DUBMONES

Foto© by Ben Hammer

Verwandtschaften und Fusionen

„Oh, I believe in miracles“. Der Gesang setzt mit dem Refrain an und erhebt sich über die einfachen, verzerrten Gitarren. Wo zuerst abgehackte, beinharte Kopfnickerriffs zu hören waren, tönt nun die Stimme von Joey Ramone beinahe nostalgisch über den minimalistischen Akkorden. Ich höre dieses Lied noch immer in mir, wie es die RAMONES auf ihrer „SuperBang“-Tour 1993 in der Münchner Rudi-Sedlmayer-Halle von der Gitarre geschrubbt haben. Willkommen in der Welt der RAMONES, einer Band, die nicht nur für ihr New Yorker Umfeld im legendären CBGB’s an der Bowery in Manhattan zu einer prägenden Stil- und Musikikone wurde.

Ein halbes Jahrhundert später, zum 50-jährigen Bandjubiläum, machen sich fünf Musiker in Köln auf, um aus dieser Legende einen neuen Klang herauszuschrauben und dabei ganz klammheimlich mit kontrafaktischem Grinsen der Musikgeschichte zu ihrem Recht zu verhelfen. Was wäre, wenn ... die RAMONES in Kingston auf die Welt gekommen wären? Aber dazu später. „Dubba Dubba Hey“, die DUBMONES präsentieren ihr neues Album mit exklusiven Gästen des goldenen Rocksteady-Zeitalters wie beispielsweise Dennis Alcapone, Earl 16, Keith & Tex, Susan Cadogan oder Prince Alla, um nur ein paar zu nennen.

Als die RAMONES ihr Album „Brain Drain“ im März 1989 zusammen mit dem amerikanischen Produzenten Daniel Rabinowitz (White Zombie, The Misfits), genannt Daniel Rey, herausbrachten, war von ihrem Legendenstatus noch nicht viel zu spüren. Im Gegenteil, ihr elftes Studioalbum sollte ihnen den Weg zu größerer Aufmerksamkeit ebnen, über ihre bisherige Fanbase hinaus – eine Weichenstellung auch für ihre finanzielle Lage. Obwohl das Album für ein breiteres Publikum gedacht war, blieb der große wirtschaftliche Erfolg leider aus. Das kongeniale Songwriting von DeeDee Ramone und ihrem Produzenten hat dafür uns und der Popkultur Klassiker geschenkt wie „Pet sematary“, eine Auftragsarbeit für die Filmadaption von Stephen Kings berühmten Buch „Friedhof der Kuscheltiere“. Heutigen Ohren mag die schlichte und rauhe Originalität dieses Songs und anderer Punk-Klassiker der RAMONES, wie zum Beispiel „Blitzkrieg bop“, eher niedlich und beschaulich vorkommen, aber das bewusste Abschälen jeglichen musikalischen Zierrats aus genialer Notwendigkeit heraus, hat Musikgeschichte geschrieben.

Vor 51 Jahren, im Januar 1974, formierten sich die RAMONES in den Performance Studios in Manhattan als Band. Die vier Jungs, die mit bürgerlichen Namen Jeffrey Hyman, John Cummings, Douglas Colvin und Thomas Erdelyi hießen, kannten sich bereits aus dem Stadtteil Forest Hill, im westlichen New Yorker Stadtbezirk Queens gelegen – wie man dem New Yorker „Guide To The Ramones“ entnehmen kann. Diese Rude Boys stellten eine krude Mischung dar, von der man im Nachhinein nicht glauben mag, wie sie musikalisch und inhaltlich zueinander fanden. Es gab wohl ein gemeinsames Feindbild: Die ziselierte Musik des Art- und Prog-Rock der 1960er und 1970er Jahre. Diese Band wollte eine andere Musik und brauchte dafür einen guten Namen.

Douglas Colvin nannte sich selbst seit Jugendtagen Dee Dee Ramone, unter anderem inspiriert durch das frühe Pseudonym Paul McCartneys, mit dem der sich üblicherweise auch in Hotels anmeldete: Paul Ramon. Die vier New Yorker Stadtmusikanten ließen sich von dieser Namensidee überzeugen und hoben RAMONES aus der Taufe ... Ein Bandname wie eine Marke, von der so mancher T-Shirt-Besitzer heutzutage nicht einmal weiß, dass es sich um eine der größten Punkbands aller Zeiten handelte. Neben den Gründungsmitgliedern Joey Ramone (Gesang), Johnny Ramone (Gitarre), Dee Dee Ramone (Bass), und Tommy Ramone (Schlagzeug), gehörten auch die Musiker Marky Ramone (Schlagzeug), Richie Ramone (Schlagzeug), Elvis Ramone (Schlagzeug) und C.J. Ramone (Bass) in wechselnder Besetzung dazu. Nur die letzten vier leben noch.

