DEAD PIONEERS

Foto© by Daniel Ulibarri

Nie nichts erschaffen

Jüngst erst veröffentlichte Alternative Tentacles zusammen mit Hassle die Single „Bad Indian“. Darauf befinden sich drei Stücke der Debüt-LP von DEAD PIONEERS, die 2023 in den USA und 2024 hier erschien. Das Interesse an der Band und ihrem indigenen Sänger Gregg Deal ist immens, sogar PEARL JAM fragten an, ob die DEAD PIONEERS sie auf ihrer Tour supporten wollen. Ich sprach mit Gregg über die neue LP „Po$t American“ und über die gesellschaftspolitischen Themen, die ihr zugrunde liegen.

Bei den aktuellen US-Wahlen gab es „Latinos for Trump“ und „Blacks for Trump“. Gab es auch so etwas wie „Natives for Trump“?

Ja. In der Welt, in der wir leben, gibt es unterschiedliche Denkweisen. Ich würde sagen, die Mehrheit der Ureinwohner ist nicht für Trump. Es ist interessant, denn oft denke ich, dass die Natives – und ich schätze, das trifft auch auf anderen Minderheiten zu – fast wie ein monolithischer Block betrachtet werden, der keine vielfältigen Meinungen haben kann.

Hast du eine Erklärung dafür, warum es auf der ganzen Welt immer mehr Rechtsextremismus und Hass gibt? Wir haben in Europa ein Land nach dem anderen, in dem zunehmend rechts gewählt wird. Auch in Deutschland sieht es nicht gut aus.
Ich glaube nicht, dass ich der Experte bin, der die eine Erklärung hat, warum das so ist, aber ich denke, dass das Gefühl „weißer Überlegenheit“ dabei eine verdammt große Rolle spielt. Die meisten westlichen Machtstrukturen beruhen darauf, dass weiße Europäer – für uns waren es Engländer, Franzosen und so weiter – in die Welt hinauszogen in dem Glauben, dass sie zivilisierter, fortschrittlicher und besser sind als alle anderen. Im Kapitalismus und der Demokratie gibt es immer noch diesen Aspekt der weißen Dominanz. Und wenn man Leute in Machtpositionen bringt wie Trump oder Elon Musk, dann schüren sie bestimmte Ängste. Und das fühlt sich für viele dann vertraut an. Es ist wie ein kleines Feuer, auf das noch mehr Scheite draufgelegt werden. Ich glaube aber, dass jeder Mensch, der aus einer marginalisierten Gemeinschaft stammt, dir sagen wird, dass genau das schon immer ein Problem war. Es hat jetzt einfach ein Gesicht bekommen. Wir bemerken und erleben Dinge, die die Mehrheit aufgrund ihrer Privilegien nicht wirklich sieht.

Ich habe mir deine künstlerische Arbeit angesehen, deine Graffiti, Wandmalereien und Gemälde im Comic-Stil. Du machst auch großartige Spoken-Word-Performances, bist Aktivist. Und du hast eine tolle Band. Was ist für dich das Wichtigste?
Das Machen, einfach das Machen. Die Band ist für mich keine Gruppe von fünf Jungs, die versuchen, mit ihrer Karriere als Musiker Bedeutung zu erlangen. Ich betrachte sie als ein weiteres Medium, mit dem ich künstlerisch arbeite, und ich bin von talentierten Musikern umgeben, die mich weiterbringen. Die Musik ist für mich nicht viel anders als die Malerei oder Spoken Word oder die Performance-Kunst. Ich liebe Musik und ich liebe unser Genre, aber es existiert auch etwas von allgemeiner Schönheit in der Kunst, was wirklich mein Schwerpunkt ist: Einfach kreieren. Ich genieße den kreativen Prozess. Ich werde nie nichts erschaffen.

Neben Punk bist du auch durch HipHop sozialisiert worden, habe ich gelesen.
Ja. Als ich in den 1980er und 1990er Jahren als nicht-weißes Kind in einer Kleinstadt mit überwiegend weißen Menschen lebte und dann bei MTV schwarze HipHop-Künstler sah, fühlte ich mich plötzlich verstanden. Mein erstes Konzert waren PUBLIC ENEMY, das war einfach perfekt. Ich höre sie noch heute. Ich habe HipHop schon immer geliebt. DE LA SOUL, A TRIBE CALLED QUEST und WU-TANG CLAN sind natürlich immer gut, aber die OGs sind für mich definitiv PUBLIC ENEMY. „3 Feet High And Rising“ von DE LA SOUL war dann die Platte, die ich mir vom ersten selbstverdienten Geld gekauft habe.

Zum HipHop kam ich mit „Raising Hell“ von RUN DMC.
Das ist großartig. Einer meiner besten Freunde fuhr auch auf RUN DMC ab. Bei mir hat es nicht funktioniert, was wirklich seltsam ist, weil ich auf BEASTIE BOYS stand. Und beide hatten ihre Rockparts in der Musik.

