönliche Historie paradoxerweise der Kraftcocktail für ein integratives Engagement.
Paul Orlowski: Auch wenn manche Leute in der Szene einen dafür lynchen würden, ich denke, Punk war natürlich schon immer politisch. Es hat sich für mich schnell aufgetan, dass man nicht einfach alles Politische „ignorieren“ kann und es beim Punk nur darum ginge, auf alle zu scheißen. Alle Punks, die ich kennengelernt hab, wollten machen können, was sie wollen, und dafür sorgen, dass das alle anderen auch tun können. Und das geht, sofern man halbwegs friedlich bleiben will, nur politisch. Ich denke, wenn du einfach so sagst, dass du Politiker:in wirst, ist das der Masse so egal wie vieles. Wenn du als Punk auftrittst, damit meine ich jetzt nicht unbedingt nur bunte Haare, dann kriegst du die Leute aus ihrer Komfortzone, sie haben gar keine Möglichkeit mehr wegzuschauen. Du schockierst die Leute und dann bringst du deine Message rüber.
Susann Seifert: Als Jugendliche fiel ich optisch immer aus der Reihe, hatte einen alternativen Freundeskreis und identifizierte mich mit Punkmusik. Für mich war klar, dass das System Schule – mit seinem Fokus auf Leistung, Anpassung und die Vorbereitung auf das Wirtschaftssystem – nicht der Weg war, den ich gehen wollte. Ich fühlte mich eingeengt und suchte nach Freiheit, nach Möglichkeiten, selbst zu bestimmen, wie mein Leben aussehen sollte. Entgegen dem Engagement meiner Lehrer, die versuchten, mich auf eine akademische Laufbahn zu lenken, entschied ich mich, zurück auf die Regelschule zu wechseln, um nach dem Schulabschluss schnell meinen eigenen Weg zu gehen. Punk hat mich dazu inspiriert, mich nicht von gesellschaftlichen Normen oder Erwartungen einengen zu lassen. Diese Haltung hat mich durch meine Zeit in der Kommunalverwaltung begleitet, wo ich immer wieder die Trägheit politischer Prozesse und die Starrheit der Bürokratie erlebte. Anstatt mich entmutigen zu lassen, hat mich der DIY-Geist des Punk motiviert, regelmäßig mit neuen Ideen und Handlungsansätzen von der Norm abzuweichen. Dieser Drang, aus den vorgegebenen Strukturen auszubrechen und meinen eigenen Weg zu finden, begleitet mich bis heute.
Torben Sjuts: Der wohl prägendste Teil meiner Adoleszenz fand in den 1990er Jahren in Göttingen statt. Da waren Punk und Hardcore – und nicht nur die – immer „links“ orientiert, anders war das überhaupt nicht denkbar. Insbesondere auch dadurch, dass in der Nachbarstadt Northeim eine starke rechte Szene existierte. Die Auseinandersetzung damit war immer wichtiger Bestandteil. Die Musik, die ich gehört habe, war auch immer eindeutig und für mich hat sich die Frage überhaupt nicht gestellt. Aber damals dachte ich auch noch, dass Bands mit Lars Frederiksen links seien. Das sehe ich heute anders und kann RANCID daher nicht mehr hören. Für mich war das Soziale – neben Antirassismus/faschismus – immer ein wichtiger Anknüpfungspunkt, an dem Thema des sozialen Ausgleichs war ich immer sehr interessiert. Das passte einfach alles gut zusammen. Auch die Wut, die Harcore/Punk widerspiegelt, hat gut dazu gepasst. Nicht vergessen darf ich, dass das auch die Zeit von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen etc. war. Die Abscheu über diese Geschehnisse hat sich in mir sehr schnell sehr festgesetzt. Es fühlt sich für mich so an, dass meine Generation Punk sich dann doch sehr aus der Mittelschicht rekrutierte, wozu ich definitiv auch zähle. Ob das vorher wesentlich anders war, kann ich nicht beurteilen, aber gerade im Nachhinein finde ich das recht bezeichnend. Das galt und gilt ja auch für mein gesamtes Umfeld. Einerseits cool, dass diese Leute sich so orientieren, andererseits aber auch ein wenig erschreckend, dass das irgendwie so ein beschränktes Milieu war oder ist. Und es war die Zeit des Beginns der Auseinandersetzung zwischen Antideutschen und Antiimperialisten. Fand ich immer interessant, aber irgendwie auch schräg.
Philipp Evenburg: Grundsätzlich finde ich es als Punk und Demokrat immer gut, wenn nicht alle Menschen von etwas überzeugt sind. Pluralität in der Meinung und Diversität in der Kultur sind wichtig für einen spannenden und konstruktiven Diskurs und die politische Meinungsbildung. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass ich mich ohne Punk nicht so stark politisch engagiert hätte, vielleicht auch nicht Politiker geworden wäre. Zwar war ich in der Schule auch schon sehr am Politik- und Geschichtsunterricht interessiert, bevor er in mein Leben trat, aber Punk wirkte wie ein Turbo und Katalysator zugleich, weil ich gesellschaftskritische und politische Texte vorher nur von damals für mich noch eher langweiligen Liedermachern wie Reinhard Mey oder Klaus Lage kannte, die meine Eltern hörten. Jetzt befasste ich mich plötzlich stärker mit Texten, las jedes Booklet, setzte mich damit auseinander und bildete mir meine Meinung dazu. Da ich als Angehöriger der Generation X ein „Tschernobyl-Kind“ bin, halfen mir da Scheiben wie „Unlimited Genocide“ und „In Defence Of Our Earth“ von OI POLLOI zum Thema Umweltzerstörung, Dinge von anderen Seiten zu betrachten und die Untaten von Konzernen und Mächtigen überhaupt erstmals zu erkennen. Das einzuordnen bedurfte wiederum einer noch tieferen Auseinandersetzung mit den Themen, die mich auch an andere subkulturelle Veröffentlichungen verwies, wie Schriften von Erich Mühsam oder das Zap, das ich später regelmäßig bei Gigs im Zwischenfall erwarb. Vieles von dem, was da stand, hat mir als politisch interessiertem Jugendlichen damals aus der Seele gesprochen. Aus Punk wurde Hardcore und der damit gefühlt auch noch politischer, denn viele Bands konnten nur in kulturellen Freiräumen spielen, die zuvor selbst erkämpft wurden. So beteiligte ich mich zum Beispiel an der Besetzung der leerstehenden Lederfabrik in Mülheim/Ruhr, um einen solchen Freiraum dort für uns zu erschaffen, wo er benötigt wurde, weil etwa der Ringlockschuppen uns zu wenig und eben auch zu abhängig von den Stadtoberen war. Weil das Areal aber chemisch verseucht war, wurde uns an einem anderem Ort in der Stadt eine leerstehenden Pferdehalle angeboten. Dort existiert das AZ Mülheim heute noch. Ich habe da manche kulturpolitische Veranstaltung besucht und mitorganisiert, auch noch einige Zeit während des Studiums dort an der Theke gearbeitet. Ansonsten waren es zu der Zeit ähnliche Läden, auch wenn alle irgendwie auf ihre Art organisiert waren, aber das machte es ja auch aus, wie das JZE Papestraße in Essen, das FZW in Dortmund, das Druckluft in Oberhausen, die Fabrik in Duisburg oder das Wageni in Bochum, die ich regelmäßig besucht und unterstützt habe. Teilweise auch als Roadie mit Bands, da die eigenen zwei, drei Projekte nie über den Proberaumstatus hinaus kamen. Wichtiger als die Musik wurde mir nämlich zunehmend, die Verhältnisse, die ich als ungerecht empfand, zu verbessern. Und dazu muss man letztlich politisch aktiver sein, als auf Demos zu gehen. Dazu kann und muss man meines Erachtens nach auch die Möglichkeiten nutzen, die uns unsere liberale Demokratie dankenswerterweise bietet. Nicht nur, weil sie hart erkämpft wurden, sondern auch, weil viele Menschen weltweit immer noch darum kämpfen müssen.
Punk wird gemeinhin als „irgendwie links“ eingeordnet. Wie siehst du das? Wo stehst du und wo nicht? Welche Werte und Ideale sind dir wichtig?
Salvador Oberhaus: Wie schon gesagt: Punk ohne emanzipatorischen politischen Anspruch hört auf, Punk zu sein. Emanzipatorisch heißt für mich konkret, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Punk hervorgebracht haben, überwinden zu wollen. Ich denke also an eine radikale Emanzipation, wie sie zum Beispiel Marx und Engels entwickelt haben. Es überrascht immer wieder, wie aktuell, wie zeitlos gültig viele Analysen der beiden sind. Wenn du mich nach Werten und Idealen fragst, eine richtig passende Schublade habe ich für mich nie gefunden. Undogmatischer Kommunist, Linkssozialist, radikaler Humanist, Basisdemokrat ... Das sind wohl passende Substantive, um meinen Wertekosmos zu rahmen. In diesem Sinne sind mir in Ergänzung zum bereits Genannten Gerechtigkeit, Solidarität, immanente Kritik, die Würde des Menschen, die demokratischen Grundrechte wichtig, aber auch die Fähigkeit, Ambiguitäten und Widersprüche auszuhalten und in ihnen handlungsfähig zu werden beziehungsweise zu bleiben.
