© by Richy Unsworth2024 erschien mit „Path Of Self Destruct“ die Debüt-EP der Londoner Band FALSE REALITY auf Hassle Records. Die acht Songs haben mich völlig weggeblasen. Verorten würde ich sie im „alten Crossover“, bei dem Hardcore und Thrash Metal zusammentreffen. Bei FALSE REALITY klingt das wie eine wilde, aber stimmige Mischung aus TRAPPED UNDER ICE, alten SEPULTURA, BACKTRACK und ALL FOR NOTHING. Mit „Cranium“ erschien jüngst die erste Single als Vorbote des Albums. Ich sprach mit Sängerin Rachel per Videocall.
Bei den ganz jungen deutschen Hardcore- und Metalcore-Bands, die im geschätzten Alter zwischen 18 und 25 Jahren anfangen und gerade nahezu wie Pilze aus dem Boden sprießen, finden sich immer mehr Frauen am Mikro. Auch ist es zunehmend nichts Besonderes mehr, dass queere Personen in diesen Bands sind. Wie sieht es in der britischen Szene aus?
Es gibt definitiv mehr Sängerinnen, was fantastisch ist und früher noch ganz anders war. Da gab es kaum mal Frauen, die in Hardcore-Bands gesungen haben. Wenn ich sehe, was vor 15 Jahren war und das mit heute vergleiche, finde ich das großartig.
Wenn du davon sprichst, 15 Jahre zurückzuschauen – dann musst du schon früh auf Konzerte gegangen sein. Ich schätze dich mal auf 24?
Haha, das ist ein großes Kompliment, aber ich bin bereits 31 Jahre alt. Es ist jedenfalls wirklich schön, wenn wir eine Show spielen und Frauen da sind, die damit auf uns reagieren, eine eigene Band gründen zu wollen. Wenn du es willst – tu es! Nichts wird dich davon abhalten. Es ist etwas, wovon wir mehr brauchen, vor allem in einer so männerdominierten Szene. Es ist so gut, dass sich da etwas ändert, Frauen und Transpersonen jetzt nach vorne treten und sich für etwas einsetzen, das kreativ und letztendlich wirklich heilsam ist.
Werden Frauen mittlerweile als Bandmitglied von vornherein akzeptiert? Deine Landsfrau Larissa, die Sängerin von VENOM PRISON, sagte im Ox vor ein paar Jahren über die Hardcore-Szene, dass die Leute oftmals davon ausgingen, dass sie nur eine Begleitung wäre. Wie etwa die Frau am Merchstand.
Bei den ersten Shows, die wir gespielt haben, hatte ich auch manchmal ein bisschen den Eindruck. Zum Glück sind wir jetzt an einen Punkt angelangt, an dem die Leute wissen, was sie erwartet, wenn wir für ein Konzert anreisen, was wirklich schön ist. Aber ja, ein bisschen davon gibt es definitiv. Ich erinnere mich an die zweite oder dritte Show, die wir gespielt haben. Ich stand hinter der Bühne und jemand vom Veranstaltungsteam sagte zu mir, dass Freundinnen sich hier nicht aufhalten dürften. Also ja, das kommt vor.
Ich habe gelesen, dass es mehrere Bands mit dem Namen FALSE REALITY gibt. Ist das problematisch? Neben einer alten Hardcore-Band gibt es noch eine Melodic-Metal-Band aus Rumänien.
Ich kenne außer uns keine Hardcore-Band dieses Namens. Ich habe vor etwa einem Jahr von einer Melodic-Band erfahren, bin mir aber nicht sicher, ob die noch aktiv ist. Also hoffe ich, dass es in Ordnung ist. Unsere Band war ursprünglich ein Projekt von unserem alten Gitarristen. Als wir 2018 oder 2019 über einen Bandnamen sprachen, meinte er, dass er den Namen gerne für die genutzt hätte. Ich meinte: Warum nicht? Er hatte sich schon ein Logo ausgedacht und es ist damit quasi eine Art Fortsetzung dieses Projekts. Ich denke aber nicht, dass es ein allzu großes Problem sein sollte, weil wir verschiedene Genres bedienen. Heutzutage gibt es so viele Bands auf der Welt, dass es leicht passieren kann, dass es eine andere gibt, die genauso heißt und von der du vorher nichts wusstest.
Eure Einflüsse liegen natürlich zuerst im Hardcore. Ihr selbst bezieht euch auf TRAPPED UNDER ICE. Ich finde, dass es auch ein bisschen in Richtung alte TURNSTILE geht. Vom Stomp her fallen mir BACKTRACK ein. Und sagen dir ALL FOR NOTHING etwas, eine Hardcore-Band aus den Niederlanden?
Oh ja, die habe ich erst vor kurzem live gesehen. Das ist auch ein wirklich guter Vergleich. Wir beziehen die meisten unserer Anregungen tatsächlich von TRAPPED UNDER ICE. Auch BROKEN TEETH kann man nehmen. Von TURNSTILE würde ich die ersten zwei Singles „Pressure To Succeed“ und „Step 2 Rhythm“ als relevant bezeichnen. Und wir mischen ein bisschen was von DEFTONES und alten SEPULTURA mit hinein. Wir versuchen, die Einflüsse der einzelnen Bandmitglieder alle unter einen Hut zu bringen. Wir wollen natürlich unseren eigenen Sound kreieren – aber man kann immer noch erkennen, wer unsere Ideengeber sind.
