
Warum habt ihr eure Deutschlandtour im Januar denn nach der Hälfte der Konzerte abgebrochen?
Peter: Stefan, unser Gitarrist, hatte ziemliche gesundheitliche Probleme, die sich im Nachhinein als eine verschleppte Gehirnerschütterung herausgestellt haben. Der hatte wohl bei der Arbeit mal einen Schlag gegen den Kopf gekriegt und dann vor dem Gig in Osnabrück noch mal versehentlich die Gitarre voll gegen den Kopf gekriegt. Das gab auch ne Platzwunde und seitdem hatte er Schwindelgefühle und Angstzustände. Ein Konzert haben wir dann noch zu viert gespielt, aber irgendwie ging das nicht und so haben wir die Tour dann abgebrochen. Tja, das ist eben höhere Gewalt. Aber wir werden die Konzerte in nächster Zeit nachholen.
Wie lief denn die Tour soweit?
Peter: Teils - teils: Einige Konzerte waren ganz gut, andere nicht so. In der Regel kamen so 200 Leute. Im Osten ist zum Beispiel die Atmosphäre bei Konzerten immer ganz anders, aber wir wollen in diesen Gegenden eben auch spielen. Teilweise wurde uns vom Veranstalter noch 'ne lokale Vorband vorgesetzt, aber wenn du wie wir mit GROWING MOVEMENT deine eigene Vorband mitbringst, dann kommt das nicht so gut: Bis du als Hauptband auf die Bühne kommst, ist es schon nach elf, die Leute sind müde und es ist einfach nicht so toll, als dritte Band zu spielen. Überrascht hat mich auch, dass eigentlich kaum Metals zu unseren Konzerten kommen. Ich meine, wir hatten in letzter Zeit ne Menge Interviews in Metal-Magazinen, aber das Publikum bei den Konzerten war doch so das typische Hardcore-Publikum. Ich denke mir, dass die Metaller eben kaum in so kleine Clubs und Jugendzentren gehen, sondern vor allem in große Hallen. Aber vielleicht ändert sich das ja noch, wenn wir demnächst die ausgefallenen Konzerte nachholen.
Wie kamt ihr eigentlich zu diesem heftigen Foto auf dem Cover eurer neuen Platte? Peter: Diese fünf mit Maschinenpistolen auf Motorrädern sitzenden G.I.s sind ein Werbefoto von Harley Davidson. Wir fanden, dass dieses Foto das Extreme und Harte in unserer Musik unterstützt. Eine andere Bedeutung hat das für uns nicht, das soll also nicht militaristisch wirken. Ich meine: Soldaten, Waffengewalt gegen Mitmenschen, das ist schon immer ein Teil der Menschheitsgeschichte gewesen, und insofern kann man dieses Photo schon auch im Kontext unserer Musik und unserer Texte sehen.
Musik also als Verarbeitung von Gewalt und nicht, um über die Musik Gewalt aus zu üben.
Peter: Ja, kann man so sehen. Wir versuchen unsere Gefühle, unseren Hass, die Gewalt, die wir täglich miterleben, in Musik umzusetzen - eben eher den negativen als den positiven Teil des Lebens.
Schöne, melodische Songs gibt's genug.
Peter: Ja, diese Bands setzen eben eher den positiven Teil des Lebens in Musik um - und wir den negativen Teil.
Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass ihr in verschiedenen Magazinen mit dem Begriff „Hatecore" in Zusammenhang gebracht wurdet. Wie steht ihr dazu?
Peter: Momentan können wir noch damit leben, auch wenn wir uns an sich nicht so gerne in Kategorien einordnen lassen. Die Presseleute brauchen eben immer so eine Schublade und wir passen in diese Schublade musikalisch wohl auch ein bisschen rein. Aber mit diesen Bands, die momentan damit assoziiert werden, BIOHAZARD und CRO-MAGS etwa, haben wir musikalisch eigentlich gar nicht so viel zu tun und werden uns von diesen Bands sicher auch noch weiter wegbewegen. Für die nächste Platte haben wir auch ein Bisschen was Anderes vor.
Details, bitte!
Peter: Wir werden zwischen Oktober und Dezember wieder ins Studio gehen und haben auch schon ein paar neue Songs geschrieben. Außerdem werden wir versuchen, nur noch deutsche Texte zu schreiben und wollen eventuell versuchen, so industrialmäßige Klänge einfließen zu lassen und mit Samplings zu arbeiten.
So 'ne Sache a la GODFLESH?