Niko Rickert: Ich würde bei der Klassifizierung links und rechts bei Punk sehr vorsichtig sein, so wie bei der gesamten Diskussion, was überhaupt Punk ist. Das wäre auch zu eingrenzend. Als Alternative und ganz klar auch Protest zu herkömmlichen Lebensmodellen geht es eher nicht um Parteidogmen, sondern um die Art und Weise, eine Sache anzugehen. Die Kraft des Chaos – eigentlich sind wir da schnell bei der Entropie, dem Maß der Unordnung oder Ordnung in einem System – ist manchmal sehr erhellend. Dafür braucht es aber freie rechte wie auch meist linke Geisteshaltungen. So dachte ich anfangs, als die AfD auftauchte, dass es sich hier um ein natürliche Systemänderung durch Entropie handelt, damit sich das politische System nicht in einer links-monotheistischen Schockstarre festzurrt. Von den 1970ern bis in die 1990er war der Gegner klar: rechtskonservative Kreise. Und alles, was sich als freigeistig verstand, sich also eher als links sah, sammelt sich hinter diesem Drang nach Veränderung. Dabei waren Themen wie Umweltschutz oder Emanzipation die Überschriften. Nun verschwimmt es mal wieder und die „freien“ Dynamiken kommen nun auch von ganz rechts. Übrigens war ich 2019 auf dem Entropiefestival bei Eisenhüttenstadt, das seinem Namen durchaus gerecht wurde, als direkt vor dem Festivalgelände eine Kolonne mit Fahrzeugen der Wehrmacht und in Nazi- und Wehrmachtsuniformen gekleideten Gestalten vorbeifuhr, getarnt als „Museumsaktivität“. Natürlich eine Provokation. Ich hätte diese Typen am liebsten direkt von ihren Fahrzeugen geholt. Das war der Clash der Kulturen. Das war Entropie. Für mich steht also retrospektiv geistige, materielle und auch sexuelle Vielfalt als Basis für ein hochwertiges Zusammenleben. Dieses Zusammenleben wird sich ständig ändern und ist Tendenzen unterworfen. Diesen fruchtbaren Boden darf man auch gerne mal robust verteidigen, um den Blick auf die derzeitige innere Krisenlage durch Rechtsextremismus und ausländische Einflussnahme durch Putinisten und China zu fixieren. Eine wichtige übergeordnete Krisenlage ist der Umweltschutz. Ich versuche hier also mit meiner Kompetenz, die ich mir aneignen durfte und mir vom gesellschaftlichen System gegeben wurde, wieder etwas zurückzugeben. Nachhaltigkeit in der Stadtentwicklung und im Bauwesen sind für mich die Wege, meinen Beitrag zum Erhalt dieses fruchtbaren Bodens zu leisten. Denn ohne uns, auch oder gerade uns Chaos-Rebellen, geht das nicht und wird mittelmäßig. Es soll aber saugut werden.
Paul Orlowski: Ich denke, ich sehe das ähnlich, zumindest sehe ich mich auch als Punk und links, auch wenn sich um die Definition von „links“ natürlich streiten lässt. Politisch sieht sich das BSW schließlich auch links, ist aber eben Blödsinn. Wie schon erwähnt, geht es für mich beim Punk und auch beim „links sein“ viel um Freiheit. Um die eigene und um die von anderen. Ein Verbot oder eine Erlaubnis von irgendwem hat einfach keine Bedeutung.
Susann Seifert: Ja, Punk wird oft als „irgendwie links“ eingeordnet, aber das greift meiner Meinung nach zu kurz. Punk ist keine ideologische Bewegung, die sich strikt in eine politische Richtung einordnen lässt. Für mich geht es bei Punk viel mehr darum, gegen Ungerechtigkeiten, Autorität und starre Strukturen zu kämpfen – unabhängig davon, wo diese herkommen. Es geht um Freiheit, Selbstbestimmung und darum, sich gegen die Systeme zu wehren, die Menschen unterdrücken, sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder im Alltag. Wichtig ist mir vor allem, dass Punk Räume für echte Beteiligung und Selbstermächtigung eröffnet. Wie Hannah Arendt betont, entsteht Politik dort, wo Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu handeln und Neues zu gestalten. Genau das verkörpert Punk: kollektives, dezentrales und solidarisches Handeln, um alternative Strukturen jenseits von Hierarchien zu schaffen. Für mich ist das nicht nur eine theoretische Idee, sondern ich setze es sowohl unternehmerisch als auch kommunalpolitisch um, indem ich mich für ein gesellschaftliches Mit- und Füreinander engagiere. Selbstermächtigung, Befähigung und echte Teilhabe stehen dabei im Mittelpunkt – ergänzt durch den Gedanken der sozialen Verantwortung und den Aufbau einer aktivierten, informierten Gemeinschaft. Punk hat auch eine destruktive Seite, und es geht oft darum, gegen bestehende Systeme zu rebellieren. Aber für mich ist das nur die eine Seite. Die andere Seite ist der Aufbau von etwas Neuem – einer Gesellschaft, die auf Solidarität und Selbstorganisation basiert. Für mich reicht es nicht, nur gegen etwas zu sein. Ich möchte auch für etwas kämpfen, und das bedeutet für mich, Verantwortung zu übernehmen und nachhaltige, gerechte Strukturen zu schaffen. Punk kann mehr als nur destruktiv sein – er bietet auch die Chance, Raum für echten Dialog, Beteiligung und Solidarität zu schaffen, wo gemeinsam Verantwortung übernommen wird, um eine gerechtere Zukunft zu gestalten. Und genau da stehe ich.
Torben Sjuts: Ich habe das eigentlich immer so gesehen und empfunden und bin eigentlich auch heute noch der Meinung, dass Punk und – genau so formuliert – „irgendwie links“ zusammengehören. Daher bin ich immer wieder erschrocken und abgefuckt, wenn ich mitbekomme, was einige Menschen auch in der Musikszene so von sich geben, gerade auch in der jetzigen Zeit. Oftmals erschreckender Stumpfsinn und Indifferenz. Wo ich selber stehe, frage ich mich des öfteren. Gesellschafts- und sozialpolitisch definitiv links, um nicht das Schimpfwort „liberal“ zu benutzen. Selbst da fängt es ja schon an, dass sich die Frage stellt, ob das Punk sein kann – immerhin geht’s um „No Future“ und „alles scheiße“. Ich bin Fan des Diskurses, auch des Streits an sich unter Beachtung der gegenüberstehenden Person. Im beruflichen Rahmen sieht das ein wenig anders aus. Da bin ich wahrscheinlich tatsächlich als „konservativ“ zu bezeichnen, weil ich der Meinung bin, dass die Regeln, mit denen ich arbeite, einzuhalten sind. Progressiv kann man das wohl nicht nennen. Bei mir geht es ja ums sogenannte Haushaltsrecht und da fällt auch die derzeit viel diskutierte Schuldenbremse mit rein. Im Gegensatz zu dem, was die – vermeintlich – linken Parteien in Deutschland propagieren, bin ich der Meinung, dass es scheiße ist, wenn das Land übermäßig Schulden aufnimmt – weil ich sehen kann, was die Folgen für die nächsten Generationen sind und wie sehr das deren Möglichkeiten einschränkt. Eigentlich finde ich das aber sogar recht links, weil es bedeutet, für andere Verantwortung zu übernehmen. Aber so geht wohl mittlerweile vieles durcheinander. Ich bin raus, sobald es um irgendwelche phänotypischen Zuschreibungen geht. Ich bin raus, sobald es um Schuldzuweisungen aufgrund irgendwelcher gruppenspezifischer Zuschreibungen geht. Im „Punk an sich“ finde ich es ganz geil, wenn Dinge unkommerziell sind. Das ist es so im ganz, ganz Groben.
Philipp Evenburg: Ich halte es da zunächst mit den Worten eines unserer Altpunk-Veteranen, der einst sagte: „Punk ist das Einzige, für das du nichts sein musst.“ Diesem Grundsatz folgend kann erst mal jeder für sich tun und lassen, was er mag. Von daher ist Punk vom grundsätzlichen Verständnis her erst mal ultraliberal, das heißt, dass jedem die Freiheit gelassen werden sollte, das zu tun, was er für richtig hält. Allerdings hat uns Punk auch gelehrt, diejenigen, die diese Freiheit missbrauchen, und mit ihrem Verhalten die Freiheit anderer einschränken, nicht zu tolerieren. Daher glaube ich, dass Toleranz und Nächstenliebe zwei der wichtigsten Werte sind, die wir als Menschen leben sollten. In Kurzform: Leben und leben lassen. Insofern bin ich heute Verfassungspatriot, weil ich glaube, dass unser Grundgesetz die wichtigsten Werte vereint, die es zu einem friedlichen Miteinander braucht, und weil es sehr viel dazu beigetragen hat, dass wir erstmals in der Geschichte unseres Landes im kommenden Jahr achtzig Jahre in Frieden hier leben dürfen. Auch wenn dieser akut so stark bedroht ist, wie seit Jahrzehnten nicht, hoffe ich sehr, dass wir das schaffen, feiern können und weitere achtzig Jahre dranhängen. Auch deshalb will ich die liberaldemokratischen Werte, die in unserer Verfassung verankert sind, voll und ganz vertreten und verteidigen. Sie gebieten uns damit übrigens auch, allen Anfängen neuerlicher faschistischer Tendenzen entgegenzuwirken, und gibt uns dafür Instrumente an die Hand. Jeder Demokrat muss daher zwingend Antifaschist sein. Allerdings wird manches im Grundgesetz stehende noch nicht angemessen umgesetzt und vollzogen. Als Beispiele möchte ich nur die Gleichberechtigung und den Schutz der Tiere anführen.
Wie kamst du konkret dazu, aktiv Politik machen zu wollen beziehungsweise im Politikbereich zu arbeiten?
Salvador Oberhaus: Für mich war es von früher Kindheit an total alltäglich, an politischen Aktionen meiner Eltern und Großeltern teilzunehmen. Meine Schwester und ich sind in hochpolitisierten Kontexten aufgewachsen. Ein irgendwie nicht aktiv politisches Leben hätte ich mir wahrscheinlich gar nicht vorstellen können. Ich hatte mich als Jugendlicher links von meinen Eltern positioniert. Die DKP war mir zu autoritär. Zu der dann auch in Wuppertal gegründeten PDS verhielt ich mich solidarisch und beobachtete deren Entwicklung an Aktivitäten teilnehmend ganz genau. Die gerade genannten Gründe für meine Politisierung waren auch Anlass, in verschiedenen Initiativen und Selbstorganisationen aktiv zu werden. Doch das reichte mir irgendwann nicht mehr. Auch das, was ich später in einem weiter gefassten Sinne als hochschulpolitische Aktivitäten entfaltete, hatte sich irgendwann totgelaufen. Inzwischen hatte sich mein Verhältnis zu Parteien als organisatorische Form der politischen Meinungs- und Willensbildung entspannt. Ich hatte meine Fundamentalkritik an Parteiförmigkeit und Logik abgelegt. Politische Wirksamkeit entfaltet man am ehesten, wenn man alle Mittel nutzt, die die parlamentarische Demokratie bereitstellt. Das habe auch ich gelernt. Ohne Parteien änderst du in dieser Gesellschaft gar nichts. Und wenn dir die Partei, mit der du sympathisierst, aus welchen Gründen auch immer nicht so richtig passt, dann tritt ein und verändere sie! Das war und ist auch mein Anspruch. Die Proteste gegen die Agenda 2010 der Schröder-Regierung, die daraus resultierende Gründung der WASG hatten mich schließlich dazu gebracht, die wilde Ehe, die ich mit der PDS führte, zu formalisieren. Ich bin also 2006 der PDS beigetreten, ohne mich auf konkrete Politikfelder für mögliches Engagement festzulegen. Die PDS und später Die Linke ist die einzige pluralistische linkssozialistische Partei in der Bundesrepublik, deren Programmatik mich überzeugt und zum Mitwirken einlädt. Politisch bin ich nach wie vor in den genannten Feldern aktiv. Kulturpolitik ist vor einigen Jahren als ein Schwerpunkt hinzugekommen. Die Ebene, auf der ich hauptsächlich agiere, ist die Kommunalpolitik. Global denken, lokal handeln. Das funktioniert in Wuppertal inzwischen wieder ziemlich gut. Der Weg aus unserer hausgemachten Krise auf Bundesebene ist allerdings noch ein weiter, aber die Partei ist inzwischen wichtige Schritte gegangen, wie zuletzt der Bundesparteitag in Halle gezeigt hat. Die vorgezogenen Neuwahlen des Bundestags sind für uns ein Risiko, aber auch eben zugleich eine große Chance.
