
Retro-Reise inklusive E-Rollator? Nein! Halbgarer-Cashgrab-Versuch der perfidesten Art und Weise? Auch nicht! Schwere Form von Midlife-Crisis mit Haare färben und zu engen Hosen? Mitnichten! Eine Reunion-Show aus purer Liebe zur Musik? Ja! FIRE IN THE ATTIC waren im hiesigen Post-Hardcore-Kosmos eine Instanz, das Vorbild, die Band, der man nacheiferte. Die Band, die mit den Größen des Genres auf Augenhöhe war. FIRE IN THE ATTIC waren aber auch nahbar und sympathisch, sie haben unfassbar viele Menschen berührt und in den hellen und dunklen Momenten des Lebens begleitet. Das Feedback in den sozialen Medien auf die Ankündigung einer Reunion-Show im Dezember beweist außerdem eines: FIRE IN THE ATTIC waren nie ganz weg. Weder aus den Herzen noch aus den Köpfen. FIRE IN THE ATTIC sind noch immer eine Instanz. Und nun also eine Sause, noch einmal die Gefühle von damals einfangen. Noch einmal diese unfassbare Euphorie spüren und mit dem Publikum teilen. Ein Tölpel müsste man sein, der Band diese unbändige Zuneigung zur Musik und den kleinen Knicks vor dem eigenen Vermächtnis nicht zuzugestehen. 16 Jahre nach der Auflösung der Band kommt sie nun für einen magischen Abend in Köln zurück. Bühnentechnischer Moderator dieses kontrollierten Chaos ist Frontmann Ole Feltes. Er beantwortet gern unsere offenen Fragen.
Fangen wir doch einfach mal in der Mitte an. Dein Ausstieg 2008 kam für viele Menschen absolut überraschend und die Begründung war für viele Fans nur schwer nachvollziehbar. Bist du noch immer der Meinung dass es damals die richtige Entscheidung war?
Es war eigentlich absolut überfällig. Die Gründe, die ich damals angeführt habe, waren allerdings nur vorgeschoben als Schutz für mich selbst und für die Band. Es lag, einfach gesagt, an einer nicht erkannten Depression. Ich habe aber selbst noch Jahre gebraucht, bis ich mir über die Situation als solche im Klaren war. Vor meinem Abschied habe ich mich einfach immer eingeschlossener gefühlt und wusste nicht was los ist. Menschen, die Erfahrung mit Depressionen haben, kennen das Bild, wenn man am Anfang gar nicht genau weiß, was los ist. Da ist nur dieses diffuse Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, aber man kann es nicht genau greifen. Ich wusste damals aber, ich muss etwas ändern, sonst gehe ich daran kaputt. Ich musste da einfach raus. Ich hatte mich eine so eine lange Zeit völlig der Band verschrieben, dass ich schon weit über den Punkt des Burnouts hinaus war. Mir war klar, bevor ich richtig ätzend werde den Menschen gegenüber, die mir nahestehen, muss ich die Reißleine ziehen.
Hast du nach deinem Abschied und dem Einstieg von Thomas Prescott als neuer Sänger die Band weiter verfolgt, gab es vielleicht sogar mal den Wunsch zurückzukehren?
Na ja, ich habe definitiv noch eine ganze Weile gegrübelt, ob das nun alles so richtig war. Du siehst ja, wie etwas, das du mit aufgebaut hast, ohne dich weitergeht. Aber irgendwie wusste ich immer, ein Zurück gibt es nicht. Meine Coping-Strategie war, mich sofort komplett in etwas gänzlich Neues reinzuschmeißen, und ich habe mich auch extrem vom gesamten FIRE IN THE ATTIC-Kosmos distanziert. Man kann das Gleiche in anderer Ausführung genauso intensiv machen. Und das war das Arbeiten mit Künstlern, ohne selbst auf der Bühne stehen zu müssen. Das hilft vielleicht auch über den ersten Trennungsschmerz hinweg, aber in Wirklichkeit unterdrückst du die Gefühle nur oder schiebst sie auf. Ich habe natürlich versucht, möglichst wenig von FIRE IN THE ATTIC mitzukriegen. Nicht weil ich es den Jungs nicht gegönnt hätte, aber ich musste dafür, dass in meinem Kopf nicht zu viele Fragen aufkommen. Ich hatte allerdings auch irgendwann für mich ausgeschlossen, in gleicher Funktion in einer anderen Band stattzufinden.
Springen wir doch einmal ganz an den Anfang zurück. Als ihr euch damals als FIRE IN THE ATTIC zusammengefunden habt, was war die Mission? Wie hast du den Start wahrgenommen?
