© by Goran Lizdek & Edvin KalicSeit 20 Jahren schon sind DUBIOZA KOLEKTIV aus Bosnien aktiv und regelmäßig auf hiesigen Bühnen unterwegs, zuletzt veröffentlichten sie 2022 das Album „Agrikultura“ und arbeiten aktuell an neuen Songs, wie gewohnt zwischen Punkrock, Dub, Reggae und eher folkigen Sounds. Unbedingt bemerkenswert sind aber die Konzerte der vielköpfigen Truppe mit den markanten gelb-schwarzen Outfits: beim Ruhrpott Rodeo 2024 erlebte ich sie live und war hin und weg. Wir nahmen die anstehende Tour zum Anlass für ein paar Fragen an Vedran Mujagic (key, bs) und Brano Jakubovic (bs).
Wie sieht es mit einem neuen Album aus? Da ihr abwechselnd auf Bosnisch und Englisch singt, würde ein englischsprachiges Album anstehen, oder?
Vedran: Wir arbeiten gerade an neuer Musik, die als drei separate Sammlungen von Liedern in drei Sprachen – Bosnisch, Englisch und Spanisch – angelegt ist. Wir werden sehen, wie das veröffentlicht wird, ob als drei EPs, eine LP oder etwas dazwischen.
Welche musikalischen und textlichen Schwerpunkte liegen euch derzeit am Herzen?
Vedran: Von Anfang an war unsere Musik eine Antwort auf unsere Umgebung. Da wir in einem komplizierten Teil der Welt und in „interessanten Zeiten“ leben, hat es uns nie an Material gefehlt, über das wir schreiben konnten. Im Laufe der Jahre sind die Themen, die wir anfangs nur auf dem Balkan behandelt haben, weltweit relevant geworden, so dass unsere Musik ein größeres Publikum anspricht. Was sich in den 20 Jahren des Bestehens der Band verändert hat, ist unsere Perspektive und die Art und Weise, wie wir diese Themen angehen und versuchen, sie uns selbst zu erklären – als eine Art Selbsttherapie.
Wie erlebt ihr den „Turbofolk“, den viele Menschen mit der Musik aus eurer Region in Europa assoziieren? Wie politisch ist diese Musik heutzutage?
Vedran: Zunächst einmal sollten wir die Terminologie klären. In Westeuropa kann es sich bei dem, was als Turbofolk bezeichnet wird, tatsächlich um alternative Bands mit Folk-Einflüssen handeln, während sich Turbofolk auf dem Balkan meist auf Mainstream-Pop mit Folk-Elementen bezieht. Die politisch korrekte Bezeichnung für Turbofolk in den frühen 1980er Jahren war „neu komponierte Musik“, im Gegensatz zur traditionellen Musik, aus der er entstanden ist. Er entwickelte sich weiter und wechselte die musikalische Hülle: von Disco oder sogar Glamrock in den 1980er Jahren über verschiedene Arten von Pop und elektronischer Musik bis hin zu Trap und Rap heutzutage. Es ist eine pragmatische Musikrichtung, sowohl musikalisch als auch textlich, und sie ist „Volksmusik“ im wahrsten Sinne des Wortes: Musik, die den Geschmack und sogar die politische Einstellung der Leute widerspiegelt, die sie hören. In den 1990er Jahren setzten einige Künstler aus Profitgründen auf einen harten Nationalismus, aber als der Krieg vorbei war, verlagerte sich der Schwerpunkt wieder auf unpolitische Themen, um die regionale Attraktivität zu erhöhen. Interessanterweise gelang es sogar einigen Künstlern mit rechtsextremen Verbindungen, sich neu zu profilieren und in den Reihen ihrer früheren Gegner ein Publikum zu finden. Heute, da sich die politische Rhetorik radikalisiert und wir diesen Trend weltweit beobachten, beginnen einige Turbofolk-Künstler:innen offen über Politik zu sprechen. Sie unterstützen die Regimes in ihren Ländern oder sprechen sich in einigen wenigen Fällen offen gegen sie aus. Politischer Aktivismus ist traditionell Leuten aus dem Spektrum der „alternativen Musik“ vorbehalten.
Gibt es eine nationalistische Vereinnahmung dieser Musik und wie kann man sich als Band davon distanzieren? Gibt es Gegenstrategien, sowohl für Musiker als auch für Konsumenten?
Vedran: Das ist tatsächlich seltsam. Ähnlich wie im restlichen Europa propagieren rechtsgerichtete Nationalisten ihre Vision von ultra-traditionellen „patriotischen und familiären Werten“ und der Soundtrack dazu ist ebenfalls eine seltsame Interpretation traditioneller Musik. Das Biegen von Genres und die von Pop/Turbofolk-Künstlern verwendeten Bilder passen also nicht zu ihren Zielen. Sogar der Rechtspopulismus spricht immer mehr Menschen an, sein „kultureller“ Flügel hat aber nicht den gleichen Erfolg und daher bleibt er größtenteils am Rande der Gesellschaft und wird oft abgelehnt. Im Moment noch.