Als die RAMONES im Juli 1976 ihr epochales Konzert im Londoner Roundhouse vor über 3.000 erwartungsfrohen Fans gaben, waren der Legende nach auch Joe Strummer (THE CLASH), Johnny Rotten (THE SEX PISTOLS) und Pete Shelley (BUZZCOCKS) im Publikum. Die RAMONES waren wie ein kreatives Virus, das ansteckend wirkte und bis heute seinen Einfluss auf viele Musikerinnen und Musiker hat. Nun versuchen sich DUBMONES an diesen Legenden. Hinter diesem Projekt verbergen sich die Musiker André Meyer (Produktion, bs), Sebastian Sturm (voc, gt), Guido Craveiro (key, Mastering), Manuel Schürholz (gt, Koproduktion) und Raúl Pfeffer (dr). Die Projektidee entwickelte sich in der Nachfolge der 2008 gegründeten DubXanne Entourage („The Police In Dub“, ebenfalls erschienen bei Echo Beach) und fügen sich nun in etwas erneuerter Besetzung zu einer namhaften und erfahrenen Dub- und Rocksteady-Formation. Wie man in ihren ersten Singles hören kann, greifen sie sich unter anderem einige Songs aus dem genannten Album heraus, um diese in die Welt der schweren Hall- und Echoeffekte zu überführen.

Dabei geht es den DUBMONES weder um Coverversionen noch reines Tributing. In bester Dub- und Rocksteady-Tradition nehmen sie die Lieder ihrer geliebten Band auseinander, sie entkernen sie und entdecken sie neu. So wie einst King Tubby dekonstruieren sie ihre Vorlage und setzen sie wieder liebevoll zusammen. Beispielhaft auf ihrem neuen Album und ihrer Website zu hören bei „Dub sanctuary“, ihrer wunderbaren Version von „Pet sematary“, gesungen von der zauberhaften Shniece und mit den präzisen Einsätzen von Horseman. Dazu Produzent André Meyer: „Ohne die RAMONES hätten es all unsere Lieblingskünstler im Punkrock – und egal in welcher Facette – einfach nie gegeben. Und dieser Gedanke kam uns einfach immer öfter, die Neugierde, unsere Lieblingssongs der RAMONES einmal auseinanderzunehmen und neu zu interpretieren, wuchs stetig.“ Mit einer Reduktion auf Kernelemente und einer vitalen Neuinterpretation, damit hätten sich die RAMONES mit Sicherheit arrangieren können. Letztes Jahr, zum 50-jährigen Jubiläum der RAMONES, wären die DUBMONES bestimmt zu ihrer Feier gekommen und hätten ihnen ihre Versionen als Tribute vorgespielt.

Dass Punk auf Dub trifft, ist kein Zufall. Wären die RAMONES in Kingston aufgewachsen, dann hätten wir sie mit Sicherheit als Rude Boys entdecken können, und dürften sie uns nicht mehr mit ihrem modischen Markenzeichen Jeans, T-Shirt, Topffrisur vorstellen, stattdessen mit schwarzem Tonic-Anzug und dem berüchtigten Porkpie-Hütchen. Mit dem Slang-Ausdruck „Rude Boy“ – die wörtliche Bedeutung von rude, ruppig, wurde oft mit cool oder fresh gleichgesetzt – verband sich im Jamaika der frühen 1960er Jahre eine Subkultur, die sich vor allem aus den Jugendlichen der ärmeren Viertel von Kingston speiste. Die unangepassten „bösen Jungs“ aus den Ghettos versuchten gerade mit ihrem extravaganten Modestil ihre Herkunft zu verbergen, eine Attitüde, die man auch in den britischen Subkulturen der Mods, der Skinheads und anderer Formen wiederentdecken konnte. Die Gewaltbereitschaft der Rude Boys wurde in Jamaika politisch instrumentalisiert, ihre Gangkämpfe und die gegenseitigen Überfälle der jeweiligen Soundsystems unter freiem Himmel schärften ihren Ruf.