Niko Rickert: In meinem Beruf und auch vorher war ich immer auch schon über das Maß des rein Beruflichen hinaus engagiert. Ich war also grundsätzlich auch ein leichtes Opfer für ehrenamtliche Tätigkeiten, als mich in den früher 2010er Jahren ein leider schon verstorbener Bundeswehrsoldat und FDP-Mensch angesprochen hat, ob ich mich nicht engagieren wollte. Dieser Mensch hat seinerzeit meine pflegebedürftige Großmutter im Rahmen seines kirchlichen Engagements wöchentlich besucht, um mit ihr spazieren zu gehen. Aus reiner Menschenliebe. Das hat mich tief beeindruckt. Nach langem Überlegen, denn ich hatte die FDP nun überhaupt nicht auf meinem Radar, und nach einigen Recherchen über diese Partei habe ich gemerkt, dass sie im Kern und konträr zu öffentlichen Meinung und teilweise politischen Standpunkten für solche Menschen wie mich vielleicht gar nicht so verkehrt ist. Die teilweise widersprüchliche Freigeistigkeit hat mich dann angezogen. Wieder das kreative Chaos. Später bin ich bei den Grünen gelandet, da das Thema Nachhaltigkeit im Städtebau und im Bauwesen dort einfach mit Abstand am besten und professionellsten vertreten wird. Obwohl der Dogmatismus dort manchmal doch etwas anstrengend sein kann.
Paul Orlowski: 2015 kam mein Bruder mit der Idee an, in die Partei Die PARTEI einzutreten und einen Ortsverband zu gründen. Davor kannte ich ein paar wenige, lustige Aktionen, nachdem ich mich aber damit befasst habe und den Werdegang etwas verfolgt habe, war direkt der Gedanke da: Das ist der Weg, um Punk noch tiefer in die Politik zu tragen. Das Parteiprogramm schrie einfach danach, den standardisierten Politikweg abzulegen und dieses alte System zu zerlegen. Auf Missstände aufmerksam machen und Berufspolitiker dazu bringen, handeln zu müssen, und das alles mit Spaß? Die Freiheit, das Programm so umzusetzen, wie man will, Plakate zu entwerfen, wie man will, und sinngemäß nur eine Anforderung: Nicht nach unten treten. Da wurde es meine Partei. Und schon kurz danach ging es los mit Wahlkampf, provozierende Plakate aufhängen und mit Leuten streiten. Das hat Spaß gemacht und meine Sicht auf Punk wieder ein kleines bisschen geändert. Bunter Iro und Nietenjacke haben nicht mehr schockiert, bunter Iro mit Anzug und Krawatte schon. CDUlern „Fickt euch!“ zu sagen, hat nicht mehr schockiert, ihnen eloquent klarzumachen, dass sie das vielleicht wirklich tun sollten schon. Und was passierte? Ich wurde damit zum Stadtrat von Lauscha und dachte nur: Was ist los mit euch? Wieso klappt dieser Quatsch? Und was passierte nach fünf Jahren Unsinn machen? Ich wurde 2024 erneut gewählt.
Susann Seifert: Mein Einstieg in die Politik kam, als ich von einem Mitarbeiter einer Landtagsabgeordneten angesprochen wurde. Er glaubte an mein Potenzial und ermutigte mich, aktiv in die Politik zu gehen. So wurde ich mit 18 Jahren in den Kreistag gewählt. Damals fehlte mir noch der Mut, mich stark in der Debatte zu positionieren, aber der Grundstein war gelegt. Heute, mit 43 Jahren und viele Erfahrungen später, ist das anders. Während meiner 19-jährigen Tätigkeit in der Kommunalverwaltung – sei es als persönliche Referentin des Oberbürgermeisters, in der Kämmerei oder im Vollzugsdienst des Ordnungsamts – wollte ich dazu beitragen, eingefahrene Strukturen aufzubrechen und die Verwaltung besser zu machen. Doch immer wieder stieß ich auf Status-quo-Verteidiger, die Veränderungen blockierten. Diese Jahre haben mir klar gemacht, dass meine Möglichkeiten, innerhalb dieser starren Strukturen wirklich etwas zu bewegen, begrenzt waren. Besonders nach meiner schweren Krebserkrankung wurde mir ebenso bewusst, wie begrenzt meine Lebenszeit ist und dass ich diese nutzen möchte, um tatsächlich Wirkung zu entfalten – ich wollte nicht nur verwalten, sondern Wandel gestalten. Als Graffitibeauftragte im Ordnungsamt entdeckte ich meine Kreativität und das Gestaltungswerkzeug Sprühdose. Ich wendete mich der Kunst zu. Sie ist ein gutes Vorbild. Sie ist frei. Sie kann alles sein. Ich malte, entwickelte Projekte und verfolgte diese neu entdeckte Leidenschaft nebenberuflich. Schließlich kündigte ich 2016 und gründete das Sozialunternehmen „Erlebe was geht“ gGmbH. Seither engagiere ich mich mit meinem Team in den Bereichen Kunst und Kultur, gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung sowie Social Entrepreneurship – mit Erfolg. Doch was mich „zurück“ in die Politik gezogen hat, war die Erkenntnis, dass Politik oft dort fehlt, wo das Leben stattfindet. Zu oft werden Entscheidungen in abgeschotteten Räumen, an den Bedürfnissen und Bedarfen der Menschen und an zivilgesellschaftlich engagierten Akteuren vorbei getroffen. Es braucht dringend andere politische Rahmenbedingungen, die näher an der Realität der Menschen dran sind, und Politiker, in denen sich die Menschen wiederfinden. Gleichzeitig sah ich den zunehmenden Erfolg der AfD und wusste, dass ich jetzt Verantwortung übernehmen muss. Deshalb habe ich mich entschieden, wieder kommunalpolitisch aktiv zu werden und für den Kreistag zu kandidieren. Großartig, dass es geklappt hat. Mein Herz schlägt links, und für mich ist es wichtig, mich in einer Partei zu engagieren, die sich für soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Solidarität einsetzt.
Torben Sjuts: In den politiknahen Bereich bin ich aus Zufall und Interesse geraten. Mein Vater war viele, viele Jahre ein erfolgreicher, das heißt beliebter Lokalpolitiker, damit hatte ich schon immer einen Bezug dazu und das Thema an sich war sehr präsent. Auch in der Hinsicht, dass ich sehen konnte und merken musste, wie viel Zeit und Aufwand das alles in Anspruch nimmt. Ich selber bin in ganz anderer Funktion in den Landesdienst eingetreten und bin dann zufällig zum Thema „Haushaltsrecht“ gekommen, weil es eine Ausschreibung für eine bestimmte Stelle gab und mich das interessiert hat. Jeder, der damit nichts zu tun hat, denkt immer: Ach, wie langweilig. Aber das ist Quatsch, weil sich da alles abbildet, was Politik macht. Ich habe jeden Tag so viele verschiedene Sachverhalte und Themen auf dem Tisch, das ist alles, nur nicht langweilig. Und es ergibt Sinn für mich. Ich bin verantwortlich für einen Teil der Kohle, die die Gesellschaft an den Staat abdrücken muss. Auch wenn es bei mir tatsächlich nur verhältnismäßig wenig ist, ist das immer noch ein neunstelliger Betrag. Ich finde es ganz geil, Verantwortung zu übernehmen, den Rücken gerade zu machen und rein auf Basis der Regeln, die die Gesellschaft sich gegeben hat, Dinge zu klären und mich nicht nur vom Willen Einzelner treiben zu lassen. Und auch ein bisschen unbequem zu sein. Im Job bin ich Punk, weil ich bereit bin, die Regeln zu beachten. Oder ich rede mir alles einfach nur schön.
Philipp Evenburg: Nachdem mir klar wurde, dass zu Demos zu gehen und alle vier bis fünf Jahre ein paar Kreuzchen zu machen, zwar das demokratische Gewissen beruhigt, aber für politisch Engagierte nicht wirklich befriedigend ist. Da gab und gibt es mehr Optionen, die einen stärkeren Einfluss und damit Erfolg in der Umsetzung von guten Ideen und notwendigen Veränderungen versprechen. Vorbildlich waren da auch andere Leute aus der Punk-Szene, wie zum Beispiel Jan, Mastermind vom Kunterbunt im Rattenloch in Schwerte, der schon in den 1990er Jahren für die Grünen im Stadtrat saß. Umwelt, Natur und Tierschutz fand ich seit frühen Kindestagen wichtig. Auch wenn ich mich damals, etwa im Alter zwischen 16 und 20, als Anarchisten bezeichnet habe, kam mir irgendwann die Erkenntnis: Als Anarchist nehme ich mir die Freiheit, Demokrat zu sein! Ohne damit Werte verraten zu müssen, im Gegenteil. Zwar engagierte ich mich viele Jahre weiter außerparlamentarisch, war aber einige Jahre Karteileiche bei den Grünen, weil die Ortsgruppe wenig attraktiv war und mich auch nicht überzeugend aktivieren konnte. Für Wechselwählende boten Europawahlen bislang aufgrund der hier zu Recht fehlenden Prozenthürde immer eine gute Möglichkeit, auch mal einer neuen Partei die Stimme zu geben. 2009 waren das für mich die Piraten. Von Schweden aus zogen sie ins Europaparlament ein. Heute verdanken wir unter anderem ihnen, dass der einst utopische Traum, immer auf die größte Plattensammlung aller Zeiten zugreifen zu können, für alle Realität geworden ist. Und das auch noch in der Hosentasche. In Deutschland erreichten sie damals knapp 1% und ließen dadurch aufhorchen. Diese Nerds wollte ich kennenlernen. Nach dem ersten Treffen in einer Berliner Kneipe war klar: Das sind Verbündete, die ähnlich ticken, die neue Ansätze der Partizipation und Ideen entwickeln wollten, wie Politik progressiver und vor allem zugänglicher gestaltet werden könnte. Da war ich sofort begeistert dabei. Wir haben auch einiges aufgemischt und unter anderem endlich die Digitalisierung in die Politik getragen. Bis heute leider ein immer noch nicht befriedigend umgesetztes Thema.