Bei dem Song „Chained“ musste ich bei den ersten Riffs an SLAYER denken. Der Groove könnte auch von MACHINE HEAD stammen.
Ja, wir lieben MACHINE HEAD. Wir haben immer ein MACHINE HEAD-Intro gespielt, bevor unser Set losging. Also ja, wir haben definitiv einen gewissen Einfluss drin. Sehr cool.
Ihr seid aus London, gibt es dort eine große Hardcore-Szene?
Ja. Ich würde sagen, London, Leeds und Glasgow sind die drei Hardcore-Hochburgen. London dürfte am allergrößten sein. In manchen Monaten, vor allem im Sommer, ist es keine Seltenheit, dass es drei Shows pro Woche gibt. London floriert im Moment wirklich, was besonders nach dem Lockdown losging. Ich habe das Gefühl, dass nach Corona viele Leute durch TikTok und solche Sachen zum Hardcore gekommen sind. Die „neue Londoner Hardcore-Szene“, wie ich sie gerne nenne, ist heute viel aktiver als früher. Und es ist großartig. Sie blüht richtig auf. Und die Leute haben wirklich Spaß daran. Sie treffen sich, schließen neue Freundschaften – und jeder passt auf den anderen auf.
Was machst du in deinem „normalen“ Leben? Bei euch ist es gerade 13:30 Uhr mitten unter der Woche.
Ich arbeite im Wohnungswesen. Ich gehe zu leerstehenden Häusern und überprüfe, ob sie renoviert werden müssen. Glücklicherweise kann ich in meinem Job die Termine so legen, wie ich sie brauche. So lässt sich das sehr gut mit der Musik vereinbaren. Manchmal habe ich beispielsweise um 14 Uhr einen Dreh, der sich dann gut unterbringen lässt. Heute habe ich das Interview mit dir und muss danach recht früh losfahren, weil wir am Abend eine Show in London spielen. Das funktioniert wirklich gut.
„Cranium“ ist eure neue Single, die ihr vor ein paar Tagen veröffentlicht habt. Ihr habt auf Instagram gepostet, dass dies der erste Song eures neuen Albums ist. Ich dachte beim ersten Hören, dass es eher ein Schritt in Richtung Metal ist.
Wir machen das Gleiche wie bei der letzten Platte. Wir lassen verschiedene Einflüsse und Stile einfließen, so dass jeder Track seine eigene Note hat. Wir haben uns für diesen Song als erste Single entschieden, weil er enorm druckvoll ist – also ein guter Opener, um zu zeigen, dass wir wieder da sind. Wir nehmen das neue Album gerade auf. Wir werden auch hier all unsere verschiedenen Persönlichkeiten in jeden Song einfließen lassen, so wie wir es beim letzten Mal getan haben. Es wird wieder für jeden etwas dabei sein.
Deine Texte sind nicht wirklich witzig. Ich habe sie so verstanden, dass es meist um Zwischenmenschliches geht.
Es geht vor allem darum, dass man sich ungehört fühlt. Besonders als Frau kann es ziemlich schwer sein, sich in Situationen zurechtzufinden, in denen du das Gefühl hast, dass deine Meinung überhört wird. Ich habe versucht, in den Texten genau das Gefühl rüberzubringen, das ich habe, und das sollte sich auf verschiedene Situationen übertragen lassen. Also ja, du kannst sie so betrachten, dass sie von einer Beziehung handeln, dien zu Ende ging. Sie handeln tatsächlich auch vom Verlust eines Freundes, der gestorben ist. Andere erzählen davon, dass man sich ungehört fühlt, dass man wie ein Kind behandelt wird, man sich ausgeschlossen fühlt und einfach übersehen wird. So war es mit unserer Band. Wir konnten zum Glück so hart arbeiten, um uns wirklich zu beweisen. Wenn du als Band eine Sängerin hast und tatsächlich mal eine wirklich coole Gelegenheit bekommst, wird es immer eine Person geben, die sagt, dass du diese Chance nur erhalten hast, weil eine Frau dabei ist. Solche Kommentare müssen wir uns ständig anhören. Und das macht es für uns nicht einfacher. Es wird uns aber garantiert nicht davon abhalten weiterzumachen. Wir mussten uns durchsetzen und sozusagen versuchen, eine Widerstandskraft dagegen zu entwickeln und es nicht an uns heranzulassen.
Du sagst, dass ihr in der Vergangenheit oft übersehen wurdet. Meinem Eindruck nach seid ihr inzwischen verdammt beliebt – und das ging recht schnell.
Ja, das stimmt. Wir mussten allerdings auch wirklich hart dafür arbeiten. Wir haben jede Show gespielt, die wir bekommen konnten – und ja, zum Glück hat sich die Arbeit ausgezahlt.
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