Peter: Nee, also wir wollen uns da nicht an irgendwelchen anderen Bands orientieren, sondern was Eigenes zu machen, einfach ein bisschen orientieren.
Das erinnert mich aber auch ein bisschen an eure Hamburger Kollegen EISENVATER...
Peter: O.k., die haben deutsche Texte, aber das ist auch schon das Einzige. Wir kennen die auch und kommen mit denen gut klar, aber in deren Richtung wird das wohl weniger gehen. (Jetzt schaltet sich auch Drummer Klaus ein, der das Gespräch bisher nur schweigend verfolgt hatte)
Klaus: Das mit den deutschen Texten war die Idee von unserem Sänger Chris. Ich denke, dadurch gewinnt eine Band auch an Originalität. Wenn man als Band eine Sache über Jahre hinweg durchzieht, dann ist das eben irgendwann mal ausgereizt und man versucht, neue Wege zu gehen um sich auszudrücken - sowohl musikalisch als auch textlich.
In welchen Bereichen liegt denn euer persönlicher musikalischer Geschmack?
Klaus: Naja, wir machen schon dreimal die Woche drei Stunden zusammen Musik und privat höre ich eigentlich gar nicht so viele harte Sachen, sondern auch Popmusik, Jazz und Klassik. Ich brauche einfach den Ausgleich zu dieser harten Schiene. Bei den anderen Leuten in der Band ist das auch nicht so, dass die nur harte Sachen hören.
Peter: Man kann ja auch aus anderer Art von Musik gute Sachen rausziehen. Ich höre zum Beispiel sehr gern die GENESIS-Sachen von Anfang der Siebziger. Chris, unser Sänger, hört ziemlich viel Sixties-Sachen. Denn obwohl man unserer Musik das oberflächlich nicht anhört, kann man doch auch solche Sachen da mit einbringen. Was den privaten Musikgeschmack betrifft, so haben wir da schon eine ziemliche Bandbreite.
Das, was man produziert, muss also nicht unbedingt direkt nachvollziehbar etwas mit dem zu tun haben, was man konsumiert.
Peter: Nee, absolut nicht. Natürlich haben wir auch den „normalen" Background, kennen genug harte Bands, so ist das also auch nicht. Wenn man älter wird, dann hört man sich eben auch mal andere Arten von Musik an.
Ich habe gehört, dass ihr in absehbarer Zeit vorhabt, als Support Act einer größeren Band auf Tour zu gehen.
Peter: Ja, aber da kann ich noch nichts Konkretes dazu sagen. Außerdem gilt man bei sowas schnell als Angeber. Aber wir denken uns, dass das das Einzige ist, was uns als Band noch nach vorne bringen kann. Es ist o.k., in irgendwelchen Jugendzentren zu spielen - das hat seinen eigenen Reiz und teilweise sind die Läden echt total toll. Aber du spielst immer in den gleichen Läden und irgendwann kommst du dir dabei vor, wie wenn du zur Arbeit gehst.
Mit was verdient ihr denn euren Lebensunterhalt? Von der Band könnt ihr ja wohl nicht leben.
Klaus: Also ich arbeite bei der Telekom und repariere Telefaxgeräte.
Peter: Ich bin Werbekaufmann, Chris ist Altenpfleger, Boris ist Speditionskaufmann und Stefan arbeitet in einem Zahntechniklabor.
Das klingt ja richtig bürgerlich…
Peter: Wenn wir mit der Musik Geld verdienen wollten, dann müssten wir noch ne ganze Menge Kompromisse eingehen, die einzugehen wir aber nicht bereit sind - in Bezug auf Musik, Texte und Covergestaltung. Und richtig davon zu leben, daran glaube ich bei einem kleinen Plattenlabel nicht. Außerdem müsste man viel mehr auftreten, ständig touren und seinen Job schmeißen.
Klaus: Unsere Situation hat natürlich auch Vorteile: Wir sind nicht darauf angewiesen, von der Musik zu leben. Wir müssen damit kein Geld machen, müssen keinerlei Rücksicht nehmen auf irgendwelche wirtschaftliche Faktoren, können alles verarbeiten, was uns so im Kopf herumschwirrt.
Sagt mal ein paar Worte zu euren Texten. Momentan gibt es ja auch so einen Trend hin zu eher persönlichen Texten, die keine vordergründige Aussage haben.