Gerade bei ehrenamtlicher politischer Tätigkeit ist festzustellen, dass in einem normalen Berufsleben kaum Zeit dafür ist – da wird schon kommunalpolitisches Engagement zu einer Frage, dass man sich dieses auch „leisten“ können muss. Wie sind deine Erfahrungen?
Salvador Oberhaus: Es gibt viele Menschen, die gerne politisch aktiv werden wollen, denen aber schlicht die Zeit dazu fehlt. Ich sage immer, dass jeder Beitrag, den ein Mensch in einer Partei leisten kann, sei er noch so klein, ein wichtiger sein kann. Die Strukturen, die es ermöglichen oder eben verunmöglichen, Engagement zu entfalten, können die Menschen in der Regel kaum beeinflussen. Zeitsouveränität besitzen die wenigsten Menschen. Zeitmanagement begünstigt Selbstausbeutung. Wo wir es als Aktive im Kreisverband beeinflussen können, versuchen wir, Menschen auf unterschiedliche Weise zu befähigen, aktiv und wirksam zu werden. Es kommt also nicht darauf an, dass wenige viel Zeit aufbringen können, sondern dass möglichst viele sich nach ihren individuellen Möglichkeiten einbringen. Unser Kreisverband hat einen erweiterten Kern von rund 30 Aktiven. Das ist schon nicht so schlecht. Was mich betrifft, habe ich das große Glück, so empfinde ich das wirklich, im politischen Raum arbeiten zu dürfen. Daraus leiten sich manche Synergieeffekte für das ehrenamtliche politische Engagement ab. Das macht es auf der eine Seite einfacher, aktiv zu sein. Auf der anderen Seite führt es auch zu Entgrenzungen. Würde mich meine Familie nicht bei alledem unterstützen und auch mal auf mich verzichten können, wäre das alles nicht denkbar.
Niko Rickert: Ganz klar, das Ehrenamt in der Politik muss höher belohnt werden, materiell und auch gesellschaftlich. Gleichzeitig muss aber der „Eigennutz des Einzelnen“ als Folge seiner politischen Tätigkeit im Blick behalten werden. So wird einem natürlich, sofort und gerne, in der politische Debatte vorgeworfen, dass man sein fachpolitisches Amt, und dann noch als Selbständiger, eh nur für seinen Vorteil nutzen würde. Und ich würde auch sagen, dass wäre im gesunden Maße ja auch in Ordnung und sogar sinnvoll, denn es dient der jeweiligen Kompetenz und damit der Entscheidungsstärke in der Sache. Allerdings nur, so lange es nicht in Vorteilsnahme im Amt ausartet. Denn dann wird es Zeit, sich wieder aus seiner Position und vielleicht der Politik zu verabschieden. Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass es leicht ist, sich in seiner politischen Tätigkeit durchaus auch Feinde zu machen. Das kann schon mal zu eigenen persönlichen und sogar wirtschaftlichen Schäden führen. Es ist also sehr komplex und schwierig, wie immer im Leben.
Paul Orlowski: Es gibt einige Stadträte, die sich wählen lassen und dann doch kaum da sind. Die meisten begründen das mit Arbeit und vielen glaube ich das sogar. Und so gesehen wundert mich das auch gar nicht so sehr, da es ihnen eben relativ egal ist und Geld recht wichtig. Als Selbständiger, der für eine Satire-Partei im Stadtrat sitzt, hatte ich diese Probleme aber nicht.
Susann Seifert: Es stimmt, politisches Engagement – gerade auf kommunaler Ebene – kann eine große Herausforderung sein, wenn man gleichzeitig einem normalen Berufsleben nachgeht. Das Ehrenamt erfordert viel Zeit und Energie, die viele Menschen schlichtweg nicht haben, wenn sie voll im Arbeitsalltag stehen. Es entsteht schnell der Eindruck, dass man sich politisches Engagement „leisten“ können muss, sowohl finanziell als auch zeitlich. Das ist eine bittere Realität, die wir ernst nehmen müssen, wenn wir über politische Teilhabe sprechen. Es braucht flexiblere Modelle, die das Ehrenamt auch für diejenigen zugänglich machen, die arbeiten. Digitale Partizipation, flexiblere Sitzungszeiten oder die Anerkennung von Ehrenamt als wertvolle Leistung, die mehr Unterstützung erfährt – all das sind Ansätze, die wir stärker in den Fokus rücken müssen, wenn wir wollen, dass sich mehr Menschen engagieren können. Denn Politik sollte nicht nur denen vorbehalten sein, die genug Zeit und Ressourcen haben. Sie muss für alle zugänglich sein.
Torben Sjuts: Das kenne ich vor allem von meinem Vater, der aber auch hauptberuflich unterwegs war. Aber es ist schon so, dass das alles extrem zeitaufwändig ist. Andererseits ziehen die Beteiligten da auch viel raus. Anerkennung, Selbstbestätigung, Macht. Und ja, das sind definitiv überwiegend Menschen, die mindestens der gehobenen Mittelschicht angehören. Das ist insofern natürlich auch ein abgeschlossenes System, das für „Außenstehende“ schwierig zu durchbrechen ist. Sobald es dann um die Politikprofis geht, wird sowieso alles noch mal ganz anders.
Philipp Evenburg: Im Grunde kann sich jeder Mensch politisch in Parteien engagieren, der auch die Zeit findet, einmal die Woche zum Training oder zu irgendeinem Stammtisch zu gehen. Demokratie lebt letztlich davon, dass wir uns einbringen. Nomen est omen.
Punk hat auch einen destruktiven Charakter. Bei den „Chaostagen“ ging es einst kaum um ein konstruktives Anliegen, Sätze wie „Lass dich nicht BRDigen“, „Anarchie betrügt dich nie“, „Fick das System!“ sind Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegen demokratische und parlamentarische Strukturen. Hier und da geht es einem bisweilen beim Hören eines Songs oder von Ansagen bei Konzerten so, dass man sich denkt: „Ja, ich mag die Band, die Songs, die Musik, aber diese Aussage ist mir dann doch erheblich zu platt.“ Wie gehst du um mit dieser Widersprüchlichkeit von Punk-Messages hier und eigener Lebensrealität dort?
Salvador Oberhaus: Bei „Fuck the System“ bin ich voll dabei. Aber auch hier ist wieder die Frage, was ich daraus folgere. Verharre ich in destruktiver Ablehnung oder versuche ich, das Scheißsystem zu ändern, wo ich nur kann? Das wird in einem revolutionären Akt bestimmt nicht gelingen können. Aber wer nur Revolution machen will, weltverändernde Reden schwingt und ansonsten den Arsch nicht hochkriegt und keinen Sinn für radikale Realpolitik hat, ist für mich kein Partner. Ich habe einen für mich guten Umgang gefunden, mit solchen Widersprüchen und Ambiguitäten umzugehen. Ich idealisiere Punk nicht. Ich kann nur Punk sein, indem ich ihn – in all seinen Ausdrucksformen – auch kritisiere, reflektiere, kontextualisiere und nicht alles so bierernst nehme. Punk ist eben auch politisch inkorrekt und non-konform. Das wird allerdings dann problematisch, wenn zum Beispiel die parlamentarische Demokratie pauschal abgelehnt wird oder gar ausschließlich als ermöglichende Struktur für Ungerechtigkeiten, Faschisierung etc. gelesen wird. Die parlamentarische Demokratie ist aus linker demokratietheoretischer Perspektive hoch defizitär. Ich will hier jetzt gar nicht anfangen, Modelle direkter Demokratie zu diskutieren. Aber wenn wir in Zeiten real zunehmender Faschisierung, einem realen Vormarsch rechten Autoritarismus in vielen Teilen der Welt als „irgendwie linke“ Punks nicht in der Lage sind, uns für den Schutz und den Erhalt und vor allem für den Ausbau von Menschen- und Grundrechten einzusetzen und Demokratie weiterzudenken und weiterzuentwickeln, dann können wir auch einfach aufhören zu sein. Soll niemand von Anarchie singen, der Sozialismus nicht versteht. Vielleicht liegt es an mir, dass ich mir politisch ganz plattes und pathetisches Zeug einfach nicht anhöre, aber ich habe den Eindruck, dass Dumm-Punk aktuell ein verschwindendes Genre ist. Die Lyrics müssen ja nicht immer ... BUT ALIVE-, BAD RELIGION-, DRITTE WAHL- oder Rachut-Niveau haben, um ein gewisses Reflexionsniveau zu erreichen. Wenn ich auf ein Punk-Konzert gehe, erwarte ich keinen literarischen Debattierclub. Insofern kann ich mit textlicher Reduktion politisch komplexer Zusammenhänge gut leben. Es kommt letztlich auf die Haltung der Band an. Wenn ich mich doch mal beginne, fremdzuschämen für eine Band, dann verlasse ich einfach den Saal oder schreibe einen Verriss.
Niko Rickert: Wenn hinter dem Destruktiven auch Kreatives und Veränderung steht, ist es interessant. Alles andere ist eine Sackgasse. Uninteressant.
Paul Orlowski: Ich denke, dass auch die destruktiven Aktionen ihre Berechtigung haben. Ich ärgere mich manchmal und finde es bescheuert, aber es hat schon einen Grund. Und die Chaostage sind für mich ja auch nur Berichte und Filme, dafür bin ich ein paar Jahre zu jung, aber wahrscheinlich wäre ich sonst auch nicht dabei gewesen. Dennoch habe ich die Zeile „destroy to create“ oft im Kopf und ich hatte schon konstruktive Gespräche mit Leuten, die zu, in meinen Augen, „destruktiven“ Aktionen gehen.
Susann Seifert: Ja, Punk hat ohne Zweifel einen destruktiven Charakter, und das ist oft auch seine Stärke – er bricht mit Normen, verweigert sich Konventionen und stellt radikal die bestehenden Machtstrukturen infrage. Die „Chaostage“ oder Parolen wie „Lass dich nicht BRDigen“ und „Fick das System!“ sind Ausdruck von tiefem Frust und Misstrauen gegenüber staatlichen und parlamentarischen Strukturen, die viele Menschen als entfremdend erleben. Für mich ist Politik nicht nur die Ablehnung bestehender Strukturen, sondern das gemeinschaftliche Handeln, das Neues schafft. Punk in seiner destruktiven Form verweigert dieses „Neuschaffen“ häufig und bleibt im reinen Protest gefangen. Für mich geht es darum, konstruktive Wege zu finden, diese Energie in eine positive Veränderung zu lenken. Misstrauen gegenüber etablierten Strukturen ist berechtigt, wenn diese ihre Versprechen nicht halten oder die Menschen nicht ernsthaft einbeziehen. Aber die Lösung kann nicht in der puren Ablehnung und Zerstörung liegen. Wir müssen Räume schaffen, in denen echter Dialog und echte Teilhabe möglich sind – genau das versuche ich mit meiner Arbeit. Punk fordert uns heraus, wachsam zu bleiben, aber er erinnert uns auch daran, dass Veränderung nur funktioniert, wenn sie auf nachhaltigen, inklusiven Lösungen basiert.
