DAVE HAUSE & THE MERMAID

Foto© by Deflorio

Die Blessuren des Punkrocks

Wer einmal mit Punk und der dazugehörigen Subkultur sozialisiert wurde, erfährt eine Prägung fürs Leben. So ist es auch bei Dave Hause aus Philadelphia – seines Zeichens Frontmann bei THE LOVED ONES und seit drei Dekaden als Singer/Songwriter auf den Bühnen dieser Welt zu Hause. Für sein siebtes Album fand er sich mit seiner Band THE MERMAID zusammen und besann sich auf seine Wurzeln: tiefgründige, wunderbar eingängige Songs an der Nahtstelle von Punk und Rock. Die Hintergründe zum neuen Album sowie spannende Einblicke in den Spagat zwischen Musikbusiness und Familie lest ihr im folgenden Interview.

Dave, wo genießt du den Sommer?

Ich bin in Philadelphia und lasse die Ferien mit meinen Söhnen ausklingen. Wir haben viel unternommen, sind viel Skateboard gefahren und jetzt bereite ich mich auf die anstehende Tour vor, für die es viel zu tun gibt. Meine Söhne gehen bald wieder zur Schule. Also genießen wir die letzten Momente unserer Sommerfreiheit. Ab morgen spiele ich ein paar Solo-Shows gemeinsam mit THE GASLIGHT ANTHEM und im Herbst geht es wieder richtig los.

Warum rattern bei dir tatsächlich gerade Skateboards im Hintergrund? Was ist da los?
Haha, meine Jungs trainieren momentan für ein Skatecamp hier in Philly. Als sie damit anfingen, war ich natürlich total begeistert, da ich viele Jahre selbst auf dem Brett stand. Dann habe ich mir den Knöchel gebrochen, als ich ein bisschen zu ambitioniert war, und musste mich etwas zügeln, damit ich weiterhin meine „Arbeit“ machen kann und mich nicht noch schlimmer verletze. Ich habe einige Blessuren davongetragen und kann unter anderem meine Finger nicht mehr so gut bewegen, was als Gitarrist natürlich ziemlich übel ist. Na ja, das ist eben eine der Folgen des Älterwerdens.

Also hast du dein Skateboard an den Nagel gehängt?
Leider ja. Ich kann nicht mehr so skaten wie früher, aber das ist okay. So ist das eben mit der Leidenschaft für Dinge, die nur eine begrenzte Haltbarkeit haben. Musik kann man hingegen bis ins hohe Alter spielen, aber Skateboarden geht nicht mehr. Das ist schon irgendwie hart, wenn das dein ganzes Leben und deine Identität als junger Mensch ausgemacht hat. Aber ich finde, es ist an der Zeit, dass die jüngere Generation das Zepter übernimmt.

Oha, das klingt ja schon fast etwas altersmilde. Dann lass uns doch gleich einmal auf deine mehr als 30-jährige musikalische Karriere zurückblicken. War es eine große, kontinuierliche Reise oder empfandest du das eher als einzelne Etappen und Phasen deines Lebens?
Das ist eine verdammt gute Frage. Ich denke, eher letzteres, also einzelne Phasen, die zusammen ein großes Ganzes ergeben. Wenn ich zurückschaue, dann denke ich zum Beispiel an meine Zeit als Roadie. Es folgten ein paar Jahre mit THE LOVED ONES und dann kommt mir der Anfang meiner Solo-Karriere in den Sinn sowie der Moment, als ich begann, gemeinsam mit meinem Bruder Tim zu musizieren. Also teile ich die Jahre im Business schon irgendwie in kleine Epochen ein. Und wenn ich den Blick nach vorne richte, dann freue ich mich auf den nächsten Abschnitt, also insbesondere auf 2026, wo wir mit THE MERMAID hoffentlich um die ganze Welt reisen werden. Ja, wir werden mit einer ganzen Rock’n’Roll-Band auf Tour gehen!