Ich habe letztens noch ein Video von FASTPLANT – eine der beiden Vorgängerbands – von einem Auftritt auf dem Bonner Rheinkultur gesehen. Das war nur wenige Monate vor der ersten FIRE IN THE ATTIC-Probe. Keine
Ahnung, wer auf Basis dieses Videos dachte, es sei eine gute Idee, mich singen zu lassen. SUMMER’S LAST REGRET – die andere Vorgängerband – hätten auch auf besagter Rheinkultur spielen sollen, hatten sich aber kurz vorher aufgelöst. Wir kannten uns alle schon, da die Mitglieder beider Bands sich öfter jeweils gegenseitig ausgeholfen hatten, wenn Not am Mann war. Es gab irgendwann eine Show mit FASTPLANT, da hat Richard als Gitarrist ausgeholfen und Dennis hat uns mit seinem Bus zum Auftrittsort gefahren – somit saßen wir quasi zum ersten Mal in der späteren Konstellation zusammen im Bus und haben noch gewitzelt, vielleicht sollten wir doch mal in dem Line-up proben. Ich dachte damals ganz naiv, ja cool, noch ’ne weitere Band. Ich hatte damals aber auch noch Zeit ohne Ende. Irgendwann haben wir wirklich zusammen geprobt und Richard brachte einen Track mit, der später zu „How to kill a feeling and save a moment“ wurde. Ich kam mir total dumm vor, beim Singen keinen Bass in der Hand zu halten, wie bei FASTPLANT, da habe ich schließlich nur deshalb gesungen, weil es kein anderer tun wollte. Aber irgendwie hat es direkt Klick gemacht und uns wurde schnell bewusst, dass das hier irgendwie größer ist als alles, was wir vorher gemacht hatten. Und dann ging irgendwie alles ganz schnell. Wir sind kurz drauf bereits ins Studio und haben die EP aufgenommen. Erste Show, Unterschrift bei Redfield Records und der Release von „Decision & Action“ – alles innerhalb kürzester Zeit. Absolut wild.
FIRE IN THE ATTIC waren aber auch unglaublich schnell in aller Munde. Ich erinnere mich, dass schon über euch geredet wurde, bevor überhaupt ein Song online war. Wie kam das zustande?
Ich glaube, einen großen Anteil daran hatte Jan Schwarzkamp von Visions. Unser Labelchef Kai hatte damals Joachim vom Ox-Fanzine und Jan Schwarzkamp, der damals auch noch beim Ox war, unser Demo vorgespielt und Jan fand es total gut. Als Jan schließlich zum Visions gewechselt ist, hat er als erste Amtshandlung eine Empfehlung veröffentlicht, dass wir einen Song zum Download online haben und man sich diesen anhören müsse. Und dann knallte es richtig. Dieser Zweizeiler hat irgendwie alles gestartet. Wir hatten damals den Song bei einem Kumpel gehostet und uns wirklich keinerlei Gedanken gemacht, bis dieser plötzlich panisch anrief und meinte er würde mit Rechnungen zugeballert, da der Traffic so hoch sei, weil der Song bereits 40.000 Mal runtergeladen wurde. Es wurden dann 60.000 Downloads, bis wir das alles mal selbst organisiert hatten. Deshalb bete ich noch heute zu Jan Schwarzkamp.
Ihr wurdet, was die Live-Präsenz angeht, aber auch sehr schnell als absolute Macht wahrgenommen, oder?
Wir haben zumindest angefangen, uns den Allerwertesten abzuspielen, und haben jede Show mitgenommen, die wir kriegen konnten. Die erste Tour, das war mit ON WHEN READY, war auch schnell organisiert und wir
haben auch einiges an Supportshows spielen dürfen. Zu der Zeit haben wir auch zum ersten Mal bewusst und in einem deutlich größeren Rahmen wahrgenommen, wie es ist, wenn Leute wegen uns auf eine Show kommen und nicht nur weil das JUZ aufmacht. Man darf nicht vergessen, dass damals selbst Genregrößen maximal 5.000er-Hallen gefüllt haben. Im Vergleich zu heute war das einfach eine ganz andere Zeit. Die Top-Player in einem Genre spielen ja heute in Arenen. Die Zuschauerzahlen waren für uns schon wirklich krass. Zu der Zeit haben wir ja auch noch richtig was an Tonträgern verkauft, das gibt es heute so in der Form nicht mehr. Lang, lang ist’s her.
Glaubst du, der schnelle Erfolg hat euch damals verändert?
Ich glaube, die Band selbst nicht, nein. Ich kann nur für mich selbst sprechen, ich habe damals jedenfalls schon gewisse Strategien entwickelt, um mir den dringend benötigten Raum zu verschaffen. Vielleicht manchmal auch auf eine Weise, auf die ich heute nicht sehr stolz bin. In der Nachbetrachtung und im Lichte meiner damals unerkannten Depression, verstehe ich aber auch, wieso ich damals so gehandelt habe. Du stehst plötzlich im Fokus und wirst eingeordnet. Jeder hatte eine Meinung zu FIRE IN THE ATTIC. Die einen fanden uns super, die anderen fanden uns scheiße, dazwischen gab es wenig. Und so erging es mir als Einzelperson auch. Du bist als Frontmann auch immer ein Stückweit das Gesicht einer Band und somit werden Dinge auch auf dich projiziert. Ich habe mir eine gewisse Aura zugelegt, was auch eine Schutzfunktion hatte, weil ich die ganze Zeit bewertet und abgestempelt wurde.