Thorsten Wozniak: In der Tat, während ich die Energie von solchen Songs liebe, so teile ich diese Aussagen nicht. Das ist mir oft zu unreflektiert, zu einfach. Es ähnelt ein wenig den Populisten, die auch sehr einfache Lösungen oder Schlagzeilen für komplexe Sachverhalte anbieten. Und trotzdem sind solche rigorosen Punk-Aussagen wichtig: Sie laden doch herrlich zu Diskussionen ein.
Philipp Evenburg: Zweifel und Widerstand sind wichtig, sie sollten nur effektiv kanalisiert werden. Ich hefte solche Texte mittlerweile unter jugendlichem Sturm und Drang ab. Ich bin der Meinung, wer das und Ähnliches, wie „Deutschland verrecke“, heute noch mitsingt oder gar ernst meint, ist entweder im entsprechenden Alter oder hat sich politisch nicht wirklich weiterentwickelt. Über destruktive Extrempositionen lässt sich in der Realpolitik auch nicht ernsthaft debattieren. Das wollen jene wohl auch nicht. Wer wirklich meint, ein Feind des demokratischen Systems zu sein, sollte sich dringend einem Privilegien- und Realitätscheck unterziehen und sich klar werden, mit wem er da Seite an Seite steht.
Musst du dich für deine Position, dein Tun, dein Engagement rechtfertigen? Und bekommst du Zuspruch?
Salvador Oberhaus: Sowohl als auch. Es kommt immer auf den Kontext an. Wenn ich immer und überall nur Zuspruch bekäme, müsste ich meine Haltung gründlich überdenken.
Niko Rickert: Hier stellt sich die Frage: vor wem verteidigen? Natürlich muss man seine Positionen vertreten und dies auch außerhalb der Tagungssäle. Es geht aber immer auch ins Private, sprich: man wird immer wieder in der Freizeit angesprochen auf politische Positionen und man ist auch Intrigen ausgesetzt. Immer abhängig vom Umfang der Brisanz der eigentlichen Aktivitäten. Ja, die Tätigkeit verschafft einem Feinde und auch Freunde. Es ist wichtig, vermeintliche Angriffe gegen die eigene Person immer wieder zu neutralisieren und nicht zu sehr auf die persönliche Schiene zu geraten. Auch ist es förderlich, eine gewisse Medienresilienz entwickeln. Eine gewisse Polarisierung gehört beim Politisieren dazu, dabei ist es aber sehr wichtig, stark in der Sachthematik zu bleiben. Das ist aber Übungssache und kommt mit einer gewissen Erfahrung und Reife, wie alles im Leben.
Paul Orlowski: Definitiv. Von Punks kam schon der Vorwurf, dass Die PARTEI die APPD zerstört habe, wenn auch selten. Öfter ist natürlich aus der bürgerlichen Mitte zu hören, dass sie es nicht geil finden, wenn ich am Ortseingang ein Großplakat mit „Fickt euch doch alle!“ aufhänge, und dass eine Regenbogenfahne den Hintergrund einnimmt, wird nicht auch verstanden. Das sind Momente, in denen ich denke: Jo, es ist noch Punk! Der Zuspruch ist allerdings auch enorm, da ich lustigen Quatsch mache – denn Leute lachen lieber, als sie es zugeben wollen – und eben Demozüge für Memes anmelde, aber eben trotzdem die Demonstrationen gegen die AfD oder die Corona-Leugner organisiere.
Susann Seifert: Ja, ich erhalte Zuspruch – schließlich wurde ich gewählt, was zeigt, dass meine Arbeit und mein Engagement von vielen Menschen unterstützt werden. Dennoch muss ich mich oft verteidigen, insbesondere weil ich als Unternehmerin politisch aktiv bin und nicht neutral bleibe. Es wird von Unternehmern oft erwartet, dass sie sich aus politischen Diskussionen heraushalten, doch ich sehe das anders. Für mich gehören unternehmerisches Handeln und politisches Engagement zusammen, weil beide Bereiche großen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Kritik kommt auch, weil ich mich in der „falschen“ Partei engagiere, zumindest aus der Sicht mancher Menschen. Doch genau hier setze ich an: Ich glaube daran, dass politisches Handeln jenseits von festgefahrenen Parteigrenzen möglich sein muss. Es geht darum, Lösungen für die realen Probleme zu finden und Verantwortung zu übernehmen, anstatt sich nur in ideologischen Grabenkämpfen zu verlieren. Ich nehme diese Kritik als Ansporn, weiterhin an den Werten festzuhalten, für die ich stehe – Freiheit, Chancengerechtigkeit, Engagement für das Gemeinwohl, Kultur und Beteiligung.
Torben Sjuts: Tatsächlich musste ich mich im beruflichen Kontext mal mit dem Vorwurf auseinandersetzen, linksextremer Verfassungsfeind zu sein. Das war natürlich recht sportlich, als man mir das eröffnet hat. Als auf meine Nachfrage, was konkret man mir den vorwerfen würde beziehungsweise woran das festgemacht wird, keine nachvollziehbare Antwort kam, habe ich darum gebeten, wieder zu mir zu kommen, wenn man etwas Konkretes habe. Meine damalige Vorgesetzte, die mich schätzt, war darüber ganz froh und seit 2016/17 habe ich nichts Derartiges mehr gehört. Ansonsten muss ich natürlich damit leben, dass ich „googlebar“ bin – und seid euch gewiss, das wird auch rege genutzt! Insofern ist bekannt, was ich privat so treibe, und ich habe eher positive als negative Rückmeldungen. Beziehungsweise herrscht eher Erstaunen über und Interesse an dieser Musik-Geschichte. Gerade vorgestern erst hat mich ein ehemaliger Kollege aus einem Finanzamt kontaktiert und gesagt, wie sehr er sich auf unseren Plattenrelease und das dazugehörige Konzert freut und dass er es endlich mal geschafft hat, sich ein Ticket zu besorgen. Wobei, gerade letztens hat mir jemand aus dem privaten Umfeld auch gesagt, dass mein Job und mein Privatleben ja mal so gar nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Ich zucke dann mittlerweile eher mit den Schultern. Wenn ich sehe, was manche aus der Szene so von sich geben, bin ich mit Sicherheit nicht das Problem. In meinem beruflichem Umfeld wird ja „Teamfähigkeit“ auch immer groß geschrieben. Ich glaube nicht, dass es andere Leute neben mir gibt, die 17 Jahre mit so ’nem inhomogenen Sauhaufen bei guter Laune unterwegs sind. Ich fühle mich also gegen Gegenwind gewappnet. Und habe ich schon erwähnt, dass ich mich durchaus auch gerne auseinandersetze?!
Philipp Evenburg: Sowohl als auch. Es liegt in der Natur der Sache, dass Politik ein ständiger und fortlaufender Prozess von Zustimmung und Ablehnung ist, der von harter Überzeugungsarbeit mit Argumenten geprägt ist, um Mehrheiten zu erreichen. Am Infostand wurde ich schon öfter unter der Gürtellinie beschimpft. Auch das muss man aushalten können beziehungsweise schlagfertig kontern, wenn man unsere Demokratie verteidigen will.
Ein Problem unserer Demokratie scheint zu sein, dass sie bisweilen stark erklärungsbedürftig ist. Sachverhalte sind komplex, Veränderungen brauchen ewig, und Kompromisse sind die Regel, weil systemimmanent. Menschen hätten es gerne einfacher, schneller, direkter, kompromissloser. Wie gehst du damit um?
Salvador Oberhaus: Ich stimme dir voll zu. Ich würde gerne morgen in einem sozialistischen Utopia aufwachen, wo alle Menschen in vollkommener Freiheit absolut gleich sind. Es braucht aber einen sehr langen Atem und eine hohe Frustrationstoleranz sowie die Überzeugung, dass aus Regentropfen Wasserfälle werden können, um grundlegende Veränderungen allmählich zu erreichen. Anders wird es schlicht nicht gehen unter den gegebenen Umständen, die sich eben nicht einfach revolutionär überwinden lassen. Ich gehöre zu denen, die sich über jeden aus der Wolke gekitzelten Regentropfen freuen. Vieles ist einfach nicht schnell zu verändern. Es braucht eine Vision davon, wie die Welt von Morgen aussehen kann, um heute die richtigen Schritte in diese Richtung zu gehen. Das bedeutet im Klartext: täglich kämpfen für eine bessere Welt und nicht nur darüber reden oder singen.
Niko Rickert: Ja, es ist richtig, die Themen sind oft kompliziert und es bedarf sorgfältiger Abstimmung mit all den Beteiligten an Entscheidungsprozessen, aber es ist auch sehr wichtig zu „entbürokratisieren“, damit Demokratie erlebbar bleibt. Viele Prozesse, gerade in meinen Fachbereich Stadtentwicklung und Architektur, sind förmlich hürdenbasiert. Selbst wenn ich viele dieser Hürden für meinen Fachbereich verstehe, müssen aber viele Wege zum Ziel einfacher werden. Ruhig mal etwas Neues versuchen! Es ist wichtig, dass sich Systeme von Zeit zu Zeit updaten und manchmal auch markant, so dass die Menschen auch sehen, dass etwas passiert, und vielleicht motivierter sind mitzumachen.
Paul Orlowski: Als eine der schwierigsten Aufgaben dieser Zeit sehe ich, die komplexen Sachverhalte so zu erklären, dass Leute sie annehmen und eben nicht an die angeblich einfachen Lösungen glauben. Eventuell wiederhole ich mich hier, aber eben da hilft mir der Punk in der PARTEI. Erst mal biete ich eine ganz billige, populistische Lösung an und sobald mir jemand zuhört, bei dem ich denke, dass es da noch einen Einfluss haben kann, diskutiere ich über die komplexeren Themen oder verweise auf Leute, denen ich da vertraue. Die Erfolgsquote fühlt sich oft minimal an, aber ich weiß, dass es zumindest hin und wieder funktioniert, und das ist eben das, was ich tun kann.