In deine Wandbilder integrierst du auch Zitate aus Punksongs, etwa von THE CLASH, auch die SPECIALS sind dabei. Wie entsteht die Verbindung und wie wichtig ist sie für dich?
Die Arbeit, auf die du dich beziehst, ist eine Serie namens „The Others“, in der ich mir alte Comics aus den 1940er und 1950er Jahren angeeignet habe, um die Natives so aussehen zu lassen, als würden sie gewinnen oder als wären sie die Starken. Dann ersetzte ich die Dialoge durch Textstellen aus Punkrock-Songs, die zum Kampf der Indigenen passen, denn im Punkrock geht es auch oft um Rebellion und Entrechtung, um Wut und Empörung gegenüber Machtstrukturen. Und so habe ich diese Dinge irgendwie miteinander verknüpft. Das Ethos des Punk lebt von der Störung von Wahrnehmungen – oder auch einfach davon, dass es mir scheißegal ist, was andere denken. Ich versuche, etwas zu schaffen, das für mich als Künstler, als Schöpfer am ehrlichsten ist. Es ist wichtig, sich gegen dieses System zu wehren, das bestimmt, dass ein Indigener so klischeehaft aussehen, so reden und sich so kleiden muss, wie es immer überall dargestellt wurde. Ich stelle einige dieser gesellschaftlichen Vorstellungen in meinen Arbeiten infrage – ist das Punk-Ethos? Es ist einfach wichtig. Und es ist wichtig, dass ich das an meine Kinder weitergebe.

Was, glaubst du, denken sie über deine Arbeit?
Da wir zusammen leben, ist es ganz normal für sie, sie sehen es ja. Mein ältestes Kind ist 18 und auf dem College, beschäftigt sich mit Kunst und war in vielen meiner Performances zu sehen, hat mir bei Wandgemälden geholfen und möchte auch künstlerisch tätig sein. Mein zweites Kind ist 15 und ein bisschen schwieriger, womit ich mich arrangieren muss. Aber bei den Jüngeren ist das alles ziemlich normal. Mein mittleres Kind ist 12 und mir so ähnlich, dass es schon unheimlich ist. Ich weiß, was er denkt, bevor er es tut. Wir sind uns einig über Konzepte, Ideen und Musik. Und die anderen denken, es ist cool, aber letztlich es ist ganz normal.

Kommen wir zur neuen Platte „Po$t American“. Nach dem ersten Hören dachte ich, dass es mehr Musik, aber nicht weniger Botschaft gibt. Stimmt das?
Ja, das stimmt. Ich habe das Album im letzten Frühjahr geschrieben, im Juni haben wir es aufgenommen. Wir wollten etwas schreiben, das politisch relevant ist. Ich habe den Song „Po$t American“ am 4. Juli geschrieben. Wir haben gesehen, was politisch und gesellschaftlich abging, und haben dem ein paar kulturelle Beobachtungen hinzugefügt. Die erste Platte war eher zufällig entstanden. Wir haben versucht, sie so schnell wie möglich zusammenzubekommen. Wenn ich sie jetzt höre, kann ich die Unsicherheit deutlich spüren. Es ist nicht wie sonst in meinen Solo-Performances – hier hatte jedes Mitglied der Band seine Finger im Spiel. Die neue Platte strahlt mehr Stärke aus, weil alles sich bewusster anfühlt als bei der ersten. Wir sind begeistert davon. Und ehrlich gesagt, das ist nur die Vorstufe zu unserer dritten Platte, mit der wir hoffentlich noch in diesem Jahr richtig loslegen können. Wir hatten am Morgen nach der Vereidigung von Trump ein Meeting und dachten uns, dass wir entweder einfach Musik machen oder alles, was wir sehen, aufgreifen und so hart wie möglich dagegen vorgehen müssen. Es war eine bewusste Entscheidung, dass wir in Zukunft extrem politisch und sozial sein müssen – und sicherstellen, dass diese Haltung auch in unsere Musik einfließen wird. Die Wahrheit ist aber, dass unsere zweite Platte all das bereits erfüllt. Ich weiß also nicht, wie wir das übertreffen können – außer indem wir einfach weiter unsere Geschichten erzählen und durch die Musik unsere Botschaft verbreiten.

Mein Favorit auf eurer neuen Platte ist „The Caucasity“. Das klingt wirklich wie ein DEAD KENNEDYS-Song. Sicherlich magst du sie.
Sie sind fantastisch. Jello Biafra ist ein Freund von mir. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich ihn mal treffen würde. Aber durch die Musik ist es dazu gekommen. Jello ist in Boulder, Colorado aufgewachsen und ist gelegentlich dort zu Besuch. Ich glaube, es war im Januar 2024, als er dort auftauchte, und so lernte ich ihn kennen. Alternative Tentacles haben die 7“ „Bad Indian“ in Zusammenarbeit mit Hassle Records herausgebracht. Jello wollte unbedingt sicherstellen, dass er DEAD PIONEERS auch an das Alternative Tentacles-Publikum bringen konnte. Ich liebe ihre Veröffentlichungen. Mit dem Song „Bad Indian“, der auch auf der Single ist, wollte ich eine wahre Geschichte erzählen, ein bisschen lustig, ein bisschen provokant. Eine Geschichte, in der du als Indigener samt deinen Absichten infrage gestellt wirst und alles an dir hinterfragt wird, während dein Gegenüber dich ständig unterbricht. Denn das ist für uns etwas ziemlich Normales.