Apropos, deine neue Platte, „... And The Mermaid“ ist raus. Unter welchen Umständen entstanden die neuen Songs?
Ich liebe diese Band und wir haben zuletzt nicht mehr wirklich viel zusammen gearbeitet. Das fehlte mir sehr. Ich wollte einfach wieder Rock’n’Roll spielen. Mit Tim und Mark, unserem Keyboarder, hatte ich zwar regelmäßigen Kontakt, aber wir haben die anderen Jungs einfach sehr vermisst. Beispielsweise unseren Bassisten Luke, der als professioneller Songwriter in Nashville tätig ist und hauptsächlich Country-Musik schreibt und produziert. Aber er liebt Punkrock genauso sehr wie wir und wollte unbedingt einige dieser Songs aus sich herausholen und in die Band einbringen. Somit hat sich das irgendwie ganz natürlich ergeben.

Also auch ein Grund, warum die neuen Songs deutlich rockiger und punkiger klingen?
Genau. Ich habe erneut meine alte Liebe zum Punk entdeckt. Gerade IDLES hatten es mir in den letzten Monaten sehr angetan. Und dann habe ich meine Söhne zu einer Show von GREEN DAY und RANCID mitgenommen. Denn wenn es etwas gibt, worüber wir beim Skateboarden gesprochen haben, dann waren es genau diejenigen Dinge, bei denen man eine alte Leidenschaft wieder entfachen kann. Dinge, die man seinen Kindern zeigt, die einfach cool sind und einen selbst stark geprägt haben. Na ja, auf jeden Fall sind sie von GREEN DAY total begeistert. Meine Frau und ich sind natürlich ebenfalls große Fans, aber ich hatte mir einfach nicht allzu viele Gedanken über sie gemacht. Also standen wir im Publikum und ich dachte: Wow, das ist fantastisch. Ich habe meine Kinder mitgenommen, um GREEN DAY zu sehen. Und dann dachte ich mir: Früher hast du selbst auch diese Art von Energie gehabt. Natürlich ist das größentechnisch überhaupt nicht vergleichbar, denn sie sind eindeutig eine Stadionband. Aber diese Rock’n’Roll-Leidenschaft, die in ihren Shows steckt, war etwas, das wir genauso anstrebten. Das war etwas, das ich in den vergangenen Jahren mit THE MERMAID erlebt habe, und ich wollte einfach wieder dahin zurückkommen.

Also die alte Liebe neu entfacht ...
Exakt. All diese Dinge schwirrten mir im Kopf herum. Plötzlich hatte ich so viele neue Songideen und genauso ging es Luke, Tim und Mark. Also sagten wir: Let’s go! Lasst uns alle gemeinsam an etwas Neuem arbeiten und einfach mal sehen, was passiert. Beim Aufnehmen des Albums in Vancouver, Kanada hatten wir unglaublich viel Spaß und es fühlte sich schlicht fantastisch an. Und das war sozusagen die ganze Geschichte: Es gab einfach alte Leidenschaften, die wieder entfacht wurden. Wir haben sie wieder entfacht, indem wir unseren Kindern bestimmte Punkbands vorgespielt haben, BAD RELIGION und MINOR THREAT und so weiter. Und dazu kommt die Kameradschaft in der Band und wie unfassbar gut die Jungs an ihren Instrumenten sind, wie gut sie eine echte Rock’n’Roll-Show hinlegen können. Ich glaube, deshalb heißt das Album letztlich auch „... And The Mermaid“. Es geht wirklich um die Band, um diese Magie, die man spürt, wenn man mit Leuten zusammenarbeitet, denen man blind vertraut.