Susann Seifert: Ja, unsere Demokratie ist erklärungsbedürftig und oft komplex. Das liegt daran, dass sie auf Pluralität und Ausgleich unterschiedlicher Interessen basiert. Veränderungen brauchen Zeit, weil die Meinungen vieler Menschen berücksichtigt werden müssen, und Kompromisse sind systemimmanent – sie stellen sicher, dass möglichst viele Perspektiven einfließen und nicht nur eine einzige Meinung dominiert. Diese Langsamkeit und Komplexität können frustrierend sein, besonders in einer Welt, die schnelle, einfache Lösungen bevorzugt. Ich verstehe den Wunsch der Menschen nach Einfachheit und Schnelligkeit, aber ich sehe es als meine Aufgabe, die Vorteile dieser demokratischen Prozesse deutlich zu machen. Demokratie bedeutet, dass wir alle beteiligt sind und dass unser Gemeinwesen durch Konsens und Verständigung gestaltet wird. Die Herausforderung liegt darin, Wege zu finden, diese Prozesse transparenter zu gestalten, so dass die Menschen verstehen, warum Dinge Zeit brauchen und warum Kompromisse nicht Schwäche, sondern Stärke bedeuten. Ich setze mich dafür ein, dass der Dialog offener und zugänglicher wird. Menschen sollen nicht das Gefühl haben, dass Politik in abgeschlossenen Räumen stattfindet, sondern dass sie selbst ein aktiver Teil dieser Prozesse sind. Ja, Demokratie ist komplex, aber gerade diese Komplexität macht sie robust und nachhaltig. Deshalb versuche ich, Brücken zu bauen, um den Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl zu geben, dass sie gehört und verstanden werden – und dass auch langsame Veränderungen langfristig die besseren sind. Es geht darum, eine Gesellschaft zu fördern, in der jeder die Chance hat, sich einzubringen und die Entscheidungen nachzuvollziehen, auch wenn sie nicht immer einfach oder schnell sind.
Torben Sjuts: Das ist tatsächlich ein Anspruch, dem ich im täglichen Berufsleben häufig begegne. Das betrifft alle Seiten – die Bevölkerung an sich, politische Akteure und auch viele Einheiten der Verwaltung. Das kann durchaus auch mal bedeuten, dass bestehende Regeln nicht beachtet werden sollen, weil sie Dinge zu kompliziert machen. Dies umso mehr, wenn es sich um eine Materie handelt, die von Dritten nicht oder nur schwer vor Gericht angegriffen werden können. Gerade in der Hinsicht habe ich eine gewisse Gatekeeper-Funktion, die ich gerne und bewusst wahrnehme; nicht um Dinge unmöglich zu machen, sondern sie – wenn es denn schon sein muss – zumindest „technisch“ richtig umzusetzen. Das führt nicht unbedingt zu großer Freude und Beliebtheit. Insofern benötige ich durchaus schon mal ein dickes Fell. Dabei hilft mir meine Sozialisation mit Sicherheit – das Wissen darum, reflektiert „das Richtige“ zu tun und dabei nicht davon abhängig zu sein, was das Umfeld deswegen von mir denkt, zum Beispiel mich einfach schrecklich unnachgiebig und kompliziert findet. Wichtig und bestärkend für mich sind intrinsisch dabei vor allem zwei Dinge: Erstens meine rechtlich begründbare Auffassung, dass die öffentliche Verwaltung an sich die Instanz ist, die sich zuvörderst und in stärkstem Maß an geltendes Recht zu halten hat. Auch und gerade in der Beschränkung der tatsächlich vorhandenen Macht und Gestaltungsmöglichkeiten. Zweitens meine Maxime, dass mit Dingen und Personen, die einen ärgern und nerven, so umgegangen werden sollte, dass man sich zu Zweidrittel bis Dreiviertel der Zeit darüber belustigt und nur den Rest darüber ärgert. Dies trägt umgemein zur eigenen psychischen Gesundheit bei.
Philipp Evenburg: Ich versuche immer wieder zu erklären, dass die liberale Demokratie, wie sie in Deutschland verankert ist, zu den erfolgreichsten Modellen des menschlichen Zusammenlebens zählt, die wir bis jetzt ausprobiert haben. Das lässt sich nicht nur anhand von Zahlen beweisen. Dass es dabei fortlaufenden Reformbedarf gibt und es an manchen Ecken und Enden zum Himmel stinkt, ist ein relativ kleines Problem im Gegensatz dazu, was uns erwartet, wenn wir dieses politische System aufgeben oder verlieren würden.
Kannst du uns von einem politischen Erfolg berichten, an dem du beteiligt warst?
Salvador Oberhaus: Meine Partei kann in den letzten 25 Jahren auf viele erfolgreiche kommunalpolitische Initiativen zurückblicken. An manchen davon war ich direkt beteiligt. Als ein Erfolg hat es sich für mich angefühlt, dass ich in aller Bescheidenheit gesagt einen großen Anteil daran hatte, dass mein Kreisverband nach der Abspaltung der Wagenknecht-Truppe nicht zerbrochen ist, sondern sich binnen weniger Wochen neu aufgestellt hat. Wenn ich im Kleinen Dinge nachhaltig verändern kann, ist das für mich ein Erfolg.
Niko Rickert: Ich würde es mal anders beantworten: Wenn ich sehe, dass das eigene Wirken in der Gemeinschaft mit anderen über die Jahre Veränderungen herbeigeführt hat und mein Thema Nachhaltigkeit, und hier der ökologische Anteil der Nachhaltigkeit, immer mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, dann lässt mich dies persönlich befriedigt zurück und es stellt sich das Gefühl ein, meinen Teil in dieser Gesellschaft beigetragen zu haben.
Paul Orlowski: In letzter Zeit ist es schwierig, hier von politischen Erfolgen zu sprechen. Lauscha liegt im Landkreis Sonneberg, dem ersten Landkreis mit einem AfD-Landrat. Vor und nach der Wahl hilft es natürlich beim Anmelden von Demos oder Wahlkampf, wenn der bürokratische Teil leichter fällt, seitdem man in der lokalen Politik bekannt ist. Dass wir direkt nach der Landratswahl eine Demo mit über 700 Leuten machen konnten, dass wir, wenn Björn Höcke auf Wahlkampftour da ist, den Stand spontan so abschirmen können, dass er nicht reden kann, und dass Lauscha im kompletten Kreis die einzige Stadt ist, bei der die AfD weder bei der Kommunal-, EU- und Landtagswahl die stärkste Kraft geworden ist, das schreibe ich schon zu einem Teil unserer politischen Arbeit zu. Dass die Demo-Welle Anfang 2024 auch nach Sonneberg kam und sich andere Parteien, Bündnisse, Kirchen mal zusammen an einen Tisch setzten, da hatte ich möglicherweise auch meine Finger im Spiel.
Susann Seifert: Ein politischer Erfolg, der mir besonders am Herzen liegt, ist die Trägerschaft eines Pilotprojekts der nationalen Stadtentwicklungspolitik, bei dem wir innovative Modelle der Quartiersentwicklung erprobt und umgesetzt haben. Es war uns wichtig, nicht nur über Bürgerbeteiligung zu reden, sondern sie auch in die Praxis zu bringen. Wir haben neue Beteiligungsformate entwickelt, die so gut funktioniert haben, dass sie mittlerweile für andere Akteure als Inspiration dienen. Ein weiterer großer Schritt war die Einführung des Bürgerbudgets in den Haushalt der Stadt Altenburg, der den Menschen vor Ort die Möglichkeit gibt, ihre Stadt aktiv mitzugestalten. Zuvor hatten wir drei Jahre einen solchen Fonds erprobt. Wir haben ein dichtes Netzwerk von koproduktiven Orten geschaffen, die Menschen zusammenbringen und Raum für Ideen und gemeinsame Projekte bieten. Dieses Engagement hat nicht nur politische Aufmerksamkeit für die Themen Stadtentwicklung und Teilhabe erzeugt, sondern auch dazu geführt, dass die Wertschätzung für soziokulturelle Akteure gestiegen ist. Besonders stolz bin ich auch die erfolgreiche Sensibilisierung der Verwaltung, städtische Liegenschaften nicht nur nach wirtschaftlichen, sondern auch nach sozialen und kulturellen Kriterien zu vergeben. So ist aus dem Einwohnermeldeamt ein selbstverwaltetes Jugendhaus geworden.
Torben Sjuts: Ich weiß nicht, ob man das im Gesamtgeschehen wirklich als „Erfolg“ bezeichnen kann, aber ich habe die Corona-Pandemie und die damit verbundenen wirtschaftlichen und finanziellen Verwerfungen in anderer Position sehr eng begleitet und dabei Probleme mit lösen können. Andere Probleme in dem Rahmen konnte ich, trotz vielfachen Meckerns, leider nicht ausräumen. Dann gibt es natürlich auch noch weitere Sachen, die ich aber so nicht konkretisieren kann, ohne eine Genehmigung zu haben, darüber zu sprechen. Diese Loyalität gehört einfach auch dazu.
Philipp Evenburg: Der erstmalige Einzug einer Fraktion in einen Landtag, die komplett nicht aus Politikern bestand, war so einer. Mit denen habe ich den Politikbetrieb aufgemischt und einiges für die Digitalisierung und für Bürgerrechte vorangebracht, ganz praktisch zum Beispiel, dass man endlich nicht mehr zum Amt laufen musste, um einen Landschaftsplan einzusehen, sondern ihn jetzt mit wenigen Klicks online erreicht. Wir haben damit den Startschuss für die Digitalisierung geliefert. Im Kulturausschuss, in dem ich auch auf Ex-Fanzinemacher und Labelmanager Tim Renner traf, konnte ich mich erfolgreich dafür einsetzen, dass die Kirche von Unten/KvU, einer der traditionsreichsten Orte für Punk-Konzerte in Berlin-Mitte, neue Räumlichkeiten erhielt. Aktuell sind die leider wieder bedroht. Der Streit um kulturelle Freiräume wird in Berlin permanent ausgefochten.
Und wie frustrierend kann das Politikmachen sein? Oder anders gefragt: Warum machst du es trotzdem?
Salvador Oberhaus: Ich weiß nicht, wie ich das hinbekomme, aber es gelingt mir sehr häufig, auch aus Rückschlägen Kraft zu schöpfen, um weiterzumachen. Ein bisschen wie Don Quijote, aber mit Lernfähigkeit. Es geht für die Menschen und die Menschheit um alles. Wie könnte ich da aufhören, Politik zu machen?
Niko Rickert: Wie schon erwähnt, man muss resilient, aber nicht blind werden. Selbst eine Niederlage kann der nächste Wege zum Erfolg sein. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Lebensmotto.