Ich war mal auf einer Spoken-Word-Performance von Henry Rollins. Er hat drei Stunden am Stück gesprochen. Wie lang sind deine Spoken-Word-Aktionen?
Wenn ich von einer Hochschule eingeladen werde, dauern die Vorträge 30 Minuten bis maximal eine Stunde. Dazu habe ich eine Solo-Show mit dem Titel „Punk Pan-Indian Romantic Comedy“ konzipiert, aus der letztlich die DEAD PIONEERS hervorgegangen sind. Es handelt sich dabei um eine Stunde Programm, in dem es darum geht, wie ich aufgewachsen bin, um die Beziehung zu meinem Vater oder den Verlust meines besten Freundes, als ich 17 war. Und einfach um meine Erfahrungen und warum Musik wichtig und eine Art Überlebenshilfe wurde für mich als Kid.

Du kennst sicher den Song „John Wayne was a Nazi“ von MDC. Wayne spielt auch in eurem Lied „Mythical cowboys“ eine Rolle. Warum ist John Wayne im Punkrock so „beliebt“?
Ich nehme in dem Song „Mythical cowboys“ Bezug auf MDC. Ihr Song entstand nach einem Interview, das John Wayne in den 1980er Jahren dem Playboy-Magazin gegeben hat, in dem er grauenhafte Scheiße über Ureinwohner und über Schwarze gesagt hat, etwa dass alle Indigenen es verdient hätten zu sterben. Er verkörpert die moderne Variante der „weißen Überlegenheit“, die Frauenfeindlichkeit und toxische Maskulinität einer ganzen Generation. Für mich wird es dadurch interessant, dass er die Ausbeutung einer ganzen Gruppe von Menschen repräsentiert, im Sinne der Kolonialgeschichte der Siedler, in denen wir Indigene als die Bösen dargestellt werden und alle anderen, die Siedler oder Besatzer, als die Guten. Das änderte sich natürlich im Laufe der Zeit durch Leute wie Kevin Costner, die Filme machen, die die Expansion nach Westen und das offensichtliche Schicksal indigener Menschen und ihre Kultur romantisieren.

In „STFU“ geht es darum, dass Leute wegen Selbstverständlichkeiten wie im Pool planschenden Kindern die Polizei rufen. Das klingt sehr, sehr deutsch. Welche Story steckt dahinter?
Es kommt vor, dass eine weiße Frau die Polizei ruft, weil eine schwarze Familie ein Picknick im Park macht. Eine andere weiße Frau ruft die Polizei, weil ein paar schwarze Kinder einen Limonadenstand aufgebaut haben und sie darauf besteht, dass sie dafür eine Art Arbeitserlaubnis brauchen. Oder eine weiße Frau oder ein weißer Mann rufen die Cops und beschweren sich, dass ein paar Children of Color in einem Swimmingpool spielen. All diese Dinge geschehen es also, aber immer mit einem freundlichen Gesicht. Genau darum geht es bei „STFU“: um diesen „netten Rassismus“, der jenseits von brennenden Kreuzen oder Nazi-Grüßen passiert.

Was denkst du, warum ist das Interesse an deiner Band so groß? PEARL JAM haben an die Tür geklopft, auch Jello Biafra kam auf euch zu.
Ich weiß es nicht. Wir haben unsere erste Platte im September 2023 veröffentlicht. Innerhalb von fünf Monaten hatten wir über 500.000 Streams auf Spotify, ohne PR und ohne Marketing, alles independent. Wir sind keine klassische Punkrock-Band, aber es gibt Songs, die sich nach dem alten Punkrock-Sound anhören. Es ist also nicht so, dass wir die DEAD KENNEDYS oder die CIRCLE JERKS neu erfinden. Aber wir nehmen definitiv Bezug auf sie. Vielleicht liegt der Reiz darin, dass es vertraut klingt. Viele Bands sind im Ausdruck ebenfalls super poetisch. Selbst eine Band wie PEARL JAM spricht über Dinge, die politisch links und ihnen wichtig sind, aber auf eine sehr poetische Weise. Und ich glaube, das tun viele Punkbands. Der Versuch, politische, soziale und kulturelle Fragen zu artikulieren, war uns von Anfang an wichtig. Auch das macht vielleicht den Reiz aus. Aber ich bin auch ein bisschen überrascht. Ich bin nicht angetreten, um etwas zu machen, das irgendwie populär sein soll. Ich wollte einfach etwas machen, das meinem jüngeren Ich etwas bedeutet hätte – und vielleicht auch jemand anderem.

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