Klaus: Ich finde schon, dass solche persönlichen Texte auch Aussagekraft haben. Was eine Aussage ist, das ist sehr relativ: Wenn man textlich umsetzt, was man in Politmagazinen an Schlagwörtern aufgreift, Sachen eben, die sowieso schon jeder weiß, dann finde ich, dass das auch nur eine sehr begrenzte Aussagekraft hat. So Sachen, die aus dem Unterbewusstsein kommen, die sind meiner Meinung nach viel aussagekräftiger, sagen viel mehr über das Leben als diese vorgefertigten Schlagwörter.
Peter: Bei solchen „persönlichen" Texten hat jeder ganz andere Assoziationen, da kann sich jeder seinen eigenen Reim darauf machen und es wird den Leuten nicht alles vorgekaut. Jeder kann in den Texten was anderes und immer wieder Neues entdecken.
„Germany 2003" stellt da eine Ausnahme dar.
Peter: Ja, aber wegen der politischen Entwicklung in Deutschland lag es uns am Herzen, einen Song zu machen, der eine eindeutig antifaschistische Aussage hat. Wir meinten eben, auf den Rechtsruck im Land reagieren zu müssen. Aber an sich stellt dieser Text eine Ausnahme dar.
Die andere Sache ist ja auch die, dass es sicher kompetentere Leute als Musiker gibt, um sich zu politischen Entwicklungen zu äußern. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass Musiker ihre Meinung nicht verdeutlichen sollten.
Peter: Ich bin da voll deiner Meinung. Anfang der Achtziger waren diese Politbands ja voll angesagt, CRASS und CONFLICT zum Beispiel, und hatten sicher auch ihre Berechtigung. In unserer heutigen Zeit ist das aber nicht mehr so angesagt, denn heute weiß doch jeder bescheid. Und von einem revolutionären Feeling kann zur Zeit ja auch nicht die Rede sein. Die Stimmung ist eher konterrevolutionär. Nee, an solchen Sprüchen habe ich echt keinen Bedarf. Aber auf diesen Rechtsruck muss man jetzt doch reagieren und es gibt Situationen, in denen man seinen Standpunkt genau definieren muss. Insgesamt aber ist das, wie schon gesagt, nicht unsere Art, solche Themen künstlerisch zu bearbeiten. Wir gehen diese Themen eher indirekt an, über das Unterbewusstsein, obwohl man sich zu solchen Texten durchaus von politischen Themen inspirieren lassen kann.
O.k., gebt mir zum Abschluss noch mal 'nen kurzen historischen Überblick über eure Bandgeschichte.
Klaus: 1988 haben wir für We Bite unsere erste LP „Mortal Agony" aufgenommen. Davor, 1987, gab's das „Way Of Force"-Demo. Nach der ersten LP waren wir dann im Winter 1988/89 mit LUDICHRIST auf Europa-Tour und 1989 nahmen wir mit "Thoughts" unsere zweite LP auf. Nach der LP ist dann Chris, unser Sänger ausgestiegen, weil er einfach die Schnauze voll hatte von dieser ganzen Sache. Er wollte wohl einfach seine Ruhe haben. Das stürzte uns natürlich in eine Krise, denn Chris ist ein sehr charismatischer Sänger und über so einen Verlust muss man als Band auch erstmal hinwegkommen. Wir haben dann diverse Leute ausprobiert, aber...
War da nicht auch mal ein farbiger Amerikaner im Spiel?
Klaus: Nee, der war aus England. Aber das ging auch nur sechs Wochen. Naja, irgendwann kam Chris dann wieder auf uns zu und meinte, er würde doch ganz gern wieder einsteigen, denn irgendwie fehle ihm etwas. Dann gab's bei uns erstmal eine längere Pause, und letztes Jahr kam dann die „Gunman"-Single, die uns bei den Leuten wieder ins Gedächtnis zurückrief, denn wir waren ja doch irgendwie in Vergessenheit geraten. Wir machten dann noch eine Kurztour, die sehr gut gelaufen ist, und nahmen dann die „III"-LP auf, die jetzt im Winter erschienen ist.
Was war das eigentlich für ein Objekt auf dem Cover der „Gunman"-Single? Ich habe es immer für einen Luftdruckschrauber gehalten.
Klaus: Das mag den Anschein haben, aber an sich soll das ne UZI sein. Ist vielleicht nicht so toll gezeichnet. Wir haben da schon diverse Deutungen zu hören bekommen, z.B. Bohrmaschine oder Akkuschrauber. Vielleicht hätten wir da ein Foto nehmen sollen. Ox: Danke für's Interview.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #14 I 1993 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #23 II 1996 und Joachim Hiller