Paul Orlowski: Mir fallen wenige Dinge ein, die frustrierender sein können. Warum ich es trotzdem mache, wurde ich öfter gefragt, und das frage ich mich sogar selbst hin und wieder. Ich denke, dass ich es nicht schaffen würde, mich nicht irgendwie zu engagieren. Ich kann nicht zuschauen und ich kann mir auch keine Scheuklappen aufsetzen, will ich auch nicht. Und diese Art der Politik hat sich für mich als momentan stärkstes Mittel herausgestellt. Ich habe keine Lust, Nazis zu verprügeln, und keine Lust abzuhauen, also versuche ich es so.
Susann Seifert: Politikmachen kann frustrierend sein, das lässt sich nicht leugnen. Die Prozesse sind oft zäh, Entscheidungen dauern lange, und man muss sich immer wieder mit Widerständen und Kompromissen auseinandersetzen. Es ist ermüdend, wenn gute Ideen in endlosen Debatten feststecken oder an starren Strukturen scheitern. Besonders frustrierend ist es, wenn man weiß, dass mutige und schnelle Veränderungen nötig wären, diese aber nur schleppend vorankommen. Trotzdem gibt es für mich einen entscheidenden Aspekt, der mir Hoffnung und Antrieb gibt: Man muss nicht darauf warten, dass politische Prozesse allein Veränderungen bewirken. In der Zwischenzeit kann man an den Dingen arbeiten, auf die man unmittelbaren Einfluss hat. Wenn ich mir beispielsweise einen Ort für Kultur und Begegnung wünsche, warte ich nicht darauf, dass die Politik ihn schafft – ich nehme es selbst in die Hand und gestalte ihn im Rahmen meiner Möglichkeiten.
Torben Sjuts: Für mich ist es natürlich Job und Broterwerb. Es ist überhaupt nicht langweilig und irgendwie sinnvoll. Und ich habe den Anspruch, Dinge richtig/vernünftig oder zumindest „besser“ als andere zu machen.
Philipp Evenburg: Politik kann sehr frustrierend sein, wenn deine Frustrationstoleranz nicht besonders hoch ist. Insbesondere sind gute Argumente wertlos, wenn die Mehrheit sich schon vorher auf eine bestimmte Richtung geeinigt hat, die gegebenenfalls sogar in einer Koalitionsvereinbarung steht. Aus der Opposition heraus hat man immer schlechte Karten, etwas durchzusetzen. Das muss man dann der Mehrheit so schmackhaft machen und mitunter so weit verwässern, dass sie die Idee beziehungsweise den Antrag übernehmen und ihn dann als ihren eigenen darstellen. Wenn es denn hilft. Politik ist für mich persönlich mittlerweile schon sehr frustrierend. Weniger aufgrund schwieriger Umsetzungsmöglichkeiten mit vielen verbundenen Kompromissen, die du eingehen musst, sondern eher wegen der fehlenden Lernkurve der Menschen insgesamt, die trotz der Erfahrungen aus unserer Geschichte, trotz der wissenschaftlichen Fakten über die Klimakatastrophe und immer noch etwa fünfzig gleichzeitig laufender kriegsähnlicher Konflikte weltweit, wenig an ihrem Verhalten – und da meine ich jetzt nicht explizit das Wahlverhalten – ändern und auch kaum willens sind, Veränderungen einzugehen, um unsere Lebensgrundlagen und die kommender Generationen so zu erhalten, dass die noch in ähnlicher Sicherheit zu leben in der Lage sein werden, wie es uns in den vergangenen Jahrzehnten vergönnt war. Komplett aufzugeben ist aber gerade aufgrund der sich weiter zuspitzenden Lage keine Option für mich, auch wenn es mitunter verlockend erscheint. Ich hoffe immer noch darauf, Wege zu finden, adäquat dabei mithelfen zu können, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.
Vor dem Hintergrund der letzten Wahlkämpfe zeigte sich, dass gerade Kandidat:innen und Aktive linker Parteien teils massiven Angriffen und Übergriffen ausgesetzt waren. Wie nimmst du die aktuelle Situation und Debattenkultur wahr?
Salvador Oberhaus: Die Debattenkultur im öffentlichen Raum ist unterirdisch. Die Diskurse verschieben sich immer weiter nach rechts. Es wird immer schwerer, mit linken Gegenpositionen und Alternativen wahrgenommen zu werden. Dabei machen wir regional sehr unterschiedliche Erfahrungen. Im bergischen Städtedreieck sind wir von tätlichen rechten Übergriffen weitgehend verschont. Mal ein dummer Spruch, aber wir wüssten uns auch zu verteidigen. In anderen Teilen der Republik müssen meine Genoss:innen um ihre Unversehrtheit fürchten und sind fast alltäglich von rechter Gewalt bedroht.
Niko Rickert: Ich würde es sogar erweitern und das ist viel erschreckender, auch Aktive von Parteien der politischen Mitte werden vermehrt und aggressiver angegangen. Dagegen muss man sich sehr robust wehren. Es ist aber auch elementar wichtig, woher der Angriff kommt. Gerade von extrem rechts oder extrem links sind oft noch andere systemdestabilisierende Gruppen oder Akteure:innen im Hintergrund, die sehr viel Geld investieren. Die Thematik Putinismus zeigt dies recht eindeutig. Hier wird ja gerade sehr viel investigativer Journalismus betrieben, auch im Dienste dieser demokratischen Gesellschaft, und die Menschen aufgeklärt. Da ich der Russland-Thematik durch meine lange Zeit in Moskau und Russland sehr eng verbunden bin, waren diese kausalen Zusammenhänge doch sehr erhellend für meine politische Arbeit. Grundsätzlich schlägt sich dieser globale Angriff auf unser System auch in der kommunalpolitischen Arbeit nieder. Das ist nicht zu vermeiden, aber auf kommunaler Ebene relativiert sich auch alles sehr schnell, da man ja bei jedem und jeder die privaten Hintergründe kennt. Da geht es um reale Fakten, warum der Marktplatz von Autos befreit werden soll und warum etwas dem Gewerbe oder der Umwelt schadet oder eben nicht. Also handfeste Themen, ohne Systempolitik.
Paul Orlowski: Mit Angriffen gegenüber linken Menschen und dem Wissen, dass es jederzeit passieren sein kann, bin ich irgendwie aufgewachsen, was es aber natürlich nicht besser macht. Und diese stetige Normalisierung der AfD-Positionen legitimiert eben, sich wie ein Nazi zu verhalten. Dazu gehört natürlich, andere Meinungen zu unterdrücken, am liebsten mit Gewalt. Ich erlebe von Wahlkampf zu Wahlkampf, dass die Leute immer aggressiver werden, und aktuell ist hier klar, dass Plakate zu zweit hängen schon ein ordentliches Risiko ist. Und beim Gespräch mit den Leuten habe ich gelernt, nicht den Faden zu verlieren und trotzdem immer ihre Hände im Blick zu behalten, es kann ja jederzeit ausgeholt werden.
Susann Seifert: Die aktuelle Situation und Debattenkultur empfinde ich als zunehmend polarisiert und aggressiv. Gerade Kandidat:innen und Aktive linker Parteien stehen oft unter massivem Druck und sind nicht selten Angriffen oder Übergriffen ausgesetzt. Aus diesem Grunde habe ich auch lange über meine Kandidatur nachgedacht. Ich finde es besorgniserregend, wie sehr sich der Ton in politischen Auseinandersetzungen verschärft hat und wie wenig Raum es für sachliche Diskussionen gibt. Differenzen werden nicht mehr über den Austausch von Argumenten ausgetragen, sondern häufig durch persönliche Angriffe. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die politische Kultur, sondern schreckt auch Menschen ab, sich politisch zu engagieren – besonders auf kommunaler Ebene, wo der Kontakt zur Bevölkerung sehr direkt ist. Ich finde es umso wichtiger, trotz dieser Widrigkeiten standhaft zu bleiben und für die eigenen Überzeugungen einzutreten. Wir brauchen eine Rückkehr zu einer Debattenkultur, die den Respekt vor unterschiedlichen Meinungen wahrt und in der politische Auseinandersetzungen konstruktiv geführt werden können.
Torben Sjuts: Schleswig-Holstein ist da noch relativ gesittet, in meinem Alltag findet das so eigentlich nur sehr wenig statt. Da bekomme ich letztlich auch nur mit, was in den Medien ist. Generell wird es derzeit aber härter gegenüber denen, die sich nur schwer oder gar nicht wehren können. Das ist widerlich und genau das Gegenteil von dem, was sein müsste. Nach unten buckeln, nach oben treten!
Philipp Evenburg: Sowohl die Debattenkultur in den Parlamenten als auch der Ton im Wahlkampf haben sich erheblich verschärft, seit die Rechtsradikalen diese Wahlerfolge haben, und entsprechen oft nicht mehr dem demokratischen Konsens. Besonders schlimm dabei ist, dass das Menschen davon abhält, sich politisch und demokratisch in Parteien zu engagieren. Das spielt Antidemokraten natürlich in die Hände. Massive Angriffe gab es allerdings nicht nur auf Linke. Nach den Grünen, die statistisch am häufigsten Ziel von Übergriffen sind, kommen Politiker:innen der AfD auf Platz zwei. Und vergessen wir auch nicht, dass das letzte Mordattentat in Deutschland den CDU-Politiker Walter Lübcke traf. Demokrat:innen jeder Coleur können zur Zielscheibe werden. Daher ist es heute umso wichtiger, dass Demokrati:innen an entscheidender Stelle zusammenhalten und im Wahlkampf einen angemessenen Ton anstimmen. Leider bleibt dieser Appell bei so manchen Kolleg:innen wirkungslos.
Die Brandmauer: Keine Zusammenarbeit mit der AfD in keinerlei Hinsicht. Was sind deine Erfahrungen, Prognosen, Befürchtungen?
Salvador Oberhaus: Die Brandmauer der bürgerlichen Parteien ist eine Chimäre. Ich fürchte, dass CDU, CSU, FDP und andere konservative Bündnisse eine weitere Normalisierung der AfD ermöglichen werden, um den Willen des eigenen Machterhalts. Manche aktuellen Entwicklungen erinnern doch sehr an die Spätphase der Weimarer Republik. Aber Geschichte wiederholt sich zum Glück nicht. Sie ist gestaltbar. Momentan sehe ich nicht, wie der Aufschwung der AfD wirksam aufgehalten werden kann, wenn sich nicht alle irgendwie doch demokratischen Kräfte entschieden dagegenstellen.