Aber war es nicht schwierig für dich, die Kontrolle abzugeben? Plötzlich wart ihr fünf Songwriter – zuvor warst du das in Personalunion.
Ja, da ist natürlich etwas dran, weil Tim und ich in den letzten Jahren beim Songwriting etwas mehr in einer geschlossenen Runde gearbeitet haben. Das war ursprünglich gar nicht so beabsichtigt, denn wir beide sind an sich sehr offen für alles. Wir hatten zuvor auch schon „Hazard Lights“ mit Luke geschrieben. Aber ich denke, es ist einfach anders, wenn man Geschwister hat. Dann funktioniert alles wie bei einer Art Kurzschrift. Und das gilt nicht nur für das Songwriting. Wir können uns kurz ansehen und wissen, was der andere denkt und worauf er sich bezieht. Für jemanden, der in diese intime Verbindung eindringen will, ist es natürlich etwas schwierig. Aber bei THE MERMAID sind wir alle fünf zusammen dieser innere Kreis. Die Jungs kennen die Nähe zwischen Tim und mir, sie wissen, wo sie in diesem Ökosystem stehen, und sie wissen auch, wie sie sich darin bewegen müssen. Außerdem muss man in diesem Kontext auch den eigentlichen Prozess des Songwritings bedenken. Viele Songwriter wollen, dass ihre Idee diejenige ist, die es schafft, und ich verstehe das. Ich habe das Gleiche gedacht. Aber letztendlich geht es gar nicht darum. Es geht darum, was den Song komplettiert und perfektioniert, was die Magie entstehen lässt. Und oft muss man damit klarkommen, dass die eigene Idee entweder abgelehnt wird oder sich schnell in Luft auflöst. Das kratzt dann schon am Ego vieler Leute im Business.

Wolltest du die Songs für das neue Album ursprünglich im typischen Singer-Songwriter-Stil aufnehmen?
Als feststand, dass wir nach Vancouver fahren und in dieser professionellen Umgebung aufnehmen können, war mir klar, dass wir dort auch bleiben würden. Wir haben im Studio doppelt so viel Material aufgenommen, wie auf dem Album zu hören ist, und so haben wir vielleicht ganz unbewusst die finale Songauswahl getroffen. Alle haben dabei viel mehr an die Band gedacht als an das Singer/Songwriter-Konzept. Klar, ich habe schon ein paar Alben in diesem Stil aufgenommen, aber ich mache das immer genau so, wie es mir gerade sinnvoll erscheint und mich begeistert. Und dieses Mal war ich einfach nicht in der Stimmung für eine Zusammenstellung von ruhigen, akustischen Songs. Es fühlte sich einfach nicht richtig an.

Ihr musstet also demokratisch entscheiden und gewisse Songs aussortieren?
So ist es. Wir haben uns tatsächlich entschieden, viele Songs nicht mit auf das Album zu nehmen. Ein oder zwei von diesen Stücken sind wahrscheinlich sogar mit die besten, die wir bisher gemeinsam geschrieben haben. Das klingt jetzt natürlich etwas schräg, denn mit „die besten“ meine ich diejenigen, die die Leute wirklich begeistern, wenn wir sie live spielen. Beispielsweise „The raft“, der einfach nicht ganz zur Stimmung der Platte passte. Er wird vielleicht irgendwann veröffentlicht werden, vielleicht aber auch niemals. Ich weiß es nicht. Wir haben die Songs also eher nach ihrer Kohärenz ausgewählt.

Auf „... And The Mermaid“ gibt es auch einen Song namens „Rumspringa“. Der Begriff stammt aus dem Amischen und beschreibt einen zeitlich begrenzten Lebensabschnitt, in dem sich die Jugendlichen bewusst in die Welt des Konsums und des Lasters begeben dürfen, um dort ihre ganz eigenen Erfahrungen zu machen. Was hat dich dazu bewegt, diesen Song zu schreiben?
Ja, das stimmt, der Begriff entstammt der Amish Community. Das Besondere an diesem Song ist, dass er auf einem ganz alten Riff von meinem Freund Mitchell basiert, der mir bei der Arbeit an „Devour“ geholfen hat. Ich hatte es jahrelang auf meinem Whiteboard stehen lassen und mir immer wieder gesagt: Dave, überlege dir wirklich gut, was du mit diesem Juwel machen wirst! Und dann war die richtige Zeit gekommen. Wir verbrachten gerade ein paar Tage in Florida und arbeiteten am neuen Material. Wir hatten einfach einen Riesenspaß. Es war etwa so wie: Wie würde es sich anfühlen, wenn man ein Amish auf Rumspringa wäre?

