CLAWFINGER

Foto© by Peter Bjoens

Teil der Identität

Es war 1995, als ich meinen jüngeren Bruder mit auf ein Konzert nehmen durfte und meine Eltern mir sagten, ich solle bloß auf ihn aufpassen. Nun, mehr als 30 Jahre später, sitzt mir der Sänger dieser Band gegenüber: Zak Tell von CLAWFINGER. Die Schweden sind seit den 1990ern aktiv und haben nun mit „Before We All Die“ nach 18 Jahren Sendepause ein neues Album rausgebracht.

Zak, du bist seit fast 40 Jahren Sänger von CLAWFINGER, wie sehr ist „Zak von CLAWFINGER“ Teil deiner Identität geworden?

Es spielt wirklich keine Rolle, was ich im Leben mache, wo ich bin, mit welchen Leuten ich mich treffe. Irgendwann werde ich immer daran erinnert oder erkannt. Und ich mag es. Ich genieße es. Ich habe kein Problem damit. Manchmal kann es zu unangenehmen Situationen oder Gesprächen kommen, weil wir auch Songs haben, die auf unterschiedliche Weise wahrgenommen werden. Aber zu 99 Prozent macht es einfach Spaß und beweist, dass etwas, an dem man festhält und das man lange genug gemacht hat, Teil der eigenen Identität wird. Ich bin der Typ von CLAWFINGER. Ich könnte auch der Typ sein, der seit 40 Jahren bei einer Computerfirma arbeitet. Ich denke, man wird ein Teil dessen, was man tut.

Aber es ist immer noch etwas Besonderes, weil es bei dieser Art von Musik einen gewissen Jugendaspekt gibt. Wir alle haben damit angefangen oder es entdeckt, als wir noch sehr, sehr jung waren.
Darüber habe ich bereits öfter mit den Jungs in der Band gesprochen, es ist definitiv ein Thema, das immer wieder zur Sprache kommt. Es ist schon lustig, weil wir ja zwischen 54 und 64 Jahre alt sind. Da denkt man sich: Moment mal. Das kann nicht stimmen. Aber wenn man in seiner Band-Blase ist, verschwindet all das irgendwie. Wir setzen uns nicht hin, schreiben Songs und denken dabei plötzlich: Oh, verdammt, wir sind alt. Wir müssen Songs auf eine reifere oder andere Art und Weise schreiben. Nein, wenn wir zusammenkommen, passiert irgendwann während des Prozesses das, was immer passiert, und dann hört alles andere auf zu existieren. Es ist, als wären wir in unseren Köpfen für immer 20. Und ich denke, in gewisser Weise ist das eine tolle Sache, weil man einfach aus der Realität um sich herum verschwindet. Vielleicht ist das auch eine dumme Sache, aber das ist mir egal. Denn solange ich Spaß mit den anderen Jungs habe und wir diese Band sein können, auch wenn es nur für eine Stunde auf der Bühne alle vier Wochen ist, ist es immer noch eine kleine alternative Welt, in der wir unsere eigenen Regeln haben und unsere Realität die einzige ist, die zählt . Und das ist verdammt cool, wenn man das mit 55 Jahren so machen kann.

Aber es scheint schwieriger zu werden, eine Band zu finden, die 30 Jahre lang durchhält.
Es fühlt sich so an, als würde sich jetzt alles schneller bewegen, und alles hat eine kürzere Lebensdauer und man geht zum nächsten Ding über oder man macht solo weiter. Oder es ist eine zweijährige Karriere mit einem großen Radiohit und dann ist einfach Schluss. Es wirkt jetzt eher wie eine Art Businessplan oder so etwas. Aber es gibt so viele verschiedene Arten von Musik, es gibt ja immer noch Thrash-Metal-Bands oder was auch immer. Ich möchte jedenfalls nicht zu alt klingen, denn ich weiß, dass es immer noch jede Menge Jungs und Mädchen gibt, die versuchen, ihren Traum zu verwirklichen. Und sie sind zu 100 Prozent mit ganzem Herzen dabei. Aber es existiert auch eine Menge Mist da draußen.

Ja, aber ich glaube, früher gab es auch eine Menge Mist. Das vergessen die Leute gerne.
Ich weiß, ich weiß. Irgendwann erreicht man ein Alter, in dem man seine eigene goldene Ära zu glorifizieren beginnt. Und man vergisst all den Mist, der auch dazu gehörte.

Ich erinnere mich, dass CLAWFINGER die erste Band waren, die ich gehört habe, die Rap und Metal gemischt haben. Und danach kam diese ganze Crossover-Welle in den 1990ern.
Wir kamen definitiv im richtigen Moment und spielten eine Musik, die zur Zeit passte. Aber wir hatten keine Ahnung, was wir da taten. Es war Zufall, ein Glücksfall. Wir waren einfach zufällig diese Mischung von Leuten. Wir hatten ein paar Mitglieder, die eher auf Heavy Metal und Hardrock standen, und wir hatten einen, der eher auf Dance-Musik stand. Und dann gab es noch mich, der eher aus dem Punk und dem klassischen alten Rap kam. Und wir haben einfach rumgealbert, bis wir einen Sound gefunden haben, den wir lustig und neu fanden. Wir hatten definitiv keinen Masterplan, und es gab definitiv noch keinen Trend namens Rap-Metal oder Crossover. Ja, es gab PUBLIC ENEMY und ANTHRAX, die hatten jedoch nur einen gemeinsamen Song. So wie auch AEROSMITH und RUN DMC. Aber es gab kein Album mit dieser Art von Musik. Wir haben einfach zufällig verschiedenen Stile gemischt. Ja, sicher, RAGE AGAINST THE MACHINE haben ihr erstes Album vor uns veröffentlicht. Nur als wir „Deaf Dumb Blind“ geschrieben und aufgenommen haben, da hatten wir noch nie von RAGE AGAINST THE MACHINE gehört. Irgendwann gegen Ende, als wir gerade die letzten Songs fertig stellten, kam unser Gitarrist mit ihrem Debütalbum an. Und wir dachten: Ja, wow, das klingt cool. Aber selbst dann war es nicht so, dass wir das nicht auch machen würden. Wir machen die Dinge auf andere Weise. Es war nur lustig, weil er Zach hieß und ich Zak. Aus der Sicht eines Musikjournalisten kann ich verstehen, dass sie uns in einen Topf geworfen haben. Ich weiß, dass wir damals in Deutschland als die „Rage Against The Machine Europas“ bezeichnet wurden, was wir als Kompliment auffassten, aber ich habe das nie wirklich verstanden. Denn wenn man „Rage Against The Machine“ neben „Deaf Dumb Blind“ legt, gibt es überhaupt nicht viele Ähnlichkeiten. Ich meine, um ehrlich zu sein, sind wir viel konservativer. Wir haben mehr Industrial-Einflüsse. Wir basieren nicht auf funky Grooves. Ich denke, textlich gibt es vielleicht die meisten Gemeinsamkeiten. Und selbst das ist nicht dasselbe. Sie hatten viel mehr so etwas wie eine politische Agenda, weißt du, und die hatten wir eigentlich nie.

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