DIM PROSPECTS

Foto© by Michael Marlovics

Das totale Punkrevival

Im November 2025 hat die Wiener Band DIM PROSPECTS ihr zweites Album „Abscheu und Neugier“ bei Noise Appeal Records veröffentlicht. 13 geile, dichte und dynamische Songs, die Einflüsse von LEATHERFACE und diversen Rachut-Bands weder verleugnen können, noch wollen, aber wenigstens ebenso sehr aus einem profunden musikalischen Vor- und Eigenleben der Beteiligten schöpfen. Grund genug, mit Andreas „Mops“ Breitwieser (Gitarre), Jochen (Gitarre) und Chri (Stimme) zu plaudern. Klaus (Bass) und Uzn (Drums & Stimme) waren verhindert.

Wie und wann hat das denn nach BRAMBILLA mit DIM PROSPECTS angefangen?

Mops: BRAMBILLA haben aufgehört, weil wir irgendwie das Gefühl gehabt haben, dass wir damit alles gemacht haben, was wir machen können. Wir hatten uns ja selbst auferlegt, Lieder zu schreiben, Platten zu machen und immer zehn Tage im Jahr auf Tour zu gehen, was aber immer mühsamer wurde, das war so 2009. Dann war die Abschiedstour, da hat Jochen schon mitgespielt ...
Jochen: Zumindest die Hälfte ... das Abschiedskonzert war dann 2010, im Jänner oder Februar im EKH.
Mops: Werner, der BRAMBILLA-Bassist, hat parallel bei MORBIDELLI BROTHERS gespielt, er meinte auch, laute Musik taugt ihm nicht mehr so ... Damit war es irgendwie klar, dass wir BRAMBILLA begraben, aber andererseits auch weitermachen wollen.

Uzn spielte schon bei BRAMBILLA Schlagzeug?
Mops: Ja, was mit ein Grund dafür war, dass wir uns überlegt haben, damit es zumindest ein bisschen anders ist, Englisch zu singen.
Jochen: Es war länger im Gespräch, dass ich bei BRAMBILLA einsteige, aber ich wollte nicht wieder wie bei KNALLKOPF in eine bestehende Band kommen und Lieder mitspielen, die es schon ewig gibt.
Chri: Wir wollten anfangs mit Sängerin und mir als Sänger arbeiten.
Mops: Klaus habe ich bei NIEVE kennengelernt, er hatte damals keine andere Band und war dabei. Auch optisch haben wir beschlossen, eine andere Ebene zu finden. Geri als zweiter Sänger mit Chri kam dann eher zufällig dazu, Uzn und ich haben mit ihm ja bei den SALOONIES [eine sehr lässige, leider aufgelöste Country Noir-Band, Anm. d. Verf.] gespielt, aber Punk/Hardcore-mäßig hat er ja nichts mehr gemacht – und zu meiner Überraschung sagte er zu. Das Line-up stand also. Ein Unterschied zu BRAMBILLA war auch, wir haben von Anfang an gesagt, dass es eine easy-going Band ist – wenn was kommt, kommt’s, wenn nicht, dann halt nicht.
Chri: 2015 ist dann die erste Platte gekommen ...

Also zum einen eine gewisse Erschöpfung und auch Gelassenheit, aber zugleich weiter der klar vorhandene Wille, personell und im Ansatz kreativ zu bleiben und Musik zu machen, fokussiert genau darauf, oder?
Jochen: Genau, Musik machen und mit Freunden einen Fixpunkt in der Woche zum Proben zu haben.
Mops: Es ist ja auch generell so, dass es für eine ältere Generation von Bands, die nicht kommerziell erfolgreich sind, haha, immer schwerer wird zu touren, die Szene-Anbindungen schwinden. Wir machen noch gerne Musik, sind aber nicht mehr Teil von dem, was immer das da draußen ist ... Es gibt dann die glücklichen Zufälle, einmal haben wir im Venster [wichtige Location der Wiener D.I.Y-Kultur, Anm. d. Verf.] gespielt, da war der Burschenschafts-Ball und wegen der Gegen-Demo war es gesteckt voll, alle waren begeistert.
Jochen: Grad im Venster ist zweimal die Woche full house und da gibt’s eine total aktive Community, von der wir halt nicht mehr Teil sind, aber ich finde das total okay. Junge Menschen, die ihr eigenes Ding machen.
Mops: Volle Zustimmung!

Die erste Platte habt ihr dann selber gemacht ...
Mops: Genau, und da haben wir uns ewig Zeit gelassen, weil – war ja kein Druck da. Die Musik-Landschaft, in der wir uns bewegt haben, war recht verändert. Ein letzter Rückblick: Mit BRAMBILLA haben wir irgendwo in Tschechien gespielt, das Gefühl so – alles okay. Aber du nimmst dir vorher frei, fährst sechs Stunden wo hin, und, ja, die Leute sind nett dort, aber eigentlich ist es vollkommen wurscht, ob du dort bist oder nicht, du bist eine von vier Bands und denkst dir – wenns die es nicht interessiert, so sehr interessiert es mich auch nicht, dass ich für mein Ego ein Wochenende vertue.

