EFFIGIES

Foto© by Jesse Pace

Get a grip on yourself!

In den frühen 1980er Jahren entstand in Chicago eine agile Hardcore-Szene mit einem sehr eigenen Sound, den man als sowohl sperrig als auch melodisch bezeichnen kann. Neben NAKED RAYGUN und PEGBOY prägten ihn nicht zuletzt THE EFFIGIES, die bis heute in längeren, aber regelmäßigen Abständen neues Material herausbringen. Mitten in den Aufnahmen zum neuen Album verunglückte Sänger John Kezdy 2023 tödlich, als sein Fahrrad mit einem Amazon-Lieferwagen kollidierte. Ende 2024 ist dieses Album unter dem Titel „Burned“ erschienen und THE EFFIGIES spielen wieder Shows in den USA. Mit Bassist Paul Zamost sprechen wir über das Erbe und die Wandlungsfähigkeit von Pionierbands sowie Musik als Mittel der Psychohygiene.

Paul, ich habe in einem eurer älteren Interviews gelesen, dass jedes neue Album so klingen sollte, als wäre es das erste. Steckt in dieser Idee nicht auch ein bisschen künstlerische Stagnation?

Damit meine ich eigentlich, dass jedes Album den gleichen Drive und die gleiche Leidenschaft haben sollte wie unsere ersten Aufnahmen. Jedes Album sollte zugleich möglichst besser sein als das vorige. Als Bassist bei THE EFFIGIES hatte ich das Glück, mit fünf großartigen Gitarristen mit den unterschiedlichsten Einflüssen zusammenzuarbeiten, und ich glaube, dass wir dadurch nie stagniert haben.

Euer Song „Guns or ballots“ hat mich beschäftigt, vor allem im Hinblick auf die US-Wahlen. Ist Gewalt die Folge einer versagenden Demokratie?
„Guns or ballots“ wurde schon 1981 geschrieben, aber die einzige Version, die es bis jetzt gab, ist auf einem Live-Album namens „Busted At OZ“ zu finden. Bisher hatten wir es aber nie im Studio aufgenommen. Ich bin mir nicht sicher, ob es jemals eine echte Demokratie gegeben hat, aber was den Schutz vor Gewalt angeht, würde ich sagen, ist es egal, ob die Demokratie scheitert oder gedeiht. Ich denke, die meiste Gewalt ist auf die menschliche Natur zurückzuführen. Gier, Eifersucht, Egoismus haben zusammen mit Religion und Armut bislang alle Gesellschaftsformen geplagt.

Was macht eine „echte“ Demokratie für dich aus?
In dieser Hinsicht bin ich Zyniker. Ich bin in den USA in einer sogenannten Demokratie aufgewachsen, in der mir beigebracht wurde, dass die Demokratie das ist, was uns von allen anderen Nationen unterscheidet. Und dass jede Bedrohung der Demokratie um jeden Preis abgewehrt werden muss. Das ist großartig, es sei denn, man ist eine der Nationen im globalen Süden, die über Ressourcen verfügt, die die demokratischen Nationen brauchen. So dass die demokratisch gewählten Führer dieser Nationen gestürzt und durch eine Diktatur ersetzt werden, die den demokratischen Nationen wohlgesinnt ist! Wenn es jemals eine Demokratie gegeben hat, die unempfindlich gegen Korruption ist oder war, möchte ich die sehen.

Das Cover von „Burned“ ruft bei mir Assoziationen zur Bücherverbrennung der Nazis oder dem Roman „Fahrenheit 451“ hervor.
Für uns als Band steht es für den Verlust unseres Sängers John Kezdy und die Aussagen und Texte, die ihn definiert haben. Eine politische Lesart des Covers hatten wir nicht im Sinn.

John starb bei einem Fahrradunfall im Jahr 2023 während der Aufnahmen zu eurem Album. Was hat euch dazu bewogen, es nach diesem tragischen Verlust dennoch fertigzustellen? Gab es besondere Momente oder Rituale, die euch geholfen haben, diese schwere Zeit zu überstehen?
Nein, wir hatten keine besonderen Rituale. Für mich, Steve Economou und Andy Gerber war der Verlust niederschmetternd. John starb genau zu dem Zeitpunkt, als er die Aufnahmen für seine Gesangsparts beendet hatte. Das Album war da bereits zu 90% aufgenommen, so dass es nie eine Frage war, ob wir es fertigstellen oder nicht. Wir wussten, dass wir es tun mussten. Wir hatten das Gefühl, John würde wollen, dass das Album fertig wird, und um das zu erreichen, mussten wir als Band weiterarbeiten.