Niko Rickert: Grundsätzlich steht die Brandmauer #fckafd für mich. Aufgrund des Rechtsextremismus und besonders wegen der ausländischen Einflussnahme auf diese Partei gehört sie verboten. Problematisch sehe ich aber auch das neue BSW. Allerdings möchte ich auch betonen, dass Wechsel in der Parteienlandschaft sehr fruchtbar für die Debatte zu aktuellen Problemen sein können. Da müssen die großen Parteien nachlegen und sich erneuern. Die Merkel-Ära war in vielen Dingen eine starke Zeit. Dies wird man später in der Geschichtsanalyse noch bewerten. Problematisch ist aber auch die spannungslose Vereinheitlichung gewisser Meinungsstränge in dieser Zeit, die noch nachwirkt. Wir kommen auf das bereits erwähnte Chaos- und Entropiemaß zurück. Der Mensch braucht Bewegung und er muss auch etwas in seiner kleinen Lebensperiode erringen und dafür kämpfen, sonst wird es langweilig.
Paul Orlowski: Ich weiß nicht mal, ob die Brandmauer je stand. In unserem Kreistag hat ein lokales Bürgerbündnis die Mehrheit, diese besteht aus Ex-CDU-, Ex-FDP- und Ex-SPD-Politiker:innen, die jede Chance mitnehmen, und nachdem die Kommunalwahlen ein paar Wochen in der Vergangenheit lagen, wurde vielen AfD-Anträgen zugestimmt. Wenn die CDU oder irgendein Wählerbündnis einen AfD-Antrag ablehnt und später fast identisch selbst einreicht, wie viel Brandmauer ist da? In meiner ersten Amtsperiode als Stadtrat habe ich irgendwann mit einer älteren Frau einer kleinen Liste eine Fraktion gebildet, um in die Ausschüsse zu kommen. Wir waren uns nie sehr einig, aber sie wollte, dass es den Leuten hier gut geht, und meinte: „Du machst da schon was draus.“ In dieser Amtsperiode ist sie eine Fraktion eingegangen mit Die Heimat. Die AfD sitzt bei uns nicht im Stadtrat. Eine stabile Brandmauer würde mich wirklich überraschen, egal in welchem Parlament.
Susann Seifert: Eine klare Abgrenzung von der AfD ist für mich unverhandelbar. Diese Partei spielt mit den Ängsten der Menschen, doch sie hat keine wirklichen Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit. Statt Lösungen für das Gemeinwohl zu erarbeiten, setzt sie auf Spaltung und Hetze. Es geht ihr nicht darum, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, in der alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Status, gleiche Chancen haben. Werte wie Mitmenschlichkeit und der Schutz benachteiligter Menschen spielen in ihrer Politik keine Rolle. Die AfD lenkt den Fokus gezielt auf Ausgrenzung und Abwertung, anstatt sich für die Schwächeren in unserer Gesellschaft stark zu machen. In einer Demokratie geht es darum, dass das Gemeinwohl im Mittelpunkt steht – der Schutz der Würde aller Menschen, die Stärkung von Solidarität und der Zusammenhalt in der Gesellschaft. Genau das fehlt bei der AfD. Meine größte Sorge ist, dass der politische Druck auf die demokratischen Parteien wächst, Kompromisse mit der AfD einzugehen und ihr damit Legitimität zu verschaffen – besonders in Regionen, in denen sie stark ist.
Torben Sjuts: Ich beziehe mich jetzt nur auf das, was ich aus eigener Anschauung gut kenne, in jeder anderen Hinsicht sehe ich noch wesentlich schwärzer: In Schleswig-Holstein ist es gelungen, nach einer Wahlperiode mit AfD im Landtag diese in der jetzigen rauszuhalten. Damals noch, ohne die Spinner irgendwo rechts zu überholen. Das ist schon mal ganz cool, aber ich denke nicht, dass das so bleibt. Insbesondere das „nicht rechts überholen“. Die Prognose ist also, dass der Zeitpunkt kommen wird, an dem eine Regierungsbeteiligung ansteht. Ich habe auch schon oft darüber nachgedacht, was ich dann mache. In den Sack hauen, mich verpissen? Da bleiben, wo ich bin, und noch biestiger werden, als ich es ohnehin schon bin? Ich weiß es nicht, bin allerdings erstaunt, dass mein Umfeld eher der Meinung ist, dass ich mich nicht verpissen dürfte, sondern weitermachen sollte. Das hat mich überrascht. Da bin ich vielleicht doch noch Punk und lasse das einfach mal auf mich zukommen und tue in meinem beschränkten Rahmen einfach, was ich kann, damit es nicht dazu kommt.
Philipp Evenburg: Welche Brandmauer? Nachdem das BSW bereits auf kommunaler und nun auch auf Landesebene in Sachsen AfD-Anträgen zugestimmt hat, haben CDU/CSU-Abgeordnete zuletzt einem AfD-Antrag im Europaparlament zur Mehrheit verholfen. Die Brandmauer, wenn sie denn noch existiert, weist also mittlerweile nicht nur auf kommunaler und auf Landesebene erhebliche Schäden auf. Auf kommunaler Ebene ist sie teilweise jedenfalls schon eingerissen. Das liegt einerseits daran, dass die AfD im Osten schon so stark ist, dass sie nur schwer ignoriert werden kann, oder in Einzelfällen gar schon regiert oder anderweitig Mehrheiten generiert. Auch werden auf kommunaler Ebene Inhalte verhandelt, die weniger umstritten sind, und manche daher eine dringend notwendige Straßensanierung oder einen Zebrastreifen trotzdem für zustimmungsfähig halten, auch wenn der Antrag von der AfD kommt. Gerade einzelne Abgeordnete und Verordnete der CDU haben in der Vergangenheit keinen Hehl daraus gemacht, für eine Zusammenarbeit mit der AfD offen zu sein. Da kann Friedrich Merz noch so oft die Brandmauer predigen, was er ja kaum von sich aus tut. Sein Einfluss, da einzugreifen, ist auch begrenzt. Sollte die Zustimmung für die AfD noch weiter steigen, wird es immer schwieriger, die Brandmauer aufrechtzuerhalten. Ich hoffe immer noch, dass der Höchststand derer, die sich verführen lassen, bald erreicht ist und es dann mit den Zustimmungswerten und Wahlergebnissen für sie wieder abwärts geht. Wenn wir dafür in die saure Zitrone einer erneut von CDU/CSU geführten Regierungskoalition beißen müssten, wäre das noch ein vergleichsweise harmloses Übel, auch wenn es wehtäte.
Zum Schluss: Was müsste sich ändern, damit Politik besser wird?
Salvador Oberhaus: Ein wichtiger Anfang wäre gemacht, wenn endlich die Menschen mit ihren realen Sorgen und Bedürfnissen im Mittelpunkt der Politik stünden und nicht das Bedienen von Angst-Narrativen, wie es gegenwärtig mal wieder Konjunktur hat. Die Menschen wollen nicht nur repräsentiert werden. Sie wollen mitgestalten. Also: Mehr Demokratie wagen.
Niko Rickert: Momentan: Strikte Kontrolle der sozialen Medien. Hier besonders: Reduktion und Kontrolle der Einflussnahme aus dem Ausland. Förderung des gemeinschaftlichen Geistes und Wertschätzung des bereits Geschaffenen. Mehr Sachkompetenz der politischer Entscheidungsträger. Entbürokratisierung, damit Entscheidungen schneller greifen. Ganz wichtig: Förderung des Ehrenamtes.
Paul Orlowski: Ein unironischer Facebook-Kommentar nach der letzten Wahl lautete: „Es lebe die Demokratie! Nur noch AfD!“ Dabei muss ich immer lachen und weinen, aber Spaß beiseite ... Die meisten Parteien wollen die weniger politisierten Menschen überzeugen, dass sie gute Politik machen. Ich denke, dass wir beim Urschleim anfangen müssen und den Leuten erklären sollten, was Politik überhaupt ist. Das mag gesunder Menschenverstand für gegeben halten, aber wenn die Leute das verinnerlicht hätten, wäre die AfD mit ihrem „Die da oben“-Geschwafel nicht so stark. Das Politik-Allheilmittel habe ich leider nicht zur Hand, ich glaube, es wäre für alle angenehmer, wenn mehr Politiker:innen auch ihr „Scheitern“ zugeben würden. Mir würde das zeigen, dass dieser Mensch ehrlich etwas besser machen wollte, aber eben auch nur ein Mensch ist und es verkackt hat. Sympathisch!
Susann Seifert: Um die Politik zu verbessern, müssen wir sie grundlegend neu gestalten und an die Lebensrealitäten der Menschen anpassen. Politik muss wieder näher an die Bürgerinnen und Bürger heranrücken und ihre Anliegen ernst nehmen. Dafür braucht es eine Kultur des Zuhörens und des echten Dialogs. Deshalb sollten wir politische Strukturen öffnen und flexibler gestalten, damit mehr Menschen die Möglichkeit haben, sich zu engagieren. Das bedeutet, Barrieren abzubauen, die politische Teilhabe erschweren—sei es durch starre Sitzungszeiten, komplizierte Verfahren oder mangelnde Transparenz. Wir müssen neue, niedrigschwellige Formen der Partizipation schaffen, die den Alltag der Menschen berücksichtigen. Auch ist es wichtig, dass wir die Digitalisierung nutzen, um politische Prozesse zugänglicher zu machen. Digitale Plattformen können den Austausch erleichtern und ermöglichen es, dass mehr Stimmen gehört werden. Auch sollten wir Vielfalt in der Politik fördern. Unterschiedliche Perspektiven bereichern den politischen Diskurs und führen zu besseren Lösungen. Das bedeutet auch, dass wir mehr Frauen, junge Menschen und Menschen mit verschiedenen Hintergründen ermutigen müssen, sich politisch zu engagieren.
Torben Sjuts: Die Erwartungen der Menschen. Die Zufriedenheit der Mehrheitsgesellschaft mit dem, was sie haben, was besteht. Die Abkehr vom Wachstumsgedanken, vom Konsum als Ziel der Existenz. Im besten Fall: Das Treffen von Entscheidungen, ohne zu wissen, ob sie für einen selber oder die Personen, von denen man abhängig ist, von Vorteil sind. Aber der Drops ist insgesamt wahrscheinlich gelutscht. Mein Pessimismus ist groß.
Philipp Evenburg: Politik muss leichter erklärt und einfacher zugänglich werden, damit jedem klar wird, dass sie uns und unserem Zusammenleben dient und dass alle von uns eingeladen sind, sich in ihr gemeinsam zu engagieren, um uns im respektvollen demokratischen Streit für die besten Lösungen mit einzubringen, anstatt nur von der Seitenlinie zu meckern. Auch weil das keine abgehobene Raketenwissenschaft ist, sondern viel mehr eine sehr spannende und erfüllende Aufgabe im Dienste einer für uns alle funktionierenden Gesellschaft.
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