
Da hat man von einer geliebten Band (fast) alle Vinylplatten im Schrank, aber die Truppe noch nie interviewt. Was könnte von daher einträglicher sein, als nicht nur die neueste Scheibe, die schicke 2-Track-10“ „Eins ist geblieben“, sondern einmal den gesamten Backkatalog mit den Oberhausenern zu besprechen. Wie sangen sie in einem ihrer Hits schon zielführend: „Wohowoho, Emscherkurve, let’s go!“ – und Spiller und Marcel hatten auch einiges zu erzählen.
Da ihr ja eine Band seid, die fest im Fußball verwurzelt ist, beim RW Oberhausen, und mein Heimatverein Wacker 04 sein erstes Zweitligaspiel 1974 gegen euch absolvierte – 1:1 Endstand –, wie haltet es ihr heute mit der schönsten Nebensache der Welt? Eher wie ich nostalgisch?
Marcel: Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass meine Flamme für den Fußball doch merklich kleiner geworden ist. Ich verfolge noch so ganz grob, was der RWO macht. Das war’s aber auch schon. Was aber nicht heißt, dass der Kontakt erloschen ist. Wir haben nach wie vor gute Freunde dort und auch das wird sich in Zukunft nicht ändern.
Spiller: Da kann ich mich Marcel voll und ganz anschließen. Ist bei mir nämlich nicht anders. Zeit fürs Stadion bleibt kaum, da ich an den meisten Wochenenden anderweitig unterwegs bin. Und wenn ich doch mal zu Hause bin, verbringe ich die Zeit lieber mit der Freundin als auf der Tribüne.
Wie es sich ziemt, ging es bei euch 2001 mit einer Vinylsingle los, „Die Macht vom Niederrhein“, womit wir wieder beim Fußball wären.
Spiller: Die besagte Single war eigentlich eine MCD mit vier Songs und kurz darauf eine 10“ mit sechs. Das war aber ursprünglich gar nicht als eigenständige Veröffentlichung geplant, weil es zuerst ja eben nur den Titelsong gab. Den habe ich zusammen mit einer damals noch komplett unbekannten Ska-Punk-Kapelle namens SONDASCHULE als Backing-Band aufgenommen. Die Idee dazu hatte deren damaliger Drummer Sascha, der später auch bei 4 PROMILLE getrommelt hat. Der Song machte als gebrannte CD die Runde, wurde bei einem Spiel von St. Pauli gegen RW Oberhausen am Millerntor erstmals in einem Stadion gespielt, wodurch der RWO darauf aufmerksam wurde und uns 2001 zur Saisoneröffnung einlud. Da man schlecht mit nur einem Stück auftreten konnte, wurden schnell drei weitere Songs eingespielt – alles bei SONDASCHULE-Gitarrist Mirko im Wohnzimmer – und mit Knock Out war auch schon ein Label gefunden, das das Ganze veröffentlichte. Die CD kam pünktlich zur Saisoneröffnung aus dem Presswerk und der Rest ist Geschichte. Wie zum Beispiel, dass dieses Lied noch immer bei Heimspielen im Stadion läuft.
Auch eure Debüt-LP „Lern ma deutsch“ kam auf Knock Out Records raus. Wie war die Zusammenarbeit damals? Und vor allem, wie schafft es eine noch quasi neue Band, derartig viele alte UK- und US- Punk-Helden ins Studio zu bugsieren?
Marcel: Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch kein offizielles EK77-Mitglied war, bedeutete diese Platte meine erste Zusammenarbeit mit der Band. Ich habe damals viel Kontakt zu Blubbi gehabt. Der rief mich eines Tages an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, ein Solo für dieses Album einzuspielen, was ich dann auch getan habe. Als ich das fertige Album dann sah, dachte ich: Wahnsinn, das muss der große Durchbruch für die Band werden!
Spiller: Seit ich denken kann, besuche ich Konzerte, ich veranstaltete zusammen mit Wölfi [von DIE KASSIERER] die ersten Konzerte im Kulturladen Wattenscheid und war seit Ende der 1990er als fester Booker im Oberhausener Zentrum Altenberg tätig. Dadurch und durch mein damaliges Fanzine Info Riot hatte ich natürlich unzählige Kontakte zu Punkbands, und immer wenn eine davon in der Nähe oder im Altenberg spielte, verfrachten wir die Musiker in den Proberaum und nahmen dort deren Parts für die Lieder auf.
Schnell wart ihr auch mit Split-Platten dabei. Zum Beispiel mit WARRIOR KIDS oder den ebenso tollen HUDSON FALCONS, HOUNDS & HARLOTS und GHOSTBASTARDZ. Das Teamplaying scheint euch am Herzen zu liegen.
Marcel: Dafür macht man ja Split-Platten. Dadurch dass man so viel unterwegs ist, lernt man ja unheimlich viele Bands und Menschen kennen. Wenn dann mal die Idee oder eine Anfrage zu einem Split-Release kam, haben wir das immer sehr gerne gemacht. Und wenn man noch ein paar Shows zusammen spielen kann, ist das natürlich klasse.