Seht ihr als Gründungsmitglieder „Burned“ als das letzte Kapitel von THE EFFIGIES an oder wollt ihr weiter Musik machen, vielleicht einen neuen festen Sänger finden?
Andy, Steve und ich hörten nicht auf zu proben. Nach ein paar Monaten fragten wir Geoff Sabin, der an unserem Album „Reside“ mitgearbeitet hatte, ob er es nicht mal als Sänger versuchen will. Geoff passte glücklicherweise sofort gut zu uns. Und wie das Leben so spielt, traten kurz nach Johns Tod einige neue Leute in unser Leben, zum Beispiel das neue Management und eine Plattenfirma. Wir konnten so nicht nur „Burned“ veröffentlichen, sondern auch unser 1984er Album „Forever Grounded“ neu auflegen sowie eine 4-Song-EP.

Durch euer neues Management habt ihr die BLACK CROWES kennen gelernt und mit ihnen live gespielt. Zu euren Anfangstagen wäre es schwer gewesen, sich eine solche Zusammenarbeit vorzustellen. Künstlerisch finde ich das sehr interessant. Wie war es für euch, mit ihnen die Bühne zu teilen?
Als die Idee zum ersten Mal im Raum stand, haben wir natürlich sofort zugestimmt. Aber keiner von uns hat geglaubt, dass es tatsächlich Realität werden würde. Wir sind dankbar dafür, denn es waren fünf großartige Shows, die uns in vielerlei Hinsicht weitergebracht haben. Während der Tour fanden wir heraus, dass es der BLACK CROWES-Sänger Chris Robinson persönlich war, der grünes Licht für diese Shows gegeben hatte. Er hatte uns bereits in den 1980er Jahren in Atlanta live gesehen. Chris ist ein großer Punk-Fan und plauderte mit uns viel über Punkrock. 95% ihrer Fans hatten keine Ahnung, wer wir waren, aber die Reaktionen des Publikums bei allen fünf Shows waren überwältigend, genau wie unsere Merchverkäufe. In der Vergangenheit wäre so etwas nie passiert, aber das heutige Publikum ist viel offener in seinem Geschmack und hält sich nicht mehr an die Regeln von früher, die festlegen, was man hören darf und was nicht.

In den 1980er Jahren trugen Bands wie ihr dazu bei, eine lokale Szene aufzubauen. In einer Band zu sein bedeutete Pioniergeist. Wie denkst du jetzt darüber, 40 Jahre später? Was motiviert dich heute noch?
Viele Pionierbands im Punk wurden nie vom Mainstream akzeptiert und blieben meist reine Untergrundprojekte. Wir wurden zwar für unser Werk anerkannt, hatten aber viele der Möglichkeiten nicht, die heutige Bands haben. Aber wir waren auch nie besonders selbstgefällig oder verbittert, und deshalb sind wir heute noch hier.

Meinst du damit die Möglichkeiten durch Social Media? Ich frage, weil ich finde, dass heute trotz Social Media gute Bands einfach wegen der schieren Masse nicht mehr wahrgenommen werden. Stichwort Aufmerksamkeitsökonomie. Da sehe ich die „alten“ Bands sogar im Vorteil, weil die Szene damals übersichtlicher war.
Es ist ein zweischneidiges Schwert. Es war noch nie so einfach wie heute, eine Platte zu machen, und gleichzeitig so schwierig, jemanden dazu zu bringen, sie sich anzuhören. YouTube, Videospiele, die Möglichkeit, Hits zu produzieren, ohne das Studio zu verlassen oder eine reale Person zu sein, ist größer denn je. Eine Menge Musik heutzutage hat keine Substanz und ich bezweifle, dass vieles davon so lange haltbar ist wie die von früheren Bands, weshalb der Eindruck entsteht, dass wir vielleicht einen Vorteil hatten. Aber in Wirklichkeit kämpfen die meisten von uns immer noch darum, den Kopf über Wasser zu halten und einfach nur über die Runden zu kommen. Geld ist und war nie der Grund, warum wir Punkrock machen, oder wie mein Lieblingszitat der STRANGLERS sagt: „The money’s no good, just get a grip on yourself!“

In dem Dokumentarfilm „You Weren’t There“ über Punk und Hardcore in Chicago kritisieren einige Leute an der heutige Szene, dass sie nicht innovativ sei und sich nicht genug von der alten Punk-Generation unterscheide. Es scheint, als ob nichts mehr die ältere Generation schockiert oder überrascht. Stimmst du dem zu?
Nein, die Leute müssen über den Tellerrand hinausschauen, vor allem meine Generation. Es gibt haufenweise großartige neue Bands da draußen, und einer der Vorteile des Streamings ist, dass ich neue Musik aus der ganzen Welt hören kann. Ich liebe im Moment viele Sachen aus Norwegen und Argentinien, von denen ich früher nie erfahren hätte, dass sie existieren.

