ENGST

Foto© by Herr Wedding

Gute Laune trotz Weltuntergang?

ENGST feiern mit ihrem neuen Album zehn Jahre Bandgeschichte und tun das ausgerechnet mit einem Titel, der wie ein ironisches Augenzwinkern auf die Welt von heute wirkt. Im Interview spricht Sänger Matthias Engst über eine Gesellschaft im Krisenmodus, persönliche Abstürze und die Erkenntnis, dass Erfolg kein Allheilmittel ist, sondern oft nur ein weiterer Prüfstein.

Euer Album heißt „Gute Laune“. Angesichts der Weltlage wirkt das fast widersprüchlich. Ist das ironisch oder als Kontrast gewählt?

Ehrlich gesagt beides. Wenn man die Nachrichten verfolgt, ist einem nicht nach guter Laune. Gleichzeitig sollte das Album uns nach zehn Jahren einfach guttun. Wir wollten alles weniger zerdenken und uns selbst ein kleines Gute-Laune-Geschenk machen. Am Ende ist es eine Mischung aus Ironie und echtem Bedürfnis.

Auf der Platte gibt es freundliche Momente, zugleich philosophische Texte. Ein Song spielt auf das Nietzsche-Zitat „Gott ist tot“ an. War das beabsichtigt?
In dem Stück geht es darum, wie schwer es mir fällt, in diesen Zeiten noch an eine höhere Macht zu glauben. Wenn man sich das aktuelle Weltgeschehen anschaut, hat man oft das Gefühl, das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse sei komplett aus den Fugen geraten. Man muss schon ein großer Optimist sein, um zu glauben, dass da jemand die Fäden in der Hand hält. Manchmal scheint nicht der „Gute“ oben zu sitzen.

Du beschreibst das sehr offen. Spielt deine eigene Haltung zu Religion dabei eine Rolle?
Ich bin völlig unreligiös und konnte mit dem Thema eigentlich nie viel anfangen. Dieser Spruch „Gottes Wege sind unergründlich“ kommt ja schnell, aber dann landet man sofort in endlosen philosophischen Diskussionen. Darum ging es mir in dem Song gar nicht. Es geht eher um dieses Gefühl von Kontrollverlust und Ohnmacht.

Ein weiterer auffälliger Song ist „Therapie“. Ich glaube, aktuell könnten viele Menschen therapeutische Unterstützung gebrauchen.
Ja. Das Thema spiegelt natürlich den Zeitgeist wider, der Song ist aber auch sehr autobiografisch. 2025 war für mich das schlimmste Jahr meines Lebens. Irgendwann hat es mich komplett erwischt.

Wie meinst du das konkret?
Ich fand es immer krass, dass selbst hochgebildete Menschen durch bestimmte Lebensumstände an einen Punkt kommen können, an dem nichts mehr geht. Und plötzlich stand ich selbst genau dort. Ich musste eine Therapie machen, war in Behandlung, auch mit Klinikaufenthalten.

Würdest du sagen, das Thema Therapie sollte noch stärker entstigmatisiert werden?
Auf jeden Fall. Wenn man merkt, dass man nicht mehr weiterkommt und selbst mit Unterstützung von Familie und Freunden nicht hochkommt, sollte man diesen Schritt gehen. Das ist nicht leicht und erfordert viel Eingeständnis, aber es ist immer besser, als sich komplett aufzugeben.

Eure Band gibt es seit zehn Jahren, ihr habt euch einen Namen gemacht und seid in der Szene etabliert. Trotzdem sagst du, dir ging es nicht automatisch immer besser. Macht Erfolg also gar nicht so glücklich, wie viele denken?
Genau das ist der Punkt. Erfolg allein macht nicht glücklich. Es gibt diesen Satz, den ich selbst oft benutze: Ich hasse es, dass ich es so sehr liebe. Mit Musik verbindet mich eine Hassliebe. Man muss sich schon früh im Klaren darüber sein, was man will, wie man Musik machen möchte und wo die Reise hingeht. Sonst läuft man schnell falschen Vorstellungen hinterher.

Würdest du jungen Künstlern deshalb davon ab­raten, im Erfolg ein Endziel zu sehen?
Ich würde dringend dazu raten, das realistisch zu betrachten. Für uns war es nie das primäre Ziel, kommerziell erfolgreich zu sein. Klar wollten wir irgendwann nicht mehr draufzahlen oder für eine Kiste Bier 600 Kilometer fahren. Aber wir wollten auch nicht die nächsten DIE TOTEN HOSEN werden. Es ging immer um das Projekt an sich.

Was bedeutet das konkret für junge Bands, die gerade starten und große Träume haben?
Man sollte sich bewusst machen, was dieser Weg kostet: Zeit, Privatleben, finanzielle Ressourcen und auch emotional sehr viel. Gerade bei einer Band ist das komplexer als bei einem Solo-Künstler. Du hast nicht nur dich selbst, sondern mehrere Charaktere mit unterschiedlichen Lebensrealitäten. Bevor man sich darauf einlässt, muss man ehrlich klären, was man bereit ist zu opfern.

Viele denken beim Musikerleben an Proberaum, Pizza, Konzerte. Wann wird es ernst?
Spätestens, wenn der Break kommt. Wenn es plötzlich nicht mehr nur alle paar Wochen ein Gig im Jugendzentrum ist, sondern Touren, Interviews, Abgabefristen und permanenter Druck dazukommen. Da trennt sich wirklich die Spreu vom Weizen. Viele merken erst dann, was es tatsächlich bedeutet, diesen Weg zu gehen.

Gab es bei euch Momente, in denen ihr gezweifelt habt?
Natürlich. Wenn du merkst, dass du seit sieben Jahren keinen Urlaub hattest, ständig Geld ins Projekt steckst und andere sich währenddessen Häuser, Autos oder Reisen leisten, tut das schon weh. Das muss man vorher wissen. Und es funktioniert meiner Meinung nach nur, wenn du die Musik wirklich liebst.

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