Spiller: Split-Platten oder auch Tribute-Sampler waren tatsächlich eine Weile unser Ding. Immer wenn wer gefragt hat, waren wir am Start, und am Ende ist so was ja für alle Beteiligten eine Win-win-Geschichte.
2008 erschien „Lieder aus der Kurve“, nun bei eurem heutigen Heimatlabel Sunny Bastards. Da wart ihr textlich ziemlich frech und deftig unterwegs. „Wer lang hat“ oder „Asoziales Jugendzentrum“ wurden sicher nicht nur mit Applaus bedacht, oder? Inhaltlich ist das letztere ja nicht völlig ohne aktuellen Bezug, 2008 war „Shitstorm“ aber noch ein ziemliches Fremdwort ...
Marcel: An die Arbeit an diesem Album denken wir sicher alle sehr gerne zurück. Das war eine ziemlich chaotische Zeit. Ein großer Teil der Platte ist erst im Studio entstanden. Wenn ich mich recht erinnere, gab es eigentlich gar kein großes Feedback zu diesen Songs. Ich finde, dass dieses Album ein paar gute Songs und Ansätze enthält, aber mit zu viel Klamauk vollgestopft wurde. Auch die Produktion ist nicht so gelungen. Nichtsdestotrotz wird das Album bis heute von vielen geliebt und live spielen wir auch immer noch zwei, drei Songs von der Platte.
Spiller: Nicht zu vergessen, dass während der Aufnahmen der damalige Drummer ausgestiegen ist und wir mit Volker Kampfgarten von DIE KASSIERER noch mal komplett von vorne anfangen mussten.
„Dat soll Punkrock sein?!“ von 2011 kam auch als Picture-LP heraus. War das ein Wunsch von euch? Da ist auch„A40“ drauf, der Song zur legendären Ruhrgebietsautobahn, die Hassliebe schlechthin. Oder ist das inzwischen anders?
Marcel: Das waren immer 500er-Auflagen, da sagt man natürlich nicht nein. Es heißt ja oft, dass die nicht so gut klingen, aber optisch haben mir Picture-Discs immer gut gefallen. Ich bin direkt an der A40 groß geworden und das war meine Hommage an diese Autobahn. Das ist sicherlich eine Mischung aus Hass und Liebe. Hass, wenn du wieder einmal nicht weiterkommst, und Liebe, wenn sie dich nach Hause bringt oder überall hin schnell zum Ziel kommen lässt. Das war im Übrigen unsere erste Platte ohne unseren alten Sänger Marc. Auch das Zusammenspiel der Band und die Produktion waren deutlich ausgereifter. Das lag auch daran, dass wir unheimlich viel live gespielt hatten und vor dem Studiotermin besser vorbereitet waren.
Spiller: Das war ja nach „One Size Slits All“, dem Split-Album mit HUDSON FALCONS, bereits unsere zweite Picture-Disc. Chris von Sunny Bastards war damals auf Vinyl nicht so gut zu sprechen und so erschienen die LP-Versionen seiner Releases zu der Zeit bei einem Sublabel, das aber lediglich sein Logo auf der Platte platzierte. Eigentlich ein Etikettenschwindel, da neben den CDs auch die damaligen Vinyl-Veröffentlichungen bereits ein Produkt aus dem Hause Sunny Bastards waren.
Das „Buch des Lebens“ von 2015 ist irgendwie mein Lieblingsalbum – abgesehen vom Debüt natürlich. Ab da wart ihr wesentlich eigenständiger im Songwriting oder täusche ich mich da? Tiefgründiger, ohne den Spaßfaktor zu vergessen. Die Scheibe läuft ja durch wie aus einem Guss, und auch ein berühmter deutscher Schauspieler wurde verewigt ...
Marcel: Absolut richtig. Das bekomme ich oft zu hören, dass dieses Album einen unheimlich guten Flow hat. Das war die logische Konsequenz aus vielen Konzerten und vielen Proben. Auch bei den Texten hatten wir uns weiterentwickelt, ohne den typischen EK77-Humor zu verlieren. Die Verneigung vor Diether Krebs war sowieso längst überfällig. Schade, dass er sie selbst nicht mehr hören konnte.
Spiller: Günter Netzer, Louis de Funès, Diether Krebs ... Wird offenbar mal wieder Zeit für einen Tribute-Song.
„Brandgefährlich“ von 2017 hatte dann wahrhaftig kein witziges Cover. Auch zog das Spieltempo gehörig an, so dass „Es ist ok“ mein Lieblingssong ist, weil der einen etwas runterkommen lässt. Aber „Gladbeck“ über die journalistische Ausschlachtung von Verbrechen war sicherlich euer Hauptanliegen.