Stellen wir uns nun die RAMONES vor, wie sie einen Bildband in die Hand nehmen, beispielsweise „Return Of The Rude Boy“ (Dean Chalkley und Harris Elliott), und dabei Rude Boy-Musik hören: Soul, Rhythm & Blues und vor allem Early Reggae, Rocksteady und Ska. Ska, dieses schnelle jamaikanische Eigengewächs, das sich aus dem karibischen Mento und dem Rhythm & Blues entwickelte, erkannte man schnell und klar am charakteristischen Offbeat wieder. Welchen musikalischen Ausdruck hätten die RAMONES wohl gewählt? Die DUBMONES gehen in ihrem Album dieser Frage nach: „Die meisten jamaikanischen Sänger, die auf dem DUBMONES-Album vertreten sind, wuchsen alle in irgendeiner Form mit den RAMONES auf. Sie empfanden die Brücke, die sie damals zwischen den Hautfarben, den Musikgenres und Modestilen schlugen – besonders in den Metropolen der westlichen Welt wie New York und London –, als sehr erfreulich. Beide Kulturen vereint ja der gleiche Background: Rock’n’Roll“, so Manuel Schürholz.

Vom Ska aus ging die Reise erst richtig los, mit der Jamaika zu einem kreativen Schmelztiegel der Popmusik wurde, vom langsameren, reduzierteren Rocksteady, um die überhitzten Gemüter der Rude Boys zu beruhigen, über den Early Reggae zum Roots-Reggae und hin zu den produktionstechnischen Veränderungen im Dub eines Lee „Scratch“ Perry und eines King Tubby. Der Musikjournalist Lloyd Bradley wird dieser ganzen Entwicklung einige Bücher widmen und ihr den schönen Namen „Bass Cultures“ geben. Aber damit nicht genug, diese Innovationen und Genres machten sich auf die Reise und es wird klar, dass die RAMONES auf ihre jamaikanischen Seitenwurzeln zurückverfolgt werden müssen. Die DUBMONES wissen das und singen davon: Musical Invasion ... Befördert vom „British Nationality Act 1948“, der den Menschen aus den ehemaligen britischen Kolonien zumindest zeitweise eine Staatsbürgerschaft zusicherte und ihre Einreise aus ökonomischen Überlegungen förderte, landeten zwischen 1948 und 1971 hunderttausende karibische Einwanderer in England. Die sogenannte Windrush-Generation – benannt nach der ersten Fähre, die am 24. Mai 1948 von Kingston nach Großbritannien übersetzte – brachte nicht nur neue Arbeitskräfte, sie sorgte ebenfalls für eine subkulturelle und musikalische Ansteckung, die die Popkultur auf immer verändern sollte.

In der Verschmelzung der britischen Mods mit den ankommenden Rude Boys entwickelte sich die damals völlig apolitische bis linke Skinhead-Kultur aus der Ska-Musik. Eine zweite Ska-Welle brach in Großbritannien in den 1970er und 1980er Jahren mit dem Begriff „2Tone“ an, benannt nach dem Label 2 Tone Records (mit Bands wie The Specials), in der sich der Ska mit Strömungen des Punk und New Wave verband. Auch hier fand Jamaika auf natürliche Weise den Punk. Die musikalische Fragestellung der DUBMONES wird an keiner anderen Person so wunderbar deutlich, wie dem 2021 verstorbenen musikalischen Mastermind Lee „Scratch“ Perry. Susan Cadogan, die zusammen mit Welton Irie „Blitzkrieg bop“ auf dem Album der DUBMONES neu interpretiert, hat mit ihm zusammengearbeitet und unter anderem das schöne Album „Sexy Suzy“ aufgenommen. Er galt als der genialisch-charmante Verrückte der jamaikanischen Bass Culture. Mit Perry begann das Verständnis des „Studios als Instrument“ (Jens Balzer). Auf seinem Album „Super Ape“ kann man sich überzeugen, wie die neue Echokammervariante des Reggae klingen sollte. Genau mit diesen Techniken wird er mit niemand Geringerem als THE CLASH die meisterhafte Single „Complete Control“ aufnehmen, und damit schließt sich Kreis zu einer „Punky reggae party“, die Perry 1977 mit Bob Marley aufnehmen wird.

Die Einflüsse, Fusionen und indirekten Verbindungen ebnen einen Weg, den die DUBMONES nun endlich weitergegangen sind. Die RAMONES hätten das DUBMONES-Album sicher gerne gehört.

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