Kein „Das Weihnachtsgeschäft müss’ ma noch mitnehmen ...“?
Mops: So haben wir sowieso nie gedacht oder agiert, es hätte auch sein können, dass wir uns nach zwei Monaten wieder auflösen, aber es kam von allen so viel Input. Da dürfen wir die Rolle von Klaus auf keinen Fall außer Acht lassen – einer der besten Bassisten mit dem ich je zusammengespielt habe, der trägt musikalisch sehr viel und hält uns zusammen. Also musikalisch sind wir tight und im Agieren haben wir eine ungezwungene Lockerheit.
Jochen: Auch das mit den zwei Gesängen war spannend ... für mich war es ja nicht die Fortführung von etwas, sondern eine neue Band, ein neues, spannendes Projekt.
Chri: Für mich war es super relaxed mit zwei Sängern!

Wo kommt eigentlich der Bandname her?
Mops: Von mir, ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen ... In der Arbeit musste ich ein unendlich fades wissenschaftliches Paper lesen, das einzig Interessante die Formulierung: „Dim Prospects“, „No Future“ mit Bildungshintergrund, das totale Punkrevival, haha.

Radikaler Punker-Zeitsprung zur neuen Platte. Aufgenommen habt ihr bei und mit Tom Zwanzger in Graz, Geri ist wieder raus, die Texte wieder Deutsch, mit einem vermuteten Themenschwerpunkt Zahnärzte und Frisuren aufgrund von Songtiteln wie „Plombenziaga“, „Gegenbiss“, „Endfrisur“, „Trockenhaubenhorizont“ oder „Onduliert“. In jedem Fall scheint es mit eurem Label Noise Appeal zu passen ...
Mops: Das ist schon sehr erfreulich, dass die sich so drum kümmern. Die Split-LP mit FLOWERS IN CONCRETE ist ja in der Corona-Pandemie 2020 erschienen, mitten im Lockdown. Jetzt hatten wir einen Zeitplan, zwei Monate vor Erscheinen eine digitale Single, einen Monat vorher ein Video. Es gab sogar einen Fototermin, wir haben erstmals eine Pressemappe. Geri hatte ja seinen Ausstieg angekündigt, aber es war dann schon wieder die Frage im Raum – Umbenennen, Neustart? Schon ein wenig Geri zu Ehren haben wir dann Veränderungen vorgenommen, Uzn hat mehr mitzusingen begonnen, hat Texte geschrieben – und er kann kein Englisch, haha.
Chri: Mir war es auch schon wieder zu langweilig, auf Englisch zu schreiben.
Jochen: Ein Relaunch, in der Marketingsprache.
Chri: Es wäre auch merkwürdig, über die ÖVP [rechts-konservative ewige Regierungspartei, Anm. d. Verf.] in Englisch zu schimpfen.
Jochen: Das muss in jeder Sprache möglich sein!
Mops: Die Songtitel erklären sich ein wenig aus BRAMBILLA-Zeiten, damals war Chri noch in Steyr. Wir haben dann einfach Arbeitstitel wie „Nutztierschleuder“ für die Instrumental-Stücke vergeben, die nichts mit den späteren Texten zu tun hatten, wir haben sie aber beibehalten.
Chri: Wobei, mittlerweile verbringen wir wohl alle mehr Zeit bei Zahnärzten, als uns lieb ist.

Hold the horses! No Future hin, No Future her, Pläne?
Mops: Wir haben es zusammengebracht, unsere Deutschland-Konzerte im Herbst 2025 vor dem Erscheinen der Platte zu spielen ... Und als wir soweit waren – es entspricht nicht unserer Arbeitsweise, uns wirklich längerfristig, so wie Booking heutzutage läuft, etwas zu überlegen –, dass wir uns um Plattenpräsentationen in Wien kümmern, da haben alle gelacht: Ja, ja, 2026 wäre dann etwas frei ... Im Juni spielen wir in England, beim Geburtstags-Konzert eines alten Freundes. Und nachdem wir bei den Noise Appeal Festen bislang nicht gespielt haben, werden wir beim dritten dabei sein, ein Freund in Deutschland arbeitet für nächsten Oktober an Konzerten. Die Kontakte sind halt sporadischer ... Aber was vorher schon gesagt wurde: Punkrock gehört ja den Jungen, es wäre doch traurig, wenn ein Veranstalter immer dieselben alten Affen machen würde, es passt absolut, dass im Venster junge Leute sind, dass es frische Kollektive wie Bühnenspitz gibt, die in verschiedenen Räumen veranstalten.
Jochen: Ein schönes Schlusswort für die Geschichte wäre: DIM PROSPECTS – die Frisuren saßen nie besser!

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