Demnach hat der Song eher metaphorische Bezüge?
Das Lied ist definitiv nicht religiös motiviert und auch nicht despektierlich gemeint. Wir haben einfach über diese Idee gelacht und uns vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn man wie ein Amish mit Hut und Bart herumliefe und dann in einer Bar versuchen würde, jemanden aufzureißen. Wir fühlten uns einfach selbst wie auf Rumspringa. Es war sozusagen ein Platzhaltertext und dann hat er uns einfach gefallen. Ich finde es wichtig, auch mal Spaß mit und an Songs zu haben. Nicht jeder Track muss ernst sein und so etwas wie eine vollständige Entfaltung der emotionalsten Teile deiner Persönlichkeit enthalten. Man kann das auch gut mit dem Verhalten von Kindern vergleichen: Wenn sie Musik hören möchten, dann wählen sie meistens die lustigen oder fröhlichen Songs aus. Das ist einfach pure Freude und die Lust am Leben. Wahrscheinlich hätte ich „Rumspringa“ nicht auf meinem ersten Album veröffentlicht, da passte die Stimmung nicht richtig. Aber mittlerweile habe ich so viele Alben mit THE LOVED ONES sowie PAINT IT BLACK gemacht und jetzt steht schon mein siebtes Solo-Album in den Startlöchern, da dachte ich mir: Ja, das klingt gut. Es macht Spaß!

Nun steht im Herbst auch eure große Europatour an. Wie ist das Touren für dich mittlerweile?
Oh, ich liebe es. Es ist eine einmalige Chance, um Kontakte zu knüpfen und dein Verständnis von der Welt zu vertiefen. Es ist eine Chance, Menschen auf eine Weise zusammenzubringen, die in diesen politisch angespannten Zeiten immer schwieriger wird. Also ein definitives „Ja“, ich liebe es. Ist es schwieriger geworden? Leider auch das, denn je älter man wird, desto anstrengender fühlt es sich an. Es ist schon eine Belastung. sowohl mental wie körperlich.

Gerade auch wenn man Familie hat, so wie du ...
Absolut, auch für die Familie zu Hause ist das nicht einfach. Aber ich versuche, das auszugleichen, indem ich Dinge tue, wie ich sie diesen Sommer getan habe. Wie bereits erwähnt habe ich den ganzen Sommer mit meinen Söhnen verbracht, wir haben Ausflüge unternommen, haben zusammen abgehangen und Musik gehört oder waren einfach draußen im Wald. Eine witzige Anekdote: Letztens habe ich meine Jungs zu einem Arzttermin begleitet. Der Kinderarzt war total neidisch und meinte: „Dave, du hast Glück, du kannst den ganzen Sommer mit deinen Kids verbringen.“ Und dieser Arzt, das ist ein Typ, der viel mehr Geld verdient und in seinem Job um Längen erfolgreicher ist, als die meisten anderen Väter. Aber man konnte sehen, dass er dachte: Oh Mann, ich wünschte, ich könnte das auch mit meinen Kindern machen. Und so versuche ich eben, das Gleichgewicht zu halten. Zum Glück verstehen meine Söhne, dass ihr Vater arbeiten muss und dass er einfach einen etwas anderen Job hat als die meisten Väter. Die Musik ist einfach mein Leben und das betrachte ich als absolutes Geschenk. Ich denke, wenn man das nicht so sieht, dann wird man unglücklich, dann sollte man es nicht tun. Und um auf deine Frage zurückzukommen: Ich freue mich schon sehr auf die Europatour und insbesondere die Shows bei euch in Deutschland.

Spielt ihr dann neben dem neuen Material auch alte Songs aus deinem Solo-Repertoire?
Oh ja, es wird eine bunte Mischung aus Neuem und Altem werden. Auf jeden Fall freue ich mich, endlich wieder den Stecker in meinen Amp zu stecken und mal wieder laut loszurocken.

Und dann kommt hoffentlich bald noch ein weiteres Album von THE MERMAID heraus.
Haha, ja Mann, so ist der Plan. Neben denjenigen Songs, die wir für „... And The Mermaid“ aussortiert haben, habe ich bereits weitere Stücke für die nächste Platte fertig. Und ich bin mir sicher, dass wir wieder als Band zusammenkommen werden, um diese aufzunehmen. Ich spüre, dass das gemeinsam mit unserem aktuellen Album eine eigene kleine Ära begründen wird.

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