Gibt es Utopien, die für euch von Bedeutung sind?
Brano: Was bis gestern noch normal war, kann heute schon wieder zur Utopie werden. Meine Wünsche richten sich also erst einmal nur auf das Ende des Blutvergießens, das in der Welt gegenwärtig stattfindet. Die vier Jahre Krieg in Sarajevo habe ich als eine Phase erlebt, in der mir die grundlegendsten Dinge des Lebens wie eine Utopie und ein ferner Traum erschienen.
Gerade in Zeiten globaler Krisen, ob Klima, Krieg oder Wirtschaft, erfahren Populisten vermehrten Zuspruch. Wie erlebt ihr die Situation in Bosnien?
Vedran: Die Menschen auf dem Balkan haben die meisten dieser Probleme schon vor 30 Jahren durchgemacht. Was die Welt heute erlebt, fühlt sich für uns an wie ein Déjà-vu. Aber dieses Mal verstärkt durch moderne Kommunikationskanäle und soziale Netzwerke auf globaler Ebene. In gewisser Weise beginnt die Welt den schlimmsten Stereotypen des Balkans zu ähneln, mit ethnischem Hass und Korruption als Standard.
Angesichts all der anderen Krisenherde hört man im Moment nicht viel über Bosnien, aber die Verhältnis zwischen den verschiedenen Landesteilen ist politisch immer noch angespannt. Wie denkt ihr darüber und wie wirkt sich das auf euren Alltag aus?
Vedran: In der Tourismuswerbung wird Bosnien immer als „Kreuzung der Kulturen“ beschrieben, aber diese Lage bedeutet oft, dass man mitten in geopolitischen Konflikten gefangen ist, und das hat sich in der Geschichte als tödlich erwiesen. Bosnien ist zu klein und unbedeutend, um derzeit in den Schlagzeilen zu sein – und dafür sind wir ausnahmsweise dankbar.
Wie wirkt sich das auf die Kulturszene in Bosnien aus? Gibt es einen Austausch oder endet er an der Grenze?
Vedran: Die Balkanregion ist ein Gebiet, das durch dieselbe Sprachfamilie geeint ist, so dass es in gewisser Weise wie ein Kulturraum oder Markt funktioniert. Bands, Filme und Theater erreichen ein Publikum jenseits der Grenzen und machen die 20 Millionen Einwohner zählende Region lebendig. Einige Künstler schaffen den internationalen Durchbruch, aber das ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Fast alle Länder um euch herum sind in der EU, nur Bosnien nicht. Was bedeutet das für euch als Bürger dieses Landes? Und wie schwierig ist es dadurch für eine Band?
Vedran: Die Tatsache, dass wir uns außerhalb des Schengen-Raums befinden, schränkt unsere Bewegungsfreiheit ein und erschwert das Touren, da wir nur eine begrenzte Anzahl von Tagen in der EU verbringen können. Das ist eine logistische Herausforderung, aber wir versuchen, uns wie immer anzupassen.
Ihr bietet auch das letzte Album „Agrikultura“ als kostenlosen Download an. Welche persönliche Bedeutung haben physische Tonträger für dich? Und wie sieht es in Ländern außerhalb der „reichen“ westeuropäischen Staaten aus?
Vedran: Letztes Jahr haben wir die komplette Diskografie von DUBIOZA KOLEKTIV auf Vinyl neu veröffentlicht, alle acht Alben. Sie wurden in einer Vinyl-Fabrik in der Tschechischen Republik gepresst und die Qualität ist sehr gut. Vinyl-LPs sind wieder groß im Kommen und die Leute haben ihre Liebe zum Sammeln von physischen Tonträgern wiederentdeckt. Für mich als Grafikdesigner, der die meisten unserer Albumcover gestaltet hat, ist es ein besonderes Gefühl, diese Artworks im LP-Format zu sehen. Unsere Musik kostenlos weiterzugeben ist unsere „Tradition“, seit diese Option vor etwa 15 Jahren technisch möglich wurde. In Anbetracht der hohen Preise für physische Veröffentlichungen werden wir auch in Zukunft den kostenlosen Download als Alternative anbieten.
Sammelt ihr selbst Schallplatten oder CDs? Wie umfangreich sind eure Plattensammlungen?
Brano: Mein Vater war ein großer Musikliebhaber und Sammler von Audiokassetten. Wir haben viele Wochenenden damit verbracht, Compilations und echte Schallplatten auf Tapes aufzunehmen, auf denen wir die Namen der Künstler und der Lieder sorgfältig notiert haben. Meine Leidenschaft für Musik habe ich von meinem Vater geerbt, aber ich habe es nie geschafft, eine richtige Sammlung anzulegen. Ich weiß nicht, wie man sammelt, aber ich liebe es, Musik zu hören. Ich muss sagen, dass Streamingdienste für Leute wie mich eine ziemliche Erleichterung sind.
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