© by Lauryn ZoeELEKTROKOHLE waren und sind eine Cold-Punk-Band aus Berlin, die während der Pandemie gegründet wurde und in den letzten zweieinhalb Jahren mit elektrisierenden Konzerten das Publikum begeisterte. Sie spielten mit GIRLS IN SYNTHESIS, tourten mit Cosey Mueller durch Schweden und eröffneten für NEW MODEL ARMY. Ihre Debüt-LP nahm schon langsam Gestalt an, als am 15.11.24 für sie eine Welt zusammenbrach. Amanda, Bassistin und Sängerin der Band, verunglückte bei einem Unfall tödlich und hinterließ eine große Leere. ELEKTROKOHLE entschieden sich dennoch, die Band nicht aufzulösen. Wir tauschten mit Mona Smith (voc, git) und Mr. Cigarette Butt (voc, synth) einige Gedanken aus über Schicksalsschläge und die Zukunft.
Wie geht es euch aktuell, wie meistert ihr den Alltag nach Amandas tragischem Unfall?
Mona: Es ist schwer in Worte zu fassen. Manchmal fühlt es sich an, als würden wir einfach nur funktionieren. Die Winterzeit war im Trauerprozess auch nicht hilfreich. Amanda war ein zentraler Teil unserer Band und unseres täglichen Lebens. Der Verlust ist immer präsent, aber wir versuchen uns gegenseitig zu stützen und in der Musik eine Art Zuflucht zu finden. Die Erinnerungen treiben uns an, auch wenn es oft schmerzhaft ist. Der Zusammenhalt in der Szene, die Unterstützung von Freund:innen und Fans gibt uns aber Kraft weiterzumachen.
Cigarette Butt: Der Verlust von Amanda war und ist ein riesiger Schock und riss ein tiefes Loch in unseren Alltag. Ich weiß nicht, ob es Hoffnung und Kraft sind, die uns weitermachen lassen, oder einfach nur der menschliche Überlebensinstinkt.
Die Entscheidung, mit ELEKTROKOHLE weiterzumachen, wird nicht einfach gewesen sein. Schöne Erinnerungen an die gemeinsame Zeit in der Band und im privaten Leben sind für immer mit euch verwachsen.
Mona: Es war eine unglaublich schwere Entscheidung. Aufhören hätte bedeutet, einen Teil von Amanda aufzugeben, aber weitermachen bedeutet, mit dem Schmerz zu leben. Amanda hat Musik geliebt und gelebt und hätte sicher nicht gewollt, dass wir die Band aufgeben. Wir wollen das, was wir gemeinsam aufgebaut haben, nicht einfach loslassen, sondern es in ihrem Sinne voranbringen.
Cigarette Butt: Amanda wird immer Teil des ELEKTROKOHLE-Spirits bleiben. Es ist nicht einfach, aber wir müssen weitermachen – auch für sie. Und was mich selbst betrifft: Wenn wir aufgehört hätten, hätte ich morgens kaum noch einen Grund zum Aufstehen gehabt.
Wie ist das „Projekt“ ELEKTROKOHLE damals entstanden und war die Wahl des Bandnamens eine eindeutige Sache? Wie war eure erste Begegnung mit Amanda, wie habt ihr euch kennengelernt?
Cigarette Butt: Das Ganze entstand mitten in der Corona-Pandemie, in den Wintermonaten des totalen Lockdowns. Zudem standen wir beide mit unseren früheren Bands an einem Wendepunkt und suchten nach neuen Sounds, nach einem Klang, der uns repräsentiert und unsere Gefühle widerspiegelt. Das Ergebnis: Ein rauher, düsterer Punk mit druckvollen, kalten Rhythmen und Texten, die sich mit tiefreichenden inneren Reflexionen befassen.
Mona: Zu dem Namen hat uns eine Dokumentation über EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN inspiriert, die die Band während ihres allerersten Auftritts auf dem Territorium der ehemaligen DDR zeigt. Nebenbei erwähnt befindet sich auf dem ehemaligen Gelände des VEB Elektrokohle auch unser Proberaum. Ich bin selbst in der DDR geboren und der Name repräsentierte für mich sehr treffend unseren Sound.
Cigarette Butt: Als wir uns zur Bandprobe trafen, brachten wir beide unabhängig voneinander denselben Namen als Idee mit. Es war also nur logisch, dass ELEKTROKOHLE der einzig in Frage kommende Bandname sein kann.
Mona: Amanda habe ich über eine Freundin während eines LOVNIS-Konzerts kennengelernt und es war eine dieser Begegnungen, die sofort funktionieren. Noch am gleichen Abend gründeten wir eine „Mädelsband“, aber nach ein paar Proben war unser Projekt schon Geschichte. Kurze Zeit später suchten wir nach einer Bassistin und so wurde Amanda Teil der Band.
Maria Sècio hat aus Fotos und Videos mit viel Liebe zum Detail den Videoclip zu „Introspective“ zusammengesetzt. Die Kombination aus stehenden und sich bewegenden Bildern wirkt sehr real. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihr entstanden?
Cigarette Butt: Nachdem Amanda gestorben war, begannen wir, Fotos und Videos zu sammeln, von Konzerten, Backstage-Momenten, Touren ... Beim Durchsehen des Materials durchlebten wir ein Wechselbad der Gefühle: Die Aufnahmen brachten uns mal zum Lächeln, dann stimmten sie uns wieder tieftraurig, und dieser Song sollte Amanda gewidmet sein.
Mona: Da Amanda und Maria sehr gut befreundet waren, nahm ich Kontakt zu ihr auf, mit dem Wissen, dass sie während der Tour von P.D.O.A, wo Amanda auch spielte, alle Konzerte gefilmt hatte, und übergab ihr unser Material. Ich muss sagen, sie war wirklich die perfekte Wahl, da sie sehr talentiert ist, und durch ihre Freundschaft lag ihr das Projekt auch besonders am Herzen. So ist ein wunderschönes Erinnerungsvideo und zugleich eine kurze Doku über ELEKTROKOHLE entstanden.
Es ist klar, dass ihr gewisse Einflüsse aus den 1980ern in eurem Sound integriert, aber definitiv zählt ihr nicht zur Retro-Wave-Szene und schreibt auch keine Musik aus reiner Nostalgie. Nennt doch bitte drei einflussreiche Musiker:innen oder Bands, die euch inspirieren und eine grobe Vorstellung davon geben könnten, wie eure Musik klingt.
Mona: Es ist wirklich schwer, unsere Einflüsse auf nur drei Künstler:innen oder Bands zu reduzieren. Aber wenn wir es eingrenzen müssten, dann wären es NEU! und SUICIDE für die hypnotischen Elemente. THE GUN CLUB und THE CRAMPS für die rohe, ungezähmte Energie sowie THE BIRTHDAY PARTY, MALARIA! und WIPERS für den düsteren, treibenden Sound. Unsere Musik spiegelt auch Einflüsse wider, die von Surf über Punk bis Noise reichen. Wir sind sehr an Musik interessiert, die im Untergrund entsteht, und ja, Klassiker sind wichtig, aber es gibt so vieles, was entdeckt werden möchte.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #179 April/Mai 2025 und Nico Pfüller
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