Könnte es sein, dass Punkrock und Hardcore einfach eine längere Halbwertszeit haben und dadurch für kommende Generation einen Wert? Heute scheint der Punkrock vielfältiger zu sein, vor allem durch die wachsende Beteiligung von Queer-Communities, was ihn meiner Meinung nach wieder näher an den Geist der Punk-Szene der frühen 1970er Jahre bringt. Auch in Chicago gab es eine Mischung aus Punk- und Schwulenszene, oder?
Die Chicagoer Punk-Szene entwickelte sich sogar aus zwei Schwulenclubs, La Mere Vipere und Obanions, und einem weiteren, dem OZ, in dem THE EFFIGIES 1981 ihre erste Show spielten. Damals, Ende der 1970er, hörte man eine Mischung aus Punk und New Wave. Hardcore war noch gar kein Genre. In unserer Szene wurden Schwule immer akzeptiert und trugen viel zur Szene bei, und ich hoffe, dass das immer noch der Fall ist.

Was bedeutet es für dich, als Musiker und Bassist in einer Band zu spielen? Ist es für dich heute anders als damals, als du angefangen hast?
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, stelle ich fest, dass ich mich in den Zeiten, in denen ich keine Musik gemacht habe und nicht kreativ war, depressiv und ruhelos fühlte. Die Arbeit in einer Band ist definitiv wichtig für mein Wohlbefinden. Der größte Unterschied sind die besser ausgestatteten Veranstaltungsorte und das Equipment, das sich seit früher um 100% verbessert hat. Außerdem ist das Publikum heute viel aufgeschlossener gegenüber jeder Art von Musik. Und Catering gab es in den 1980ern gar nicht.

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THE EFFIGIES
... wurden Anfang 1980 in Evanston, Illinois gegründet, gehören zu den ersten Hardcore-Punk-Bands aus Chicago und zählen zusammen mit STRIKE UNDER und NAKED RAYGUN zu den Pionieren des „Chicago Sound“. Die ursprüngliche Besetzung bestand aus Sänger John Kezdy, Schlagzeuger Steve Economou, Bassist Paul Zamost und Gitarrist Earl Letiecq. Ihre erste Veröffentlichung war 1981 die Compilation „Busted At OZ“, zu der sie zwei Songs beisteuerten. Im gleichen Jahr kam die „Haunted Town“-EP auf Autumn Records raus. Nach Konflikten mit Autumn gründeten sie zusammen mit ihrem Freund Jon Babbin ihr eigenes Label, Ruthless Records. Nach der LP „For Ever Grounded“ von 1984 wurde Letiecq durch Robert O’Connor ersetzt und die Band änderte ihren Stil in Richtung Post-Punk. Die Resonanz auf ihr späteres Material war geteilt, und nach der LP „Ink“ von 1986 lösten sich THE EFFIGIES auf. 1987 fanden Kezdy und Letiecq wieder zusammen, holten sich Joe Haggerty am Schlagzeug und Chris Bjorklund am Bass dazu, die beide zuvor bei BLOODSPORT spielten. 1989 erschien dann die Compilation „Remains Nonviewable“ mit frühem EFFIGIES-Material auf Roadkill Records. Kurz danach löste sich die Band endgültig auf. Kurze Live-Reunions der Originalmitglieder folgten 1992 und 1995. 2004 gaben Kezdy, Zamost und Economou bekannt, dass sie sich wieder zusammentun würden, um neues Material zu schreiben und aufzunehmen. Robert McNaughton ersetzte dabei Letiecq, der sich gegen eine Rückkehr entschied. Gründungsmitglied John Kezdy verstarb tragischerweise 2023 während der Aufnahmen zum neuen Album „Burned“ bei einem Unfall und wurde nach der Fertigstellung des Albums durch Geoff Sabin ersetzt.

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Diskografie
„Haunted Town“ (12“, Autumn, 1981/Rerelease Ruthless, 1984) • „Bodybag“ (7“, Ruthless, 1982) • „We’re Da Machine“ (12“, Ruthless/Enigma, 1983) • „For Ever Grounded“ (LP, Ruthless/Enigma, 1984/Rerelease BFD, 2024) • „Fly On A Wire“ (LP, Fever/Enigma, 1985) • „Ink“ (LP, Fever/Enigma, 1986) • „Remains Nonviewable“ (LP/CD, Roadkill/Touch & Go, 1989/Rerelease Touch & Go, 1995) • „Reside“ (CD, Criminal IQ, 2007) • „Est. 1980 * Chicago“ (12“, BFD, 2024) • „Burned“ (LP/CD, BFD, 2024)

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