Ihr seid so schnell ins Bewusstsein der hiesigen Musiklandschaft gespült worden, da muss doch auch die Brigade der Majorlabels auf euch aufmerksam geworden sein?
Das ging tatsächlich rasend schnell alles. Ich war auch Feuer und Flamme und dachte, ja komm, lasst doch mal anhören. Es war damals sehr, sehr wichtig, dass Dennis und Richard die Stimme der Vernunft waren, und bei
allem Erfolg immer besonnen und realistisch mit der Gesamtsituation umgegangen sind. Dennis hat schließlich seine Meinung zu den Majors in einer Mail kundgetan, daran erinnert, was Kai von Redfield Records alles für uns geleistet hat, und auf die Gefahren eines Majordeals hingewiesen. Man kennt die Geschichten ja, plötzlich bist du nicht mehr Herr deiner eigenen Band und Musik ... Das war damals sehr wichtig und vor allem in der Nachbetrachtung auch absolut richtig. Mit Plotzki und Crebelli hatten wir auch noch zwei Leute in der Band, denen solche Befindlichkeiten so fern liegen. Diese Konstellation hat uns sicher oft geholfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es hat einfach gepasst. Uns war immer wichtig, dass wir als sympathische Truppe wahrgenommen werden und überall dort, wo wir waren, noch mal wiederkommen durften.
Ihr seid auch immer Risiken eingegangen und habt nach neuen Wegen gesucht. Ihr habt zum Beispiel ein Album kostenlos in der Visions veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Kai, seines Zeichens Chef von Redfield Records, hat damals etwas mit sich gehadert und meinte, für das damals geplante dritte Album „Cum Grano Salis“ könne er uns nicht wirklich einen Fortschritt anbieten, dass es also vielleicht an der Zeit für einen nächsten Schritt sei. Daraufhin haben wir noch mal mit ein paar Majorlabels gesprochen, aber auch zu diesem Zeitpunkt hat sich das einfach nicht richtig angefühlt. Kai kam dann plötzlich mit der Idee um die Ecke und fragte: Wollen wir nicht einmal was komplett Bescheuertes machen? Wir waren sofort begeistert und haben direkt ja gesagt. Wir mussten zwar noch einige organisatorische Hürden nehmen und mit Gema-Gebühren dealen und einen neuen Verlag finden, der die Kosten für den Release von 60.000 Exemplaren, ohne dass wir damit Geld verdienen, mittragen würde. Damals waren, was Tonträger angeht, aber auch wilde Zeiten. Die großen Player starteten Feldversuche, wie man Leute, die Musik kopieren, besser verklagen kann, und es wurden Millionen in neue Kopierschutz-Konzepte investiert. Da war unser kostenlos zur Verfügung gestelltes neues Album natürlich ein Affront und hat für unfassbar viel Aufmerksamkeit gesorgt. Der Plan ging also so was von auf. Wie unfassbar oft haben wir damals das Feedback bekommen, dass man uns über genau diese Aktion erst entdeckt hätte.
Nun sind wir im Jahr 2026 angekommen – und woran niemand mehr geglaubt hatte: ihr feiert am 27.12. eine Reunion-Show im Kölner Gloria. Wie kam es dazu und ist auch neue Musik geplant?
Neue Musik ist nicht geplant. Wir wollen uns erst mal komplett auf die Show im Dezember konzentrieren und genießen, was da auf uns zukommt. Wir hätten auch nicht mit diesen krassen Reaktionen auf die Reunion-
Show gerechnet. Ehrlich gesagt hatten wir lange Jahre auch nur absolut sporadisch Kontakt. Teilweise sogar
überhaupt keinen. Irgendwann hat Dennis mich mal angerufen und ich dachte im ersten Moment, wo kommt das nun her? Das war aber ein gutes Gespräch und plötzlich hat er mich gefragt, ob ich mir eine gemeinsame Show im Original-Line-up vorstellen könne. Ich habe nach kurzem Zögern zwar zuerst gefragt, ob das 2026 noch jemand braucht, aber auch gesagt, dass ich mich der Sache nicht verwehren würde, falls alle anderen mit im Boot wären. Und Dennis meinte: Na, super, die hatte ich zuerst gefragt und alle haben ja gesagt. Damit war die Nummer entschieden. Und als wir uns schließlich zum ersten Mal getroffen haben, war plötzlich alles wie früher. Dieses Zusammentreffen war unglaublich. Wir sitzen an einem Tisch, alle etwas älter geworden, aber jeder nimmt sofort wieder seine Rolle ein. Wir haben nur in Insidern gesprochen und es fühlte sich wieder an, als würden wir 20 Jahre zuvor im Tourbus sitzen.
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