Marcel: Jetzt, da du es sagt ... da ist ganz schön Druck auf dem Kessel. Das Album liegt bei mir auf dem ersten Platz, da hier einfach alles stimmig ist. Das Cover, die Songs und auch die Produktion. Davon ab waren wir mit den BROILERS auf Tour, haben beim Vainstream gespielt und unzählige gute Club-Shows absolviert. Ich glaube das war unser bestes Jahr. Es gab zwei, drei Stimmen, die meinten, wir hätten die beiden Gladbecker Geiselgangster mit dem Cover glorifiziert. Die meisten haben es aber richtig gedeutet. Es ging um die Sensationsgeilheit der Presse und speziell die von Reporter Udo Röbel. Noch heute werde ich richtig sauer, wenn ich sein Verhalten in einer Doku sehe. Ich hoffe, dass er den Song mal gehört hat.
Satte sechs Jahre dauerte es danach, bis 2023 „Stimmen der Stadt“ rauskam. Dazwischen lag der Corona-Lockdown und auch der Tod eures alten Freundes Blubbi. Von daher ist es wohl euer „erwachsenstes“ Album, ziemlich mächtig produziert mit einem leichten Hang zum Depressiven. Das Intro könnte von einer Metal-Scheibe stammen, „Leinen los“ klingt mit den Gitarren wie eine neue DIE TOTEN HOSEN-Produktion, bevor der Titeltrack mit seinem Mitgrölfaktor einsetzt. Seid ihr in der Rückschau mit dem Album zufrieden?
Marcel: Also das Intro ist von mir. Da musste was Episches her. Ansonsten würde ich das komplett so unterschreiben. Die Scheibe liegt bei mir so im oberen Mittelfeld. Wir hatten mit dem Songwriting begonnen und dann kam der Lockdown. Wir haben noch ein paarmal geprobt, aber fast nie alle zusammen. Dann kam wieder eine Pause. Studiotermine mussten aufgrund der Vorschriften verschoben werden. So hat sich der ganze Aufnahmeprozess unheimlich gezogen. Aber trotzdem mussten wir ja irgendwann mal fertig werden. Die Produktion und das Artwork sind klasse, mir fehlt bei dieser Scheibe aber ein wenig der EK77-Dreck.
Spiller: Genau, das Album ist alles in allem etwas zu glatt und es fehlt eben der ungeschliffene EMSCHERKURVE 77-Rotz. Drei meiner Lieblingssongs von der CD-Version des Albums sind ja bereits auf der kurz zuvor erschienenen 12“ „Augen zu und durch“ veröffentlicht worden.
Nun zum neuesten Projekt, der „Eins ist geblieben“-10“. Fast ganz zu Beginn habt ihr ja damals Gunter Gabriel ins Studio locken können, nun war es der Liedermacher Reinhard Mey. Ich hielt es zuerst für Fake, obwohl Christian von Sunny Bastards es bereits früh andeutete. So jemanden zu gewinnen, Respekt! So und nun plaudert mal für uns aus dem Nähkästchen über die Zusammenkunft im Studio ...
Marcel: Die beiden Söhne von Reinhard Mey waren mal bei einer DIE KASSIERER- und EMSCHERKURVE 77-Show in Cottbus zu Gast und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Leider ist sein Sohn Max 2014 verstorben, nachdem er lange im Wachkoma gelegen hatte. An seinem Bett wurde unter anderem auch Musik von uns gespielt. So ist der Kontakt zu Reinhard entstanden und schließlich auch eine Freundschaft. Im Proberaum hatten wir dann einfach mal die Idee, Reinhard zu fragen, ob er nicht Lust hätte, bei einem Song von uns mitzumachen. Noch bevor er überhaupt eine Note von „Eins ist geblieben“ gehört hatte, kam seine Zusage. Im Studio waren wir aber leider nicht zusammen. Wir haben ihm den Song geschickt und er hat seine Parts in einem Berliner Studio aufgenommen. Als er mir die Spuren dann geschickt hat und ich sie das erste Mal gehört habe, wusste ich gar nicht, was mit mir los ist. Ich war einfach total glücklich: Reinhard Mey hat zu einem meiner Songs gesungen. Der Reinhard, den meine Eltern schon gehört haben. Der Reinhard, dessen Lieder ich im Gitarrenunterricht geübt habe. Für uns ist das ein Ritterschlag. Danke, Reinhard.
Spiller: Das erste Mal tauchte Max mit Reinhards Managerin Sali bei einem KASSIERER-Konzert in Trier auf und ich ließ mir erst mal seinen Ausweis zeigen, weil ich es nicht glauben konnte. Wie Marcel schon sagte, fiel Max kurz nach unserem Konzert in Cottbus ins Koma, aus dem er leider nicht mehr erwachen sollte. Zum Jahreswechsel 2012/13 postete Reinhard Mey auf seiner Homepage ein Foto, auf dem er eine Harrington-Jacke und ein EMSCHERKURVE 77-T-Shirt trug. Wir waren in den darauf folgenden Jahren immer wieder zu seinen Konzerten eingeladen, er trug weiterhin unsere Shirts, Marcel und ich sind im Booklet seiner „Mr. Lee Live“-CD zu finden und so kam eben eins zum anderen. Ich glaube, besser kann man das 25-jährige Bandjubiläum nicht feiern.
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